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Caminho Português 2026

Zum wiederholten Mal machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Diesmal sind wir zu dritt unterwegs: Claudi wird uns begleiten und ihren ersten Pilgerweg erleben. Es ist etwas ganz Besonderes, diese Reise gemeinsam zu erleben. Read more
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    🇪🇸 Dumbría, Spanien

    Von Alto da Pena nach O Logoso

    Yesterday in Spain ⋅ ☀️ 24 °C

    Kuhauge, Hórreos & Cocktail-Spanier

    Die Nacht in Alto da Pena war insgesamt ruhig gewesen. Claudi hatte – und das muss ausdrücklich betont werden – ausgezeichnet geschlafen. Olaf ebenfalls gut, während meine eigene Nacht eher durchwachsen gewesen war. Aber auch das gehört zum Camino: Nicht jede Nacht schenkt einem die Erholung, die man sich nach einer langen Etappe erhofft.

    Beim Frühstück wartete eine kleine Herausforderung auf uns. Serviert wurde ein gewaltiges Bocadillo, belegt mit einer nicht minder mächtigen Tortilla Española. Selbst unsere sonst recht zuverlässige „Gutesserin“ Claudi musste irgendwann kapitulieren. Zum Glück war Olaf bereit, sich selbstlos zu opfern und den verbliebenen Rest zu übernehmen – schließlich sollte nichts weggeworfen werden. Außerdem begegneten wir beim Frühstück auch wieder „Kuhauge“ von gestern.

    Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: „Kuhauge“ ist bei uns ausdrücklich ein positiver und liebevoll gemeinter Ausdruck. Gemeint war ein junger Mann mit außergewöhnlich schönen, großen, sanften und braunen Augen und langen Wimpern, der uns bereits am Vortag aufgefallen war und uns seitdem auf eine kaum erklärbare Weise faszinierte. Fast zeitgleich gingen wir nach dem Frühstück los und wir liefen die ersten 12 km mit einem gewissen Abstand immer hinter „Kuhauge“ her.

    Es lag noch feuchte, neblige Luft über der Landschaft. Die Temperaturen waren angenehm, und zunächst führte uns der Weg längere Zeit über asphaltierte Straßen. Später wechselten wir auf Feldwege und kamen durch kleine Ortschaften, deren Häuser sich beinahe unauffällig in die ländliche Umgebung einfügten. Viel Grün, einzelne Höfe, Tiere auf den Weiden – ein Galicien, das sich eher leise als spektakulär präsentierte.

    Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Tierwelt erneut für Diskussionen sorgte. Claudi und Olaf waren noch immer felsenfest davon überzeugt, dass es am Vortag sowohl ein Pferd als auch ein Schaf gegeben hatte. Ich hatte dieses angebliche Schaf jedoch nicht gesehen. Aussage stand gegen Aussage – wobei die beiden darauf bestanden, dass zwei Aussagen vor jedem Gericht schwerer wiegen würden als eine.

    Als wir außerhalb eines Ortes erneut Tiere auf einer Weide entdeckten, wollten sie mir zunächst weismachen, dort stünden fünf oder sechs Pferde. Dabei waren es diesmal eindeutig Schafe. Ihre Erklärung: Das seien eben „galicische Kurzbeinpferde“. Pferde mit Wolle, auf denen man vorsichtshalber nicht reiten könne. Seitdem scheint auf diesem Weg endgültig nicht mehr geklärt zu sein, woran man in Galicien ein Pferd erkennt 😂

    Eine erste Pause machten wir in der Panadería Maroñas, einer kleinen ländlichen Bäckerei mit Cafébetrieb. Dort gab es Getränke und eine kurze Erholung für die Beine. Die traditionsreiche Bäckerei stellt ihre Backwaren noch handwerklich her und backt unter anderem Brot und galicische Spezialitäten im Holzofen.

    Und zeitgleich machte „Kuhauge„ dort auch Pause 😂
    Über viele Kilometer hinweg blieb er unser Thema. Mal lief er näher vor uns, dann wieder weiter entfernt. Er setzte sein Käppi auf, band sein Halstuch um, trank etwas oder aß Heidelbeeren aus einem kleinen Becher. Wir beobachteten, ob er beim Gehen trinken konnte, ob er am Vorabend vielleicht mit uns gegessen hatte und ob es sich trotz Brille tatsächlich um denselben jungen Mann handelte. Für mich war die Sache spätestens anhand seiner Hose eindeutig geklärt.

    So liefen wir zeitweise mehrere Kilometer hinter Kuhauge her – selbstverständlich nur rein zufällig und weil der Camino nun einmal in dieselbe Richtung führte. Trotzdem wurde jede kleine Veränderung registriert und kommentiert. Er blieb das wohl ausdauerndste Gesprächsthema dieses Tages 😂

    Nach der Pause trafen wir erneut auf einen Pilger aus Bregenz, den wir zuvor irrtümlich schon einmal nach Bayreuth versetzt hatten. Er begleitete uns ein Stück und erzählte so lebhaft von sich und seinen Erlebnissen, dass wir den bevorstehenden Anstieg beinahe nebenbei bewältigten. Claudis vorbereitetes Spiel zum Prominentenraten wurde zunächst gar nicht gebraucht – unser Weggefährte füllte die Zeit ganz allein mit seinen Geschichten.

    Der Weg führte über den Monte Aro hinauf. Von dort öffnete sich der Blick auf den Fervenza-Stausee, der groß und ruhig zwischen den grünen Hügeln lag. Anschließend ging es wieder hinunter nach Lago, wo die Casa Xalleiro unmittelbar am Camino eine willkommene Gelegenheit für eine Pause bot.

    In der Casa Xalleiro saßen wir bei einem Bier zusammen, als uns ein besonders schöner Camino-Moment geschenkt wurde. Ein Ire, den wir bereits am Vorabend beim gemeinsamen Essen kennengelernt hatten, fotografierte uns drei mit seiner Polaroidkamera. Kurz darauf hielt jeder von uns einen eigenen Schwarz-Weiß-Abzug in den Händen – ein kleines, persönliches Andenken an genau diesen Augenblick.

    Es sind solche Begegnungen, die man nicht planen kann. Jemand kreuzt für einen kurzen Moment den eigenen Weg, macht ein Foto, schenkt es einem und zieht irgendwann weiter. Zurück bleibt nicht nur das Bild, sondern auch die Erinnerung an einen Menschen, dessen Weg sich für kurze Zeit mit unserem verbunden hat.

    In dieser Pause machte Claudi außerdem eine weitreichende Ankündigung: Wenn sie irgendwann mal wieder einen Hund hätte, müsste dieser mindestens die Größe eines „Cocktail-Spaniers“ haben 😂 Sie sagte es mit solcher Überzeugung, dass wir einen Moment brauchten, um zu begreifen, dass sie eigentlich einen Cockerspaniel meinte. Danach gab es kein Halten mehr. Der „Cocktail-Spanier“ war geboren und wird Claudi vermutlich noch sehr lange begleiten. Vielleicht handelt es sich dabei um eine besonders gesellige Hunderasse, die kleine Getränke serviert und sich hervorragend auf Strandpromenaden macht.

    Nachdem die Sonne wieder herausgekommen war, cremten wir uns ein und gingen weiter. Über Feldwege, kleine Straßen und durch die sanft hügelige Landschaft näherte sich der Weg allmählich Olveiroa. Nun kam auch das Prominentenraten zum Einsatz und vertrieb uns einen Teil der Strecke. Gemeinsam rätseln, lachen und gelegentlich völlig absurde Lösungsvorschläge machen – auch dadurch vergingen die Kilometer erstaunlich schnell.

    Kurz vor Olveiroa überquert der Camino den Río Xallas bei Ponte Olveira. Genau hier versuchten galicische Bauern im Jahr 1809, den Vormarsch französischer Truppen während der Napoleonischen Kriege aufzuhalten – allerdings ohne Erfolg. Heute erinnert an diesem friedlichen Flussübergang kaum noch etwas an die damaligen Kämpfe.

    Olveiroa selbst bewahrt mit seinen schmalen Wegen, den traditionellen Steinhäusern und seiner kleinen Kirche bis heute viel vom Charakter eines alten galicischen Dorfes. Besonders auffällig sind die zahlreichen Hórreos, von denen sich hier ungewöhnlich viele erhalten haben. Manche Quellen sprechen von etwa fünfzig Exemplaren rund um das Dorf.

    Diese länglichen, erhöht stehenden Gebäude waren keine Kapellen und auch keine Grabstätten, obwohl sie aus der Ferne manchmal so wirken. Hórreos dienten als Getreidespeicher, vor allem für Mais. Durch die Schlitze in den Wänden konnte ständig Luft zirkulieren, sodass die Vorräte in der feuchten galicischen Witterung trockneten und nicht verfaulten. Gleichzeitig schützte die erhöhte Bauweise vor Bodenfeuchtigkeit.

    Unter den Speichern befinden sich Pfeiler mit weit überstehenden Steinplatten. Diese sogenannten Mäuse- oder Rattenabwehrplatten verhinderten, dass Nagetiere an die wertvollen Vorräte gelangten. Damit sind die Hórreos ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie zweckmäßig und zugleich schön traditionelle Landwirtschaftsarchitektur sein kann.

    Viele der Hórreos in Olveiroa wurden inzwischen restauriert. Sie sind nicht nur Erinnerungen an eine frühere Lebensweise, sondern ein sichtbares Symbol der galicischen Kultur. Wir konnten gut verstehen, warum wir bei einer späteren Wanderung vielleicht gern einmal länger in Olveiroa bleiben und in der Casa Loncho übernachten würden.

    Nach einer weiteren kurzen Rast und einem Getränk verließen wir das Dorf. Nun wurde der Weg landschaftlich noch einmal reizvoller. Wir gingen an Wasserflächen vorbei, sahen kleinere Wasserläufe und Wasserfälle von oben und folgten dem Camino über die Höhenzüge. Unter uns lagen grüne Täler, während der Weg immer weiter in Richtung Küste führte.

    Schließlich erreichten wir O Logoso, einen winzigen Ort auf dem Weg zur späteren Abzweigung nach Fisterra oder Muxía. Von Olveiroa bis hierher sind es nur wenige Kilometer, doch nach der langen Tagesstrecke spürten wir jeden einzelnen davon.

    In unserer Unterkunft wurden wir von einer ausgesprochen resoluten Gastgeberin empfangen. Sie wirkte so durchsetzungsstark, dass man ihren Anweisungen am besten folgte, ohne unnötige Rückfragen zu stellen. Nach dem Einchecken duschten wir, ruhten uns kurz aus und gingen anschließend noch etwas essen.

    Am Ende standen rund dreißig Kilometer auf unseren Beinen. Trotzdem hatte sich die Etappe erstaunlich kurz angefühlt. Die Gespräche mit anderen Pilgernden, das Prominentenraten, die vielen kleinen Beobachtungen am Wegesrand und natürlich Kuhauge hatten die Stunden förmlich vorbeiziehen lassen.

    Es war wieder ein sehr schöner Camino-Tag – mit wechselnden Landschaften, besonderen Begegnungen und viel gemeinschaftlichem Lachen. Ein Tag mit einem Schaf, das vielleicht doch ein Pferd gewesen sein soll, mit einem jungen Mann und seinen faszinierend schönen Augen, mit einem Polaroidfoto als unerwartetem Geschenk und mit einer völlig neuen Hunderasse namens Cocktail-Spanier.

    Morgen führt unser Weg weiter nach Fisterra. Die Wettervorhersage verspricht zwar keine ganz trockene Etappe, doch nach allem, was wir bereits gemeinsam erlebt haben, wird vermutlich auch der Regen wieder Teil einer Geschichte werden, über die wir später lachen können.
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  • Von Santiago de Compostela nach Alto da Pena

    September 6 in Spain ⋅ ☀️ 33 °C

    Wo das Ende zum Anfang wird – von Santiago de Compostela nach A Pena

    Heute hieß es Abschied nehmen von Santiago de Compostela – zumindest vorerst. Nach unserem Ruhetag begann ein neuer Abschnitt unserer Reise: Der Weg nach Fisterra, hinaus in Richtung Atlantik und zum sagenumwobenen Ende der Welt.

    Noch einmal blickten wir zurück auf die Kathedrale, die im Licht des Morgens über den Dächern der Stadt thronte. In den vergangenen Tagen war sie Ziel, Mittelpunkt und beinahe ständige Begleiterin gewesen. Nun ließen wir sie langsam hinter uns. Der Camino nach Fisterra und Muxía ist unter den großen Jakobswegen etwas Besonderes: Er beginnt am Praza do Obradoiro in Santiago, wo die anderen Wege enden, und führt von dort weiter nach Westen. (Camino de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/es/planifica/l…))

    Schon bald verschwanden die steinernen Fassaden Santiagos hinter uns. Die Geräusche der Stadt wurden leiser, die Häuser seltener und die Landschaft immer grüner. Wir gingen durch kleine Orte, vorbei an Gärten, Feldern und alten Häusern, von denen manche verlassen wirkten und langsam von der Natur zurückerobert wurden. Über weite Strecken war es wunderbar ruhig. Nur unsere Schritte, Vogelstimmen und das gelegentliche Rascheln der Blätter begleiteten uns.

    Unterwegs begegneten wir einer größeren Gruppe sehbehinderter Pilgerinnen und Pilger. Sie wurden von sehenden Begleitpersonen und teilweise auch von Hunden unterstützt. Zu erleben, mit welchem Vertrauen und welcher Selbstverständlichkeit sie gemeinsam diesen Weg gingen, beeindruckte uns sehr. Es war eine jener Begegnungen auf dem Camino, die nur kurz dauern und dennoch lange im Gedächtnis bleiben.

    Unterwegs wartete eine weitere ungewöhnliche Begegnung auf uns. Am Wegesrand saß ein vielleicht zehn- oder zwölfjähriges Mädchen auf einem Stuhl und spielte auf einem Instrument, das wir für ein Cello hielten. Neben ihr stand ein weiterer Stuhl mit einem Notenblatt – und darauf saßen tatsächlich drei Hühner. Das Mädchen spielte also gewissermaßen ein kleines Konzert für vorbeiziehende Pilger und drei äußerst gelassene gefiederte Zuhörer. Ein skurriles und gleichzeitig bezauberndes Bild.

    Und dann war da noch das vermeintliche Schaf. Claudi und Olaf entdeckten auf einer Weide etwas Helles und waren zunächst überzeugt, ein weißes Schaf vor sich zu haben. Bei genauerem Hinsehen stellte sich das Tier allerdings als Pferd heraus. Vielleicht lag es an der Entfernung, vielleicht an der Wärme oder vielleicht auch einfach daran, dass nach vielen Kilometern nicht nur die Beine, sondern gelegentlich auch die Augen müde werden.

    Nachtrag von Olaf: Das wird hier nicht ganz richtig wiedergegeben… Dort war ein weißes Pferd UND ein weißes Schaf auf einer Weide. Claudi und ich haben Guido mehrfach darauf hingewiesen aber er wollte uns nicht glauben 🙄

    Der Weg blieb allerdings nicht nur beschaulich. Vor Carballo und Trasmonte wartete ein längerer und stellenweise kräftiger Anstieg auf uns. Die Temperaturen waren erneut hoch, auch wenn die Hitze nicht ganz so drückend war wie am Vortag. Trotzdem kostete jeder Höhenmeter Kraft. Umso willkommener war unsere Pause in Trasmonte, wo wir uns ein kühles Bier gönnten und unsere Beine für einen Moment zur Ruhe kommen ließen.

    Ein Höhepunkt der heutigen Etappe war zweifellos Ponte Maceira. Schon beim Näherkommen hörten wir das Wasser. Der Fluss Tambre rauschte über kleine Kaskaden, daneben standen alte Steinhäuser und die Überreste früherer Mühlen. Über allem spannte sich die mächtige mittelalterliche Brücke.

    Die heutige Brücke entstand im 13. beziehungsweise 14. Jahrhundert und wurde im 18. Jahrhundert teilweise erneuert. Ihre großen steinernen Bögen bildeten über Jahrhunderte einen wichtigen Übergang über den Tambre auf dem Weg von Santiago in Richtung galicische Küste. (Turismo Galícia (https://www.turismo.gal/recurso/-/detalle/7316/…))

    Ponte Maceira war einer dieser Orte, an denen man am liebsten länger geblieben wäre. Das Wasser, die alten Mauern, die Mühlenruinen und das viele Grün wirkten beinahe wie eine sorgfältig aufgebaute Filmkulisse. Gleichzeitig war alles vollkommen echt, ruhig und in die Landschaft eingebettet. Nach der lebhaften Atmosphäre in Santiago tat diese Stille besonders gut. Übrigens erhielt der Ort auch schon eine Auszeichnung als eins der schönsten Dörfer Spaniens.

    Auch kleine Aufregungen durften an diesem Tag nicht fehlen. Olaf stellte irgendwann fest, dass seine Halskette verschwunden war. Beim eincremen mit Sonnenschutz an der Brücke hatte er sie abgelegt und dort liegen lassen 🫣 Da wir aber noch nicht weit entfernt waren, ging er noch einmal zurück und fand sie wieder. Erleichterung auf allen Seiten.

    Claudi hoffte derweil, heute noch einmal den jungen Mann wiederzutreffen, den sie zuvor auf den Namen „Kuhauge“ getauft hatte, da er so schöne sanfte und braune Augen mit langen Wimpern hatte. Ob er ihr tatsächlich noch einmal begegnen würde, blieb allerdings offen.

    Wir errichten die Stadt Negreira. Diese empfing uns an diesem Sonntag ausgesprochen ruhig. Der Supermarkt, in dem wir normalerweise etwas für eine Pause gekauft hätten, war geschlossen. Auch das erste Restaurant hatte nicht geöffnet. Bei einer Bar kamen wir gerade in dem Moment an, als sie ihre Türen schloss. Schließlich fanden wir noch eine kleine Bar an einer Straßenecke, in der wir uns jeweils ein Bier holten.

    Die Pause trug offenbar zusätzlich zu unserer ohnehin guten Stimmung bei. Irgendwann sagte Olaf: „Engelchen, ich blase auf deinem Dudelsack.“ Darauf folgte die prompte Antwort des Engelchens: „Du kannst auf meiner Engelstrompete blasen.“ 😂

    Manchmal braucht es auf dem Camino keine tiefgründigen Gespräche. Manchmal reichen müde Beine, ein kühles Bier und ein ziemlich alberner Wortwechsel, um sich gemeinsam kaputtzulachen.

    Wir verließen Negreira und gingen unter einem mächtigen steinernen Bogen hindurch. Dabei handelte es sich um die Galerie des Pazo do Cotón. Der Gebäudekomplex geht auf eine mittelalterliche Festung zurück und wurde besonders im 17. Jahrhundert stark umgestaltet. Die steinerne Galerie führt über die Straße und verbindet den ehemaligen Adelssitz mit der Kapelle San Mauro. (Turismo Galícia (https://www.turismo.gal/recurso/-/detalle/19708…))

    Hinter Negreira begann noch einmal ein längerer Anstieg. Der Weg führte bergauf und bergab durch eine wunderschöne, stille Landschaft. Alte Steinmauern säumten die Wege, viele davon dick mit Moos bewachsen. Zwischen den Bäumen wuchsen große Farne, und über weite Abschnitte spendete der Wald angenehmen Schatten.

    Dieser Schatten war eine Wohltat. Obwohl es etwas weniger heiß war als gestern, machte sich die Länge der Etappe inzwischen deutlich bemerkbar. Unsere Schritte wurden langsamer und die Hoffnung, bald anzukommen, immer größer. Trotzdem blieb die Stimmung unter uns gut. Niemand musste motiviert oder gezogen werden. Wir gingen gemeinsam, scherzten miteinander und genossen trotz der Erschöpfung die Ruhe und Schönheit dieser Landschaft.

    Der Weg von Negreira nach Zas folgt teilweise dem Verlauf des alten Camiño Real nach Fisterra, also einer historischen Verbindung zur galicischen Westküste. (Camino de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/en/make-plans/…))

    In dem weit verstreuten Ort Zas kamen wir an mehreren alten und teilweise verfallenen Gebäuden vorbei. Manche Häuser wirkten, als seien sie schon vor langer Zeit verlassen worden. Die Ruinen passten auf eigenartige Weise in die stille Landschaft und erzählten von einem ländlichen Galicien, in dem viele kleine Dörfer über die Jahre Einwohner verloren haben.

    Unterwegs fiel Claudi plötzlich ein weiteres Lied ein, das sie offenbar früher häufig gesungen hatte. Ohne große Vorwarnung begann sie mit „Wir lagen vor Madagaskar“. Olaf kannte das Lied ebenfalls. Ich selbst beteiligte mich ausdrücklich nicht am Gesang, fand es aber äußerst amüsant, dass Claudi ausgerechnet mitten auf einem galicischen Waldweg dieses alte Seemannslied einfiel.

    Nach fast dreißig Kilometern erreichten wir schließlich die Albergue Alto da Pena. Wir waren müde, erschöpft und froh, unsere Rucksäcke endlich abstellen zu können. Die Dusche war eine wahre Wohltat und ließ uns zumindest für kurze Zeit wieder wie Menschen fühlen.

    Abend aßen wir gemeinsam mit anderen Pilgerinnen und Pilgern ein gutes Pilgermenü. Zunächst gab es Linsensuppe, danach Makkaroni mit Tomatensoße und überbackenem Käse und zum Abschluss Kuchen. Dazu wurden Wasser und Rotwein gereicht – grundsätzlich so viel, wie man wollte.

    In unmittelbarer Nähe befindet sich die Unterkunft in San Mamede da Pena, in der wir sonst übernachtet hatten und zu der auch ein kleiner Biergarten gehört. Wir schauten noch einmal nach, ob dort vielleicht geöffnet war, doch alles blieb geschlossen. Also gingen wir zurück in unsere Unterkunft.

    Wir hatten nach der Ankunft nur kurz geruht, geduscht und gegessen. Danach spürten wir die beinahe dreißig Kilometer in jedem Knochen. Also gingen wir hinauf auf unser Zimmer und ließen diesen langen Tag ruhig ausklingen.

    Es war eine anstrengende, aber wunderschöne Etappe. Wir hatten Santiago hinter uns gelassen, waren tief in die grüne galicische Landschaft eingetaucht, hatten besondere Menschen getroffen, mittelalterliche Brücken überquert, Hühnern bei einem Cellokonzert zugesehen und viel miteinander gelacht.

    Vor allem aber waren wir den ganzen Tag über in guter Stimmung. Die Ruhe des Weges, die schattigen Wälder, das viele Grün und unser gemeinsamer Humor machten selbst die langen Anstiege und die müden Beine erträglich.

    Morgen früh werden wir noch in der Albergue frühstücken. Danach geht unsere Reise weiter nach Westen – Schritt für Schritt näher an das Meer und an das Ende der Welt.

