Von Lavra nach Vila do Conde
August 23 in Portugal ⋅ ☁️ 20 °C
Die zweite Nacht auf unserem Camino verbrachten wir zu sechst im Schlafraum: außer uns dreien noch zwei jüngere Männer und ein etwas älterer Herr, den wir auf ungefähr 70 schätzten. Claudi war damit die einzige Frau im Zimmer. 😂 Der ältere Herr hatte zudem die Angewohnheit, immer wieder mit seinem Gebiss im Mund zu spielen, was ein ziemlich unverwechselbares schmatzendes Geräusch erzeugte. Auch das gehört offenbar zum echten Pilgerleben 🫣
Gegen 7 Uhr standen wir auf. Für heute war ziemlich durchwachsenes Wetter angesagt – und ein kurzes Gewitter am Morgen machte gleich deutlich, dass die Vorhersage wohl stimmen würde.
Zum Frühstück gingen wir in die Padaria Pastelaria Veiga. Nussbrot, Croissant, Pastel de Nata, Kaffee und Orangensaft – einfach, aber richtig gut und eine ordentliche Grundlage für unsere zweite Etappe.
Da es kühl und windig war und weiterer Regen drohte, zogen wir gleich die Ponchos über. Im Minimarkt kauften wir noch Wasser und dann ging es wieder hinaus an die Küste.
Erneut führten lange Holzstege an der felsigen Atlantikküste entlang. Die Brandung war heute deutlich stärker als gestern und das Meer zeigte sich von seiner raueren Seite. An einer Stelle war der Holzsteg eingestürzt, sodass wir über eine provisorische Stufe zum Strand hinunter und ein kleines Stück ausweichen mussten. Dieser unfreiwillige Umweg hatte allerdings auch etwas Gutes: Wir entdeckten wunderschöne Windspiele aus Muscheln und Holz und liebevoll bemalte Steine – kleine Kunstwerke direkt am Wegesrand.
Zurück auf dem Steg ging es weiter bis zum Höhenmarkstein São Paio, wo wir eine Weile die Aussicht genossen. Mit dem grauen Himmel, dem Wind, der wilden Brandung und der felsigen Küste fühlte es sich für einen Moment tatsächlich fast ein bisschen wie Schottland an.
Vorbei an der kleinen Capela de São Paio erreichten wir Vila Chã. Inzwischen regnete es kräftiger. Und dann wurden wir mitten im Ort überrascht. Trotz des Regens waren überall Menschen damit beschäftigt, auf den Straßen wunderschöne Blumenteppiche anzulegen. Erst später erfuhren wir, dass wir damit ganz zufällig mitten in eine besondere lokale Tradition geraten waren: die Festa de São Mamede.
In Vila Chã werden die Straßen zu diesem Festwochenende alle zwei Jahre aufwendig geschmückt. Die Teppiche bestehen traditionell aus einer Mischung aus Salz, bunten Sägespänen, Stoffresten und echten Blumen und werden von den Bewohnerinnen und Bewohnern gemeinsam gestaltet. Sie sind nicht einfach nur Dekoration, sondern werden für die religiöse Prozession ausgelegt, die am Nachmittag durch den Ort zieht. Besonders schön fanden wir die maritime Verbindung dieser Tradition: Am Largo dos Pescadores, direkt am Meer, wird die Predigt traditionell sogar vom Bug eines echten Fischerbootes aus gehalten.
Dass wir genau an diesem Tag und noch dazu während der Vorbereitungen durch Vila Chã kamen, war ein echter Zufall. Umso beeindruckender war es zu sehen, wie die Menschen selbst im Regen unbeirrt an diesen farbenfrohen Kunstwerken weiterarbeiteten. Für uns war das einer dieser besonderen Camino-Momente, die man nicht planen kann.
Nachdem wir Vila Chã verlassen hatten, ließ der Regen langsam nach. Wieder führten lange Holzstege durch die Dünenlandschaft. Auf den nassen Planken begegneten uns sogar zwei Schnecken, die offenbar ebenfalls auf ihrem ganz eigenen Camino unterwegs waren. 🐌
Und dann kam tatsächlich die Sonne heraus. Wir fanden eine Holzbank mit Blick über die Dünen zum Strand und machten dort Pause. Nach Wind und Regen einfach herrlich: sitzen, aufs Meer schauen und für einen Moment nichts weiter müssen.
Dann begann der Endspurt nach Vila do Conde. Über die Brücke über den Rio Ave erreichten wir die Stadt und hatten dabei einen wunderschönen Blick auf das ehemalige Kloster Santa Clara, das hoch über Vila do Conde thront.
