• Zug in die Toskana

    April 19 in Germany ⋅ ⛅ 12 °C

    Die ersten Kilometer ziehen sich durch das, was man hier draußen fast schon gewohnt ist: Wälder, die dich schlucken, Wiesen, die sich ruhig unter den Himmel legen. Schöne Strecke, keine Frage – aber nichts, was man nicht schon gespürt hätte auf den Tagen davor. Und genau da kommt mir unterwegs ein Gedanke, der den ganzen Weg heute anders färbt.

    Der Eifelbahnsteig folgt einem einfachen Prinzip. Einem ehrlichen, fast schon sturen Konzept: Bahnhof für Bahnhof. Von Euskirchen über Gerolstein bis runter nach Trier. Eine Etappe bedeutet immer nur eins – ein Bahnhof weiter. Klingt nach wenig. Drei, vielleicht fünf Kilometer Luftlinie. Ein Katzensprung, würde man meinen.

    Aber der Weg denkt anders.

    Er zieht nicht geradeaus. Er nimmt dich mit raus, weit ins Hinterland, dorthin, wo die Eifel leise wird. Er sucht sich seine Linien entlang alter Pfade, greift sich bestehende Wege, verbindet sie neu. Heute laufe ich auf dem Eifeler Quellenpfad, folge dem Felsenweg, streife ein Stück den Eifelsteig und nehme einen Teil der Schleife mit, die sie hier „Toskana der Eifel“ nennen. Namen kommen und gehen – aber was bleibt, ist das Gefühl, dass der Weg dich bewusst vom Offensichtlichen fernhält.

    So werden aus ein paar Kilometern schnell zwanzig. Oder fünfundzwanzig.

    Und irgendwo mittendrin liegt dann das, weswegen sich der Umweg lohnt.

    Die Wacholderheiden rund um Alendorf.

    Ein weiter, offener Raum, der sich anders anfühlt als alles davor. Hügelig, trocken, fast schon südlich im Charakter. Der Boden hell, das Gras kurz, dazwischen die knorrigen Wacholderbüsche, die wirken, als hätten sie schon mehr Sommer gesehen als man zählen kann. Wenn der Wind darüber streicht, bekommt das Ganze etwas von weiter weg – nicht ganz Toskana, dafür fehlt die Hitze, aber nah genug, um den Gedanken zu verstehen.

    Über allem steht der Kalvarienberg. Kein lauter Ort, eher einer, der einfach da ist und schaut. Du gehst darüber hinweg, und für einen Moment wird der Schritt langsamer, fast automatisch.

    Danach öffnet sich die Landschaft noch weiter. Keine Zäune mehr, keine klar gezogenen Wege. Nur Wiesen. Du läufst einfach. Suchst dir deine Linie, setzt einen Schritt vor den anderen, wie es gerade passt. Das hat etwas Rohes, etwas Ehrliches. Kein vorgegebener Kurs, nur Richtung.

    So zieht sich der Tag, Meile für Meile, bis schließlich Jünkerath auftaucht.

    Kein alter Ort, keiner mit verwinkelten Gassen oder Geschichten aus Jahrhunderten. Jünkerath ist gewachsen mit der Eisenbahn. Zwei Linien, die sich kreuzen, ein Betriebswerk, eine Gießerei – Arbeit, Bewegung, Funktion. Kein Schnickschnack. Irgendwie passt das ganz gut ans Ende dieses Tages.

    Ich komme am Bahnhof an, die Stiefel haben ihre Kilometer gemacht, der Kopf ist ruhig geworden.

    Wieder ein Abschnitt geschafft. Ein Bahnhof weiter.

    Und irgendwo da draußen wartet schon der nächste.
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