    Nachtrag Claudia:
    Auf der einen Seite hätte ich mir gerne noch Santiago und seine tolle Altstadt in Ruhe etwas angeschaut, auf der anderen Seite freue ich mich aber auch schon sehr auf Fisterra, von daher ist mir der Start heute morgen nicht schwergefallen.
    Und es stimmt, trotz der zum Teil anstrengenden Steigungen (10 % auf 2 km sage ich nur), waren wir immer guter Stimmung, mal mehr mal weniger gesprächig, aber stets gut gelaunt.
    Es war mal wieder ein richtig schöner Tag, den ich sehr genossen habe, daher nehme ich es Guido auch nicht übel, dass er an der einen Stelle keinen Blick zurückgeworfen und somit das Schaf nicht gesehen hat.
    Auf jeden Fall freue ich mich auf die nächste Etappe 🥰
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  • Im Schatten der Kathedrale

    September 5 in Spain ⋅ ☁️ 31 °C

    Nach unserer gestrigen Ankunft in Santiago de Compostela hatten wir uns für heute einen Ruhetag vorgenommen. Zumindest einen Ruhetag vom Wandern. Dass daraus trotzdem ein ziemlich ausgefüllter Tag werden würde, ahnten wir am Morgen noch nicht. Und bei angekündigten 34 Grad war schnell klar: Wenn wir uns heute bewegen würden, dann möglichst langsam – und am besten immer irgendwo im Schatten der Kathedrale.

    Wobei von einem wirklich erholten Morgen ohnehin keine Rede sein konnte.

    Wir hatten alle drei nicht besonders gut geschlafen. Die Nacht war sehr warm und vor unserem Fenster herrschte offenbar das Leben einer ganzen Großstadt. Gefühlt zogen ununterbrochen Menschen durch die Straßen: manche offensichtlich bereits etwas angetrunken, manche laut singend und andere wiederum mit Musik. Irgendwann dröhnte sogar „Pump Up the Jam“ durch die nächtliche Altstadt. Ein Lied, das sicherlich seine Berechtigung hat – allerdings vielleicht nicht unbedingt mitten in der Nacht vor dem Schlafzimmer dreier erschöpfter Pilgernder.

    Entsprechend langsam begann unser Morgen. Wir frühstückten die Sachen, die wir am Vortag bei Froiz gekauft hatten, machten uns nach und nach fertig und gingen schließlich gegen 10:30 Uhr zur Kathedrale. Um zwölf Uhr wollten wir an der Pilgermesse teilnehmen und hatten mit einer langen Warteschlange gerechnet. Tatsächlich standen bereits viele Menschen vor dem Eingang, doch es ging überraschend zügig voran.

    Schon jetzt machte sich die Hitze bemerkbar. Die Sonne lag über den hellen Steinen der Altstadt, und jeder schattige Platz war willkommen. Praktischerweise sollte sich fast unser gesamter Tag ohnehin rund um die Kathedrale abspielen.

    In der Kathedrale suchten wir uns einen Platz. Während ich dort wartete, besuchten Claudi und Olaf zunächst die Krypta mit dem Grab des Apostels Jakobus. Anschließend gingen sie hinter den Hauptaltar hinauf und umarmten die dort sitzende Jakobusfigur von hinten – einer der traditionellen Pilgerriten in Santiago.

    Die Krypta unter dem Hauptaltar gilt für Pilgernde als eigentliches Ziel des Jakobsweges. Die Umarmung der Apostelfigur darüber ist für viele eine persönliche Geste des Dankes: für den zurückgelegten Weg, für das Ankommen oder einfach für all das, was unterwegs geschehen ist.

    Danach setzten sich die beiden wieder zu mir und die Pilgermesse begann. Besonders eindrucksvoll war der Gesang einer Nonne, deren klare Stimme den großen Kirchenraum füllte. In diesem Moment war die besondere Atmosphäre der Kathedrale deutlich zu spüren. Olaf hatte sogar ein paar kleine Tränchen in den Augen. Claudi nicht – wie sie ausdrücklich klarstellte –, aber auch sie fand den Moment sehr schön.

    Mich berührten der Beginn und der Gesang ebenfalls. Im weiteren Verlauf verlor sich die Messe für mich allerdings zunehmend in langen liturgischen Abläufen und den Auftritten der vielen Geistlichen. Irgendwann wurde es mir, ganz ehrlich gesagt, etwas langweilig. Als zum Abschluss die Kommunion ausgeteilt wurde, entschieden wir uns dagegen und verließen nach dem Ende der Feier die Kathedrale.

    Zunächst gingen wir zurück in unsere Unterkunft – ein dringend notwendiger Zwischenstopp, denn wir mussten alle einmal zur Toilette.

    Ich blieb anschließend dort, während Claudi und Olaf noch einmal durch die Stadt zogen und sich einige Geschäfte ansahen.

    Dabei gerieten sie unverhofft mitten in einen großen Umzug traditioneller galicischer Karnevalsgruppen. Die farbenprächtigen Kostüme, Masken und teilweise ziemlich eigenwilligen Figuren gehörten zu den verschiedenen regionalen Entroido-Traditionen Galiciens.

    Was auf den ersten Blick wie ein etwas verspäteter Karneval wirkte, war eine bewusste Präsentation unterschiedlicher Bräuche aus ganz Galicien. Einige dieser Traditionen reichen weit zurück und unterscheiden sich von Region zu Region erheblich. Gerade die Masken, Glocken, Tiergestalten und aufwendig gearbeiteten Kostüme gehören zu einer Volkskultur, die in vielen Orten Galiciens bis heute sehr lebendig ist.

    Währenddessen blieb ich der Hitze fern. Bei 34 Grad musste man schließlich nicht beweisen, dass man auch an einem Ruhetag noch zwanzig Kilometer durch Santiago laufen kann.

    Später trafen wir uns wieder – natürlich an der Kathedrale.

    Diesmal stand der Pórtico da Gloria auf unserem Programm. Dieses steinerne Meisterwerk wurde vom Baumeister und Bildhauer Mestre Mateo geschaffen, der ab 1168 an der Vollendung der romanischen Kathedrale arbeitete. Ende des 12. Jahrhunderts entstand hier eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Bildhauerkunst Europas.

    Der Pórtico ist weit mehr als ein kunstvoll gestalteter Eingang. Er zeigt eine mittelalterliche Vorstellung von Erlösung und himmlischer Welt. Im Zentrum thront Christus, umgeben von Evangelisten und weiteren Figuren. Darüber sitzen vierundzwanzig Älteste mit Musikinstrumenten, als würden sie gerade ein himmlisches Konzert vorbereiten.

    Auf der Mittelsäule sitzt der Apostel Jakobus und empfängt gewissermaßen die ankommenden Pilgernden. Besonders faszinierend sind die Gesichter der Figuren. Manche wirken ernst, andere beinahe lebendig, einige scheinen miteinander zu sprechen oder sich anzusehen. Für die Kunst des 12. Jahrhunderts war diese Ausdruckskraft außergewöhnlich.

    Wir ließen uns Zeit, die Figuren und die vielen Einzelheiten anzusehen.

    Fotografieren ist dort strengstens verboten. Sagen wir es so: Vollkommen ohne persönliches Erinnerungsbild verließen wir den Pórtico trotzdem nicht 🤭😉

    Danach gingen wir wieder zu Froiz und kauften uns Empanadas – eine mit Apfel und eine mit Gemüse. Die aßen wir anschließend in unserer Unterkunft bei einer Tasse Kaffee.

    Nach dieser kleinen Stärkung besuchten wir das Kathedralmuseum, wandelten auf der Balkongalerie mit schönem Blick auf den großen Vorplatz der Kathedrale dem Praza do Obradoiro und hatten später noch etwas Zeit, bevor der nächste Programmpunkt begann.

    Und wieder landeten wir dort, wo wir an diesem Tag offenbar immer wieder landeten: an der Kathedrale.

    Wir setzten uns auf die Praza do Obradoiro, suchten uns soweit möglich einen Platz außerhalb der prallen Sonne und beobachteten die Menschen.

    Immer wieder betraten erschöpfte Pilgernde den Platz, blieben stehen, sahen zur Kathedrale hinauf, umarmten sich oder ließen ihren Gefühlen einfach freien Lauf.

    Erst gestern waren wir selbst hier angekommen. Nun saßen wir am Rand und betrachteten dieselben Augenblicke bei anderen. Es war schön und bewegend zugleich. Vielleicht wurde uns gerade dabei noch einmal bewusst, was unser eigenes Ankommen eigentlich bedeutet hatte. Gestern waren wir Teil dieser Welle gewesen, heute saßen wir daneben und sahen andere genau diesen besonderen Moment erleben.

    Am frühen Abend folgte ein weiterer Höhepunkt: die Besteigung der Dächer der Kathedrale und des Torre da Carraca. Über mehr als 140 Stufen gelangten wir zunächst auf die gestuften steinernen Dächer der Kathedrale und anschließend weiter hinauf in den Turm. Von dort öffnete sich der Blick über die Dächer und Gassen von Santiago und weit hinaus über die Stadt.

    Das Licht war zu dieser Zeit besonders schön. Die große Hitze des Tages begann langsam nachzulassen, und der Blick von oben war großartig. Wir standen nun tatsächlich auf dem Gebäude, in dessen Schatten wir uns den ganzen Tag immer wieder bewegt hatten.

    Die Plätze rund um die Kathedrale wirkten plötzlich klein. Menschen bewegten sich wie winzige Figuren durch die Straßen, und ringsum lag die alte Stadt.

    Dieser Blick von oben war einer jener Momente, die sich nur schwer fotografieren lassen, weil das eigentliche Erlebnis in dem Gefühl besteht, dort oben zu stehen.

    Unter uns Santiago.

    Über uns der Himmel.

    Und irgendwo dazwischen wir drei.

    Nach so viel Kultur musste anschließend selbstverständlich auch etwas gegessen werden.

    Wir entschieden uns für eine besonders traditionsreiche Tapasbar namens Burger King 😂.

    Danach schlenderten wir noch einmal durch die Altstadt. Olaf kaufte sich zwei T-Shirts, während wir anderen zumindest ausführlich betrachteten, was man möglicherweise ebenfalls noch hätte kaufen können.

    Schließlich gingen wir zurück in unsere Unterkunft und packten bereits einen Teil unserer Rucksäcke.

    Santiago war der große Höhepunkt unseres Weges – aber noch nicht sein Ende.

    Vor uns liegt weiterhin der Weg nach Fisterra.

    Doch unser Tag im Schatten der Kathedrale war noch nicht ganz vorbei.

    Als es dunkel geworden war und die Straßenlaternen brannten, gingen wir noch einmal hinaus.

    Natürlich wieder zur Kathedrale.

    Diesmal wollten wir den berühmten Pilgerschatten sehen.

    An der Wand der Kathedrale auf der Praza da Quintana erscheint nachts durch das Zusammenspiel einer Laterne und einer Säule tatsächlich die Silhouette eines mittelalterlichen Pilgers mit Hut und Wanderstab.

    Natürlich handelt es sich um einen optischen Effekt.

    Aber Santiago wäre nicht Santiago, wenn sich darum nicht eine Legende ranken würde.

    Der bekanntesten Erzählung zufolge verliebte sich einst ein Geistlicher der Kathedrale in eine Nonne aus dem gegenüberliegenden Kloster San Paio de Antealtares. Beide sollen sich heimlich getroffen haben. Eines Nachts wollte der Geistliche mit ihr fliehen und wartete, als Pilger verkleidet, an der Kathedralwand auf seine Geliebte. Doch sie erschien nicht. Seitdem, so erzählt man sich, kehrt sein Schatten Nacht für Nacht an diesen Ort zurück und wartet noch immer auf sie.

    Irgendwie passte diese Geschichte perfekt zu unserem Tag.

    Morgens hatten wir vor der Sonne Schutz im Schatten der Kathedrale gesucht.

    Den ganzen Tag waren wir immer wieder zu ihr zurückgekehrt.

    Und nun, am Ende des Tages, standen wir tatsächlich vor ihrem berühmtesten Schatten.

    Bevor wir in unsere Unterkunft zurückkehrten, erlebten wir auf dem Kathedralenplatz noch eine musikalische Überraschung. Eine einheimische Band spielte bekannte spanische Melodien. Bei „Viva España“ wurde mitgeklatscht, und für einen Moment verwandelte sich der Platz in eine kleine sommerliche Freiluftbühne.

    Es war fröhlich, unkompliziert und ein schöner Abschluss dieses ungewöhnlich vollgepackten Ruhetages.

    Nun sitzen wir wieder in unserer Unterkunft.

    Die Rucksäcke sind zumindest größtenteils gepackt und vor uns steht noch ein Glas Rotwein.

    Vielleicht hilft es dabei, trotz der Wärme und des nächtlichen Lebens vor unserem Fenster diesmal etwas besser zu schlafen.

    Denn morgen verlassen wir den Schatten der Kathedrale wieder.

    Dann wird weitergewandert.

    Richtung Fisterra.

    Nachtrag Claudia:
    Unser Ruhetag hat tatsächlich eine andere Bezeichnung verdient, aber so ist es halt, wenn man sich in einer so wichtigen Stadt wie Santiago de Compostela aufhält. In kurzer Zeit so viel wie möglich sehen gehört einfach dazu.
    Mein absolutes Highlight war neben der Pilgermesse die Führung auf das Dach der Kathedrale. Mega! Die ruhige Atmosphäre, die Aussicht, und dass man sich wirklich wie auf einem Dach fühlt - überall nur Schrägen, ich empfehle festes Schuhwerk oder barfuß gehen 😉.
    Spät abends noch durch die Gassen laufen, überall die ausgelassenen und fröhlichen Gesichter sehen, den Musikern lauschen, die an jeder Ecke spielen, all das macht richtig Spaß - besser kann ein Tag nicht enden 🥰.
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  • Von Padrón nach Santiago de Compostela

    September 4 in Spain ⋅ ☀️ 32 °C

    Von Padrón nach Santiago de Compostela – Ankommen und doch noch nicht am Ende

    Unsere letzte Etappe vor Santiago begann nach einer erholsamen Nacht in unserer Wohnung in Padrón. Wir hatten uns dort ausgesprochen wohlgefühlt und gut geschlafen. Nach dem Aufstehen tranken wir zunächst einen Kaffee und bedankten uns per WhatsApp bei der Familie, die uns die Wohnung überlassen hatte.

    Zum Frühstück gingen wir in die Bar A Casa do Patín. In der benachbarten Bäckerei besorgte ich noch ein Brot, das wir später unterwegs essen wollten. Dann hieß es Abschied nehmen von Padrón. Auf der Brücke machten wir noch einmal ein Foto, im Hintergrund das erhöht über dem Ort liegende Convento do Carme. Wir kamen an der Kirche vorbei und folgten wieder den vertrauten gelben Pfeilen hinaus aus der Stadt.

    Schon bald erreichten wir Santa María a Maior de Iria Flavia. Dieser Ort ist wesentlich älter als das heutige Padrón: Iria Flavia war bereits in römischer Zeit von Bedeutung und blieb bis ins 11. Jahrhundert hinein Bischofssitz. Die Kirche gilt als eine der ältesten und geschichtlich wichtigsten kirchlichen Stätten Galiziens. Außerdem ist sie eng mit der Jakobusüberlieferung verbunden – genau jener Geschichte, die uns während der vergangenen Tage immer wieder begegnet war.  (Caminos de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/en/make-plans/…))

    Hinter Iria Flavia führte der Camino durch kleine Straßen und stille Dörfer. Am Weg begegneten uns Truthähne, Hühner und ein kleiner, ausgesprochen süßer Hund. Solche alltäglichen Beobachtungen gehörten längst genauso zu unserem Weg wie Kirchen, Wegkreuze und Pilgerstempel.

    Wenig später standen wir vor dem mächtigen Santuario da Escravitude. Die barocke Wallfahrtskirche stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde über einer Quelle errichtet, deren Wasser man einst heilende beziehungsweise wundertätige Kräfte zuschrieb. Die beiden schlanken Türme und die breite Freitreppe lassen das Heiligtum unmittelbar an der Straße fast noch größer erscheinen. Im Inneren befinden sich ein vergoldetes barockes Altarbild und Wandmalereien.  (Turismo Galician (https://www.turismo.gal/que-facer/santuarios-ma…))

    Der Tag wurde zunehmend heißer. An einem alten Waschhaus legten wir eine kurze Pause ein und cremten uns sorgfältig mit Sonnenmilch ein, denn die „goldene Scheibe“ über uns gewann immer mehr Kraft. Auf einer Mauer räkelte sich eine weiße Katze in der Wärme und beobachtete gelassen das Geschehen.

    Anschließend führte der Weg durch enge Gassen kleiner Dörfer. Besonders angenehm war, dass hier nicht alles auf Pilgernde ausgerichtet war. Keine Souvenirläden, keine aufdringlichen Schilder und nicht an jeder Ecke ein Stempelangebot – einfach Dörfer, in denen das normale Leben weiterging. Genau diese unaufgeregten Abschnitte wirkten wohltuend und authentisch.

    Über einen steinigen Pfad stiegen wir durch einen Wald hinauf. Oben wartete eine kleine Bar, später kamen wir an der bekannten Pilgerherberge von Teo vorbei. Der offizielle Camino führt hier über O Faramello und steigt anschließend weiter nach Rúa de Francos an.  (Caminos de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/en/make-plans/…))

    Merkwürdig war nur, dass uns heute viel weniger Pilgernde begegneten als noch am Vortag. Nach dem beinahe ununterbrochenen Strom von Menschen auf den letzten Kilometern vor Padrón wirkte die plötzliche Ruhe fast unheimlich. Für einen Moment fragten wir uns tatsächlich, wo all die anderen geblieben waren.

    Nicht weit vom Weg entfernt lag das Castro Lupario, auch Castro de Francos genannt. Wir sahen es zwar nicht direkt, doch seine Nähe war eine Erwähnung wert, denn der Ort spielt in der Jakobuslegende eine bedeutende Rolle. Der Überlieferung zufolge befand sich hier der Sitz der sagenhaften Königin Lupa. Nach der Ankunft des Leichnams des Apostels Jakobus in Galizien sollen seine Schüler die mächtige Herrscherin um Unterstützung und einen Begräbnisplatz gebeten haben. Zunächst stellte sie ihnen Hindernisse in den Weg, bevor sie sich schließlich bekehrte und die Bestattung des Apostels ermöglichte. Archäologisch handelt es sich um eine alte befestigte Siedlung, deren Nutzungsspuren von der Bronzezeit bis ins Mittelalter reichen.  (turismo.teo.gal (https://turismo.teo.gal/?utm_source=chatgpt.com))

    In Rúa de Francos erreichten wir die kleine Kapelle San Martiño und das davor stehende historische Wegkreuz. Der Ort war im Mittelalter von französischen Pilgern und Siedlern geprägt, worauf der Name „Francos“ noch heute hinweist. Das gotische Steinkreuz wird vermutlich in das 14. Jahrhundert datiert und zählt damit zu den ältesten erhaltenen bis Galiziens. Auf der Vorderseite ist der gekreuzigte Christus dargestellt. Seitlich befinden sich zwei kleine Pilgerfiguren, die mit bloßem Auge jedoch kaum zu erkennen waren.  (xacopedia.com (https://xacopedia.com/Rúa_de_Francos?utm_source…))

    Die Wärme machte uns inzwischen erheblich zu schaffen. Der Himmel war leicht bewölkt und diesig, doch dadurch wurde es keineswegs angenehmer. Die Luft stand vollkommen still. Kein Lüftchen sorgte für Abkühlung, und die Temperatur lag vermutlich bei 31 oder 32 Grad. Jeder Anstieg verlangte mehr Kraft als gewöhnlich, und selbst auf ebenen Abschnitten kamen wir nur noch langsam voran.

    In der A Tenda de Rosa legten wir deshalb eine dringend benötigte Pause ein. Jeder von uns trank ein Bier, dazu gab es ein Eis. Für einen Moment konnten wir sitzen, etwas abkühlen und neue Kraft für die letzten Kilometer sammeln.

    Bei O Milladoiro kamen wir an der kleinen Capela da Madalena, der Kapelle Santa María Magdalena, vorbei. Damit hatten wir praktisch schon den Vorort von Santiago erreicht. Der Name Milladoiro soll sich von „Humilladoiro“ ableiten – jenem Ort, an dem Pilgernde früher niederknieten, wenn sie erstmals die Türme der Kathedrale erblickten. Für Generationen von Menschen war dies der Augenblick, in dem das ferne Ziel plötzlich sichtbar und greifbar wurde.  (Caminos de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/gl/planifica/a…))

    Doch obwohl Santiago nun so nahe war, zog sich der Weg in die Stadt erstaunlich lange hin. An einem Wegscheidepunkt mussten wir uns noch für eine der ausgeschilderten Varianten entscheiden. Der von uns gewählte Weg führte durch einen größeren Park und anschließend immer tiefer in die Stadt hinein.

    Die Hitze, die stehende Luft und die vielen bereits zurückgelegten Kilometer hatten ihren Tribut gefordert. In einer kleinen Bar machten wir deshalb noch einmal Halt und tranken ein Bier. Santiago war zum Greifen nah – und doch schien die Kathedrale einfach nicht näher zu kommen.

    Dann gingen wir weiter.

    Straße für Straße, Gasse für Gasse. Die Häuser rückten dichter zusammen, immer mehr Menschen waren unterwegs, und schließlich öffnete sich vor uns der Praza do Obradoiro.

    Es war 16:30 Uhr, als wir den Kathedralenplatz erreichten.

    Plötzlich stand sie vor uns: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Nicht mehr als Bild auf einer Wegmarkierung, nicht mehr als fernes Ziel auf einer Karte und nicht mehr als Name, den wir seit Porto jeden Tag mit uns getragen hatten. Sie war wirklich da – groß, steinern und beeindruckend, über dem weiten Platz aufragend.

    Um uns herum herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Einige Menschen jubelten und umarmten sich. Andere standen schweigend vor der Kathedrale. Viele waren vollkommen erschöpft und lagen einfach auf dem Boden. Auf Gesichtern sah man Freude, Erleichterung, Stolz und manchmal auch Tränen.

    Olaf hatte Tränchen in den Augen, und auch Claudi war sichtlich ergriffen. Doch eigentlich waren wir alle bewegt. In diesem Augenblick fiel vieles von uns ab: die Anstrengung der heißen Etappen, der Regen in Portugal, die langen Straßen, die steilen Anstiege, die schmerzenden Füße und all die kleinen Momente, in denen man einfach weitergegangen war.

    Wir waren angekommen.

    Erschöpft und glücklich, beeindruckt und ein wenig fassungslos standen wir auf diesem Platz. Gleichzeitig mischte sich unter die Freude eine leise Traurigkeit. Santiago war der Höhepunkt unserer Reise, das Ziel, auf das wir so lange zugelaufen waren. Mit dem Erreichen der Kathedrale ging ein großer Teil unseres gemeinsamen Weges zu Ende.

