Regen, rote Laternen und reichlich Höhenmeter
July 8, 2000 in Germany ⋅ 🌧 9 °C
Der nächste Morgen begann mit einem guten Frühstück und einem deutlich weniger guten Blick hinaus in den Regen. Die Entscheidung fiel trotzdem schnell: Wir starteten. Komplett in Regenkleidung und mit jener Mischung aus Zuversicht und Verdrängung, die bei solchen Touren offenbar zur Grundausstattung gehört.
Mit Stefan stieß heute außerdem ein Debütant zu unserer Runde. Gleich zu Beginn rollten wir hinunter nach Wald-Michelbach – was ziemlich zuverlässig darauf schließen ließ, dass die verlorenen Höhenmeter bald wieder eingesammelt werden wollten. Und genauso kam es.
Der erste Anstieg war wegen des feuchten und rutschigen Bodens zunächst nur schiebend zu bewältigen. Es sollte nicht die einzige Schiebepassage des Tages bleiben, hielt sich aber erfreulicherweise in Grenzen. Weiter ging es an Aschbach und der Zigeunerdelle vorbei über den Taubenberg auf 482 Metern und den Fichtelberg.
Nachdem wir Raubach und Falkengesäß passiert hatten, steuerten wir unsere erste Rast am Galgen bei Beerfelden an. Der Ort war stimmungsvoll, das Wetter weniger. Wind und Regen luden jedenfalls nicht zu längerem Verweilen ein.
Also änderten wir kurzerhand die geplante Route und fuhren direkt hinunter zum Marbach-Stausee. Dort sollte sich doch wohl irgendwo ein trockener und warmer Platz finden lassen. Zielstrebig folgten wir am See der Beschilderung zu einem Hotel mit Bar.
Am Ziel stellte sich allerdings heraus, dass das Etablissement noch geschlossen hatte – und zu späterer Stunde offenbar mit roten Laternen im Fenster arbeitete. Für eine harmlose Radlerpause waren wir also entweder zu früh oder eindeutig im falschen Programm.
Uns blieb nichts anderes übrig, als weiter bis nach Ebersberg zu fahren. Im dortigen Forsthaus wurden wir dafür umso herzlicher empfangen und mit einer kräftigen Gulaschsuppe versorgt. Auch die Sonne ließ sich inzwischen blicken und trocknete unsere feuchte Kleidung zumindest ansatzweise. Gut gestärkt, leicht getrocknet und ein wenig erholt machten wir uns auf die zweite Tageshälfte Richtung Hotel.
Wie erwartet führte die Strecke zunächst wieder bergauf – bis auf über 400 Meter – nur um uns anschließend direkt hinunter ins Mossautal zu schicken. Dort angekommen ging es den nächsten Berg hinauf, wieder hinunter, erneut hinauf und natürlich auch wieder hinunter. Der Odenwald zeigte sich landschaftlich abwechslungsreich und bei der Höhenverteilung ausgesprochen konsequent.
Bis Grasellenbach setzte sich dieses Spiel fort. Von dort führte uns schließlich ein schöner und beinahe flacher Weg über Wahlen und Hartenrod zurück nach Wald-Michelbach. Die Strecke, die wir am Morgen so angenehm hinuntergerollt waren, durften wir zum krönenden Abschluss wieder zur Kreidacher Höhe hinauffahren. Das Hotel wollte schließlich verdient sein.
Nach 61 Kilometern und 1.383 Höhenmetern erreichten wir das Ziel. Bevor an Erholung zu denken war, verlangten allerdings erst einmal die Fahrräder nach Pflege. Sie hatten schließlich mindestens ebenso gelitten wie wir, konnten sich aber nicht selbst beschweren.
Danach lockten Schwimmbad, Sauna und Dampfbad zur Regeneration. Frisch aufbereitet erschienen wir schließlich zum gemeinsamen Abendessen.
Später wurden noch Tourerlebnisse mit Stephan ausgetauscht, der statt an unserer Odenwaldrunde als Betreuer bei der Tour de France unterwegs gewesen war. Zwei Radsportwelten trafen aufeinander: dort das Peloton, hier Gulaschsuppe, Schiebepassagen und ein versehentlicher Abstecher zur roten Laterne.
Und natürlich erhielt auch diesmal jeder Teilnehmer wieder ein Shirt. Schließlich braucht eine ordentlich bestandene Etappe nicht nur Höhenmeter, sondern auch ein tragbares Beweisstück.Read more







