• Weißer Regen

    March 20 in Sweden ⋅ ❄️ 0 °C

    Im Morgengrauen drehe und wende ich mich vor Rückenverspannung. Die Sauna hatte nur zum Teil ihre Wunder gewirkt. Dann halt aufstehen. Der Hüttenwart geht mit seinem Hund gerade Gassi. Da kann ich mitgehen.

    Nach drei Tagen über dem Polarkreis ist die Morgenroutine bereits eingespielt. Zum Morgen muss der Rucksack so leer wie möglich werden. Zumal heute mit 22km die längste Teilstrecke auf dem Programm steht. Zu Hause ein Klaks, hier sind 9-10 Stunden angesetzt.

    Zu Beginn geht es weiter durch den Birkenwald und ich habe jetzt jede Menge Zeit für schöne Fotos. Trotz des schlechten Wetters ziehen die Wolken schnell und geben immer wieder andere Gipfel frei. Dann folgt ein kleiner Anstieg - 300 Höhenmeter - eigentlich auch ein Klaks wenn sie sich denn nicht kontinuierlich auf 18km verteilen. Denn als heutige Herausforderung zeigt sich bald dass der Wind von Vorne kommt und sich hinter jedem Stein eine kleine Schneewehe aufbaut. Der Schnee ist nicht vereist, er pappt bei kurz über Null Grad. Er pappt so gut, dass ich ständig auf Stelzen Laufe. Es nervt mich. Und ich bin selten aus der Ruhe zu bringen. Ich trage die Ski ein Stück, dann probiere ich es wieder. Der Schnee kennt keine Gnade, er pappt. Als ich wieder mal trage kommt mir die erste Skifahrerin mit Rückenwind aus Alesjaure entgegen. Sie bietet mir an die Ski zu wachsen. Vielleicht hilft‘s heute. Verlieren kann ich nichts. Doch der Plan geht nicht auf. Der Ski taut auf und perlt, doch im Schnee pappt er wieder.

    Ich trage es mit Fassung bis zu einer Nothütte auf halbem Weg. Mittagessen, wenn auch etwas verspätet. Die Hütte ist voll mit etwa zwölf Leuten die alle ihre Riegel und Dosen futtern. Keiner spricht. Jeder atmet tief durch während draußen der Sturm weiter mit 28m/s tobt. Immer schön i s Gesicht. Die Stimmung sagt viel über die Stimmung in der Gruppe. Jeder ist erschöpft. Noch liegen 7km vor uns. 2-3 Stunden!

    Entlang vom See wird der Gegenwind zur Tortur. Warum tue ich mir das nochmal an? Hier oben im Norden ist der Klimawandel echt ein Problem und trifft mich gerade von unten wie von oben mit voller Wucht. Immerhin laufen die Ski jetzt etwas besser, allein weil es ein Grad kälter ist. Am anderen Seeufer taucht eine Samensiedlung auf. Jetzt kann der Weg nicht mehr weit sein. Mein Rücken schmerzt und wird mich in den nächsten Tagen hassen. Die Landschaft lädt zum Glück tatsächlich jeden Meter wieder dazu ein den Rucksack mal für zwei Minuten abzusetzen. Wohl dem wenn ich in dem Wind nicht auskühle.

    Nach 8:45 Std erreiche ich trotz aller Widrigkeiten die rettende Hütte. Hier ist viel Trubel. Von Süden und von Norden kommen Wanderer hier an. Die aus dem Süden sind eindeutig schneller. Während ich mich heute zuerst auf die Sauna und auf‘s Essen freue gibt es bei Anderen erste Komfortverluste. Bei einer Schneeschuh-Läuferin lösen sich gerade die Sohlen von Schuhen und eine Gruppe Jugendlicher fragt mich ob die Heizung kaputt ist weil die Gasflamme so klein wäre. Wissen die Leute manchmal überhaupt wo sie sind und wie dankbar sie sein sollten hier überhaupt irgendwelchen Schutz zu finden? Zumindest außerhalb der vier Wände verzeiht die Natur heute Abend keine Fehler. Weit in der Dunkelheit erreicht eine Pulka-Gruppe von den Franzosen die Hütte. Mal sehen ob sie morgen auch weiterziehen.
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