    Und doch war dies noch nicht das endgültige Ende. Nach einem Ruhetag wollten wir weitergehen – bis nach Fisterra, dorthin, wo die Erde für die Menschen des Mittelalters scheinbar im Atlantik endete. Vielleicht machte gerade dieses Wissen den Augenblick etwas leichter: Wir mussten uns noch nicht vollständig vom Camino verabschieden.

    Schließlich setzten auch wir uns auf die großen Steinplatten des Platzes und legten uns später sogar für eine Weile auf den Boden. Wir sahen zur Kathedrale hinauf, beobachteten die ankommenden Pilgernden und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Niemand musste etwas erklären. Es genügte, einfach da zu sein.

    Wir machten Fotos und gingen anschließend zu unserer Unterkunft. Dort packten wir unsere Sachen aus und machten uns gleich wieder auf den Weg, um unsere Compostela, die Pilgerurkunde, abzuholen. Erst danach wurde geduscht.

    Am Abend gingen wir in unsere alte Stammpizzeria und aßen Pizza. In den Gassen trafen wir überraschend Vera und Peter wieder – und später noch einmal bei der Pizzeria. Es war eine dieser typischen Begegnungen auf dem Camino: Man verabschiedet sich, glaubt, sich vielleicht nie wiederzusehen, und plötzlich stehen dieselben Menschen wieder vor einem.

    Eigentlich hatten wir Vera und Peter versprochen, uns am Abend noch auf ein Getränk zu treffen. Inzwischen waren wir jedoch so erschöpft, dass wir darauf verzichten mussten. Die beiden hatten dafür vollkommenes Verständnis. Am nächsten Tag wollten sie mit dem Bus zurück nach Porto fahren und am Sonntagmorgen nach Stuttgart fliegen.

    Nach einem kleinen Einkauf kehrten wir schließlich in unsere Unterkunft zurück. Unsere Kräfte waren aufgebraucht. Wir nahmen noch unser tägliches Fazitvideo auf und wollten danach nur noch ins Bett.

    Am nächsten Morgen wartete bereits ein volles Programm auf uns: Wir wollten die Kathedrale und ihre besonderen Orte ausführlich besichtigen. Doch an diesem Abend mussten wir nichts mehr sehen und nichts mehr erreichen.

    Wir waren in Santiago angekommen.

    Und während über den Gassen der Stadt langsam der Abend hereinbrach, wussten wir: Ein bedeutender Teil unserer Reise war vollendet. Der Weg hatte uns bis hierhergebracht, hatte uns erschöpft, überrascht, berührt und zusammenwachsen lassen.

    Aber er war noch nicht ganz vorbei.

    Hinter Santiago wartete bereits der Weg nach Westen – nach Fisterra und weiter in Richtung Meer.

    Nachtrag Claudia:
    Ich habe mein Fenster geöffnet und höre viele Menschen die Straße entlanglaufen, so viele von denen sind den gleichen Weg gelaufen wie wir, mit den gleichen Strapazen und der gleichen Vorfreude. Dieses Gefühl der Gemeinsamkeit ist besonders und geht zu Herzen, denn viele pilgern allein und nur für sich, und trotzdem besteht auf dem ganzen Weg ein Gefühl der Gemeinschaft.
    Für mich war dieser Weg bis hierher besonders, weil ich festgestellt habe, wie viel Schönes ich nur durch das Gehen erleben konnte, wie viel Ausdauer in einem steckt und wie wertvoll es für mich ist, das mit Olaf und Guido zusammen zu erleben.
    Wir haben Santiago erreicht, und ich bin froh, dass es noch etwas weitergeht.
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  • Von Caldas de Reis nach Padrón

    September 3 in Spain ⋅ ☀️ 29 °C

    Von Caldas de Reis nach Padrón – ein besonderer Morgen, tierische Begegnungen und große Hitze

    Unser heutiger Wandertag begann in Caldas de Reis zunächst ganz entspannt. Bevor wir uns auf den Weg machten, frühstückten wir in der Bar Número 2 und stärkten uns für die vor uns liegende Etappe. Unser ursprünglicher Plan sah vor, kurz vor Padrón noch den Weg über Herbón zu nehmen. Doch noch ahnten wir nicht, wie sehr die Hitze unsere Planung später beeinflussen würde.

    Nachdem wir Caldas de Reis verlassen hatten, kamen wir an der kleinen Kapelle San Roque und dem dazugehörigen Brunnen vorbei. Solche kleinen Kapellen am Wegesrand gehören für mich zum Jakobsweg genauso dazu wie die großen Kirchen und Kathedralen. Sie wirken oft unscheinbar, waren für frühere Pilgernde aber wichtige Orte zum Innehalten, Beten und manchmal auch zum Auffüllen ihrer Wasservorräte.

    Der Morgen entwickelte eine ganz besondere Stimmung. Die Sonne drang zunächst nur vorsichtig durch die Wolken und fiel später durch das dichte Blätterdach der Bäume auf den Weg. Das Licht wechselte ständig zwischen Schatten und warmen Sonnenflecken. Obwohl wieder viele Pilgerinnen und Pilger unterwegs waren, wirkte alles ungewöhnlich ruhig. Fast schien es, als hätten alle gespürt, dass dies gerade ein besonderer Moment war. Gespräche wurden leiser, Schritte langsamer, und für einige Stunden lag über dem Weg eine friedliche, beinahe feierliche Atmosphäre.

    Wir genossen diesen wunderschönen Morgen sehr. Der Camino führte uns erneut durch die sattgrüne galicische Landschaft, vorbei an Wiesen, kleinen Ortschaften und immer wieder durch schattige Waldabschnitte. Gerade diese Wälder waren heute ein Geschenk, denn schon früh ließ sich erahnen, dass es ein ausgesprochen heißer Tag werden würde.

    Auch tierisch war heute einiges los. Auf den Wiesen sahen wir Rinder und kleine Kälbchen, und an anderer Stelle konnten wir beobachten, wie einige Gänse eine Katze energisch aus ihrem Revier vertrieben. Die Katze hatte offenbar nicht mit einer derart geschlossenen Gegenwehr gerechnet und zog sich lieber zurück.

    Später begegneten wir einem kleinen weiß-braunen Hundewelpen. Er war so süß und zutraulich, dass man ihn am liebsten einfach auf den Arm genommen und mit auf den Camino getragen hätte. Aber so verlockend der Gedanke auch war: Der kleine Kerl gehörte natürlich hierher und musste bleiben. Wir gingen also ohne tierischen Neuzugang weiter – auch wenn es schwerfiel.

    Unterwegs sorgte auch Claudis dringend notwendige Toilettenpause für eine jener kleinen Geschichten, die auf einer Pilgerreise irgendwann genauso fest zum Tagesgedächtnis gehören wie Kirchen und Landschaften. Irgendwie spielte dabei am Ende sogar noch ein Spiegelei eine Rolle. Der Camino schreibt eben seine ganz eigenen Geschichten.

    In O Cruceiro und rund um Carracedo führte der Weg erneut durch schöne Waldstücke. Im Ort Campo erreichten wir die Igrexal de Santa Mariña de Carracedo. Ich erinnerte mich noch daran, dass vor der Kirche früher auffällige Palmen gestanden hatten. Heute bot sich uns ein etwas anderes Bild.

    Die Kirche steht unmittelbar am historischen Portugiesischen Jakobsweg. Ihre Ursprünge werden mit einem mittelalterlichen Kloster in Verbindung gebracht, das bereits im 12. Jahrhundert erwähnt wurde. Der heutige Bau wurde später mehrfach verändert und zeigt vor allem barocke Elemente; besonders auffällig ist sein kräftiger, beinahe wehrhaft wirkender Glockenturm. Seit Jahrhunderten kamen Pilgernde hier vorbei und nutzten den Ort zum Ausruhen und Beten. (Galicia Máxica (https://www.galiciamaxica.eu/galicia/pontevedra…))

    Später machten wir in der Bar Buen Camino in San Miguel eine Pause. Inzwischen war es schon deutlich wärmer geworden. Wir befanden uns nun im Gebiet von Valga und wollten uns anschließend noch die Igrexa de San Miguel de Valga ansehen. Die kleine neoklassizistische Kirche stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und bildet gemeinsam mit dem angrenzenden Friedhof das Zentrum der kleinen ländlichen Gemeinde. (Gronze (https://www.gronze.com/galicia/pontevedra/san-m…))

    Während wir in der Bar saßen, wurde natürlich darüber diskutiert, wie man sich bei diesem geradezu winterlichen Wetter am besten schützen könnte. Olaf dachte darüber nach, sein Jäckchen anzuziehen, Claudi legte vorsichtshalber ihr Halstuch um, und eigentlich hätte nur noch die dicke Bettdecke gefehlt, um sich unterwegs ordentlich zuzudecken. In Wirklichkeit brannte die Sonne inzwischen erbarmungslos vom nahezu wolkenlosen Himmel. Aus dem angenehm warmen Vormittag war ein heißer Mittag geworden, und der Weg bot nun nicht mehr überall den wohltuenden Schatten des Waldes.

    Wir durchquerten Pontecesures und gingen über die Brücke, die den Río Ulla überspannt. Der Ulla bildet hier zugleich die Grenze zwischen den Provinzen Pontevedra und A Coruña. Nun war Padrón nicht mehr weit entfernt.

    Spätestens auf dieser Brücke trafen wir die endgültige Entscheidung, unseren ursprünglichen Plan zu ändern. Eigentlich hatten wir über Herbón gehen wollen. Dieser Abstecher hätte unsere Etappe jedoch verlängert, und bei inzwischen etwa 31 Grad erschien uns das nicht mehr sinnvoll. Die berühmten Paprikaschoten von Herbón mussten also ohne unseren heutigen Besuch auskommen.

    Stattdessen gingen wir auf direktem Weg nach Padrón. Die Entscheidung fiel uns angesichts der Hitze nicht besonders schwer. Unser neues Ziel lautete: möglichst bald ein schattiges Café erreichen, ein Eis essen und vielleicht ein kühles Bier trinken.

    Noch vor dem eigentlichen Ortszentrum kehrten wir im Café A Ponte do Peregrino ein. Dort wurden uns praktisch ein Bier und jeweils ein Eis aufgezwungen – wir hatten also gar keine andere Wahl, als beides zu uns zu nehmen. Olaf traf es besonders hart: Er musste sogar noch ein zweites Eis essen.

    Unterwegs hatte ich mir außerdem eine handgefertigte Kette gekauft. Kurzzeitig stellte sich allerdings die Frage, wo ich sie eigentlich hingesteckt hatte. Zum Glück tauchte sie wieder auf. Der Camino nimmt einem manchmal zwar Kräfte und Konzentration, aber nicht unbedingt sofort den neu erworbenen Schmuck.

    Nach unserer Pause überquerten wir die Brücke nach Padrón und gingen weiter in Richtung Unterkunft. Die Temperatur war inzwischen auf rund 31 Grad gestiegen, später sollten es sogar bis zu 34 Grad werden. Jeder zusätzliche Meter fühlte sich nun deutlich länger an als am Morgen.

    Als wir unsere Ferienwohnung erreichten, stand zufällig gerade ein Mann unten an der Tür und verabschiedete seine Familie. Später stellte sich heraus, dass es der Sohn unserer Vermieterin war. Claudi und Olaf fuhren mit dem Aufzug nach oben, während ich die Treppen bis in den vierten Stock nahm.

    Oben wurden wir von der Vermieterin und ihrem Sohn sehr freundlich begrüßt. Beide zeigten uns ausführlich die Wohnung, erklärten, wo sich alles befand und wo wir unsere Wäsche waschen konnten. Die Begrüßung war herzlich und unkompliziert, und wir fühlten uns sofort willkommen.

    Zunächst duschten wir, ruhten uns aus und ließen die größte Hitze etwas vorbeiziehen. Danach wollten wir uns Padrón natürlich trotzdem noch ansehen. Schließlich ist dieser Ort für die Geschichte des Jakobsweges von ganz besonderer Bedeutung.

    Unser wichtigstes Ziel war die Igrexa de Santiago Apóstolo de Padrón. Die heutige Kirche ist ein neoklassizistischer Bau, steht jedoch an einem Ort, an dem sich bereits seit dem Mittelalter Vorgängerbauten befanden. Unter dem Hauptaltar wird der berühmte Pedrón aufbewahrt – ein römischer Altarstein, der vermutlich ursprünglich dem Meeresgott Neptun geweiht war. Von diesem Stein soll sich auch der Name Padrón ableiten. (padron.gal (https://padron.gal/es/component/k2/item/360-pad…))

    Anschließend sahen wir uns die Fuente del Carmen an. Der Brunnen wurde ursprünglich im Jahr 1577 errichtet und später umgestaltet. Seine steinernen Darstellungen greifen die Jakobuslegende auf: Zu sehen sind unter anderem die Ankunft des Apostels beziehungsweise seines Leichnams und die Taufe der sagenhaften Königin Lupa. (Padrón Turismo (https://www.padronturismo.gal/en/for-enjoying/c…))

    Danach stiegen wir noch zum Convento del Carmen hinauf. Das auf einem felsigen Hang errichtete Kloster stammt aus dem 18. Jahrhundert. Zunächst lebten hier unbeschuhte Karmeliten; nach der Auflösung zahlreicher spanischer Klöster im Zuge der Desamortisation von 1836 wurde es von Dominikanern übernommen. Vom frei zugänglichen Vorplatz hatten wir einen schönen Überblick über Padrón. (Padrón Turismo (https://www.padronturismo.gal/es/disfruta/cultu…))

    Padrón und die Geschichte des Apostels Jakobu:

    Padrón gilt als eine der Wiegen der jakobinischen Tradition. Dabei muss man klar zwischen historisch belegten Ereignissen und der religiösen Überlieferung unterscheiden.

    Historisch überliefert ist, dass Jakobus der Ältere zu den zwölf Aposteln Jesu gehörte. Er war der Sohn des Zebedäus und Bruder des Apostels Johannes. Nach der Apostelgeschichte wurde er unter König Herodes Agrippa I. vermutlich um das Jahr 44 in Jerusalem getötet und gilt als erster Märtyrer unter den Aposteln.

    Was danach geschah, gehört zur christlichen Überlieferung: Der Legende zufolge bargen seine Schüler Theodor und Athanasius den Leichnam und brachten ihn mit einem Schiff von Jaffa im Heiligen Land bis an die galicische Küste. Von der Ría de Arousa sollen sie über den Río Ulla bis zum damaligen Hafen von Iria Flavia gelangt sein – in die Gegend des heutigen Padrón.

    Dort, so erzählt es die Tradition, befestigten sie das Boot an jenem römischen Altarstein, der heute als Pedrón unter dem Hauptaltar der Kirche von Padrón steht. Aus dem Pedrón wurde im Laufe der Zeit der Ortsname Padrón. (blog.turismo.gal (https://blog.turismo.gal/el-pedron-de-padron-co…))

    Von Padrón aus sollen die Schüler den Leichnam des Apostels ins Landesinnere gebracht und schließlich an einem Ort bestattet haben, an dem Jahrhunderte später Santiago de Compostela entstehen sollte. Die Kathedrale von Santiago beschreibt diese Überführung selbst ausdrücklich als Überlieferung; schriftliche Hinweise auf die Verehrung der Gebeine entstanden erst viele Jahrhunderte nach dem angenommenen Tod des Apostels. (catedraldesantiago.es (https://catedraldesantiago.es/la-traslacion-del…))

    Damit ist Padrón in der Legende nicht einfach nur eine weitere Station vor Santiago. Padrón ist der Ort, an dem die Geschichte des Apostels in Galicien begonnen haben soll. Für Pilgernde ist es deshalb ein besonderer Gedanke, von hier am folgenden Morgen nach Santiago aufzubrechen und damit symbolisch dem Weg zu folgen, den nach der Überlieferung bereits die sterblichen Überreste des Apostels genommen haben.

    Nach unserem Rundgang gingen wir noch in einen Supermarkt und kauften alles für unser Abendessen ein. Zurück in der Unterkunft stellten wir fest, dass es auf der Veranda viel zu heiß war. Die Temperaturen hatten zeitweise etwa 34 Grad erreicht. Deshalb blieben wir lieber in der Küche, kochten, aßen gemeinsam und ließen den Tag noch einmal Revue passieren.

    Es war erneut ein wunderschöner Tag. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der Morgen mit seinem weichen Licht, das durch die Wolken und später durch das Blätterdach fiel. Diese ruhige Stimmung hatte mehrere Stunden angehalten. Selbst zwischen den vielen Pilgerinnen und Pilgern entstand das Gefühl, dass alle gerade etwas Besonderes erlebten. Niemand musste viel sagen. Man ging einfach weiter, genoss die Sonne, den Wald und den Augenblick.

    Am Abend saßen wir nun in Padrón – dem Ort, an dem nach der Legende einst das Schiff mit dem Apostel ankam. Morgen werden wir nach Santiago de Compostela gehen. Wegen der erneut angekündigten Hitze wissen wir noch nicht genau, wann wir dort eintreffen werden. Vermutlich wird es gegen 16 oder 17 Uhr sein.

    Wir wollen auch diese letzte Etappe ruhig angehen, nichts erzwingen und den Tag bewusst erleben. Und dann werden wir hoffentlich entspannt in Santiago ankommen – an dem Ort, auf den all die gelben Pfeile der vergangenen Wochen hingewiesen haben.
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  • Von Pontevedra nach Caldas de Reis

    September 2 in Spain ⋅ ☀️ 26 °C

    Grüne Wege und eine besondere Begegnung – von Pontevedra nach Caldas de Reis

    Wir hatten alle gut geschlafen – Claudi vermutlich sogar am besten. Vor allem die wunderbar dicke und gemütliche Decke hatte es ihr angetan. Bevor wir jedoch Pontevedra verlassen konnten, wartete noch eine kleine handwerkliche Aufgabe auf mich: Die Toilettenspülung brauchte etwas Überredungskunst, damit wieder genügend Wasser in den Spülkasten lief. Nach ein wenig Reparaturarbeit funktionierte sie tatsächlich wieder, und damit stand unserem Aufbruch nichts mehr im Wege.

    Angezogen und mit gepackten Rucksäcken gingen wir zunächst noch einmal zur „Muschelkirche“, wie wir das Santuario da Virxe Peregrina inzwischen nannten. Ihre ungewöhnliche Form erinnert tatsächlich an eine Jakobsmuschel. Das Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Heiligtum ist der Schutzpatronin der Provinz Pontevedra und des Portugiesischen Jakobsweges gewidmet – passender hätte unser erster Halt also kaum sein können.

    Wir holten uns dort den ersten Stempel des Tages, sahen uns noch einmal in der Kirche um und stellten uns anschließend vor dem Brunnen auf, bevor wir zum Café El Pasaje weitergingen. Dort frühstückten wir in Ruhe und sammelten Kraft für die vor uns liegende Etappe.

    Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen, und die Temperaturen sollten im Laufe des Tages bis auf etwa 30 Grad steigen. Wir liefen noch einmal durch Pontevedra und verließen die Stadt schließlich über die Ponte do Burgo. Diese Brücke ist viel mehr als nur eine Verbindung über den Río Lérez. Die heutige mittelalterliche Steinbrücke ersetzte einen älteren Übergang aus römischer Zeit und war über Jahrhunderte einer der wichtigsten Zugänge zur Stadt. Noch heute führt der Portugiesische Jakobsweg über ihre Bögen, an denen steinerne Jakobsmuscheln an die vielen Generationen von Pilgernden erinnern.

    Gefühlt waren an diesem Morgen allerdings alle diese Pilgergenerationen gleichzeitig unterwegs. Vor uns, hinter uns und neben uns liefen Menschen mit Rucksäcken und Wanderstöcken. Zeitweise glaubten wir, mitten in einer größeren asiatischen Reisegruppe gelandet zu sein. So voll hatten wir den Camino bisher kaum erlebt.

    Nach und nach ließen wir die Stadt hinter uns. Der Weg führte über kleinere Straßen und durch die ersten ländlichen Ortschaften. An der kleinen Capela de San Caetano legten wir einen kurzen Halt ein und holten uns einen weiteren Stempel. Gerade solche unscheinbaren Kapellen gehören für uns immer mehr zum Jakobsweg. Sie sind vielleicht keine großen Kathedralen und stehen in keinem Reiseführer ganz oben, doch häufig erzählen sie besonders viel über die Menschen, die hier leben. Seit Jahrhunderten bieten solche kleinen Gotteshäuser Reisenden einen Platz zum Innehalten, für ein Gebet oder einfach für einen Moment der Ruhe.

    Von San Caetano aus wurde die Landschaft immer grüner. Wir liefen zunächst auf kleinen Straßen, die teilweise parallel zur Eisenbahnlinie verliefen. Hin und wieder hörten wir einen Zug vorbeifahren, ohne ihn zwischen den Bäumen immer sehen zu können. Das Geräusch der Eisenbahn mischte sich mit Vogelstimmen, dem Rascheln der Blätter und den Schritten der vielen Menschen auf dem Weg.

    Wir durchquerten mehrere kleine Ortschaften, doch den größten Teil dieser Etappe bestimmten herrliche Wälder. Hinter San Caetano führt der offizielle Camino durch die dicht bewachsenen Waldgebiete von Reirís und Lombo da Maceira. Über eine kleine Steinbrücke überquert der Weg dabei den Bach Rego do Cárcere und erreicht schließlich das Gemeindegebiet von Barro.

    Diese Wälder waren eine Wucht. Rechts und links des Weges lagen große, von Moos überwachsene Steine. Das Grün schien überall zu sein: auf den Felsen, an den Baumstämmen, auf dem Boden und zwischen den Wurzeln. Sonnenstrahlen brachen durch die Baumwipfel und warfen wandernde Lichtflecken auf den Weg. Obwohl viele Menschen unterwegs waren, wirkte der Wald stellenweise still, lauschig und beinahe mystisch. Es erinnerte uns an die wunderschönen Waldwege der vergangenen Tage. Wieder hatten wir das Gefühl, nicht einfach nur durch eine Landschaft zu laufen, sondern für einige Zeit ein Teil von ihr zu werden. Der Camino zeigte sich an diesem Tag von einer besonders grünen Seite.

    Später erreichten wir San Amaro. In der A Pousada do Peregrino machten wir eine längere Pause und stärkten uns mit einem Bocadillo con Tortilla. Nach den warmen Kilometern schmeckte es besonders gut.

    Bevor wir weitergingen, besuchten wir auch die kleine Capela de San Amaro und holten uns dort einen weiteren Stempel. Der Ort verdankt sogar seinen Namen dieser Kapelle, die unmittelbar am Portugiesischen Jakobsweg liegt. Wieder war es eines dieser kleinen Gotteshäuser, an denen man leicht vorbeilaufen könnte – und die dennoch fest mit der Geschichte des Weges und der Umgebung verbunden sind.

    Dort begegneten wir zum ersten Mal einem jungen deutschen Paar. Zunächst wechselten wir nur einige Worte, bevor jeder wieder in seinem eigenen Tempo weiterging. Wenig später trafen wir die beiden erneut, und aus dem kurzen Kontakt entwickelte sich ein langes und ausgesprochen angenehmes Gespräch.

