Deutschland auf der Spitze
June 22, 2025 in Germany ⋅ ☀️ 14 °C
Trotz dass ich mich manchmal so beengt fühle gehört Deutschland zu den großen Ländern dieser kleinen Welt und so hat es auch einige Höhepunkte. Ein Ort an dem wohl jeder Bergliebhaber hier einmal gewesen sein sollte ist die Zugspitze. Doch meist ist sie in Wolken verhüllt oder wer es nur halbherzig angeht fährt mit der Bahn hinauf.
Doch was ein echter Bergfreund ist, der bereitet sich seelisch auf eine harte Probe vor. Am Abend vorher lockt mich das Johannisfeuer wieder einmal nach Ehrwald. Am löngsten Tag des Jahres stehen dort seit Jahrzehnten die Berge in Flammen. Hunderte Fackeln werden von Freiwilligen gezündet und bilden zumeist christliche Symbole aus den Bergen ab. Ich könnte meinen die Belohnung geht schon mal in Vorleistung damit ich sie auch noch genießen kann. Denn am nächsten Tag warten gut 2100 Höhenmeter auf mich. Hoch und so Gott will auch wieder runter.
Der Wecker braucht gar nicht zu klingeln. Nach gerade einmal vier Stunden Schlaf ist es ohnehin schon wieder hell. Bis dann der Rucksack gepackt und das Frühstück im Bauch verstaut ist vergeht die Zeit schnell. Es müssen ja auch viele Kalorien rein. Der Tag hat jede Menge Herausforderungen.
Noch schläft alles. Auf dem Campingplatz in Ehrwald schnarchen sie um die Wette. Und auch beim Aufstieg reichen nach einer Weile zwei Leute hinter mir aus die nicht einmal steil bergan endlich einmal ruhig sind, um davon zu laufen. Tief im Tal liegt noch der Morgennebel über den Feldern während ich die erste Pause an der Wiener-Neustätter Hütte einlege. In der Küche treffen sich gerade der Hüttenwirt, sein Companion und ein paar Leute die gestern beim Bergfeuer mitgeholfen haben. Der Companion erinnert mich sofort an Nepal! Wenn jetzt im Sommer Regenzeit ist gehen die Sherpas auf Wanderschaft und verdienen sich auf den Österreichischen Hütten ihr Geld. Der Sherpa freut sich und berichtet dass er aus der Everest Region für zwei einhalb Monate hier aushilft. Dann beginnt seine Saeson zu Hause bereits wieder. Die Touris am Everest sind selbst in der Regenzeit unermüdlich.
Statt dem höchsten Berg der Welt geht es heute jedoch nur um den höchsten in Deutschland und das unter vorgehaltener Hand auch noch von Österreich aus. Schnell noch mit zwei Bergsteigern absprechen was mich erwartet. ‚Der Stöpselzieher‘. Ja Ja , Ok, alles klar… an diesem Morgen schätze ich mich eigentlich nicht als leichtsinnig ein. Dennoch wartet auf mich eine 600m hohe Wand die ich in den nächsten zwei Stunden durchsteigen muss, sonst komme ich oben nicht an. Die Route habe ich mir gestern Abend im Mondschein auf der Karte ausgesucht da sie auf kürzestem Weg zum Gipfel führte. ‚Tja nee alles klar‘. Schnell das Klettergeschirr angezogen, den restlichen Krempel gut verstaut und die herausfordernde Kletterpartie kann beginnen. Ein Teil des Klettersteiges führt durch einen Tunnel. Bergsteiger sind kreativer als ich dachte. Wer also zuerst den Korkenzieher, dann den Stöpsel und danach die Himmelsleiter durchstiegen hat, der schafft den Rest auch noch.
Nach sechs Stunden erwartet mich zum Mittag das wohlverdiente Gipfelfoto. Doch dass hier über allen Gipfeln Ruhe herrscht ist Fehlanzeige. Stattdessen ein Schlange an Touris die mit der Seilbahn heraufgekommen sind. Die Zugspitze ist nun einmal gut erschlossen. Und leider finden auch viele Sonnenanbeter den Weg hier herauf die sich in ihren Kräften all zu sehr überschätzt haben. Hoffentlich nimmt sie eine Bahn wieder mit runter.
Ich schaue mir auf dem Abstieg einmal die deutsche Seite des Berges an. Kein Glettersteig, kein Seil, kein …. Gletscher mehr. Nur noch blankes Geröll! Was einst mal 60m starkes Eis war verliert in den nächsten fünf Jahren gänzlich seinen Gletscherstatus. Schon heute gibt es nur noch einen einzigen kleinen Gletschertümpel. Die Sonnalpin Hütte hat von irgendwo her Schnee aufgeschüttet damit die Leute im Hochsommer 20m rodeln können. Und sonst? Geröll. Über die nächsten zwei Stunden Geröll. Man könnte meinen der Schneeferner verkommt zu einem riesigen Steinbruch. Während es schon öde ist bergab zu laufen kommen mir am späten Nachmittag vereinzelt Leute entgegen. Je jünger desto eher fragen sie wie weit es noch ist. Die ganze Zeit sehe ich zudem das Gipfelhaus. Die Deutschen haben eben nie gelernt wie man Leute bei Laune hält - so bestimmt nicht. Und noch weniger als ich auf der Knorrhütte das Stück Kuchen nur ab 7,60€ bekomme. Leute! Gerade im Abstieg ist Kuchen wichtiger wie Wasser!
Der Tag und die gerade einmal 4 Stunden Schlaf zehren mittlerweile auch an mir. Ich will zurück nach Österreich. Nach dem ‚Gatterl‘ ist der Weg immer noch weit. Doch die Welt ist ein bisschen besser. Drei Murmeltiere kreuzen meinen Weg und lassen sich von mir nicht beim Abendessen stören. Aus dem Tal dringen die Kuhglocken zu mir herauf. Und ich habe diese endlose Geröllhalde hinter mir gelassen. Auf mich warten immer noch über 1.000 Höhenmeter.
Weit unten im Tal treffe ich auf einen Franzosen. Der hat gerade Wäsche gewaschen und in die Bäume zum trocknen gehängt. Er läuft frohen Mutes von Triest über Slovenien, Österreich, Liechtenstein, die Schweiz und Frankreich zurück zu seiner Freundin. Über Stock und Stein. 100 Tage zu Fuß. Warum er das tut frage ich ihn? Schnell sind wir uns einig. Der Mensch braucht Ziele. Und er braucht Träume um die Ziele mit Leben zu füllen. Es muss nicht immer am Weitesten oder am Schnellsten zugehen. Hauotsache machen! Ein ganz gewöhnlicher Sonntag reicht aus mal eben auf die Zugspitze zu gehen und für sich selbst ein lang geträumtes Ziel zu verwirklichen.Read more




















