Schichtwechsel
March 24 in Sweden ⋅ ☁️ -8 °C
Es ist frisch geworden über Nacht. Gestern Abend fegte der Wind den Schnee noch durch die undichten Fenster. Doch der hat sich gelegt. Mit jedem Augenblick den die Dämmerung weiter voran schreitet zeigt sich heute früh ein Winterwunderland. Der Weg zur Toilette ist stark vereist was unausgeschlafen schnell gefährlich wird. Es hat einen kleinen Temperatursturz von Null auf -8 Grad gegeben. Alles ist wie ausgewechselt! Nach dem Frühstück reibe ich mir die Augen nochmal und überlege wie ich heute den Kameraakku vor dem Kältetod rette. Der wird heute wohl im Dauereinsatz sein.
Doch erst heißt es Abschied nehmen. Die letzten fünf Tage hatte ich treue Wegbegleiter die mich Abends in der Hütte bei Kartenspiel und Tee empfangen haben. Doch deren Weg schlägt eine andere Richtung ein. Ich laufe weiter gen Süden auf dem Kungsleden nach Kaitumjaure. Kurz darauf nimmt das ungleiche Schauspiel seinen Lauf. Eine Rentiermama mit ihren drei Jungen läuft vor mir über den Schnee. Auf einer Kuppe bleiben sie stehen und beobachten mich. Dann kommen zwei andere Skifahrer und weg sind sie.
Während ich die Schnee- gegen die Sonnenbrille getauscht habe kann och die Kreuze heute in etwas weiterer Entfernung passieren und bleibe auf dem Fluss anstatt in den Hügeln ständig die Schneetiefe zu messen. Das klappt super! Der gefrorene Fluss fließt ja auch bergab und so komme ich auf dem Eis doppelt gut voran wo es nicht zugeweht ist. Links und rechts die Berge sind ein Augenschmauß. Genau dafür bin ich hergekommen. Fünf Tage harter Entbehrung sind dem voraus gegangen und ich wurde nicht enttäuscht.
Zum Mittag spielen die Schneehühner in einer Schlucht wo der Fluss im Sommer in Terrassen hinab stürzt. Daneben folgt der Weg langsam stetig bergab. Mit dem Schnee der über Nacht gewechselt hat komme ich perfekt zurecht und brauche so nur an zwei besonders steilen Stellen abzuschnallen. Es rutscht so super dass ich zu Mittag bereits in Kaitumjaure bin. Vor mir türmt sich ein steiles einschüchterndes Bergmassiv. Da will ich nicht rauf! Irgendwo hier im Wald muss aber doch die Hütte sein? Ein letzter steiler Stich dann gibt sie ein herrlicher Blick über den Kaitumsee frei der sich hier im Gebirge schlängelt. Der Hüttenwirt ist gerade ausgeflogen. Auf dem Tisch liegt eine Nachricht. Daneben warmer Tee und Schokolade. Am Nachmittag will er wieder kommen. Noch immer sind wir nur zu dritt angekommen. Ob noch weitere folgen bleibt unklar. Und so teilt der Hüttenwart am Nachmittag nicht nur jedem ein Bett sondern seine ganze eigene Hütte zu. Die Saunazeiten werden ebenfalls durch drei geteilt.
Bis ich dran bin gibt es erstmal Kekse und Muskelnahrung. Dann geht es zu einem Ausflug hinaus auf den See Padje Kaitumjaure. Ganz ohne Gepäck. Ist das herrlich! Der Rücken dankt es schon lange vor der Sauna. Am Anfang haben noch ein paar Schneemobil-Touristen das halbe Eis zerfurcht. Später ist die Eisfläche allein ein Spiel von Schneewehen und überfrorenen Eisschollen. Gemütlich gleite ich dahin. Links und rechts türmen sich steil die Felsen auf. Fast schon bedrohlich schieben sich erneut Schneewolken vor die Sonne. Spätestens jetzt ist es Zeit zurück zu fahren denn auf dem weitläufigen See ist nichts markiert. Wenn ich hier in einen whiteout gerate ist das blöd. Mit Rückenwind schaffe ich den Weg sogar noch in der halben Zeit. Rückenwind! Ich wusste gar nicht dass dieses Wort überhaupt noch existiert. Ein bisschen fühlt es sich an wie Massage nach fünf Tagen Gegenwind.
In der Sauna löse och den Hüttenwart ab. Er meint dass er mit seinen 70 Jahren immer noch freiwillig für den schwedischen Tourismusverein in jeder Saison auf einer anderen Hütte wohnt. In der Regel fünf Wochen, manchmal auch neun. Im Lauf dieser Woche kommt seine Ablösung wenn das Wetter nicht alles verzögert. So lange fährt er Tag ein Tag aus immer zur Mittagszeit mit seinen Ski in die umliegenden Berge und geht danach in die Sauna. Das Leben kann so einfach sein.Read more