    Die beiden hießen Vera und Peter und kamen aus Esslingen. Vera ist 28 Jahre alt und seit Kurzem Grundschullehrerin, Peter studiert noch. Sie sind verlobt und wollen Ende Februar des kommenden Jahres heiraten.

    Für beide war es der erste Jakobsweg. Besonders Vera hatte vorher Zweifel gehabt, ob ihr dieses „Wandern beziehungsweise Pilgern“ überhaupt gefallen würde. Nun war sie selbst überrascht, wie gut ihr der Weg tat. Sie erzählte davon, dass sie hier ihre Gedanken neu sortieren, Abstand vom Alltag gewinnen und vieles mit anderen Augen betrachten könne. Auch Peter schien diese Zeit zu genießen. Der Camino tat ihnen offenbar nicht nur jeweils für sich gut, sondern auch als Paar. Überraschend fanden beide, dass ausgerechnet die Regentage zu ihren schönsten Tagen gehört hatten. Gerade an diesen Tagen hatten sie besonders viel gelacht und den meisten Spaß miteinander gehabt. Das konnten wir gut nachvollziehen – schließlich hatten auch wir erlebt, dass Regen auf dem Camino nicht zwangsläufig einen schlechten Tag bedeutet. Manchmal entstehen gerade dann die Geschichten, an die man sich später besonders gern erinnert.

    Von da an liefen wir eine ganze Weile gemeinsam weiter. Aus unserer Dreiergruppe war für die letzten Kilometer eine kleine Gemeinschaft aus fünf Menschen geworden. Wir erzählten von unseren bisherigen Wegen, von unseren Erfahrungen, von Deutschland, vom Pilgern und natürlich von dem, was noch vor uns lag.

    Mitten in einem der Waldabschnitte wartete eine echte Überraschung auf uns: Am Wegesrand stand ein Polizeiwagen, und die Beamten verteilten Stempel für die Pilgerausweise. Natürlich ließen auch wir uns diesen ungewöhnlichen Stempel nicht entgehen. Einen Polizeistempel im Pilgerpass bekommt man schließlich nicht alle Tage. Wir freuten uns darüber fast wie Kinder – wahrscheinlich gerade deshalb, weil diese Begegnung so unerwartet kam.

    Der Weg führte erneut an der Eisenbahnlinie entlang, durch kleine Ortschaften und später wieder durch ein Stück Wald. Es war erstaunlich, wie schnell die Kilometer vergingen, wenn man sich angeregt unterhielt. Irgendwann machten wir gemeinsam bei O Cuberto Halt. Wir setzten uns zusammen, tranken etwas und führten unsere Gespräche noch eine ganze Weile fort.

    Diese Begegnung gehörte für uns zu den besonders schönen Momenten des Tages. Auf dem Jakobsweg kennt man sich manchmal nur für einige Stunden und erzählt sich dennoch Dinge, für die man im Alltag vermutlich viel länger brauchen würde. Man läuft ein Stück gemeinsam, teilt Gedanken und Erfahrungen – und irgendwann trennen sich die Wege wieder.

    Nach unserer Pause machten wir uns zu fünft auf die letzten Kilometer. Schließlich erreichten wir Caldas de Reis. Kurz vor der alten Steinbrücke verabschiedeten wir uns voneinander. Vera und Peter mussten noch etwas weiterlaufen, da ihre Unterkunft außerhalb des Ortes lag. Dadurch wollten sie sich den nächsten Tag verkürzen, denn von Santiago aus sollte es für sie später wieder zurück nach Deutschland gehen. Viel Zeit blieb ihnen also nicht.

    An der Ponte Bermaña trennten sich unsere Wege. Die dreibogige Steinbrücke wird traditionell auf einen römischen Ursprung zurückgeführt und mit der alten Via XIX in Verbindung gebracht. Diese Straße verband in der Antike wichtige Städte des römischen Gallaecia. Heute führt der Jakobsweg über die Brücke – und damit Menschen aus aller Welt, die an derselben Stelle den kleinen Río Bermaña überqueren.

    Während Vera und Peter weiterzogen, lag unsere Unterkunft direkt in der Nähe. Wir betraten die Wohnung und waren sofort begeistert. Sie war wirklich zauberhaft: zwei Schlafzimmer mit einer sehr schöne Küche und ein gemütlicher Aufenthaltsraum und einem kleinen Balkon. Nach den vielen Kilometern fühlte es sich fast ein wenig wie Luxus an.

    Wir ruhten uns aus, duschten und gingen später noch einmal in den Ort. Unser Ziel war die Iglesia de Santo Tomé Becket, wo wir uns einen weiteren Pilgerstempel holten. Die Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und ist Thomas Becket, dem früheren Erzbischof von Canterbury, gewidmet. Becket soll Caldas de Reis im 12. Jahrhundert auf seiner Reise nach Santiago durchquert haben. Teile der Kirche wurden aus Steinen der früheren Torre de Doña Urraca errichtet.

    Anschließend sahen wir uns die Fonte das Burgas an. Die Thermalquellen haben die Geschichte des Ortes maßgeblich geprägt. Schon seit der Römerzeit werden die warmen Quellen genutzt, und auch der Name „Caldas“ verweist auf diese Thermalwassertradition. Bis heute gehören die Quellen zu den bekanntesten Besonderheiten der Stadt.

    Nicht weit von der Quelle entfernt entdeckten wir außerdem eine schön gearbeitete Pilgerfigur aus Holz. Natürlich mussten wir sie uns genauer ansehen und fotografieren. Solche Figuren begegnen uns auf dem Weg immer wieder, und jede scheint auf ihre eigene Weise von den Menschen zu erzählen, die hier bereits vorübergezogen sind.

    Danach gingen wir noch zum Supermarkt Froiz, kauften Lebensmittel ein und kehrten in unsere Unterkunft zurück. Wir kochten gemeinsam, aßen Eis und nahmen für eine Freundin ein kleines Video zum Geburtstag auf. Später gingen wir den Tag noch einmal in Gedanken durch.

    Es war erneut ein sehr schöner Tag, den wir zu dritt erleben durften. Wir hatten unzählige Pilgerinnen und Pilger gesehen, manche zum ersten Mal und andere offenbar schon mehrfach. Einige Gesichter kamen uns bekannt vor, bei manchen wussten wir sogar genau, an welcher Stelle des Weges wir ihnen zuvor begegnet waren. Bei der großen Zahl an Menschen war das manchmal fast ein wenig komisch.

    Der Camino war an diesem Tag wirklich außergewöhnlich voll. Teilweise liefen 30 oder 40 Menschen vor beziehungsweise hinter uns. Dennoch gab es immer wieder stille Augenblicke: in einer kleinen Kapelle, auf einer alten Brücke oder zwischen moosbewachsenen Steinen im Wald.

    Und dann war da unsere Begegnung mit Vera und Peter. Sie zeigte uns wieder einmal, dass der Jakobsweg nicht nur aus Kilometern, Stempeln und Zielorten besteht. Er besteht vor allem aus Menschen und aus den Geschichten, die sie für eine Weile miteinander teilen.

    Wir drei waren glücklich und zufrieden in Caldas de Reis angekommen. Die Stimmung unter uns war gut, wir fühlten uns wohl und freuten uns auf den nächsten Tag. Morgen würde uns der Weg nach Padrón führen, und übermorgen sollten wir bereits Santiago de Compostela erreichen.

    Das große Ziel rückte immer näher.

    Nachtrag Claudia:

    Heute war ein Tag der Begegnungen - mit anderen Leuten, die wir auf den Weg kennengelernt haben, Vera und Peter, was sehr schön und interessant war, und mal wieder mit sich selbst.
    An den ersten Tagen gehört die Aufmerksamkeit eher dem Körper, wie er die Anstrengung verkraftet, wie es den Füßen und dem Rücken geht, wie gut kann ich schlafen; nach etwa einer Woche findet man seinen eigenen Laufrhythmus und fängt an, über sich nachzudenken und zu spüren, wie es einem mental geht, was unverarbeitet ist, was einen bewegt und beschäftigt. Es fällt einem leichter, über sich selbst nachzudenken und zu öffnen - und ich glaube, dass auch das eine Besonderheit dieses Weges ist.
    Auf jeden Fall überrascht dich der Jakobsweg jeden Tag auf's Neue 💖.
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  • Von Redondela nach Pontevedra

    September 1 in Spain ⋅ ☀️ 25 °C

    Von Redondela nach Pontevedra – Gelassenheit im Pilgerstrom

    Unsere Nacht in Redondela war eher mäßig erholsam und haben alle nicht so gut geschlafen und niemand wusste so recht warum. Immerhin kamen wir am Morgen gut aus den Betten und verließen die Unterkunft recht zügig. Direkt nebenan entdeckten wir eine kleine Heladería, in der es nicht nur Eis, sondern auch Frühstück gab. Wir bestellten Bocadillos con Tortilla, frisch gepressten Orangensaft und Kaffee – einfach, lecker und eine gute Grundlage für die heutige Etappe.

    Anschließend kamen wir noch einmal an der Fonte de Santiago vorbei, stiegen einige Treppen hinauf und befanden uns kurz darauf wieder auf dem Jakobsweg. Und wir waren nicht allein: Bereits am frühen Morgen waren auffallend viele Pilger:innen unterwegs. Wir verließen Redondela, durchquerten kleinere Ortschaften und folgten dem Weg durch das übliche galicische Auf und Ab. Es ging bergauf, wieder bergab und kurz darauf erneut bergauf. Bald wurde uns warm, die Jacken wurden ausgezogen, verstaut und wir arbeiteten uns schwitzend weiter voran.

    Zwischendurch führte der Weg durch Waldstücke und eröffnete uns immer wieder schöne Ausblicke auf die Ría de Vigo und die Bucht von San Simón. Schließlich erreichten wir Arcade. Dort kaufte sich Claudi ein kleines Notizbüchlein. Diesen Kauf sollte ich unbedingt erwähnen, denn das Notizbüchlein sei sehr wichtig und müsse auf jeden Fall im Reisebericht stehen. Hiermit wäre diese Pflicht also gewissenhaft erfüllt.

    Über die alte Ponte Sampaio überquerten wir den Río Verdugo. Die heutige Brücke stammt im Wesentlichen aus dem Mittelalter und überspannt den Fluss mit zehn Bögen. Im Jahr 1809 fand hier eine bedeutende Schlacht statt, bei der galicische Einheiten und bewaffnete Einwohner Napoleons Truppen besiegten. Heute wird die Brücke nicht mehr umkämpft, sondern vor allem von Pilger:innen überquert – und von denen gab es an diesem Tag mehr als genug.

    Hinter der Brücke ging es quer durch den kleinen Ort Ponte Sampaio. Der Weg führte durch ausgesprochen enge Gassen, vorbei an hübschen alten Häusern und immer wieder bergauf und bergab. An zahlreichen Stellen wurden Pilgerstempel angeboten. Man hätte sein Pilgerheft vermutlich innerhalb weniger Hundert Meter vollständig füllen können. Neu und voll im Trend sind derzeit auch eine Art Siegelstempel … Es muss halt immer wieder etwas Neues geboten werden 😂

    Danach tauchten wir wieder in einen Eukalyptuswald ein und legten eine erste Rast ein. Anschließend ging es über einen angenehm zu laufenden, stellenweise steinigen Pfad bergauf. Irgendwann wurde es plötzlich ungewöhnlich ruhig zwischen uns. Etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde gingen wir schweigend nebeneinander her. Später fragte ich Claudi und Olaf, ob sie dachten, ich hätte schlechte Laune. Beide bestätigten das vorsichtig.

    Ich erklärte ihnen jedoch, dass ich lediglich Gelassenheit übte. Besonders erfreulich sei, dass sich meine Gelassenheit offenbar auf sie übertragen habe und auch sie dadurch ihre Umgebung still und gelassen wahrnehmen konnten. Diese Erklärung freute die beiden so sehr, dass sie anschließend umgehend wieder mit dem Schnattern begannen. Olaf hatte damit auch seinen persönlichen Leitsatz für den heutigen Tag gefunden: Gelassenheit üben.

    Unsere nächste Pause machten wir in der Bar Casa Fermín. Dort gab es Tortilla und Bier. Draußen war es inzwischen sehr warm, der Camino ausgesprochen voll und auch in der Bar herrschte ein beachtlicher Geräuschpegel. Nach der Stärkung gingen wir weiter zur kleinen Capela de Santa Marta. Die Kapelle stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert und liegt unmittelbar am portugiesischen Jakobsweg. Wir schauten hinein und holten uns dort einen weiteren Stempel für unsere Pilgerausweise.

    Am Wegesrand grasten Kühe und Pferde und sorgten für etwas ländliche Ruhe, bevor wir bei O Pobo eine Entscheidung treffen mussten. Anstatt der normalen Strecke entlang der Straße wählten wir den etwas längeren Camiño Complementario nach Pontevedra.

    Und diese Entscheidung war goldrichtig.

    Der Weg führte nun am Río Tomeza entlang, der in Richtung Pontevedra auch als Río dos Gafos bezeichnet wird. Landschaftlich war dieser Abschnitt eine Wucht. Zwischen Bäumen, Farnen, moosbewachsenen Ufern und dem leise plätschernden Wasser wirkte der Weg beinahe wie eine Kulisse aus einem Märchen. Wir wechselten über kleine Brücken immer wieder die Flussseite und konnten uns kaum sattsehen.

    Es hätte ausgesprochen still und verwunschen sein können – wären da nicht die vielen anderen Pilger:innen gewesen, die ebenfalls von dieser wunderschönen Alternativroute erfahren hatten. So mussten wir uns das Märchen mit einer ganzen Menge Menschen teilen, von denen einige ihre Anwesenheit leider auch akustisch sehr deutlich machten. Trotzdem war es einfach wunderbar, hier entlangzugehen.

    Besonders eindrucksvoll war eine Unterführung unter der Eisenbahnstrecke nach Pontevedra. Gemeinsam mit dem Flüsschen führte der Weg durch den dunkleren Durchlass, sodass es für einen Moment wirkte, als würden wir durch eine kleine Höhle gehen. Danach näherte sich die Märchenlandschaft langsam ihrem Ende und die ersten Gebäude Pontevedras tauchten auf.

    Wir kamen an der öffentlichen Pilgerherberge und am Bahnhof vorbei und folgten zunächst weiter den gelben Pfeilen. In der historischen Altstadt erreichten wir das Santuario de la Virgen Peregrina. Wegen seines Grundrisses in Form einer Jakobsmuschel wurde das Heiligtum von Olaf kurzerhand zur „Muschelkirche“ erklärt. Das Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Gotteshaus ist der Pilgerjungfrau gewidmet und gehört zu den Wahrzeichen Pontevedras. Einen Stempel gab es dort gegen eine Spende.

    Durch die belebten Straßen der Altstadt liefen wir weiter zu unserer heutigen Unterkunft, der Casa Maruxa. Dort bezogen wir für diese Nacht ein Dreibettzimmer. Nach dem Duschen und einer wohlverdienten Pause machten wir uns erneut auf den Weg und gingen in der Rincón Peregrino Bar Tapería zu Abend.

    Anschließend wollten wir uns die „Muschelkirche“ noch einmal von innen ansehen. Wegen eines Gebets war sie jedoch für Besichtigungen geschlossen. Also gingen wir weiter zur Real Basílica de Santa María a Maior. Die eindrucksvolle Kirche wurde im 16. Jahrhundert mit Unterstützung der mächtigen Seefahrer- und Fischergilde Pontevedras errichtet. Besonders bekannt ist ihre reich verzierte Fassade, die beinahe wie ein riesiger steinerner Altar wirkt. Doch auch hier fand gerade eine Andacht statt, sodass wir uns mit einem Blick von außen begnügten.

    Unser Abendspaziergang führte uns noch zur Ponte do Burgo, der historischen Brücke über den Río Lérez. Schon in römischer Zeit befand sich hier ein Flussübergang; die mittelalterliche Nachfolgerin wurde zu einem Wahrzeichen der Stadt und gehört ebenfalls zum portugiesischen Jakobsweg. Danach ging es noch kurz in den Supermarkt und schließlich zurück in unsere Unterkunft.

    Vom Balkon unseres Zimmers blickten Claudi und Olaf auf die Praza Alonso de Fonseca mit der Fonte de Santa María und beobachteten eine Weile das abendliche Treiben auf dem Platz.

    Damit endete wieder ein schöner und abwechslungsreicher Pilgertag. Wir hatten mittelalterliche Brücken, enge Gassen, Eukalyptuswälder, grasende Tiere, kleine Kapellen und einen geradezu märchenhaften Flussweg erlebt. Lediglich die große Zahl der teilweise recht lauten Pilger:innen trübte die Idylle ein wenig.

    Der Camino war heute traumhaft schön – nur eben nicht besonders still. Vielleicht müssen wir morgen einfach noch etwas mehr Gelassenheit üben.

    Nachtrag Claudia:
    Zum Punkt Notizbuch: ich führe abends ein kleines Tagebuch, ein Geschenk von Annika; und da ich bis abends fast alles, was ich im Laufe des Tages als wichtig empfand, wieder vergessen habe, schreibe ich mir nun lieber Stichworte auf die 😊.
    Heute war es von den Wegen her sehr grün und sehr hügelig, die etwas körperliche Anstrengung und die gleichbleibende Bewegung hatte für mich etwas Meditatives, man kommt dabei gut zur Ruhe.
    Pontevedra ist ein wirklich hübsches, quirliges Städtchen, es gibt viel zu sehen - und ganz besonders der Blick von unserem Balkon ist mega!!! Und wieder war es ein sehr schöner Tag, der mich und uns ein Stück weitergebracht hat 🥰
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  • Von O Porriño nach Redondela

    August 31 in Spain ⋅ ☀️ 24 °C

    Von O Porriño nach Redondela – Viadukte, Pilgerpüppchen und die 3,50-Euro-Regel

    Heute Morgen verabschiedete uns O Porriño mit dichtem Nebel. Die Umgebung war zunächst nur schemenhaft zu erkennen, und so liefen wir nach dem Frühstück durch eine beinahe mystische Landschaft den gelben Pfeilen in Richtung Redondela hinterher.

    Dabei hielten wir aufmerksam nach dem berühmten Kilometerstein Ausschau, der die letzten 100 Kilometer bis Santiago anzeigen sollte. Wir suchten und suchten – gefunden haben wir ihn allerdings nicht. Entweder stand er besonders gut versteckt, oder der Nebel hatte ihn einfach verschluckt. So mussten wir ohne das eigentlich obligatorische Erinnerungsfoto weiterziehen.

    Auf dem Weg fiel uns auf, dass inzwischen deutlich mehr Pilgernde unterwegs waren. Vor uns, hinter uns und manchmal auch neben uns tauchten ständig Rucksäcke und Wanderstöcke auf. Je näher Santiago rückt, desto voller scheint der Camino zu werden. Einige Abschnitte führten leider unmittelbar an stark befahrenen Straßen entlang, sodass die Geräusche der Autos den sonst eher ruhigen Pilgeralltag begleiteten. Dazwischen gab es aber immer wieder angenehmere Wege durch grüne Landschaften und kleinere Ortschaften.

    Unsere letzte größere Pause vor Redondela machten wir in Mos. Besonders aufgefallen ist uns dort ein Schriftzug mit dem Namen des Ortes, der geklöppelt an einer Wand befestigt war. Eine ebenso einfache wie hübsche Idee, mit der sich Mos bei uns in Erinnerung brachte. In Mos kauften wir uns alle drei jeweils noch ein Armband im Pilgersouvenirshop 🤗

    Dann ging es weiter mit einem Anstieg und durch kleinere Ortschaften.

    Gegen 13:30 Uhr erreichten wir schließlich Redondela. Bereits beim Hineinlaufen kamen wir an einem kleinen Geschäft vorbei, in dessen Schaufenster gehäkelte Pilgerpüppchen saßen. Sie waren so niedlich, dass niemand von uns widerstehen konnte. Also kaufte sich jeder ein eigenes Püppchen, das nun an unseren Rucksäcken hängt – direkt neben den Jakobsmuscheln. Unsere kleine Pilgergruppe hat damit offiziell Zuwachs bekommen.

    Als wir an der öffentlichen Pilgerherberge vorbeikamen, wartete dort bereits eine lange Schlange von Pilgernden darauf, vielleicht noch eines der begehrten Betten zu ergattern. Direkt in diesem Zusammenhang besuchten wir auch die Iglesia de Santiago de Redondela, eine für den Jakobsweg bedeutende und dem Apostel Jakobus geweihte Kirche. Natürlich holten wir uns dort einen weiteren Stempel für unsere Pilgerpässe – vermutlich bereits den fünften an diesem Tag. Anschließend waren wir wieder einmal sehr froh darüber, dass unsere Unterkunft bereits fest gebucht war.

    Nachdem wir an der Haustür geklingelt hatten, wurden wir hineingelassen, fuhren bis in die sechste Etage, gaben den Türcode ein und nahmen unseren Schlüssel entgegen. Dahinter fanden wir drei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, zwei Balkone (mit herrlicher Aussicht über die Stadt) und – nicht zu vergessen – eine Waschmaschine. Claudi war angesichts der Auswahl so aufgeregt, als wäre sie bei „Germany’s Next Topmodel“ in die nächste Runde gekommen: Welches Zimmer? Welches Bett? Welche Aussicht? Erst nachdem sie sich entschieden hatte, durften auch Olaf und ich endlich ein Zimmer beziehen 😂

    Danach ließen wir die Waschmaschine gleich dreimal arbeiten. Natürlich wuschen wir nicht dreimal die Waschmaschine, sondern unsere Wäsche, die sich während der letzten Etappen zuverlässig angesammelt hatte. Alles wurde anschließend aufgehängt, und wir gönnten uns eine kleine Pause.

    Auf dem Weg durch Redondela hatten wir bereits die Igrexa de Santiago besucht und uns dort einen weiteren Pilgerstempel geholt – vermutlich unseren fünften an diesem Tag. Über der Stadt erhoben sich dabei unübersehbar die beiden gewaltigen Eisenbahnviadukte, die Redondela den Beinamen „Stadt der Viadukte“ eingebracht haben.

    Der ältere Viadukt, der als Viaducto de Madrid oder auch Viaducto de Ourense bezeichnet wird, wurde 1876 eröffnet. Er ist 318 Meter lang und erreicht eine Höhe von bis zu 36 Metern. Seine Konstruktion besteht aus einem metallenen Mittelteil und seitlichen Abschnitten aus massivem Mauerwerk. Einige Jahre später, 1884, kam der Viaducto de Pontevedra hinzu, der über dem alten Fischerviertel A Esfarrapada verläuft. Beide Brücken überspannen die Häuser der Stadt so eindrucksvoll, dass es stellenweise wirkt, als sei Redondela einfach unter einer Eisenbahnlinie hindurchgebaut worden. Sie erinnern an eine Zeit, in der die Eisenbahn Galicien grundlegend veränderte und Redondela zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt machte.

