• Abisko

    March 17 in Sweden ⋅ ☁️ 0 °C

    Die zweite Nacht im Zug verläuft weitaus ruhiger. Kein Ruckeln, kein Rattern, nicht mal der Waggon quietscht. Schwedische Wertarbeit! Mit zwei Reisegefährten aus Holland verbringe ich den Abend. Wir reden und spielen am Tisch. In den Bahnhöfen scheint Schnee zu liegen doch noch ist es nur das Salz vergangener Tage. Bereits um fünf Uhr wird es hell. Irgendwo über den Wolken geht bereits die Sonne auf. Der Zug wiederum befindet sich in leichtem Schneegriesel von außen gefrieren die Fenster. Mal sind die Bäume noch schneebedeckt, mal sind die Lawinen bereits von den Dächern gerutscht. Die wenigen Seen von der Bahnlinie scheinen noch unter dickem Eis. Am Wegesrand entdecke ich sogar einen Schneemobilfahrer. Die Zivilisation ist scheinbar niemals weit auch wenn es hier für März so unwirklich weit weg wirkt.

    Vor der Einfahrt nach Kiruna bleibt unser Zug stehen. Fast schon wie bei der Deutschen Bahn kommt die Durchsage dass wir in 20 Minuten weiterfahren, und wieder und wieder und wieder 20 Minuten später die gleiche Durchsage. Bis mal jemand die Schallplatte wechselt und sagt dass vor uns eine kaputte Lok die Gleise blockiert. Kein Wunder, bei den Tonnen an Eisenerz die die Loks hier jeden Tag an die Küste schleppen sollen. Immerhin fällt eine Stunde Verspätung bei der langen Zugfahrt auch nicht mehr auf und eine Rückerstattung gibts obendrauf. Irgendwann weit nach Kiruna wechselt der monotone Wald plötzlich die Ortslage. Statt neben mir wachsen die Bäume jetzt Berghänge hinauf. Als Amerika und Europa sich nicht mehr einig waren und die Kontinente auseinander drifteten faltete sich das sehr alte Grenzgebirge zwischen Norwegen und Schweden vor gut 2 Milliarden Jahren. Die Berggipfel werden seither durch Wind und Wetter bereits wieder rund geschliffen. Und mittendrin schlängelt sich die Eisenbahn an einem See. Der Tornetresk ist Schwedens sechstgrößter See. Nach 1980km quer durch Schweden ist kurz vor Norwegen für mich Schluss. In Abisko steige ich aus.

    Hier ist es so schön dass ich zwei Tage bleibe! Von einer Landschaft allein aus Schnee und Eis sind wir hier aber weit entfernt. Im nahegelegen Fluss wurde einst Strom für die Erzproduktion gewonnen und die schwedische Armee startet im Fjell seit über 70 Jahren jedes Jahr einen Gebirgsmarsch. Man ist immer noch stolz im zweiten Weltkrieg die Front zum besetzten Norwegen halten zu können. Hatte man doch zuvor in Lappland große Landstriche der Samischen Bevölkerung an Finnland abtreten müssen.

    Am Nachmittag spaziere ich wieder der Warnungen im Hostel dass das Eis schon dünner wird in den nahegelegenen Canyon. Von den Wänden hängen Eiszapfen und am Abschluss zur Straße ergießt sich ein riesiger Eisfall den vier Bergsteiger zum Eisklettern nutzen. Jede Minute verändern sich die Wolken und die Sicht auf die umliegenden Berge. Aus der Eisschlucht laufe ich in der Abenddämmerung auf den See hinaus. Mit Polarlichtern wird es wohl eher nichts. Die nächsten Tage zieht ein Sturmtief auf. Dann lobe ich mir doch glatt ab jetzt jeden Abend die Schwedische Sauna - so als Trostpflaster.
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