• Heiliges Wasser & Bären

    30 мая, Румыния ⋅ ☁️ 11 °C

    Beim Frühstück studieren wir zunächst die Bärenwarnungen vom Vortag. Dabei stellen wir fest, dass der Alarm in unmittelbarer Nähe unseres Übernachtungsplatzes ausgelöst wurde. Als wir den Parkplatz verlassen, entdecken wir eine große Mülltonne, die umgeworfen wurde. Ihr Inhalt liegt weiträumig verstreut herum und wurde ganz offensichtlich nach Essbarem durchsucht. Wir leben gefährlich!

    Heute sind wir ungewöhnlich früh unterwegs. Der Hauptgrund dafür ist weniger Abenteuerlust als vielmehr Sparsamkeit – wir möchten keine Parkgebühren für eine zweite Gebührenperiode bezahlen.

    Eine Bäckerei am Straßenrand kommt uns daher gerade recht. An einem landschaftlich eher unspektakulären Platz direkt an der Landstraße genießen wir unser Frühstück. Unser zunehmend leerer Wassertank wird anschließend an einer „heiligen“ Quelle aufgefüllt, die von vielen Einheimischen genutzt wird. Seit ich das Wasser trinke, verspüre ich eine zunehmende Transzendenz. Ob es an den Mineralien liegt oder an der besonderen Atmosphäre des Ortes, lässt sich schwer sagen.

    Die Fahrt geht weiter, und die rumänischen Straßen halten eine besondere Form der Unterhaltung für uns bereit: nahezu unsichtbare Bodenwellen, die quer zur Fahrbahn verlaufen. Jedes Mal fühlt es sich an, als würde das Wohnmobil kurz überlegen, ob es nicht lieber auf die Seite kippen möchte. Entsprechend vorsichtig tasten wir uns voran.

    Da wir vor der Transfăgărășan keinen wirklich schönen Stellplatz finden und es noch vergleichsweise früh am Tag ist, beschließen wir spontan, die berühmte Gebirgsstraße bereits heute in Angriff zu nehmen.

    Kaum haben wir die Strecke erreicht, erwartet uns schon das erste Highlight. Direkt vor unserem Fahrzeug überquert eine Bärenmutter mit ihrem noch sehr jungen Nachwuchs die Straße. Mehrere Touristen haben angehalten und beobachten das Schauspiel aus sicherer Entfernung. Wenige Minuten später meldet sich erneut das Handy mit einer Bärenwarnung. Kurz darauf kommt uns ein Rangerfahrzeug mit Blaulicht entgegen. Vermutlich wird man versuchen, die beiden Tiere wieder tiefer in das Schutzgebiet zurückzudrängen. Für uns ist es eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass wir hier nicht nur Gäste in den Bergen, sondern auch im Revier der Bären sind.

    Schon nach kurzer Zeit wartet die nächste Bärenbegegnung auf uns. Papa Bär hat es sich am Straßenrand gemütlich gemacht, genießt die Sonne und erhält einige Minuten lang unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Offenbar gehört er zu den Einheimischen, die sich von vorbeifahrenden Touristen nicht weiter beeindrucken lassen.

    Fast dramatisch wird es wenig später. Ein junger Bär steht am Straßenrand und wird von zwei wildernden Hunden lautstark verbellt. Keiner der Beteiligten scheint jedoch wirklich an einer Eskalation interessiert zu sein. So entsteht eine merkwürdige Pattsituation: Die Hunde bellen, der Bär beobachtet die Hunde, und alle warten darauf, dass der jeweils andere den ersten Schritt macht. Nach einigen Minuten löst sich die Spannung von selbst auf. Beide Parteien ziehen sich vorsichtig und in entgegengesetzte Richtungen zurück.

    Die Straße führt uns immer tiefer in die Schluchten des Gebirges. Der Asphalt ist teilweise überraschend gut, steigt aber stetig und ohne Gnade an. Als wir schließlich vor einer Straßensperre stehen, die die Weiterfahrt nur auf eigene Gefahr erlaubt, ernte ich deutliche Proteste meiner Copilotin. Diese werden jedoch mit der Gelassenheit eines erfahrenen Wohnmobilfahrers zur Kenntnis genommen und anschließend ignoriert. Also fahren wir weiter bergauf.

    Schon bald wird klar, worauf sich die Warnung bezieht. Der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Kleine und größere Geröllbrocken liegen auf der Fahrbahn und reichen teilweise bis zur Straßenmitte. Ständig muss man aufmerksam bleiben und Hindernissen ausweichen. Oberhalb der Baumgrenze entdecken wir eine weitere Quelle mit beeindruckend starkem Wasserstrahl. Die Gelegenheit ist zu gut, um sie ungenutzt zu lassen, und so ergänze ich erneut unseren Wasservorrat. Die zunehmende Transzendenz wird dadurch selbstverständlich weiter gefördert.

    Wenige Kilometer vor der Passhöhe endet unsere Fahrt jedoch abrupt. Eine mächtige Schneewehe liegt quer über die gesamte Fahrbahn und macht jede Weiterfahrt unmöglich. Damit ist klar: Heute wird niemand mehr den Tunnel oder die Passhöhe erreichen. Also drehen wir um – zwar etwas enttäuscht, aber dennoch guter Dinge. Schließlich gehört auch das zum Reisen dazu. Die Erkenntnis, dass uns nun ein Umweg von mehr als 200 Kilometern bevorsteht, versuchen wir dabei großzügig zu verdrängen.

    Ein Stück weiter unten entdecken wir einen einsamen Verkaufsstand am Straßenrand. Dort decken wir uns mit regionalen Spezialitäten für das Abendessen ein: Pflaumenschnaps, Hirschsalami und Käse. Wenn man schon umkehren muss, dann wenigstens mit angemessener Verpflegung.

    Anschließend geht es einige hundert Höhenmeter talwärts. Schließlich finden wir einen ruhigen Platz im Wald direkt an der Straße. Diese wird ab 21 Uhr für den Verkehr gesperrt, sodass wir auf eine besonders ruhige Nacht hoffen dürfen. Umgeben von Bergen, Wäldern und einer beeindruckenden Stille lassen wir den Tag ausklingen. Die Passhöhe haben wir zwar nicht erreicht, dafür aber einen weiteren jener Reisetage erlebt, die man nicht planen kann und die gerade deshalb lange in Erinnerung bleiben.
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