    Nach unserer Pause gingen wir essen. Olaf und ich kannten das pakistanische Restaurant bereits von einem Besuch vor vier Jahren. Dieses Mal gab es Falafel und Salat, und anschließend machten wir noch einen Spaziergang am Wasser.

    Dabei gelangten wir auf den Paseo da Portela, dessen hölzerne Stege entlang der Mündung des Río Alvedosa führen. Der rund 1,5 Kilometer lange Weg wurde 2010 angelegt und verbindet das Stadtgebiet mit dem alten Viertel A Portela. Auf der einen Seite begleitet einen der grüne Hang, auf der anderen öffnet sich der Blick in Richtung Meer und Ría de Vigo. Nach den Straßenabschnitten des Vormittags war dieser ruhige Spaziergang über die Holzstege ein besonders schöner Abschluss unserer Wanderung.

    Auf dem Rückweg gingen wir noch kurz in einen Froiz-Supermarkt. Wir kauften zwei Flaschen Rotwein, etwas zum Knabbern und machten es uns anschließend auf der Veranda unseres Palastes gemütlich. Wir probierten den Wein, befanden ihn für gut und verbrachten einen fröhlichen Abend mit viel Gelächter.

    Nachdem Claudi ebenfalls einen Schluck gekostet hatte, verkündete sie schließlich die wichtigste Erkenntnis des heutigen Tages:

    „Hoffentlich habt ihr was gelernt: Wein muss mindestens 3,50 Euro kosten“ 🍷🍷🍷😂

    Damit endete ein wirklich schöner Tag – mit Nebel am Morgen, eindrucksvollen Eisenbahnbrücken über den Dächern Redondelas, gehäkeltem Pilgernachwuchs am Rucksack und einer neuen, preislich erstaunlich klar definierten Weinregel.

    Nachtrag Claudia:
    Was ich persönlich noch sehr interessant fand, war, die ganzen vielen unterschiedlichen Pilgernden auf einmal zu sehen, oft auch in größeren Gruppen, eine Gruppe konnte eine Art "Klassenfahrt" gewesen sein, Familien, Freunde, geführte Gruppen.... Einige hatten richtig viel Spaß, andere (eher die Wander*innen unter 10 Jahren) sahen nicht so begeistert aus. Schöner ist es allerdings, wenn es nicht so überfüllt ist.
    Neben den vielen kleinen Highlights des Tages war der gemütliche und lustige Abend auf unserem Balkon einer jener Glücksmomente, an die ich mich lange und gerne erinnern werde. Einfach schön 🥰
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  • Von Valença über Tui nach O Porriño

    August 30 in Spain ⋅ ☁️ 23 °C

    Von Valença über Tui nach O Porriño – Grenzgang, Weintrauben und tierische Spurensuche

    Nach unserer ausgesprochen angenehmen Nacht im WakeUp – São Francisco hieß es heute Abschied nehmen von Valença – und damit zunächst auch von Portugal. Am Morgen begrüßte uns die Sonne zusammen mit Morgennebel. Eine wunderbare und mystische Stimmung.

    Noch einmal führte unser Weg durch die mächtige Festungsanlage von Valença, bevor wir die Stadt in Richtung Spanien verließen. Die heutige Gestalt der Fortaleza stammt vor allem aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Mit ihren insgesamt rund fünf Kilometern Festungsmauern bewachte sie über Jahrhunderte die portugiesisch-spanische Grenze am Minho. (visitvalenca.com (https://visitvalenca.com/patrimonio/?utm_source…))

    Über die internationale Brücke ging es anschließend über den breiten Minho. Unter uns der Fluss, hinter uns Portugal und vor uns Galicien – ein besonderer Moment, auch wenn sich eine Landesgrenze zu Fuß natürlich deutlich unspektakulärer überquert, als es auf einer Landkarte aussieht.

    Auf der spanischen Seite erwartete uns Tui, dessen historische Altstadt schon von Weitem von der mächtigen Kathedrale Santa María überragt wird. Mit ihrer wehrhaften Erscheinung wirkt sie beinahe wie eine weitere Festung. Ihr Bau begann bereits im Jahr 1120, 1225 wurde sie geweiht – damit feiert sie in diesem Jahr tatsächlich ihr 800-jähriges Bestehen. (tui.gal (https://tui.gal/es/turismo/vive-e-conoce/catedr…))

    Wir folgten den gelben Pfeilen durch die alten Straßen von Tui und dann langsam wieder hinaus aus der Stadt. In einer Unterführung sahen wir ein Graffiti für Pilgernde von der Stadt Tui mit folgendem Text auf galizisch: „Onde vai aquel peregrino, meu peregrino, onde irá?
    Camiño de Compostela, eu sei que alí chegará… BO CAMIÑO E UN DESEXO · CONCELLO DE TUI“ Übersetzung: „Wohin geht jener Pilger, mein Pilger, wohin wird er gehen? Auf dem Weg nach Compostela – ich weiß, dass er dort ankommen wird … Guten Weg und einen Wunsch von der Gemeinde Tui“. 🥰

    Unterwegs begegneten uns die ersten galicischen Cruceiros, jene steinernen Wegkreuze, die hier an Straßen, Plätzen und Weggabelungen stehen und Pilgernde seit Jahrhunderten begleiten.

    Für die passende musikalische Begrüßung in Galicien sorgte ein Dudelsackspieler. Kaum waren wir in Spanien angekommen, erklang also bereits die typisch galicische Gaita – viel eindeutiger hätte man uns kaum zeigen können, dass nun ein neuer Abschnitt unseres Weges begonnen hatte.

    Nach und nach verschwanden die Häuser hinter uns, und der Camino führte uns durch kleinere Orte und hinein in immer grünere Landschaften. Im Parque Forestal de Carboal legten wir eine Pause ein. Es war angenehm ruhig, und nach den Eindrücken von Valença, der Grenzüberquerung und Tui tat es gut, einfach ein wenig zu sitzen und die Umgebung auf uns wirken zu lassen.

    Weiter ging es über A Fernal und O Cruceiro, vorbei an weiteren Wegkreuzen und durch kleine galicische Siedlungen. Schließlich erreichten wir die Capela de San Campio in Pontellas. Die schlichte Kapelle steht unmittelbar am Portugiesischen Jakobsweg. Sie wurde 1886 neu errichtet und 1917 mithilfe von Spenden galicischer Auswanderer in Brasilien erweitert. (patrimoniogalego.net (https://patrimoniogalego.net/index.php/51657/20…))

    Noch interessanter war in diesem Augenblick allerdings die direkt danebenliegende Bar San Campio. Dort hielten wir an und gönnten uns eine schöne kleine Pause – mit jeweils einem Bier. Man muss schließlich Prioritäten setzen, und ein Pilgertag ohne Pause wäre nur halb so schön.

    Von Pontellas aus näherten wir uns langsam Cataboi. Der Weg verlief zunächst an einer kaum befahrenen Straße entlang, rechts und links von viel Wald umgeben. Kleine Schmetterlinge begleiteten uns immer wieder ein Stück, flatterten vor uns über den Weg und sorgten für eine ausgesprochen friedliche Stimmung.

    Später wechselten wir auf einen Pilgerweg entlang des Río Louro. Durch ein kleines Wäldchen führte der Weg direkt am Fluss entlang. Dort entdeckten wir einige Weintrauben. Claudi und Olaf konnten natürlich nicht widerstehen und verleibten sich nach eigener Einschätzung gleich mehrere Tonnen davon ein 😋😉 Ich hielt mich hingegen vornehm zurück und stellte fest: „Ich bin der Einzige, der überleben wird.“ 🤣

    Olaf war allerdings der Meinung, dass ich ebenfalls Trauben gegessen hätte. Es steht also noch nicht endgültig fest, wer von uns drei morgen früh als Einziger wieder aufsteht.😜

    Überhaupt hatten Claudi und Olaf heute ein neues gemeinsames Forschungsgebiet entdeckt: die Hinterlassenschaften der örtlichen Tierwelt. In einem Waldstück identifizierten sie zunächst eindeutig Hundekot und diskutierten anschließend ausführlich darüber, was der betreffende Hund wohl zuvor gefressen haben könnte.

    Wenig später wurde die Untersuchung noch anspruchsvoller. Vor uns lag etwas, das vielleicht von einem kleinen Pferd, einem Esel oder einem Pony stammte. Eine endgültige wissenschaftliche Einordnung gelang nicht. Vermutlich wäre dafür eine Laboruntersuchung notwendig gewesen, auf die wir aus Zeitgründen verzichteten.

    Besonders schön wurde der Weg dort, wo rechts von uns das Wasser entlanglief und links flache Steinplatten einen trockenen Pfad bildeten. Es war ein stiller, idyllischer Abschnitt, umgeben von Grün, auf dem das Gehen richtig Spaß machte. Solche Wege sind es, die einem später besonders im Gedächtnis bleiben – nicht spektakulär, aber einfach wunderschön.

    Schließlich erreichten wir die ersten Häuser von O Porriño. Wir kamen an der öffentlichen Pilgerherberge vorbei und gingen über die Calle de San Andrés weiter hinauf in Richtung Zentrum. Dabei passierten wir auch das Lokal „RESTAURANTE PASO A NIVEL“, in dem Olaf und ich bereits vor sechs Jahren gegessen hatten. Erinnerungen an unseren damaligen Camino wurden wach, während wir überlegten, wo wir heute Abend einkehren könnten.

    Unsere Unterkunft, das Ohana y Mahalo Home, lag direkt gegenüber der Touristeninformation und dem markanten Rathaus. Das Rathaus von O Porriño wurde zwischen 1919 und 1924 nach Plänen von Antonio Palacios errichtet, einem der bedeutendsten spanischen Architekten seiner Zeit, der aus O Porriño stammte und seiner Heimatstadt mehrere Gebäude hinterließ. (OporRino (https://oporrino.org/turismo/patrimonio/?utm_so…))

    Da bei unserer Ankunft niemand vor Ort war, mussten wir zunächst einen Türcode eingeben und anschließend nach oben gehen. Dort erwartete uns eine wirklich schöne und geräumige Ferienwohnung mit drei Schlafzimmern und einer Küche. Alles wäre nahezu perfekt gewesen, wenn nicht ausgerechnet die Waschmaschine kaputt gewesen wäre. Auf diese Waschmaschine hatten wir große Hoffnungen gesetzt. Unsere Kleidung hatte inzwischen einen Zustand erreicht, bei dem das Wort „frisch“ nur noch mit sehr viel Fantasie verwendet werden konnte. Wir vertrösten uns nun auf morgen, denn unsere nächste Unterkunft in Redondela soll ebenfalls über eine Waschmaschine verfügen.

    Bevor wir essen gingen, drehten wir noch eine kleine Runde über den Platz im Zentrum und sahen uns die dortige kleine Kirche an. Danach kehrten wir in dem Lokal „RESTAURANTE PASO A NIVEL“ ein, an dem wir vorhin vorbei gelaufen sind und bekamen eine wirklich hervorragende, hausgemachte Tortilla Española. Keine industriell gefertigte Fertigtortilla, sondern frisch zubereitet und ausgesprochen lecker. Dazu gab es Salat und selbstverständlich Bier.

    Vor der kleinen Kirche auf dem Platz nahmen wir anschließend noch unser gemeinsames Tagesfazit für das Videoreisetagebuch auf. Danach ging es endgültig zurück in die Unterkunft.

    Nun sind wir müde und etwas erschöpft, aber insgesamt war es ein wirklich schöner Tag. Das Wetter war bestens zum Wandern geeignet: angenehm, nicht zu heiß und immer wieder mit etwas frischem Wind. Auch die Pause in der Bar San Campio hatte uns allen sehr gutgetan.

    Die Stimmung ist weiterhin ausgesprochen gut – und uns dreien geht es ebenfalls gut. Nur unsere Wäsche bittet inzwischen dringend um Hilfe 😂

    Nachtrag Claudia:
    Nun sind wir bereits über eine Woche unterwegs und ich bin immer wieder überrascht, wie schnell sich die Wege, die Umgebung und Natur verändern kann, innerhalb weniger hundert Meter. Wir wandern durch alte, historische Dörfer, an viel befahrenen Straßen entlang und auf einmal ist man umgeben von Ruhe und Stille im Wald. Faszinierend.
    Beinen und Füßen geht es super, der Rucksack lässt sich weiterhin prima tragen und meine & unsere Stimmung ist ausgesprochen gut 🥰, ich und wir sind bereit für die nächste Etappe - und Regen ist nicht in Aussicht 😊.
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  • Von Vila Nova de Cerveira nach Valença

    August 29 in Portugal ⋅ ⛅ 23 °C

    Entspannt am Rio Minho entlang nach Valença

    Heute führte uns unsere Pilgerreise von Vila Nova de Cerveira weiter nach Valença. Das Frühstück und der Jugendherberge war überraschend gut. Nach dem Aufbruch ließen wir den Ort allmählich hinter uns und besichtigten am Stadtstrand noch kurz die alte Festungsanlage und folgten anschließend über weite Strecken dem Rio Minho wieder über die Ecovia. Der Fluss begleitete uns fast während der gesamten Etappe, und am gegenüberliegenden Ufer konnten wir immer wieder nach Spanien hinüberschauen – unserem nächsten Etappenziel schon ganz nah.

    Der Weg führte viel durch die Natur und war insgesamt angenehm ruhig. Zahlreiche kleine Vögel zwitscherten in den Bäumen und Sträuchern, und gelegentlich zwitscherten auch Olaf und Claudi miteinander. Zwischendurch waren die beiden aber tatsächlich einmal still, sodass man nur die Natur und die Umgebung wahrnehmen konnte. Insgesamt war es eine erstaunlich entspannte Wanderung.

    An einer ruhigen Stelle machten wir am Wegesrand eine kleine Rast und ruhten uns etwas aus. Danach ging es erholt weiter. Gerade weil so wenig Betrieb war, konnte man beim Gehen die Hand über die Gräser am Wegesrand streifen lassen, die Umgebung bewusst wahrnehmen und diese kleinen, stillen Momente für sich genießen. Es war einer dieser Abschnitte, bei denen man nicht möglichst schnell vorankommen wollte, sondern einfach aufmerksam und achtsam unterwegs sein konnte.

    Ganz menschenleer war der Weg allerdings nicht: Er wurde auch von auffallend vielen Radfahrerinnen und Radfahrern genutzt. Meist konnten sich Pilgernde und Radfahrende den Weg aber problemlos teilen.

    Später überquerten wir eine alte Steinbrücke. An dieser Stelle traf unsere bisherige Route wieder auf den ursprünglichen portugiesischen Jakobsweg. Von nun an waren wir also nicht mehr nur auf unserer Variante unterwegs, sondern wieder auf dem klassischen Weg Richtung Santiago.

    Je näher wir Valença kamen, desto deutlicher wurde, dass der ruhige Naturabschnitt langsam hinter uns lag. Schließlich erreichten wir die gewaltige Festungsanlage der Stadt und gingen durch ihre mächtigen Tore in die historische Altstadt hinein. Viele der kleinen Geschäfte in den engen Gassen hatten bereits geöffnet, und zwischen den alten Mauern herrschte eine ganz eigene Atmosphäre.

    Auf einem kleinen Platz vor einer Kirche spielte ein Straßenmusiker „Mamma Mia“. Das machte uns so viel Spaß, dass wir mit unseren Rucksäcken ein wenig mittanzten – vermutlich nicht besonders elegant, dafür aber mit umso mehr Freude.

    Wir besuchten zwei Kirchen innerhalb der Festung. Zu unserem großen Erstaunen fanden wir dort jedoch nirgends einen Stempel für unsere Pilgerausweise. Gerade in einer Stadt, durch die so viele Pilgernde kommen und von der aus viele sogar ihren Camino beginnen, hatten wir fest damit gerechnet. Also hofften wir zunächst, wenigstens in unserer Unterkunft einen Stempel zu bekommen.

    Da wir vergessen hatten, vorab online einzuchecken, mussten wir noch ein wenig warten. Der Zugangscode wurde erst um 14 Uhr freigeschaltet. Wir setzten uns deshalb in der Nähe der Unterkunft hin, entspannten uns und legten bereits die nächste Pause ein.

    Als wir schließlich in unsere Unterkunft „WakeUp – São Francisco“ konnten, waren wir sofort begeistert. Sie war nicht nur ausgesprochen schön eingerichtet, sondern auch extrem komfortabel – genau das Richtige nach der heutigen Etappe. Wir machten zunächst eine längere Pause, bevor Claudi und Olaf noch einmal loszogen, um die Altstadt innerhalb der Festung ausführlicher zu erkunden. Von der Festungsanlage aus war ein herrlicher Ausblick auf den Rio Minho, die Grenzbrücke nach Spanien und die spanische Stadt Tui zu genießen. Leider war es recht wolkig und später setzte noch ein längerer Nieselregen ein.

    Die Fortaleza de Valença zählt zu den bedeutendsten historischen Verteidigungsanlagen an der portugiesisch-spanischen Grenze. Erste Befestigungen entstanden bereits im Mittelalter, als Valença noch den Namen Contrasta trug – ein Hinweis auf die gegenüberliegende galicische Stadt Tui. Ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt die Anlage vor allem im 17. und 18. Jahrhundert, als sie zu einem mächtigen System aus Bastionen, Gräben, Toren und sternförmig angelegten Mauern ausgebaut wurde. Über Jahrhunderte sollte sie Portugal gegen Angriffe aus dem Norden schützen. Heute ist die rund fünf Kilometer lange Festungsmauer längst kein militärischer Grenzposten mehr, sondern umschließt eine lebendige Altstadt mit Kirchen, kleinen Gassen, Geschäften und weiten Ausblicken über den Minho bis nach Spanien. (Guía Ruta Fluvia do Río Miño (https://guia.riominho.org/en/valenca-fortress?u…)⁠)

    Später gingen wir gemeinsam indisch essen. Das Restaurant kannten Olaf und ich bereits: Wir hatten dort schon vor sechs Jahren gegessen. Es war ein schönes Gefühl, nach all der Zeit wieder hier zu sitzen – diesmal zusammen mit Claudi und erneut als Pilgernde unterwegs.

    Danach führte uns unser Weg noch zu Lidl, wo wir Frühstück für den nächsten Morgen und ausreichend Wasser kauften. Zurück in der Unterkunft ließen wir den Tag schließlich auf der Couch ausklingen. Erschöpft, aber glücklich nahmen wir dort noch unser gemeinsames Fazit für das Videotagebuch auf.

    So endete eine ruhige, naturnahe und insgesamt sehr entspannte Etappe – mit Vogelgezwitscher, tanzenden Pilgernden, einer alten Brücke, einer eindrucksvollen Festung und der weiterhin ungeklärten Frage, warum ausgerechnet in den Kirchen der Altstadt von Valença kein Pilgerstempel zu finden war.

    Nachtrag Claudia:
    Es war heute ein ganz unaufgeregter, entspannter Wandertag, ohne viele Sehenswürdigkeiten auf der Strecke, dafür viel grün, somit konnten wir einfach nur mal gehen und unsere Gedanken etwas schweifen lassen.

    In Valença war wiederum richtig viel los, die tolle Altstadt mit ihrer gigantischen Stadtmauer ist aber auch absolut sehenswert.
    Das indische Essen war sehr lecker, eine klare Empfehlung.
    Der heutige Tag hat gezeigt, dass auch geruhsame Etappen sehr positive Wirkung erzielen können man zufrieden auf den Tag zurückblicken kann.
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  • Vila Praia de Âncora nach Vila Nova de Cerveira

    August 28 in Portugal ⋅ 🌧 18 °C

    Vom Atlantik an den Rio Minho

    Nach der ziemlich nassen Etappe gestern hatten wir uns eine ruhige Nacht redlich verdient – und tatsächlich schliefen wir alle gut. Gegen 7:20 Uhr begann unser Tag langsam, und etwa um 8:10 Uhr trafen wir uns zum Frühstück. Kein Grund zur Eile, denn es regnete mal wieder 🙄 Zwar nicht so stark wie gestern aber los wollten wir trotzdem noch nicht. Und so frühstückten wir ganz in Ruhe im Café Minhobello.

    Gegen 10:10 Uhr ließ der Regen nach und wir verließen Vila Praia de Âncora. Zunächst blieben wir weiter unserer bisherigen Begleitung treu: dem Atlantik. Ab und zu setzte noch mal ein leichter Nieselregen ein. Die Küstenlandschaft erinnerte uns erneut an Schottland mit der rauen Brandung.

    Unser Weg führte uns Richtung Moledo, einem kleinen Küstenort mit einem langen Sandstrand. Vor der Küste tauchte bald das markante Forte da Ínsua auf. Die kleine Festungsanlage steht auf einer felsigen Insel unmittelbar vor der Küste. Ursprünglich befand sich dort bereits im 15. Jahrhundert ein Kloster; später wurde die Anlage zu einer Befestigung zum Schutz der Küste ausgebaut. Ein ziemlich eindrucksvoller Anblick – eine Festung mitten im Wasser sieht man schließlich auch auf einem Camino nicht jeden Tag. Hinter Moledo veränderte sich die Landschaft deutlich. Wir verließen langsam die offene Atlantikküste und gingen hinein in die Mata Nacional do Camarido, das bewaldete Gebiet zwischen Meer, dem Rio Minho und Caminha. Nach den vielen Kilometern entlang des offenen Meeres fühlte sich dieser Abschnitt beinahe wie ein kleiner Landschaftswechsel innerhalb weniger Minuten an.

    Und irgendwann geschah etwas, das auf unserer Reise zwangsläufig kommen musste: Der Atlantik verabschiedete sich langsam von uns. Statt des offenen Meeres begleitete uns nun zunehmend der Rio Minho, der hier die natürliche Grenze zwischen Portugal und Spanien bildet. Auf der anderen Seite lag bereits Galicien. Plötzlich war Spanien also zum Greifen nah – nur der Fluss lag noch dazwischen.

    Gerade an den flacheren Uferbereichen gab es einiges zu beobachten. Im Schlick waren wieder kleine Vögel unterwegs, die eifrig nach Futter suchten. Immer wieder hielten wir einen Moment inne und sahen ihnen dabei zu. Solche kleinen Naturbeobachtungen gehören mittlerweile genauso zu unserem Camino wie Kirchen, gelbe Pfeile und schmerzende Füße.

    Über Esteiro näherten wir uns schließlich Caminha. In Caminha stand zunächst etwas ganz Profanes auf dem Programm: Socken kaufen, denn Claudi brauchte neue. Auch Pilgerleben besteht schließlich nicht ausschließlich aus historischen Kirchen, wunderschönen Landschaften und tiefgründigen Gedanken – manchmal braucht man einfach neue Socken.