Wir folgten den Camino-Zeichen durch die Stadt bis zur Igreja Matriz de São João Baptista. Die Kirche war geöffnet, also gingen wir hinein und konnten dort unsere Pilgerausweise abstempeln lassen. Perfektes Timing – denn kurz nachdem wir wieder draußen waren, wurde die Kirche geschlossen.
Gegen 14 Uhr erreichten wir unsere gebuchte Jugendherberge. Allerdings war die Rezeptionistin gerade in der Mittagspause und laut einem Hinweis sollte der Check-in ohnehin erst ab 16 Uhr möglich sein. Also beschlossen Olaf und Claudi, schon einmal einen Stadtrundgang zu machen, während ich mein Knie etwas schonen und mich ausruhen wollte.
Der Stadtrundgang der beiden war allerdings bemerkenswert kurz 😂 Sie kamen nämlich nur bis zur erstbesten Strandbar, setzten sich hin und tranken Bier.
Als die Rezeption wenig später wieder öffnete und wir überraschenderweise doch schon früher einchecken konnten, waren die beiden allerdings erstaunlich schnell wieder zurück. Olaf und ich bezogen ein Doppelzimmer mit eigenem Bad, Claudi bekam ein Bett im Frauenschlafsaal – diesmal also tatsächlich unter Frauen.
Nach einer kurzen Pause machten wir uns dann wirklich zu dritt auf den Weg zur Stadtbesichtigung.
Zunächst liefen wir die lange Strandpromenade entlang, vorbei an der Festungsanlage Forte de São João Baptista, und weiter zur Capela de Nossa Senhora da Guia.
Anschließend folgten wir dem Rio Ave bis zur Praça D. João II, wo eine riesige Sonnenuhr steht. Danach besichtigten wir die kleine, aber sehr hübsche Capela de Nossa Senhora do Socorro und schlenderten weiter durch die schönen Straßen der Stadt Richtung Santa Clara.
Unterwegs kauften wir im Supermarkt noch Wasser und Kekse für morgen – schließlich muss auch für die nächste Etappe vorgesorgt werden.
Das ehemalige Kloster Santa Clara wird heute als exklusives Hotel genutzt. Von dort oben hatten wir einen herrlichen Blick über Vila do Conde.
Danach liefen wir ein Stück am beeindruckenden Aqueduto de Santa Clara entlang, dessen Bögen sich scheinbar endlos durch die Stadt ziehen, bevor wir langsam wieder Richtung Innenstadt zurückgingen.
Im Café O Forninho gab es schließlich Abendessen.
Danach waren wir alle ziemlich müde und erschöpft und machten uns zurück auf den Weg zur Jugendherberge. Am Abend zog noch einmal ein kräftigeres Gewitter über Vila do Conde – ein passender Abschluss für diesen wettertechnisch doch recht abwechslungsreichen Tag.
Unsere eigentliche Camino-Etappe war heute mit knapp 13 Kilometern gar nicht besonders lang.
Aber der Kilometerzähler hatte am Abend trotzdem etwas anderes zu erzählen:
23 Kilometer. 😄
Dank unserer ausgiebigen Stadtbesichtigung hatten wir also doch ordentlich Strecke gemacht.
Regen, Wind, wilde Atlantikwellen, Blumenteppiche, Schnecken auf dem Camino, Sonne über den Dünen, Kirchen, Kapellen, ein Kloster, ein Aquädukt – und natürlich ein „Stadtrundgang“, der zunächst an der ersten Strandbar endete.
Wieder ein wunderbarer und erlebnisreicher Pilgertag mit unglaublich vielen Eindrücken. 💛🥾🌊
Sprüche des Tages:
An einem Laternenpfahl unterwegs:
MANCHE AUGENBLICKE VERGISST DU NIE ❤️
Graffiti mit Hahn in Vila do Conde:
ENTSCHEIDE, WAS DICH GLÜCKLICH MACHT!Read more













































TravelerHuhu Ihr Lieben, das war ja ein höchst abwechslungsreicher Tag 🤗 Regen ,Sonne, festliches Ereignis usw. Dazu noch schöne Eindrucke vom rauen Atlantik. Toll. Nachher schauen wir wieder euren Film. Guido ist schön das du deinem Knie etwas Ruhe gönnst, ist wichtig. Habt heute wieder einen schönen erlebnisreichen Tag und passt auf euch auf. Wir denken an euch 🤗Kussi💋😘😘🙋♀️
Traveler
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