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  • Day141

    Cù Chi Tunnel und Indochinakrieg

    January 20, 2017 in Vietnam ⋅ ☀️ 29 °C

    Heute tauchen wir in die jüngere Geschichte Vietnams ein und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir wollen in die Tunnel hinabsteigen, die während des 1. Indochinakrieges zuerst von den Vietminh nach dem 2. Weltkrieg gegen die Franzosen und dann von den Vietkong gegen die Amerikaner für ihren Gureillakrieg im 2. Indochinakrieg genutzt worden. Dafür haben wir gestern einen Tagesausflug bei einem örtlichen Reiseanbieter gebucht. Genau dort werden wir abgeholt und fahren fast 1 h durch den schlimmen Saigoner Verkehr zu einer Fabrik, in der Opfer des Entlaubungsmittels 'Agent Orange' Kunsthandwerk produzieren. Im ersten Moment dachte ich, jetzt haben wir eine Kaffeefahrt gebucht. Aber nein, das sind wirklich tolle Stücke, die hier hergestellt werden, und zu sehen, wie alles per Hand sein endgültiges Aussehen annimmt, ist toll. Aus Perlmutt, Eierschalen und Lackmalerei entstehen so einmalige Kunstwerke. Was mich jedoch überrascht hat, dass es noch immer Opfer von 'Agent Orange' gibt. Sicher, die hier arbeitenden Opfer sind alle deutlich älter, doch noch immer werden behinderte Kinder geboren. Aber dazu erfahren wir im Laufe des Tages noch mehr.
    Nach diesem Stopp erreichen wir nach weiteren 45 Minuten das Tunnelsystem von Cù Chi, 50 km nördlich von HCMC. Zuerst zeigt uns unser Guide ein typisches Versteck des Vietcong und ich probiere es aus. https://1drv.ms/v/s!AiUv8teodO-roE02ID0Asei5D93z
    Unvorstellbar, wie man es hierin länger aushalten konnte. Im Amerikanischen Krieg fanden Vietnamesen ihr Versteck unter der Erde. Schon Im Krieg gegen die Franzosen wurde das Tunnelsystem mit einer Länge von 50 km 3-4 m tief unter der Erde gegraben. Zu dieser Zeit dienten die Tunnel ausschließlich als Versteck. Während des Krieges gegen die Amerikaner wurden die Tunnel auf 250 km Länge und 3 Ebenen und bis zu 15 Meter tief ausgebaut. Ein riesiges Spinnennetz entstand. Einige dieser Systeme wurden recht einfach gehalten, andere wurden strategisch bis in jedes Detail durchgeplant. In die Tunnel wurden Schlafräume, Küchen, Militärkrankenhäuser, Schulen, Büros, Munitionsbunker, Brunnen und Ein- bzw. Ausgänge, die ins Wasser mündeten eingebaut. Jetzt lebten die Vietkong auch darin und das über Jahre hinweg. Die Tunnelgänge wurden so schmal konstruiert, dass ein durchschnittlicher Amerikaner oder Europäer sie gar nicht passieren konnte, wenn er sie denn überhaupt fand. Die Eingänge waren überwucherte Klapptüren, die mit Laub bedeckt wurden. Um sie herum wurden Fallen aufgebaut. Bis 1975 wurden die Untergrundsysteme genutzt. Sie waren im Guerillakampf gegen die USA einer der entscheidenden Vorteile der Vietnamesen. Die US-Armee wusste zwar von den Tunneln, aber suchte deren Eingänge vergeblich. Selbst der Einsatz von Spürhunden, Stethoskopen und Infrarotlicht half nichts, weil die Vietnamesen die Eingänge immer wieder verlegten oder andere Tricks zur Verwirrung nutzten. Die Amerikaner versuchten mit Napalm und Agent Orange Freiräume zu schaffen, um so die Zugänge einfacher zu finden. Letztlich gelang es nicht und die Folgen dieser Art Kriegführung sind noch heute erkennbar. Danach werden uns verschiedene Fallen gezeigt, Zu- und Abluftschächte, Versorgungszugänge, Schützenlöcher, ein Panzer und Unterstände. Alles gespickt mit Episoden des erfolgreichen Kampfes gegen die Amerikaner. Dann kommen wir zu einem Schießplatz, auf dem gegen Bares mit alten Kriegswaffen geschossen werden kann. Wer das - wie wir - nicht will, kann sich bei einem Snack die Zeit vertreiben. 15 Minuten später gehen wir dann tatsächlich in die Tunnel. Für Touristen begehbar sind nur 150 m und nur in der ersten Eben. Im Tunnel merken wir, dass die Gänge immer kleiner und enger werden. Es geht dabei auch hoch und runter und immer gebückt oder auf allen Vieren. https://1drv.ms/v/s!AiUv8teodO-roEznLwBReiy5EB2X
    Es bieten sich zwischendurch Ausgänge an, die erlauben, den Tunnel zu verlassen, wenn es einem zu eng wird. Irgendwann muss ich auf den Knien durch die Schächte kriechen. Der für westliche Besucher stark ausgeweitete Gang ist immer noch unheimlich eng. Mehr und mehr Touristen verlassen die schlauchähnlichen Durchgänge durch die eingebauten Zwischenausgänge - nach 70 m auch wir. Die Luft ist sehr warm (>35°C), feucht und modrig. Ich habe mir vorgestellt, wie bedrückend es sein muss, einen ganzen Tag in diesem Tunnel zu verbringen. Manche Frauen haben unter solchen Umständen ein Kind geboren. Hier drin sollen Kinos, Schlafräume und Küchen gewesen sein. Es ist unvorstellbar. Als wir am Ende ankommen, sehen wir den Hospital- und Küchenbunker. In diesen Tunneln, wo es die meisten von uns nicht einmal ein paar Minuten aushalten, haben Vietnamesen Jahre verbracht. Das ist unheimlich und beeindruckend zugleich. Allein dafür hat sich der Ausflug gelohnt.
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