    Anschließend gönnten wir uns am Hauptplatz am Brunnen noch eine Pause und sahen uns ein wenig um. Besonders auffällig im historischen Zentrum ist der Torre do Relógio, der Uhrturm von Caminha. Er war ursprünglich der Hauptturm der mittelalterlichen Befestigung. Später erhielt er durch den Einbau einer öffentlichen Uhr seinen heutigen Namen. Und weil wir schließlich Pilger sind und nicht nur Touristen, durfte natürlich auch hier eines nicht fehlen: ein weiterer Stempel in unseren Pilgerpässen.

    Danach verließen wir Caminha wieder und überquerten die Brücke über den Rio Coura. Von nun an verlief unser Weg nicht mehr am Atlantik, sondern immer weiter flussaufwärts entlang des Minho.
    Das fühlte sich tatsächlich ein wenig wie der Beginn eines neuen Abschnitts unseres Caminos an. Das Meer, das uns seit Porto begleitet hatte, lag nun hinter uns. Links von uns Portugal, rechts auf der anderen Flussseite Spanien – und irgendwo vor uns Vila Nova de Cerveira, unser heutiges Ziel.

    Über kleinere Wege erreichten wir schließlich Seixas. Dort kamen wir an der Capela de São Bento vorbei, einer kleinen aber sehr schönen Kapelle, vor der ein auffälliges steinernes Wegekreuz steht.

    Danach ging es weiter auf der Ecovia entlang des Rio Minho. Dieser Abschnitt war landschaftlich besonders schön: viel Grün, immer wieder freie Blicke über den breiten Fluss und dahinter die galicischen Berge.

    In einem Supermarkt kauften wir uns etwas kühles zu trinken, denn inzwischen war es überwiegend sonnig und durch den vielen Regen war die Luft sehr feucht und drückend. Auf einer Bank direkt am Fluss machten wir eine Pause und wir genossen das Plätschern des Wassers und den leichten Wind.

    Der Weg führte nun immer wieder über kleine Holzstege und Holzbrücken, mitten durch die grüne Flusslandschaft. Auch hier lohnte sich der Blick nicht nur in die Ferne: Auf den warmen Bohlen tummelten sich kleine Eidechsen, die bei unserer Annäherung schnell wieder zwischen den Brettern und Pflanzen verschwanden.

    Kilometer um Kilometer näherten wir uns Vila Nova de Cerveira, unserem heutigen Ziel.

    Schließlich erreichten wir den Parque do Castelinho am Rand von Vila Nova de Cerveira. Der Park liegt unmittelbar am Minho, und spätestens hier war klar: Wir sind da.

    Gegen 16:30 Uhr erreichten wir schließlich Vila Nova de Cerveira und die Jugendherberge.

    Nach den vielen Kilometern kam zunächst das inzwischen bestens eingeübte Pilgerritual: Unterkunft beziehen, Rucksack abstellen und duschen. Danach sah die Welt schon wieder deutlich freundlicher aus.

    Ganz auf dem Zimmer bleiben wollten wir natürlich trotzdem nicht. Also machten wir uns später noch einmal auf den Weg und schlenderten ein wenig durch Vila Nova de Cerveira. Nach einem langen Wandertag lässt sich eine Stadt schließlich besonders gut erkunden, wenn man weiß, dass man nicht mehr mit Rucksack weiterlaufen muss.

    In der Stadt ist übrigens ein Tier allgegenwärtig: Der Hirsch 🦌
    Hier die Legende dazu:
    Der Hirsch in Vila Nova de Cerveira ist das offizielle Wahrzeichen der Stadt und leitet sich direkt vom Namen sowie einer alten Sage ab.
    Bedeutung des Namens: Der Name „Cerveira“ stammt vom portugiesischen Wort „cervos“ ab, was Hirsche bedeutet. Früher lebten hier große Rudel von Hirschen an den Ufern des Flusses Minho.
    Die Legende vom Hirschkönig: Einer Sage nach krönten die Götter einst einen mächtigen Hirsch zum König und gaben ihm dieses Gebiet am Minho als Herrschaftsgebiet. Der letzte Hirsch: Im Laufe der Zeit verringerte sich die Hirschpopulation durch Kämpfe und die Natur, bis schließlich nur noch der alte Hirschkönig allein übrig blieb. Das Duell: Als Angreifer oder spanische Edelleute das Gebiet beanspruchten, soll der Hirschkönig sie herausgefordert und den Kampf gewonnen haben. Seine Standhaftigkeit machte ihn unsterblich im lokalen Mythos.

    Und irgendwann kam die wichtigste Entscheidung des Abends: Pizza. Wir aßen in der Pizzeria Piazza. Sehr lecker 😋

    Damit endete ein Tag, der landschaftlich fast wie zwei Etappen in einer gewesen war: morgens noch am Atlantik, später durch den Wald und schließlich kilometerlang am Rio Minho entlang.

    Das Meer, das uns auf unserem Caminho Português so lange begleitet hatte, liegt nun hinter uns. Dafür ist Spanien inzwischen unser ständiger Begleiter auf der anderen Seite des Flusses.

    Ein schöner, abwechslungsreicher Tag – mit Festung im Meer, Waldwegen, futtersuchenden Vögeln im Schlick, Eidechsen auf den Holzstegen, die Legende vom Hirschkönig und am Ende einer wohlverdienten Pizza.

    So endete wieder ein abwechslungsreicher Pilgertag 😊
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  • Von Viana do Castelo nach Vila Praia de Âncora

    August 27 in Portugal ⋅ 🌧 19 °C

    🌧️ Regen, gelbe Pfeile und eine ziemlich unbeeindruckte Katze

    Der heutige Vormittag stand zunächst ganz im Zeichen einer Frage: Wann gehen wir bei diesem Wetter eigentlich los?

    Schon am Morgen regnete es in Viana do Castelo kräftig. Deshalb hatten wir beschlossen, uns gegen 08:30 Uhr beim Frühstück zu treffen und dort gemeinsam die Lage zu besprechen. Noch vor dem Frühstück hatten Claudi und ich allerdings etwas zu erledigen – was genau, darf Claudi gerne in einem kleinen Nachtrag zu diesem Tag selbst erzählen. 😉

    Beim Frühstück waren wir uns dann schnell einig: Gegen 11:00 Uhr sollte es losgehen. Laut Wettervorhersage bestand zumindest die Hoffnung, dass der Regen dann etwas nachlassen würde. Und tatsächlich – kurz vor elf wurde aus dem kräftigen Regen etwas, das man mit genügend Optimismus als „besser“ bezeichnen konnte.

    Also Rucksäcke auf und los.

    Unser Weg führte uns zunächst über die Praça da República zur Sé Catedral de Viana do Castelo. Dort holten wir uns einen Pilgerstempel und trugen uns außerdem in ein Buch als Pilgernde ein – ein schöner offizieller Start in die heutige Etappe. Die Kathedrale stammt im Wesentlichen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und war ursprünglich die Hauptkirche der Stadt. Erst 1977, mit der Gründung des Bistums Viana do Castelo, wurde sie zur Kathedrale erhoben. (Visit Portugal (https://www.visitportugal.com/en/content/se-cat…))

    Danach hieß es wieder: dem gelben Pfeil folgen.

    Zunächst reichte bei leichtem Nieselregen noch der Regenschirm. Das änderte sich allerdings bald. Als wir an einem leer stehenden Festzelt vorbeikamen, nutzten wir die Gelegenheit und zogen unsere Regenponchos über. Eine gute Entscheidung, denn der Regen wurde zusehends kräftiger.

    Irgendwann war selbst uns das Ganze etwas zu nass und wir stellten uns im Garageneingang eines Privathauses unter. Während wir dort warteten, kamen andere Pilgernde vorbei. Viel gesprochen wurde nicht – aber die Blicke und das gegenseitige Lächeln sagten eigentlich alles: Ja, wir wissen. Ihr seid auch völlig nass. 😄

    Als der Regen wieder etwas nachließ, machten wir uns weiter auf den Weg.

    Unterwegs begegneten wir einer kleinen schwarz-weißen Katze. Ihr schien das Wetter vollkommen egal zu sein. Während wir in Regenkleidung durch Portugal stapften, saß sie offenbar recht zufrieden da und ließ sich von Claudi ausgiebig streicheln.

    Der Camino führte uns anschließend durch schmale Gassen und Wege, teilweise eingerahmt von hohen, alten Steinmauern. Gerade bei diesem feuchten Wetter hatte die Landschaft etwas ganz Besonderes – alles wirkte sattgrün, still und beinahe verwunschen.

    Dann erreichten wir die Cascatas do Poço Negro. Mitten im Wald liegt hier eine Reihe kleiner Wasserfälle an der Ribeira do Pêgo. Geologisch sind sie sogar etwas Besonderes: Sie entstanden im Zusammenhang mit früheren Veränderungen des Meeresspiegels und gelten heute als lokales Naturdenkmal des Küsten-Geoparks von Viana do Castelo. In diesem steilen Bachlauf gab es früher zudem mehr als 60 kleine Wassermühlen, von denen heute noch Überreste zu finden sind. (geoparquelitoralviana.pt (https://geoparquelitoralviana.pt/explorar/poço-…))

    Bei Sonnenschein ist das sicherlich ein wunderschöner Ort – aber auch im Regen hatte dieses kleine Fleckchen mitten im Wald seinen ganz eigenen Reiz. Vor allem war es eine willkommene Abwechslung zu den vorherigen Kilometern.

    Direkt am Abzweig zum Wasserfall führte unser Camino weiter zur Capela da Boa Viagem. Die kleine Kapelle gehört zum historischen Ensemble der Quinta da Boa Viagem in Areosa, das heute als öffentlich geschütztes Kulturgut eingestuft ist. (Imóvel Patrimônio Cultural (https://imovel.patrimoniocultural.gov.pt/detalh…))

    Danach ging es weiter durch mehrere kleine Ortschaften. In einem privaten Garten entdeckten wir einige auffällige, komplett rot angemalte Skulpturen. Was sie darstellen sollten oder welche Geschichte dahintersteckte, erschloss sich uns nicht so ganz – aber genau solche merkwürdigen kleinen Entdeckungen gehören inzwischen irgendwie zum Camino dazu.

    Und dann geschah etwas Wunderbares: Der Regen hörte auf. Endlich konnten wir die Ponchos wieder ausziehen. Etwa gleichzeitig machte sich allerdings ein anderes, sehr menschliches Bedürfnis bemerkbar. Da kam uns die SIRC in Carreço gerade recht. Die Abkürzung steht für Sociedade de Instrução e Recreio de Carreço, eine bereits 1903 gegründete Kultur- und Freizeitvereinigung des Ortes, in deren Gebäude sich auch ein Café befindet. (sirc.pt (https://www.sirc.pt/?utm_source=chatgpt.com))

    Wir machten also Pause – und wenn man schon einmal sitzt, kann man es schließlich auch richtig machen: Kaffee, Sandwiches und eine große Portion Pommes. Danach waren sowohl die dringendsten Bedürfnisse als auch der Hunger erfolgreich erledigt. Gut gestärkt folgten wir wieder unseren gelben Pfeilen.

    Der Weg durch Areosa und Carreço gehört zu den ruhigeren Abschnitten des Caminho Português: schmale Wege, alte Steinmauern, kleine Straßen und immer wieder Waldstücke. Genau diese Mischung hatten wir heute unterwegs erlebt. (Wise Pilgrim (https://wisepilgrim.com/en/places/camino-portug…))

    Irgendwann überquerten wir schließlich den Rio Âncora und kamen am Moinho da Cegonha, auch Moinho da Ponte da Torre genannt, vorbei. Die alte Mühle stammt aus dem späten 17. Jahrhundert. Solche Mühlen spielten früher eine wichtige Rolle für die Menschen entlang des Rio Âncora, weil hier das Getreide der umliegenden Dörfer gemahlen wurde. Heute ist der Moinho da Cegonha stillgelegt, erinnert aber noch an diese Zeit. (serradarga.pt (https://www.serradarga.pt/wp-content/uploads/20…))

    Damit hatten wir Âncora erreicht – und nun war es wirklich nicht mehr weit. Wenig später kamen wir schließlich in Vila Praia de Âncora an und erreichten unsere heutige Unterkunft, das Guest House D’Avenida, direkt am Strand. Einchecken, Rucksäcke abstellen – geschafft!

    Danach gingen wir noch einkaufen und kochten uns etwas zu essen. Dazwischen nahmen Claudi und Olaf noch ein erfrischendes Fußbad am sehr schönen Stadtstrand im Atlantik. Aber ganz abgeschlossen war der Tag damit noch nicht.

    Am Abend machten wir uns noch einmal auf den Weg hinunter zum Hafen und gingen ein Stück auf die Mole hinaus. Nach all dem Regen am Vormittag, den Ponchos, den Unterständen, der kleinen Katze, Wasserfällen, alten Mauern und vielen gelben Pfeilen konnten wir dort noch einmal aufs Meer schauen.

    Und so verabschiedeten wir uns von einem Tag, der ziemlich nass begonnen hatte – und am Ende trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ein richtig schöner Camino-Tag geworden war.

    Nachtrag Claudia:
    Nach einer sehr erholsamen Nacht machte ich mich erstmal daran, meinen Rucksack zu packen.... und konnte erst nicht ganz glauben, dass meine Windjacke, die Guido gestern auf der Basilika Santa Luzia geschenkt bekommen hat, nirgends zu finden war. Irgendwann machte sich dann doch das Entsetzen breit. Weg, einfach weg, das kann nicht sein. Sacken lassen und erstmal frühstücken gehen. Lagebesprechung mit Olaf und Guido, auf die einzige Möglichkeit geeinigt und mit Guido in unseren "Alles-fürs-Picknick-Supermarkt" gegangen um dort nachzufragen, ob etwas gefunden worden ist. Man konnte meine Erleichterung im ganzen Laden hören, als mir tatsächlich meine Jacke überreicht worden ist. Welch ein Glücksmoment!!
    Der Regen war mir für die nächsten Stunden egal.
    Ein weiteres Highlight waren die kleinen Wasserfälle, auch gerade deshalb, weil es aufgrund der vielen Wolken und des leichten Regens sehr mystisch wirkte, ein toller Ort, um die Natur auf sich wirken zu lassen.
    Die ganze Etappe bis zu unserem Ziel war sehr schön, da wir immer wieder auf alten, schmalen Wegen an beeindruckenden Gebäuden vorbeigekommen sind. Die heutigen Pfade waren
    abwechslungsreich und zum Teil etwas abenteuerlich, herrlich.
    Zum Schluss konnten Olaf und ich noch schnell an den Strand, das Wasser war für unsere Füße eine Wohltat.
    Lieben Dank an Guido, denn er hat in dieser Zeit für unser leckeres Abendessen gesorgt.
    Abgerundet wurde dieser tolle Tag mit einem gemeinsamen Spaziergang am Strand, um unser "Fazit des Tages" vor einem wunderschönen Abendhimmel aufzunehmen.
    Spruch des Tages:
    ausreden lassen 😉
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  • Pausentag in Viana do Castelo

    August 26 in Portugal ⋅ ⛅ 23 °C

    Heute stand tatsächlich einmal Ruhetag auf unserem Camino-Programm – und nach den vergangenen Etappen war der auch durchaus willkommen.

    Begonnen hatte die Erholung allerdings schon gestern Abend mit etwas Hausarbeit: Im Waschbecken wurde Handwäsche gemacht und anschließend alles zum Trocknen auf Bügel und ans offene Fenster gehängt. Eigentlich ein guter Plan. Eigentlich. Denn in der Nacht begann es zu regnen – und zwar nicht nur draußen. Durch das geöffnete Fenster schaffte es der Regen auch hinein und erwischte ausgerechnet eines meiner T-Shirts und Olafs Barfußschuhe. Also begann der Morgen bei uns nicht mit Pilgern, sondern mit einer kleinen Föhnaktion. Irgendwann waren T-Shirt und Schuhe dann wieder einigermaßen trocken und der Tag konnte offiziell beginnen.

    Geschlafen hatten wir alle drei gut, und um 9:00 Uhr waren wir mit Claudi zum Frühstück verabredet. Das Frühstück war ordentlich und reichlich: Brötchen, Marmelade, Käse, Obstteller, Kuchen, Orangensaft und natürlich Kaffee. So lässt sich ein Ruhetag durchaus anfangen.

    Wir ließen uns dafür viel Zeit, denn es regnete noch etwas. Anschließend trennten sich unsere Wege: Claudi und Olaf machten sich auf ihre Sightseeingtour durch Viana do Castelo, während ich vernünftigerweise im Zimmer blieb, um meinem Knie wirklich Ruhe zu gönnen. Also Beine hoch, Filme an – auch das gehört zu einem Camino, selbst wenn es nicht ganz so spektakulär aussieht.

    Claudi und Olaf hatten dafür ein kleines Kulturprogramm vor sich. Zunächst besuchten sie das Forte de Santiago da Barra direkt an der Mündung des Rio Lima. Die mächtige Festungsanlage erinnert daran, wie wichtig Viana do Castelo einst als Hafenstadt war. Bereits seit Jahrhunderten wurde hier der Zugang zum Fluss und zum Hafen geschützt; große Teile der heute sichtbaren Festung entstanden und wurden im 16. Jahrhundert erweitert. Mit ihren dicken Mauern, Bastionen und dem Blick auf Fluss und Atlantik kann man sich noch gut vorstellen, welche strategische Bedeutung dieser Ort einmal hatte.

    Weiter ging es zum Monumento ao 25 de Abril an der Praça da Liberdade. Das moderne, rostfarbene Denkmal erinnert an die Nelkenrevolution vom 25. April 1974, mit der die jahrzehntelange portugiesische Diktatur endete. Besonders eindrücklich ist die Darstellung einer gesprengten Kette – Freiheit kann man vermutlich kaum deutlicher symbolisieren.

    Und dann stand noch ein Ort mit einem Namen auf dem Programm, den man besser nicht dreimal hintereinander aufsagen muss: die „Colunas comemorativas da ponte de madeira sobre o rio Lima 1818“. Dahinter verbergen sich zwei Erinnerungssäulen an eine hölzerne Brücke über den Rio Lima, deren Bau 1818 begann. Bevor es diese Verbindung gab, musste der Fluss mit Booten überquert werden. Die Holzbrücke war später ein wichtiger Vorgänger der modernen Flussquerungen – heute erinnern unter anderem diese beiden Säulen an sie.

    Für ihre Runde ließen sich Claudi und Olaf gemütliche drei Stunden Zeit. Genau richtig für einen Ruhetag. Als sie schließlich zurückkamen, hatten sie außerdem etwas mitgebracht, das mich persönlich mindestens genauso interessierte wie alte Festungsanlagen: Pastéis de Nata mit Schokoladenfüllung. Und ich muss sagen: Die schmeckten mir sogar besser als die klassischen. Portugal darf das Rezept von mir aus gern so weiterentwickeln.

    Nachdem mein Knie einige Stunden Ruhe bekommen hatte, machten wir uns anschließend gemeinsam auf den Weg. Wir liefen durch die Stadt, durchquerten den Bahnhof von Viana do Castelo und erreichten die Talstation des Elevador de Santa Luzia.

    Dort warteten wir ungefähr 15 Minuten, bevor es mit der historischen Standseilbahn hinauf auf den Monte de Santa Luzia ging. Der Elevador verbindet seit 1923 die Stadt mit dem Berg und bewältigt auf rund 650 Metern Strecke etwa 160 Höhenmeter. Für den Weg nach oben brauchten wir nur wenige Minuten – erheblich angenehmer als die Alternative zu Fuß. (CM Viana do Castelo (https://www.cm-viana-castelo.pt/cmvianadocastel…))

    Oben angekommen standen wir vor dem weithin sichtbaren Santuário de Santa Luzia – der Basílica do Sagrado Coração de Jesus. Schon von unten prägt ihre große Kuppel das Bild von Viana do Castelo, aber direkt davor wirkt das Gebäude noch einmal ganz anders.

    Natürlich sahen wir uns die Basilika auch von innen an. Sie ist von innen wunderschön, hell und die Kuppel wunderbar bemalt. Es fand auch gerade eine Andacht statt und wir setzten uns hin hin und lauschten und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Danach wollten wir allerdings noch höher hinaus und beschlossen, den Turm der Hauptkuppel zu besteigen. Der Aufstieg war durchaus ein kleines Abenteuer. Je weiter wir nach oben kamen, desto enger wurden die Treppen – und das letzte Stück war wirklich extrem schmal. Nichts für Menschen, die auf enge Räume empfindlich reagieren. Aber die Mühe wurde belohnt.

    Oben angekommen hatten wir eine fantastische Aussicht über Viana do Castelo, die Mündung des Rio Lima, die umliegenden grünen Hügel und hinaus bis zum Atlantik. Für genau solche Momente lohnt es sich, noch eine enge Treppe mehr hinaufzusteigen. Es war einfach wunderschön. Der höchste Aussichtspunkt des Heiligtums liegt etwa 250 Meter über dem Meeresspiegel; wer den gesamten Aufstieg im Gebäude zu Fuß macht, hat dabei immerhin 168 Stufen zu bewältigen. (confrariadesantaluzia.pt (https://confrariadesantaluzia.pt/servicos/?utm_…))

    Bevor wir uns wieder auf den Weg machten, durfte natürlich auch der Pilgerstempel nicht fehlen.

    Für den Rückweg verzichteten wir dann auf den Elevador und nahmen den Fußweg hinunter in die Stadt. Ein wirklich schöner Weg durch das Grün – bergab allerdings deutlich angenehmer, als ihn nach einer langen Camino-Etappe hinaufgehen zu müssen.

    Direkt oben bei Santa Luzia befindet sich nämlich auch eine öffentliche Pilgerherberge. (confrariadesantaluzia.pt (https://confrariadesantaluzia.pt/?utm_source=ch…)) Wir stellten uns vor, wie man nach 20 oder mehr Kilometern völlig erledigt in Viana ankommt, die Herberge praktisch schon vor Augen hat – und dann feststellt, dass sie dort oben auf dem Berg liegt. Die Vorstellung, am Ende eines langen Pilgertages auch noch die vielen Treppen hinaufzumüssen, erzeugte bei uns nicht unbedingt spontane Begeisterung.

    Wieder unten in der Stadt ging es noch zum Supermarkt „Froiz“, um etwas für den Abend einzukaufen. Danach machten wir es genauso wie gestern und setzten uns zum Abendessen an die Uferpromenade.

    Dort bekamen wir Gesellschaft: Einige Möwen beobachteten uns zunächst aus sicherer Entfernung. Wobei „beobachten“ vermutlich nur die höfliche Variante von „auf unser Essen lauern“ ist. Nach und nach wurden sie jedenfalls mutiger und schließlich ziemlich aufdringlich.

    Dann passierte es: Olaf wollte mit einem Stück Pizza hantieren – und warf es versehentlich in Richtung der Möwen. Die Möwen waren begeistert 😂 Wir ebenfalls 😂😂😂

    Zumindest mussten wir herzlich lachen, während die gefiederten Wegelagerer vermutlich der Meinung waren, dass ihr hartnäckiges Betteln gerade erfolgreich belohnt worden war.

