• Über den Tjäktja-Pass

    March 22 in Sweden ⋅ ☁️ -1 °C

    So ein Mist. Weil ich mich gestern Abend mit der Toilette bewusst zurück gehalten habe drückt die Blase schon im Morgengrauen. Auch wenn gerade erst Tag und Nachtgleiche war dämmert es hier schon wieder gegen fünf Uhr. Und jeden Tag zehn Minuten zeitiger. Zumindest muss ich um die Uhrzeit am Klohäuschen nicht anstehen. Danach kann ich mich noch einmal hinlegen, doch Einschlafen klappt jetzt im Hellen nicht mehr. Dann beginnt um 6 die Morgenroutine. Tagesrucksack packen, Brote schmieren, frühstücken, eventuell auch ein zweites Mal frühstücken. Bei dem anhaltenden Sturm gibt es genügend andere Ausreden nicht vor die Tür zu müssen. Essen gefällt mir am Besten. Mein Tischnachbar, der eingefrorene Vollbart von gestern sieht das genauso.

    Doch irgendwann heißt es Rucksack packen und Abwasser raus bringen bzw. neues Wasser holen. Das Wasserloch wird heute zur ersten Herausforderung des Tages. Die Wegbeschreibung gleicht der wie sie bei einem Schneesturm nur aus einem bösen Märchen stammen kann. „Beim sechsten roten Kreuz links abbiegen und den Hang runter. Vorsicht! Unten Glatteis. Vorsicht! Beim fünften und beim siebten Kreuz nicht abbiegen. Steiler Felsabhang.“ Ich erreiche das Wasserloch unversehrt und habe noch jemand gefunden der mir bei den arktischen Bedingungen hilft den 25l-Kanister zu füllen. Heute sind wir die Ersten an der Wasserstelle. Das Loch ist bei -10 Grad über Nacht zugefroren und es liegen 1,5m Schnee darüber. Runter klettern mag ich nicht und versuche es mit einer Feuerlanze wieder aufzuhacken. Das gelingt ein kleines Stück, doch dann müssen wir das Wasser mit einer selbstgebauten verlängerten Kelle schöpfen und in den Kanister balancieren. Das ist aufwändig und dauert lange. Zum Glück habe ich noch die warmen Sachen an die ich beim Gehen stets ausziehe. So lässt es sich den Naturgewalten trotzen.

    Im Unterhemd, T-shirt und natürlich Jacke geht es dann wieder auf die Ski. Kreuz für Kreuz führt der Weg hinauf zum Pass. Der Tjäktjä-Pass ist der höchste Übergang auf dem Kungsleden. Er hat nur 1150m doch bei dem Sturm ist auch das kein Zuckerschlecken. Dankbarer Weise läuft der Ski und ich muss sie nicht durch metertiefe Schneewehen tragen. Oben angekommen existiert eine kleine Schutzhütte. Ein paar Pulka-Fahrer sind schon durch doch nach mir kommt lange niemand. Zeit durch zu schnaufen. Einen Apfel und einen Tee später geht es den steilen Hang vom Pass hinunter.

    Neues Tal, neues Wetter. Für die nächsten Kilometer ist die Sicht grandios und der Wind fast still. Der Ski will meist schneller bergab als ich und so fällt es oft schwer das Gleichgewicht zu halten. Drei Mal messe ich mit der Nase die Schneetiefe und bin dankbar dass anders als beim Ersten Tag kein Eis darunter ist. feinster Tiefschnee! Unten angekommen stockt der nasse Neuschnee wieder und ich stapfe mehr als dass ich fahren kann. Doch tragen ist heute keine Option. Ohne Schneeschuhe wäre der Neuschnee heute hier viel zu tief. Wieder braucht es fünfeinhalb Stunden bis ich in Sälka bin und bekomme keine gute Nachrichten für das morgige Wetter. Wieder ist Sturm angesagt, stärker als in den letzten Tagen. Ich werde meine Route wohl anpassen müssen.

    Den Abend verbringen wir bei Kerzenschein und Kartenspiel. Am Tisch kommen Fragen auf weil im Zimmer bereits seit Mittag jemand im Bett liegt und schläft. Um vier kommt er raus, isst „Abendbrot“ und schläft weiter. In der Sauna folgt dann die vermeintliche Auflösung. Der Hüttenwirt ermahnt uns nicht das kalte mit dem kochenden Wasser zu verwechseln. Das hat wohl gestern einer geschafft und man hat vier Stunden gebraucht ihn nach der Verbrühung mit Eis zu kühlen. Ok - so viel Vorsicht muss sein, jedoch ist Sauna definitiv toll und besser noch wenn man nachher in den Schnee rausspringen kann und sich wie Kleinkinder darin wälzt.
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