• Über Spiegeleier...

    August 1 in Switzerland ⋅ ⛅ 27 °C

    Jetzt, wo Edis Hybrid gebührend gefeiert ist, wird es Zeit für ein Bekenntnis. Ein Loblied auf das meistgescholtene Detail meines eigenen Wagens: die Spiegelei-Scheinwerfer meines 996 Turbo.

    Man muss die Geschichte kennen. 1997 wagt Porsche mit dem 996 den grössten Bruch seiner Historie. Zum ersten Mal ein wassergekühlter Elfer – die Puristen schäumen, „seelenlos" schimpfen sie, „ein Boxster in Kostüm". Und als hätte man den Aufschrei geradezu provozieren wollen, verabschiedet sich Porsche auch noch vom heiligsten aller Elfer-Insignien: dem runden Scheinwerfer. An seine Stelle tritt eine tropfenförmige, in den Kotflügel gezogene Leuchte mit bernsteingelbem Blinker mittendrin. Die Form? Erinnert an ein in die Pfanne geschlagenes Ei. Der Spott ist sofort da. In Deutschland wie im englischen Sprachraum, ganz ohne Übersetzung: Spiegeleier. Fried eggs.

    Und ja, geteilt hat sich der 996 die Dinger auch noch mit dem kleinen Boxster 986. Für die Rechtgläubigen war das der Sündenfall schlechthin: das Spiegelei als Chiffre für alles, was sie an Porsches neuem Weg fürchteten. Dabei war ausgerechnet der Boxster S jener Jahre ein ganz wunderbares Auto – ein Mittelmotor-Roadster von seltener Ausgewogenheit und aussergewöhnlicher Agilität, den die Zeit längst rehabilitiert hat. Wer damals über die Verwandtschaft spottete, spottete in Wahrheit über zwei grundehrliche Sportwagen.

    Aber – und jetzt kommt die Ketzerei – ich liebe sie. Genau dafür.

    Denn dieses Spiegelei ist ehrlich. Es kaschiert nichts, es biedert sich niemandem an, es trägt den Mut zum Bruch offen im Gesicht. Wo der 997 die Runde später wieder brav nachreichte und alle erleichtert aufatmeten, stand der 996 da und sagte: So sehe ich aus, friss oder stirb. Ein Auto mit Rückgrat trägt sein umstrittenstes Detail nicht als Makel, sondern als Charakterzug. Und mein Turbo mit dem X50-Paket, dem Mezger-Herz aus dem Le-Mans-Rennmotor, kann sich diese Frechheit im Gesicht ohnehin leisten – wer 450 PS mit Handschaltung durch die Kehre trägt, muss keinem gefallen wollen.

    Und unter dem umstrittenen Blech steckt Renn-Adel. Das Fahrwerk dieser Generation trägt die Handschrift von Walter Röhrl – dem zweifachen Rallye-Weltmeister und Porsche-Entwicklungsfahrer, der den 996 GT3 federführend abstimmte und als Erster ein Serienauto in unter acht Minuten über die Nordschleife jagte. Wer von einer solchen Hand entwickelt wurde, darf im Gesicht aussehen, wie er will.

    Und der Walter war sich für einen fetten Spruch ja nie zu schade. Sein berühmtester passt wie angegossen auf 22 Pässe mit tausend Kehren: „Übersteuern ist, wenn der Beifahrer Angst hat. Untersteuern, wenn der Fahrer Angst hat." Nur: Beifahrer haben wir auf dieser Tour keine – zwei Elfer, zwei Fahrer, jeder für sich. Es zählt also allein, ob der Mann am Lenkrad Angst hat. Und der hat keine.

    Und was das Gesicht an Streit auslöste, macht das Heck mit Zinsen wieder gut. Denn während vorne die Puristen zeterten, herrschte hinten stille Einigkeit: Das Hinterteil des 996 gilt bis heute als eines der schönsten, das je einen Elfer zierte – diese sanft gespannte, breit über die Hüften laufende Linie, beim Turbo noch betont von den mächtigen Backen und dem festen Heckflügel. Kurz gesagt: Vorne mag man streiten, von hinten glänzt es. Und Hand aufs Herz, auf einer Passfahrt sehen die anderen ohnehin meistens genau diese Seite.

    Das Schönste: Die Zeit hat mir recht gegeben. Was jahrelang als Schandfleck galt, ist heute Kult. Der 996 ist der letzte bezahlbare, ehrliche Elfer – ein „future classic", und die Spiegeleier sind sein unverwechselbares Markenzeichen geworden. Was man einst versteckt hätte, zeigt man heute stolz.

    Ein Detail noch, das die Metapher endgültig vollendet: Später nahm Porsche den gelben Dotter aus dem Ei – klare Blinkgläser statt Bernstein. Und meine sind genau solche: ein Spiegelei ohne Dotter. Passt. Wer braucht schon Farbe im Ei, wenn der Rest so gut abgeschmeckt ist.

    Also, liebe Spiegeleier: Ihr habt mir jahrzehntelange Häme eingebracht und seid mir trotzdem – oder gerade deshalb – ans Herz gewachsen. Sunny side up, immer voraus, Kehre um Kehre.

    Und wenn wir morgens am Pass frühstücken, weiss der Kellner schon Bescheid: Zwei Spiegeleier, bitte. Eins auf dem Teller, eins fährt vor.
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