    Zwischendurch zog noch ein kurzer Regenschauer über uns hinweg. Kaum war er vorbei, erschien ein wunderschöner Regenbogen über Viana do Castelo – ein ziemlich perfekter Abschluss für diesen ruhigen Tag.

    Während wir noch an der Promenade saßen, besprachen wir, wann und wie wir morgen wieder auf den Camino starten wollen. Denn so angenehm dieser Ruhetag auch war: Morgen heißt es wieder Rucksack auf und weiter.

    Danach ging es zurück in unsere Pension.

    Unterm Strich war es genau der Tag, den wir gebraucht hatten: wenig Kilometer, viel Ruhe, ein bisschen Kultur, eine spektakuläre Aussicht, Schoko-Pastéis, Möwenunterhaltung und genügend Zeit, damit sich die Beine erholen konnten.

    Und damit ist es fürs Erste auch vorbei mit dem süßen Nichtstun.

    Der nächste Ruhetag wartet erst wieder in Santiago de Compostela auf uns.

    Wobei „Ruhetag“ dort vermutlich relativ zu verstehen ist.

    Denn Sightseeing ist natürlich trotzdem eingeplant. 😄

    Nachtrag Claudia:
    Trotz Ruhetag sind 19135 Schritte zusammengekommen (13,9 km), Ruhe ist relativ 😅.
    Viana do Castelo ist ein kleines, entzückendes Städtchen, mit herrlich vielen kleinen Gässchen, viel Wasser und schönen Plätzchen zum Verweilen, der perfekte Ort, um einen Pausentag einzulegen. Da die Stadt nicht sehr groß ist, konnten Olaf und ich uns für den Rundgang wirklich viel Zeit lassen, besichtigten alle wichtigen Sehenswürdigkeiten und gönnten uns noch ein kleines Frühstückspicknick auf dem Praça da República, ehe wir Guido zum Besuch der Basilika abholten.

    Von der Basilika war ich überwältigt. Solch eine schöne Kirche, die mich beim Betreten sofort berührt, habe ich noch nicht gesehen, das wird lange nachwirken.
    Die Aussicht vom Turm ist toll; die Altstadt, Ponte Eiffel, das Meer und die Berge..... alles auf einem Blick. Schön.
    Weniger schön sind die portugiesischen Möwen, eher Rubrik hinterlistig und angriffslustig. So etwas habe ich noch nicht erlebt, möchte ich auch nicht mehr - wird ebenfalls lange nachwirken.
    Und trotzdem: es war wieder ein gelungener und sehr schöner Tag auf dem Jakobsweg, denn jeder Tag ist einzigartig und hat seine ganz besonderen Momente.
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  • Von Esposende nach Viana do Castelo

    August 25 in Portugal ⋅ 🌧 22 °C

    Diese Nacht hatten Olaf, Claudi und ich deutlich besser geschlafen als die vorherige. Bei Claudi begann der Morgen allerdings schon mit einem kleinen Camino-Drama: Sie hatte am Abend vergessen, ihre Schuhe hereinzuholen. Der nächtliche Regen hatte die Gelegenheit natürlich genutzt – und am Morgen waren sie entsprechend feucht.

    Gegen 7 Uhr klingelte Olafs Telefon: Claudi.

    Mein erster Gedanke war tatsächlich: Was ist denn jetzt mit unserer Wohnung? Doch das Problem lag deutlich näher. In ihrem Zimmer piepte irgendetwas, und als sie versucht hatte, ihre nassen Schuhe mit dem Föhn zu trocknen, stellte sie fest: Es gab keinen Strom. Sie bat uns, die Vermieterin zu informieren, was ich auch gleich tat. Trotzdem ging ich natürlich selbst noch einmal nachsehen. Das stellte sich als nur bedingt gute Idee heraus. Durch den Stromausfall hatte offenbar die Alarmanlage reagiert und piepte vor sich hin. Ich versuchte einen Reset. Großer Fehler! Statt Ruhe herrschte plötzlich noch sehr viel mehr Alarm. 😄 Immerhin gelang es mir, das Ganze wieder auf das ursprüngliche Piepen zurückzubringen. Kurz darauf meldete sich der Sohn der Vermieterin per WhatsApp und kündigte an, seine Mutter sei in fünf Minuten da. Und tatsächlich: Fünf Minuten später stand war sie da. Nach zwei Versuchen ihrerseits war der Strom wieder da. Allgemeines Aufatmen. Die Schuhe konnten endlich geföhnt, die Handys weitergeladen werden – und der Stromausfall hatte sogar etwas Gutes: Durch den Neustart war auch der Router wieder zum Leben erwacht und plötzlich hatten wir WLAN, auf das wir am Vorabend vergeblich gewartet hatten. Manchmal braucht es eben einen kompletten Stromausfall, damit die Technik wieder funktioniert.

    Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, legten wir die Schlüssel unserer Zimmer auf den kleinen Tresen und verabschiedeten uns vom GuestHouse. Unser erstes richtiges Ziel des Tages war das Oddes Café, wo wir frühstückten. Danach kauften wir noch Wasser und füllten unsere Trinkflaschen auf.
    Dann konnte die eigentliche Etappe beginnen.

    Heute führte uns der Caminho Português da Costa von Esposende nach Viana do Castelo – rund 27 Kilometer lagen vor uns.

    Zunächst liefen wir noch ein Stück am Ufer entlang. Dort begegnete uns neben der alten Festung ein großer „Esposende“-Schriftzug, bei dem man als Tourist vermutlich zwingend ein Foto machen müsste. Wir nicht. Keine Lust. Also weiter. 😄

    Schon bald verließen wir die Küste und liefen wieder durch Eukalyptuswäldchen in Richtung Marinhas. Dort machten wir an der Igreja de São Miguel Halt. In der Kirche saß ein älterer Mann, vielleicht Mitte 70, der sich ganz offensichtlich darüber freute, uns Pilger zu sehen. Mit großer Sorgfalt nahm er unsere Pilgerausweise entgegen und setzte seinen Kirchenstempel hinein. Doch damit nicht genug. Er holte zusätzlich ein kleines Gerät hervor und prägte das Papier direkt über dem Stempel. Eine richtige Papierprägung im Pilgerausweis! In all den Jahren auf verschiedenen Caminos hatte ich so etwas noch nie erlebt. Der Mann erzählte uns anschließend noch einiges auf portugiesisch. Sehr engagiert. Sehr freundlich. Und vermutlich auch sehr interessant. Wir verstanden nur leider praktisch kein Wort. 😄 Aber manchmal braucht eine Begegnung gar keine gemeinsame Sprache. Wir bedankten uns herzlich – und gingen mit einem ausgesprochen besonderen Stempel weiter.

    Von Marinhas führte der Weg anschließend durch eine ganze Reihe kleiner Ortschaften, die fast nahtlos ineinander übergingen. Manchmal war überhaupt nicht mehr zu erkennen, wo der eine Ort endete und der nächste begann.

    Irgendwann erreichten wir Belinho.
    Dort besuchten wir erneut eine Kirche – und da es öffentliche Toiletten gab, war die Entscheidung schnell gefallen: Erste richtige Rast.

    Danach ging es weiter über kleine Straßen, Feldwege und durch Waldstücke. Der Camino wurde zunehmend ländlicher und führte schließlich hinunter zum Rio Neiva.

    Und damit zu einem Ort, mit dem ich inzwischen meine ganz eigene Camino-Geschichte verbinde: Die Ponte do Sebastião. 2016 war ich hier mit Edith entlanggekommen und konnte die alte Steinquerung noch ganz normal benutzen. 2020 war ich mit Olaf wieder hier. Damals war ein großer Teil der Brücke zerstört, und wir mussten uns über die verbliebenen Steine und Reste auf die andere Seite des Flusses vorarbeiten. Heute sah alles wieder vollkommen anders aus.

    Die Ponte do Sebastião liegt zwischen Antas und Castelo do Neiva und gehört seit Langem zum historischen Pilgerweg über den Rio Neiva. Gerade Hochwasser hat dieser alten Steinquerung immer wieder zugesetzt; noch Anfang 2026 musste die Passage wegen des hohen Wasserstands vorübergehend gesperrt werden. (Via Veteris (https://viaveteris.pt/noticias/2023/07/dia-sao-…))

    Heute aber konnten wir sie problemlos überqueren.

    Für mich war das ein besonderer Moment: derselbe Ort auf drei verschiedenen Caminos – und jedes Mal sah er anders aus.

    Hinter dem Fluss ging es einen kleinen Berg hinauf.

    Oben angekommen, erwartete uns gleich die nächste kleine Szene. Hinter einem Zaun standen drei junge Bullen, die miteinander spielten und sich gegenseitig neckten. Wir blieben eine Weile stehen und sahen ihnen einfach zu. Auch das sind diese Camino-Momente, die nicht im Reiseführer stehen und trotzdem hängen bleiben.

    Wenig später erreichten wir Santiago de Castelo do Neiva. Und hier standen wir plötzlich an einem wirklich bedeutenden Ort der europäischen Jakobusgeschichte.

    Die heutige Igreja de Santiago de Castelo do Neiva gilt als der älteste dem Apostel Jakobus geweihte Tempel außerhalb des heutigen spanischen Staatsgebietes. Bereits im Jahr 862 soll Bischof Nausto von Coimbra hier eine Kirche zu Ehren des Apostels geweiht haben – nur wenige Jahrzehnte nach der überlieferten Entdeckung des Jakobusgrabes in Santiago de Compostela. (fpcsantiago.pt (https://fpcsantiago.pt/patrimonio/joias-patrimo…))

    Damit befindet sich hier ein Zeugnis dafür, wie früh sich die Verehrung des heiligen Jakobus von Galicien nach Portugal ausbreitete. Für Menschen, die heute mit Rucksack und Pilgerausweis hier vorbeikommen, verbindet dieser Ort mehr als 1.100 Jahre Jakobusgeschichte mit dem modernen Camino.

    Und nach inzwischen etwa 13 Kilometern interessierten uns neben der Kirchengeschichte zugegebenermaßen noch zwei weitere Dinge: Brunnen und öffentliche Toiletten. Mehr Argumente für eine Pause braucht ein Pilger nicht. 😄 Wir setzten uns, ruhten unsere Beine aus und machten uns anschließend wieder auf den Weg.

    Es ging erneut durch kleinere Wälder. Und dann geschah etwas, das sich nur schwer planen lässt. Wir kamen an einer kleinen Pilgerraststätte vorbei. Getränke, etwas zu essen, ein Pilgerstempel – alles gegen eine freiwillige Spende.
    Eigentlich nichts Spektakuläres. Und trotzdem traf uns dieser Ort. Vielleicht war es die Einfachheit. Vielleicht die Tatsache, dass jemand hier etwas für vollkommen fremde Menschen geschaffen hatte, die Tag für Tag vorbeikommen. Vielleicht waren es auch einfach die Kilometer, die Atmosphäre und dieser ganz spezielle Zustand, in den man beim Pilgern irgendwann gerät. Jedenfalls wurde dieser kleine Platz für uns zu einem echten Glücksmoment. Wir waren alle ziemlich ergriffen. Wir blieben eine Weile, tranken etwas, genossen die Pause und gingen danach weiter.

    Wenig später kamen wir am ehemaligen Mosteiro de São Romão de Neiva vorbei. Auch hier versteckt sich am Camino sehr viel Geschichte: Das ehemalige Benediktinerkloster reicht mindestens bis ins 11. Jahrhundert zurück. Eine Klostergründung unter der Benediktinerregel ist bereits vor 1087 belegt; vermutlich bestand an dieser Stelle sogar schon zuvor eine kleinere klösterliche Gemeinschaft. Die Kirche und Teile der ehemaligen Klosteranlage erinnern noch heute an diese lange Geschichte. (Wikipédia (https://pt.wikipedia.org/wiki/Mosteiro_de_São_R…))

    Und wieder gingen wir weiter – Rucksack auf dem Rücken, Santiago irgendwo viele Kilometer vor uns. Genau das fasziniert mich am Camino immer wieder: Man wandert durch Landschaften, die seit Jahrhunderten von Menschen durchquert werden, und häufig merkt man erst später, was für geschichtsträchtige Orte unmittelbar am Weg liegen.

    Nach weiteren Ortschaften und Kilometern brauchten wir irgendwann etwas vollkommen Unhistorisches: Eis! Also machten wir noch einmal eine kurze Pause in einem Café und gönnten uns eines und dann noch jeder ein Bier 🍺 😋

    Danach folgte der letzte größere Abschnitt des Tages. Und irgendwann lag sie vor uns: Die Ponte Eiffel über den Rio Lima.
    Diese gewaltige Eisenkonstruktion gehört zu den Wahrzeichen von Viana do Castelo. Sie wurde vom Hause Eiffel geplant und 1878 fertiggestellt. Bemerkenswert sind ihre zwei Ebenen: Oben fahren Autos und gehen Fußgänger:innen, darunter verläuft bis heute die Eisenbahnlinie. (www2.cp.pt (https://www2.cp.pt/info/web/cp/w/ponte-rodoferr…))

    Und genau über diese Brücke liefen nun auch wir. Unter uns der breite Rio Lima. Vor uns Viana do Castelo.

    Und inzwischen ziemlich genau 27 Kilometer in den Beinen. Auf der anderen Seite war klar: Geschafft.

    Wir gingen an der Kathedrale und über den großen Platz der historischen Innenstadt vorbei und schließlich zu unserer heutigen Unterkunft, der O Laranjeira Pensão. In diesem Hotel übernachte ich nun bereits zum dritten Mal. 2016 mit Edith, 2020 mit Olaf und nun wieder 😂

    Einchecken. Rucksäcke runter. Duschen. Herrlich.

    Doch unser Tag war noch nicht ganz vorbei.

    Wir gingen noch etwas einkaufen und stellten uns daraus unser Abendessen zusammen: Hummus, Oliven, Tomaten, Gürkchen, Guacamole, Brot und Wein und Bier.

    Damit gingen wir hinunter zur Uferpromenade des Rio Lima. Dort saßen wir schließlich zusammen und aßen unser improvisiertes Abendbrot, während langsam die Sonne unterging. Kein Restaurant. Kein großes Menü. Keine besondere Inszenierung. Nur wir drei, Brot, Hummus, Oliven, ein Glas Wein, der Fluss – und der Himmel über Viana do Castelo. Nach 27 Kilometern fühlte sich das ziemlich perfekt an.

    Morgens hatten wir noch mit einem Stromausfall, einer Alarmanlage und nassen Schuhen gekämpft.

    Dazwischen lagen ein außergewöhnlicher Pilgerstempel, alte Kirchen, eine wiederhergestellte Brücke, drei verspielte Jungbullen, mehr als tausend Jahre Jakobusgeschichte, ein unerwarteter Glücksmoment an einer kleinen Pilgerraststätte und schließlich die große eiserne Brücke über den Lima.

    Und am Ende saßen wir einfach nur am Wasser.

    Wieder so ein wunderbarer Camino-Tag, bei dem die schönsten Momente genau die waren, die niemand hätte planen können.

    Nachtrag Claudia:
    Ich habe so meine Ängste auf Wanderschaft:
    Zecken, Bettwanzen und natürlich vor Blasen an den Füßen. Als ich nun morgens vor meinen nassen Schuhen stand, ohne Fön.... ich glaube, mehr brauche ich nicht sagen.

    Der heutige war war wieder so ganz anders als gestern, von der Atmosphäre, der Umgebung, es wurde hügeliger und viel abwechslungsreicher, somit kamen mir die 28 km gar nicht so lang vor. Heute habe ich auch bewusst mitbekommen, dass wir immer wieder die selben Leute treffen - über einige freut man sich, über andere...
    Ein ganz toller Moment war tatsächlich der kleine Stand im Nirgendwo, einfach so, um uns etwas Gutes zu tun, etwas verweilen und genießen. Etwas für Herz, Seele und Beine, einfach schön.
    Das gemütliche Picknick war der perfekte Abschluss, besser geht es nicht.
    Der Weg zeigt dir: es kommt wie es kommt, du hast die Wahl das Beste daraus für dich zu machen. Und das machen wir.
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  • Von Vila do Conde nach Esposende

    August 24 in Portugal ⋅ ☁️ 22 °C

    Gegen 7 Uhr wurden wir wach – wobei „ausgeschlafen“ heute wohl bei keinem von uns die richtige Bezeichnung gewesen wäre. Wir hatten alle eher mäßig geschlafen. Claudi hatte die Nacht mit fünf jungen Frauen im Frauenschlafsaal verbracht und war am Abend etwas überrascht gewesen, als ihre Zimmergenossinnen bereits gegen 21:30 Uhr schlafen gingen. Sie selbst war da noch längst nicht so weit und sortierte noch ihre Fotos.

    Olaf und ich hatten dagegen bis ungefähr 23:30 Uhr an unserem Video und dem Reisetagebuch gearbeitet. Irgendwann tauchte dann auch Claudi mitsamt Rucksack bei uns im Zimmer auf, und gemeinsam gingen wir zum Frühstück.

    Unsere Unterkunft war wirklich schön: ein altes Haus, geschickt mit modernen Neubau-Elementen kombiniert, dazu ein großer, heller Frühstücksraum und ein ausgesprochen gutes Angebot. Besonders erfreulich: Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen! Nach den bisherigen Erfahrungen war das schon fast ein kleines Pilgerluxus-Erlebnis.

    Draußen sah es allerdings weniger verlockend aus. Es begann kräftig zu regnen – genau so, wie es die Wettervorhersage angekündigt hatte. Also entschieden wir uns, nicht sofort loszugehen, sondern erst einmal im Foyer abzuwarten.

    Unsere Stimmung blieb trotzdem gut. Wir hatten uns vorgenommen, uns den Tag nicht vom Wetter vermiesen zu lassen. Viele andere Pilger:innen sahen das offenbar ähnlich, denn sie zogen trotz des Regens los. Einige gut geschützt mit Poncho, Regenhose und Regenjacke, andere erstaunlicherweise nur im T-Shirt und mit kleinem Rucksack. Letztere waren innerhalb kürzester Zeit komplett durchnässt.

    Wir warteten.

    Und warteten.

    Und schauten ungefähr tausendmal in die Wetter-App.

    Am Ende waren es etwa 90 Minuten, die sich allerdings eher wie vier Stunden anfühlten. Für Olaf eindeutig eine Geduldsprüfung. 😄 Schließlich standen für heute rund 25 Kilometer auf dem Programm, und wir hatten mit fünf bis sechs Stunden Gehzeit gerechnet. Zwischendurch überlegten wir schon, ob wir unseren Weg etwas verändern müssten, um den Zeitverlust wieder einzuholen.

    Aber der Camino lehrt einen ja bekanntlich immer wieder dasselbe: Man kann nicht alles beeinflussen. Manchmal muss man die Dinge einfach so nehmen, wie sie sind. Irgendwann sah es tatsächlich so aus, als würde der Regen nachlassen. Also Rucksäcke auf und los.

    Von der Jugendherberge gingen wir zunächst wieder Richtung Küste. Und natürlich dauerte es nicht lange, bis es erneut anfing zu regnen. Diesmal kam auch noch ein kräftiger Wind dazu. An einer überdachten Bushaltestelle fanden wir kurz Schutz, später standen wir noch einmal unter einem Vorbau und warteten den nächsten Regenschauer ab.

    So hangelten wir uns langsam weiter Richtung Póvoa de Varzim. Überall waren Pilger:innen unterwegs, alle mit ihrer ganz eigenen Strategie im Kampf gegen den Regen.

    Als wir Póvoa de Varzim schließlich hinter uns ließen, begann wieder einer dieser wunderschönen Küstenabschnitte mit den typischen Holzstegen. Heute waren die allerdings ordentlich nass und entsprechend rutschig. Über eine kleine Holzbrücke kamen wir schließlich an einen Ort, der uns besonders berührte.

    Am Weg befand sich ein Pilger-Erinnerungsort. Kein klassisches Denkmal und keine offizielle Gedenkstätte, sondern ein Platz, der offenbar über die Jahre von Pilger:innen selbst entstanden ist. Menschen hinterlassen dort kleine Dinge, die ihnen etwas bedeuten: Steine, Muscheln, Bänder, Zettel, Fotos oder persönliche Gegenstände. Manche Steine tragen Namen oder kurze Botschaften. Andere Pilger legen bewusst einen Stein ab, der symbolisch für eine Sorge, eine Belastung oder etwas steht, das sie auf ihrem Weg zurücklassen möchten. Wieder andere erinnern an einen Menschen, tragen einen Wunsch mit sich oder hinterlassen einfach ein Zeichen dafür, dass sie hier waren. Es sind eigentlich nur kleine Gegenstände am Wegesrand – und trotzdem erzählen sie unzählige Geschichten. Einige der Botschaften gingen uns wirklich nahe. Vielleicht liegt genau darin etwas Besonderes am Jakobsweg: Menschen laufen denselben Weg, aber jede und jeder trägt etwas vollkommen anderes mit sich.

    Weiter ging es an einer alten Windmühle vorbei und wieder über die langen Holzstege entlang des Atlantiks. Zwischendurch durchquerten wir kleinere Ansammlungen von Häusern und kamen schließlich erneut an einem solchen Pilgerort vorbei. Auch hier lagen beschriftete Steine, Zettel und persönliche Gegenstände. Manche Texte waren sehr schlicht, andere ausgesprochen emotional. Man bleibt automatisch einen Moment stehen.

    Nach einem großen Golfplatz erreichten wir dann die Casa do Moinho – einen wunderbaren kleinen Treffpunkt für Pilger:innen. Getränke, Snacks, Souvenirs und natürlich ein Pilgerstempel werden dort auf Spendenbasis angeboten. Einige andere Pilger:innen hatten ebenfalls Halt gemacht. Im Garten entdeckten wir außerdem Weinreben mit dunklen Weintrauben. Und die waren wirklich köstlich. So etwas gehört für mich inzwischen genauso zum Camino wie Kirchen, gelbe Pfeile oder Pilgerstempel: diese kleinen Orte, die jemand geschaffen hat, ohne daraus ein großes Geschäft zu machen, einfach damit Menschen auf ihrem Weg einen Moment ankommen können.

    Danach veränderte sich die Landschaft. Wir verließen die unmittelbare Küste, liefen über Landstraßen und schließlich durch kleinere Eukalyptus- und Kiefernwäldchen. Nach dem Regen war der Geruch besonders intensiv – diese Mischung aus feuchter Erde, Kiefer und Eukalyptus war unglaublich angenehm.

    Schließlich erreichten wir Apúlia.

    Unterwegs schauten wir uns einige Kirchen an und sammelten natürlich auch wieder Stempel für unsere Pilgerausweise. An der Igreja Matriz de Apúlia machten wir schließlich eine längere Pause. Die Beine konnten das inzwischen ganz gut gebrauchen.

    Von Apúlia führte der Weg wieder durch schöne Waldstücke weiter nach Fão. Dort erreichten wir schließlich den Rio Cávado. Vorher mussten wir allerdings noch eine sehr weltliche Pilgeraufgabe erledigen: Geld am Automaten holen. Unsere nächste Unterkunft wollte nämlich bar bezahlt werden.

