• Langer Zug

    April 18 in Germany ⋅ ☁️ 17 °C

    Die Nacht verbringe ich am Flugplatz Dahlemer Binz. Kein Schnickschnack, nur ein Stellplatz, ein paar vereinzelte Fahrzeuge und dieser weite Himmel, der sich über alles spannt wie ein altes Zeltdach. Der Wind zieht über das Gelände, irgendwo knackt Metall, dann wieder Ruhe. Ich liege im Wagen, höre in die Dunkelheit hinein und denke mir: Genau so fühlt sich Freiheit an – roh, einfach, ehrlich.
    Der Morgen kommt ohne großes Tamtam. Ich mache mich rüber nach Schmidtheim, gönne mir ein Frühstück, nichts Besonderes, aber genug, um den Motor zum Laufen zu bringen. Danach parke ich am Bahnhof. Ein kurzer Blick zurück zum Auto, ein stilles Nicken – als würde ich einem Pferd sagen: Bleib hier, ich hol dich später wieder ab.
    Dann geht’s los.
    Der Weg zieht mich direkt in den Wald hinein. Kühl ist es noch, die Luft trägt den Geruch von feuchter Erde und altem Laub. Die Stiefel finden ihren Tritt, Schritt für Schritt, und bald bleibt der Rest der Welt hinter mir zurück. So muss sich das anfühlen, wenn man einfach losreitet, ohne sich umzudrehen.
    Die ersten Weiher tauchen auf wie kleine Spiegel mitten im Grün. Still liegen sie da, glatt und unbewegt, als würden sie alles beobachten, was hier vorbeikommt. Kein Laut, kein Mensch, nur Wasser und das leise Gefühl, dass man hier besser nichts stört. Ich halte kurz an, lasse den Blick übers Ufer ziehen und gehe weiter. Manche Orte verlangen keine Worte.
    Irgendwo hier beginnt die Urft. Kein großes Spektakel, eher ein leises Aufkeimen. Wasser, das sich sammelt, seinen Weg sucht, noch unscheinbar, aber mit genug Willen, um sich später durch Täler zu graben. Ich bleibe stehen, schaue dem zu und muss grinsen – kommt mir bekannt vor.
    Der Eifeler Quellenpfad nimmt mich auf, trägt mich weiter durch dieses ruhige Land. Kein großes Drama, kein Auf und Ab, einfach ein Weg, der weiß, was er tut. Dann die Wasserscheide zwischen Maas und Rhein. So unscheinbar, dass du sie fast übergehst, wenn du nicht aufpasst. Und doch entscheidet sich hier, wohin alles fließt. Links oder rechts. Ein schmaler Grat, aber einer, der die Richtung vorgibt. Wie so oft im Leben.
    Hinter mir lichtet sich der Wald, und das Land wird offener. Bei Berk zieht die Weite auf, der Blick kann wieder reiten, so weit, wie das Auge reicht. Der Wind hat hier mehr Platz, greift ins Gras und zieht über die Flächen, als hätte er selbst ein Ziel.
    Dann liegt Kronenburg vor mir. Ein alter Burgort, rau genug, um Charakter zu haben. Enge Gassen, alte Mauern – ein Ort, der nicht geschniegelt sein will. Ich nehme den Anstieg zur Burgruine, Schritt für Schritt, bis ich oben stehe und über das Land schaue. Von hier oben wirkt alles kleiner, klarer, irgendwie ehrlicher. Genau mein Ding.
    Der Abstieg führt mich hinunter ins Tal der Kyll. Unten wird es wieder enger, lebendiger. Das Wasser begleitet mich, diesmal nicht still wie die Weiher, sondern mit Stimme. Ich folge ihr ein Stück, lasse mich treiben, bis der Weg mich noch einmal über eine Höhe schickt. Die Beine melden sich jetzt deutlicher, aber das gehört dazu. Wer Strecke machen will, muss sie auch spüren.
    Dann Dahlem. Kein großes Ankommen, kein Applaus. Einfach da. So, wie es sein soll.
    28 Kilometer liegen hinter mir, als ich später im Zug sitze, zurück nach Schmidtheim. Ein kurzer Ritt auf Schienen, während draußen die Strecke vorbeizieht, die ich mir zuvor selbst erarbeitet habe.
    Am Ende bleibt dieses ruhige Gefühl, das man nicht greifen kann, aber genau kennt: Heute war ein guter Tag im Sattel.
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