    Dann lag die Ponte D. Luís Filipe vor uns. Über die lange Metallbrücke überquerten wir den Rio Cávado. Spätestens jetzt merkten wir die Kilometer deutlich in den Beinen. Das Wetter hatte sich inzwischen zwar beruhigt, aber unsere Füße waren mittlerweile ziemlich nass, und die Erschöpfung setzte langsam ein.

    Wir erinnerten uns gegenseitig noch einmal an unseren Satz des Tages:

    „Wir können das Wetter nicht ändern – wir müssen es nehmen, wie es kommt.“

    Und irgendwie funktionierte das.

    Am anderen Ende der Brücke erreichten wir schließlich Esposende.

    Unser erstes Ziel war jetzt ganz eindeutig das Esposende GuestHouse. Einchecken, Rucksack abstellen – und große Freude: Claudi bekam ein eigenes Zimmer mit Bad und wir ebenfalls. Dann endlich duschen.

    Und vor allem: trockene Socken!

    Manchmal sind es wirklich die einfachen Dinge im Leben.

    Später gingen wir noch einmal hinunter ans Ufer und anschließend etwas essen. Besonders schön war, dass Olaf und ich genau in dem Restaurant landeten, in dem wir schon vor sechs Jahren einmal gegessen hatten. Plötzlich war da wieder diese Verbindung zwischen damals und heute – derselbe Ort, derselbe Jakobsweg und trotzdem eine ganz andere Reise.

    Danach ging es zurück ins GuestHouse.

    Hinter uns lagen rund 25 abwechslungsreiche Kilometer: Regen, Wind, nasse Holzstege, Pilger:innen in allen denkbaren Varianten von Regenbekleidung, kleine Kirchen, Pilgerstempel, Eukalyptuswälder, Weintrauben, bewegende Botschaften am Wegesrand und am Ende ziemlich nasse Füße.

    Aber vor allem hatten wir trotz allem viel gelacht und unsere gute Laune behalten.

    Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion dieses Tages: Der Camino muss nicht immer Sonne bieten, um ein guter Tag zu sein.

    Heute war er nass, windig, manchmal anstrengend – aber ganz sicher nicht langweilig.

    Und genau deshalb werden wir uns wahrscheinlich lange an diesen Tag erinnern.

    Nachtrag Claudia:
    Dies war nun meine dritte Etappe auf dem Jakobsweg, und irgendwie die bisher Besonderste.
    Die ersten beiden Tage waren einfach nur schön und ereignisreich, wir haben viel gesehen und erlebt.
    Der heutige Tag war anders, vom ersten Augenblick an. Die jungen und entspannten Mädchen in meinem Zimmer, das einfache aber sehr schmackhafte Frühstück und das Warten, dass endlich der Starkregen aufhört. Geduldig bleiben und es einfach hinnehmen.
    Später gab es zwei Momente, die ich als sehr emotional empfunden habe und mir das erste Mal so richtig bewusst werden ließen, auf welch einem Weg ich mich befinde.
    Der erste Moment war eine Pilgerin, die weinend die Kirche verließ, vor der wir eine kurze Rast eingelegt hatten. Wir werden den Grund nie erfahren, aber vielleicht wird ihr der Weg eine kleine Stütze sein.
    Der zweite Moment war die kleine Stempelstelle mit den vielen kurzen, bewegenden Gedanken der Pilgernden, die dort ihre Gefühle verewigt haben. Dort wären mir fast die Tränen gekommen und ich habe gemerkt, wie ich langsam auf diesem Weg ankomme und die vielen kleinen Begebenheiten, die man im Laufe des Tages erfährt, schätzen lerne.
    Überall haben wir kleine Botschaften gefunden, sei es als Aufkleber, kleine beschriebene Steine oder einfach einen an einem Armband befestigten Zettel.
    Wir sehen so viele unterschiedliche Menschen mit ihren Geschichten, so viele freundliche Leute, die uns einen guten Weg wünschen.....
    Es tut gut.
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  • Von Lavra nach Vila do Conde

    August 23 in Portugal ⋅ ☁️ 20 °C

    Die zweite Nacht auf unserem Camino verbrachten wir zu sechst im Schlafraum: außer uns dreien noch zwei jüngere Männer und ein etwas älterer Herr, den wir auf ungefähr 70 schätzten. Claudi war damit die einzige Frau im Zimmer. 😂 Der ältere Herr hatte zudem die Angewohnheit, immer wieder mit seinem Gebiss im Mund zu spielen, was ein ziemlich unverwechselbares schmatzendes Geräusch erzeugte. Auch das gehört offenbar zum echten Pilgerleben 🫣

    Gegen 7 Uhr standen wir auf. Für heute war ziemlich durchwachsenes Wetter angesagt – und ein kurzes Gewitter am Morgen machte gleich deutlich, dass die Vorhersage wohl stimmen würde.

    Zum Frühstück gingen wir in die Padaria Pastelaria Veiga. Nussbrot, Croissant, Pastel de Nata, Kaffee und Orangensaft – einfach, aber richtig gut und eine ordentliche Grundlage für unsere zweite Etappe.

    Da es kühl und windig war und weiterer Regen drohte, zogen wir gleich die Ponchos über. Im Minimarkt kauften wir noch Wasser und dann ging es wieder hinaus an die Küste.

    Erneut führten lange Holzstege an der felsigen Atlantikküste entlang. Die Brandung war heute deutlich stärker als gestern und das Meer zeigte sich von seiner raueren Seite. An einer Stelle war der Holzsteg eingestürzt, sodass wir über eine provisorische Stufe zum Strand hinunter und ein kleines Stück ausweichen mussten. Dieser unfreiwillige Umweg hatte allerdings auch etwas Gutes: Wir entdeckten wunderschöne Windspiele aus Muscheln und Holz und liebevoll bemalte Steine – kleine Kunstwerke direkt am Wegesrand.

    Zurück auf dem Steg ging es weiter bis zum Höhenmarkstein São Paio, wo wir eine Weile die Aussicht genossen. Mit dem grauen Himmel, dem Wind, der wilden Brandung und der felsigen Küste fühlte es sich für einen Moment tatsächlich fast ein bisschen wie Schottland an.

    Vorbei an der kleinen Capela de São Paio erreichten wir Vila Chã. Inzwischen regnete es kräftiger. Und dann wurden wir mitten im Ort überrascht. Trotz des Regens waren überall Menschen damit beschäftigt, auf den Straßen wunderschöne Blumenteppiche anzulegen. Erst später erfuhren wir, dass wir damit ganz zufällig mitten in eine besondere lokale Tradition geraten waren: die Festa de São Mamede.

    In Vila Chã werden die Straßen zu diesem Festwochenende alle zwei Jahre aufwendig geschmückt. Die Teppiche bestehen traditionell aus einer Mischung aus Salz, bunten Sägespänen, Stoffresten und echten Blumen und werden von den Bewohnerinnen und Bewohnern gemeinsam gestaltet. Sie sind nicht einfach nur Dekoration, sondern werden für die religiöse Prozession ausgelegt, die am Nachmittag durch den Ort zieht. Besonders schön fanden wir die maritime Verbindung dieser Tradition: Am Largo dos Pescadores, direkt am Meer, wird die Predigt traditionell sogar vom Bug eines echten Fischerbootes aus gehalten.

    Dass wir genau an diesem Tag und noch dazu während der Vorbereitungen durch Vila Chã kamen, war ein echter Zufall. Umso beeindruckender war es zu sehen, wie die Menschen selbst im Regen unbeirrt an diesen farbenfrohen Kunstwerken weiterarbeiteten. Für uns war das einer dieser besonderen Camino-Momente, die man nicht planen kann.

    Nachdem wir Vila Chã verlassen hatten, ließ der Regen langsam nach. Wieder führten lange Holzstege durch die Dünenlandschaft. Auf den nassen Planken begegneten uns sogar zwei Schnecken, die offenbar ebenfalls auf ihrem ganz eigenen Camino unterwegs waren. 🐌

    Und dann kam tatsächlich die Sonne heraus. Wir fanden eine Holzbank mit Blick über die Dünen zum Strand und machten dort Pause. Nach Wind und Regen einfach herrlich: sitzen, aufs Meer schauen und für einen Moment nichts weiter müssen.

    Dann begann der Endspurt nach Vila do Conde. Über die Brücke über den Rio Ave erreichten wir die Stadt und hatten dabei einen wunderschönen Blick auf das ehemalige Kloster Santa Clara, das hoch über Vila do Conde thront.

    Wir folgten den Camino-Zeichen durch die Stadt bis zur Igreja Matriz de São João Baptista. Die Kirche war geöffnet, also gingen wir hinein und konnten dort unsere Pilgerausweise abstempeln lassen. Perfektes Timing – denn kurz nachdem wir wieder draußen waren, wurde die Kirche geschlossen.

    Gegen 14 Uhr erreichten wir unsere gebuchte Jugendherberge. Allerdings war die Rezeptionistin gerade in der Mittagspause und laut einem Hinweis sollte der Check-in ohnehin erst ab 16 Uhr möglich sein. Also beschlossen Olaf und Claudi, schon einmal einen Stadtrundgang zu machen, während ich mein Knie etwas schonen und mich ausruhen wollte.

    Der Stadtrundgang der beiden war allerdings bemerkenswert kurz 😂 Sie kamen nämlich nur bis zur erstbesten Strandbar, setzten sich hin und tranken Bier.

    Als die Rezeption wenig später wieder öffnete und wir überraschenderweise doch schon früher einchecken konnten, waren die beiden allerdings erstaunlich schnell wieder zurück. Olaf und ich bezogen ein Doppelzimmer mit eigenem Bad, Claudi bekam ein Bett im Frauenschlafsaal – diesmal also tatsächlich unter Frauen.

    Nach einer kurzen Pause machten wir uns dann wirklich zu dritt auf den Weg zur Stadtbesichtigung.

    Zunächst liefen wir die lange Strandpromenade entlang, vorbei an der Festungsanlage Forte de São João Baptista, und weiter zur Capela de Nossa Senhora da Guia.

    Anschließend folgten wir dem Rio Ave bis zur Praça D. João II, wo eine riesige Sonnenuhr steht. Danach besichtigten wir die kleine, aber sehr hübsche Capela de Nossa Senhora do Socorro und schlenderten weiter durch die schönen Straßen der Stadt Richtung Santa Clara.

    Unterwegs kauften wir im Supermarkt noch Wasser und Kekse für morgen – schließlich muss auch für die nächste Etappe vorgesorgt werden.

    Das ehemalige Kloster Santa Clara wird heute als exklusives Hotel genutzt. Von dort oben hatten wir einen herrlichen Blick über Vila do Conde.

    Danach liefen wir ein Stück am beeindruckenden Aqueduto de Santa Clara entlang, dessen Bögen sich scheinbar endlos durch die Stadt ziehen, bevor wir langsam wieder Richtung Innenstadt zurückgingen.

    Im Café O Forninho gab es schließlich Abendessen.

    Danach waren wir alle ziemlich müde und erschöpft und machten uns zurück auf den Weg zur Jugendherberge. Am Abend zog noch einmal ein kräftigeres Gewitter über Vila do Conde – ein passender Abschluss für diesen wettertechnisch doch recht abwechslungsreichen Tag.

    Unsere eigentliche Camino-Etappe war heute mit knapp 13 Kilometern gar nicht besonders lang.

    Aber der Kilometerzähler hatte am Abend trotzdem etwas anderes zu erzählen:

    23 Kilometer. 😄

    Dank unserer ausgiebigen Stadtbesichtigung hatten wir also doch ordentlich Strecke gemacht.

    Regen, Wind, wilde Atlantikwellen, Blumenteppiche, Schnecken auf dem Camino, Sonne über den Dünen, Kirchen, Kapellen, ein Kloster, ein Aquädukt – und natürlich ein „Stadtrundgang“, der zunächst an der ersten Strandbar endete.

    Wieder ein wunderbarer und erlebnisreicher Pilgertag mit unglaublich vielen Eindrücken. 💛🥾🌊

    Sprüche des Tages:

    An einem Laternenpfahl unterwegs:
    MANCHE AUGENBLICKE VERGISST DU NIE ❤️

    Graffiti mit Hahn in Vila do Conde:
    ENTSCHEIDE, WAS DICH GLÜCKLICH MACHT!
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  • Von Porto nach Lavra

    August 22 in Portugal ⋅ 🌬 20 °C

    Die erste Nacht in Porto war richtig gut. Vor allem Claudi hat wunderbar geschlafen – sogar durchgeschlafen, bis 7 Uhr und ohne ein einziges Mal nachts zur Toilette zu müssen 😂 So konnten wir den Morgen ganz entspannt beginnen, uns in Ruhe fertig machen und am einfachen, aber völlig ausreichenden Frühstücksbuffet stärken.

    An der Rezeption ließen wir unsere Schutzhüllen für die Rucksäcke zurück – schließlich kommen wir am 12. September noch einmal ins Hotel Peninsular zurück. Dann ging es los Richtung Straßenbahn Infante. Zumindest fast. Unterwegs fiel uns nämlich ein, dass wir die Stempel vom Hotel für unsere Pilgerausweise vergessen hatten. Also wieder zurück. „Hello again!“ 😄 Stempel geholt – und nun konnte es wirklich losgehen.

    An der Kathedrale begann für uns ganz offiziell der Camino. Ein besonderer Moment. ❤️

    Danach hatten wir Glück: Die alte Straßenbahn stand schon bereit. Für 6 Euro pro Person fuhren wir am Fluss Douro entlang bis zur Endhaltestelle am Jardim do Passeio Alegre. Eine wunderschöne Fahrt in dieser herrlich alten Bahn.

    Von dort liefen wir zunächst zum Leuchtturm „Farolim de Felgueiras“. Rund um den Leuchtturm waren viele Angler unterwegs und jede Menge Menschen mit ihren Hunden – manche von ihnen sahen tatsächlich so aus, als würden sie lachen. 😄

    Nun ging es immer am Atlantik entlang. Durch einen kleinen Park führte der Weg durch eine Art grünen Hohlweg aus großen Sträuchern und anschließend an scheinbar endlosen Stränden vorbei. Viele Menschen waren im Wasser und genossen den Sommertag.

    Im Jardim do Homem do Leme kamen wir an der Statue des Seemanns vorbei. Gleich daneben wartete ein Hund hochkonzentriert darauf, dass seine Halterin endlich wieder den Ball warf. Ein Stück weiter erreichten wir das kleine Castelo do Queijo.

    Wir folgten weiter der Küste, die hier zunehmend bebaut ist, machten eine sehr willkommene Pause mit einem leckeren Eis und kamen am großen Kunstwerk „Anémona“ vorbei. Später passierten wir die eindrucksvolle Skulpturengruppe „Tragédia no Mar“ (Denkmal der Tragödie des Meeres) und holten uns in der Touristeninformation natürlich den nächsten Stempel für den Pilgerausweis.

    Das „Monumento Tragédia no Mar“ (Denkmal der Tragödie des Meeres) in Matosinhos, Portugal, erinnert an ein schweres Schiffsunglück im Dezember 1947. Die etwa drei Meter hohe Bronzeskulptur von José João Brito zeigt trauernde Witwen und Waisen und ehrt 152 Fischer, die bei einem heftigen Sturm ums Leben kamen.

    An der Klappbrücke „Ponte móvel de Leça“ mussten wir wegen Restaurierungsarbeiten einen kleinen Umweg nehmen, um auf den Fußgängerweg der Brücke zu gelangen. Beim Überqueren klapperte das Metall unter unseren Füßen ordentlich – ein ganz eigener Camino-Sound. 😉

    Vorbei am Leuchtturm Boa Nova und an der restaurierten kleinen Kapelle „Capela da Boa Nova“, die an der Stelle eines früheren Klosters direkt an der Küste steht, begann dann ein besonders schöner Abschnitt: kilometerlange Holzstege durch die Dünen. Kleine Vögel huschten immer wieder direkt neben uns durch das Gras.

    Am „Obelisco da Praia da Memória“ vorbei ging es weiter über die Holzwege. Beim Melanina Club de Praia entdeckten wir eine kleine, originelle Figur zum Jakobsweg. Dort fragte uns ein junges Mädchen, ob wir ein Foto von ihr machen könnten. Eine kurze Begegnung – aber sie war so freundlich und sympathisch, dass auch sie irgendwie zu diesem Tag gehört.

    Schließlich erreichten wir Lavra und nach rund 18 Kilometern unser Ziel, das „Angeiras Beach Hostel“.

    Mein Knie meldete sich inzwischen ziemlich deutlich, deshalb legte ich erst einmal die Beine hoch und ruhte mich aus. Olaf und Claudi dagegen gingen noch zum Strand und ins Meer. Ihr Urteil hinterher: ziemlich erfrischend! 😄 Aber wenn man erstmal drin war, ging es 😂

    Nach dem Duschen machten wir uns auf zur Dona Odete Hamburgueria Artesanal. Dort gab es für uns richtig leckere vegane Burger – genau das Richtige nach 18 Kilometern. Zum Abschluss unseres ersten „Pilgermenüs“ spendierte uns der Eigentümer noch einen selbstgemachten Likör. Extrem lecker!

    Und dann fehlte eigentlich nur noch eines: der Sonnenuntergang. 🌅

    Wir gingen am Strand entlang zurück zu unserer Unterkunft, während die Sonne langsam über dem Atlantik verschwand.

    18 Kilometer, alte Straßenbahn, Atlantik, Dünen, Holzstege, Stempel, Begegnungen, vegane Burger und ein Sonnenuntergang am Meer.

    Ein wunderschöner erster Pilgertag.
    Jetzt sind wir wirklich unterwegs. 💛🥾
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  • Olá Porto!

    August 21 in Portugal ⋅ ☁️ 23 °C

    Angekommen in Porto – jetzt beginnt unsere Reise 🇵🇹

    Der Wecker kannte heute keine Gnade: 02:15 Uhr. Viel geschlafen hatten wir ohnehin nicht. Gestern waren endlich die Rucksäcke gepackt worden – erstaunlicherweise landeten wir alle drei bei ungefähr 6 kg. Damit können wir wirklich zufrieden sein.

    Um 03:10 Uhr trafen wir Claudi vor unserer Haustür. Ihre Tochter Anni hatte sie zu uns gefahren, und kurz darauf brachte uns ein Bolt zum Flughafen. Rucksäcke am Self-Check-in aufgegeben und dann erst einmal das obligatorische Frühstück beim „Haferkater“ – manche Traditionen müssen schließlich gepflegt werden.

    Alles verlief erstaunlich entspannt. Der Flug war ruhig, wir konnten sogar etwas dösen und landeten pünktlich in Porto. Unsere Rucksäcke kamen fast sofort, am Automaten kauften wir die Tickets für die Metro und fuhren bis Trindade. Von dort ging es zu Fuß zu unserem Hotel Peninsular.

    Unser Zimmer war noch nicht fertig, also ließen wir die Rucksäcke dort und machten das einzig Vernünftige nach einer Nacht mit kaum Schlaf: Wir begannen sofort mit Sightseeing. 😄

    Wir kamen an einem netten und modernen Café „Nata Sweet Nata“ vorbei und uns lockten die berühmten „Pastel de Nata“ und die waren wirklich SEHR LECKER!!! Anschließend besuchten wir zuerst die „Igreja Paroquial de Santo Ildefonso“ mit ihrer herrlichen Fliesenfassade, anschließend den wunderschönen Bahnhof „São Bento“ mit seiner tollen Haupthalle, ebenfalls mit riesigen Fliesenbildern, und schließlich die Kathedrale von Porto mit ihrem Kreuzgang …. natürlich mit tollen Fliesenbildern 😂. Dort gab es einen ganz besonderen kleinen Moment: unseren ersten Pilgerstempel – und Claudis allerersten überhaupt. Jetzt wird aus der lange geplanten Reise langsam wirklich unser Camino.

    Vom Turm der Kathedrale hatten wir einen großartigen ersten Überblick über Porto. Danach ging es über die obere Ebene der Brücke „Ponte Dom Luís I.“ Der Blick auf den Fluss Douro und die Altstadt war fantastisch. Auf der anderen Seite liefen wir hinunter ans Ufer, überquerten den Douro noch einmal auf der unteren Ebene der Brücke und schlenderten anschließend durch die alten, engen Gassen wieder hinauf Richtung Kathedrale.

    Irgendwann waren dann aber selbst wir bereit für eine Pause. In der „Tasquinha dos Lóios“ gab es erst einmal ein Bier. Auf dem Weg zurück zum Hotel schauten wir noch kurz in der „Igreja de Santo António“ vorbei.

    Im Hotel wartete schließlich unser Zimmer – und sogar die Rucksäcke waren schon hinaufgebracht worden. Das Peninsular hat einen herrlich biederen und altehrwürdigen Charme. Und genau das gefällt uns irgendwie.

    Nach ungefähr zwei Stunden Ausruhen waren die Akkus zumindest wieder teilweise geladen.

    Eigentlich hatten wir für den Abend im Restaurant „Kind Kitchen“ reserviert. Eigentlich. Dann kamen wir an einem Burger King vorbei.

    Tja.

    Der Widerstand hielt sich erstaunlich kurz. 😂 Also wurde aus dem geplanten Abendessen spontan Burger King – inklusive einer Taube, die munter durch das Restaurant flog und offenbar ebenfalls fand, dass Reservierungen völlig überbewertet werden 😂

    Danach gingen wir zum Platz vor dem Rathaus und ließen uns vor den großen blauen PORTO-Buchstaben fotografieren. Anschließend machten wir uns langsam auf den Weg zum „Torre dos Clérigos“, denn für 20 Uhr hatten wir Tickets für die Turmbesteigung.

    Da noch Zeit war, schauten wir uns die Umgebung an. Vor der berühmten Buchhandlung „Livraria Lello“ herrschte allerdings ein solcher Andrang, dass wir es beim Anschauen von außen beließen. Überhaupt war Porto heute unglaublich voll mit Touristen.

    Also suchten wir uns ein ruhigeres Plätzchen und verbrachten die restliche Wartezeit ganz entspannt im Park „Jardim das Oliveiras“.

    Dann kam der letzte Höhepunkt dieses langen Tages: der ca. 80 m hohe Kirchturm „Torre dos Clérigos“ mit seinen rund 240 Stufen. Über die teilweise wirklich engen Treppengänge ging es immer weiter nach oben. Und dort wurden wir belohnt: Porto im Licht des Sonnenuntergangs. Ein herrlicher Blick über die Stadt und ein wunderbarer Abschluss unseres ersten Tages.

    Danach war endgültig Schluss. Noch Wasser gekauft und zurück ins Hotel.

    Jetzt sind wir erschöpft, glücklich und zufrieden. Hinter uns liegt ein Tag, der gefühlt schon gestern begonnen hat – und trotzdem war das alles erst der Anfang.

    Morgen geht es los.

    Unser erster richtiger Tag auf dem Camino. 🥾🇵🇹
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    Trip start
    August 21, 2026