• Von Vila do Conde nach Esposende

    August 24 in Portugal ⋅ ☁️ 22 °C

    Gegen 7 Uhr wurden wir wach – wobei „ausgeschlafen“ heute wohl bei keinem von uns die richtige Bezeichnung gewesen wäre. Wir hatten alle eher mäßig geschlafen. Claudi hatte die Nacht mit fünf jungen Frauen im Frauenschlafsaal verbracht und war am Abend etwas überrascht gewesen, als ihre Zimmergenossinnen bereits gegen 21:30 Uhr schlafen gingen. Sie selbst war da noch längst nicht so weit und sortierte noch ihre Fotos.

    Olaf und ich hatten dagegen bis ungefähr 23:30 Uhr an unserem Video und dem Reisetagebuch gearbeitet. Irgendwann tauchte dann auch Claudi mitsamt Rucksack bei uns im Zimmer auf, und gemeinsam gingen wir zum Frühstück.

    Unsere Unterkunft war wirklich schön: ein altes Haus, geschickt mit modernen Neubau-Elementen kombiniert, dazu ein großer, heller Frühstücksraum und ein ausgesprochen gutes Angebot. Besonders erfreulich: Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen! Nach den bisherigen Erfahrungen war das schon fast ein kleines Pilgerluxus-Erlebnis.

    Draußen sah es allerdings weniger verlockend aus. Es begann kräftig zu regnen – genau so, wie es die Wettervorhersage angekündigt hatte. Also entschieden wir uns, nicht sofort loszugehen, sondern erst einmal im Foyer abzuwarten.

    Unsere Stimmung blieb trotzdem gut. Wir hatten uns vorgenommen, uns den Tag nicht vom Wetter vermiesen zu lassen. Viele andere Pilger:innen sahen das offenbar ähnlich, denn sie zogen trotz des Regens los. Einige gut geschützt mit Poncho, Regenhose und Regenjacke, andere erstaunlicherweise nur im T-Shirt und mit kleinem Rucksack. Letztere waren innerhalb kürzester Zeit komplett durchnässt.

    Wir warteten.

    Und warteten.

    Und schauten ungefähr tausendmal in die Wetter-App.

    Am Ende waren es etwa 90 Minuten, die sich allerdings eher wie vier Stunden anfühlten. Für Olaf eindeutig eine Geduldsprüfung. 😄 Schließlich standen für heute rund 25 Kilometer auf dem Programm, und wir hatten mit fünf bis sechs Stunden Gehzeit gerechnet. Zwischendurch überlegten wir schon, ob wir unseren Weg etwas verändern müssten, um den Zeitverlust wieder einzuholen.

    Aber der Camino lehrt einen ja bekanntlich immer wieder dasselbe: Man kann nicht alles beeinflussen. Manchmal muss man die Dinge einfach so nehmen, wie sie sind. Irgendwann sah es tatsächlich so aus, als würde der Regen nachlassen. Also Rucksäcke auf und los.

    Von der Jugendherberge gingen wir zunächst wieder Richtung Küste. Und natürlich dauerte es nicht lange, bis es erneut anfing zu regnen. Diesmal kam auch noch ein kräftiger Wind dazu. An einer überdachten Bushaltestelle fanden wir kurz Schutz, später standen wir noch einmal unter einem Vorbau und warteten den nächsten Regenschauer ab.

    So hangelten wir uns langsam weiter Richtung Póvoa de Varzim. Überall waren Pilger:innen unterwegs, alle mit ihrer ganz eigenen Strategie im Kampf gegen den Regen.

    Als wir Póvoa de Varzim schließlich hinter uns ließen, begann wieder einer dieser wunderschönen Küstenabschnitte mit den typischen Holzstegen. Heute waren die allerdings ordentlich nass und entsprechend rutschig. Über eine kleine Holzbrücke kamen wir schließlich an einen Ort, der uns besonders berührte.

    Am Weg befand sich ein Pilger-Erinnerungsort. Kein klassisches Denkmal und keine offizielle Gedenkstätte, sondern ein Platz, der offenbar über die Jahre von Pilger:innen selbst entstanden ist. Menschen hinterlassen dort kleine Dinge, die ihnen etwas bedeuten: Steine, Muscheln, Bänder, Zettel, Fotos oder persönliche Gegenstände. Manche Steine tragen Namen oder kurze Botschaften. Andere Pilger legen bewusst einen Stein ab, der symbolisch für eine Sorge, eine Belastung oder etwas steht, das sie auf ihrem Weg zurücklassen möchten. Wieder andere erinnern an einen Menschen, tragen einen Wunsch mit sich oder hinterlassen einfach ein Zeichen dafür, dass sie hier waren. Es sind eigentlich nur kleine Gegenstände am Wegesrand – und trotzdem erzählen sie unzählige Geschichten. Einige der Botschaften gingen uns wirklich nahe. Vielleicht liegt genau darin etwas Besonderes am Jakobsweg: Menschen laufen denselben Weg, aber jede und jeder trägt etwas vollkommen anderes mit sich.

    Weiter ging es an einer alten Windmühle vorbei und wieder über die langen Holzstege entlang des Atlantiks. Zwischendurch durchquerten wir kleinere Ansammlungen von Häusern und kamen schließlich erneut an einem solchen Pilgerort vorbei. Auch hier lagen beschriftete Steine, Zettel und persönliche Gegenstände. Manche Texte waren sehr schlicht, andere ausgesprochen emotional. Man bleibt automatisch einen Moment stehen.

    Nach einem großen Golfplatz erreichten wir dann die Casa do Moinho – einen wunderbaren kleinen Treffpunkt für Pilger:innen. Getränke, Snacks, Souvenirs und natürlich ein Pilgerstempel werden dort auf Spendenbasis angeboten. Einige andere Pilger:innen hatten ebenfalls Halt gemacht. Im Garten entdeckten wir außerdem Weinreben mit dunklen Weintrauben. Und die waren wirklich köstlich. So etwas gehört für mich inzwischen genauso zum Camino wie Kirchen, gelbe Pfeile oder Pilgerstempel: diese kleinen Orte, die jemand geschaffen hat, ohne daraus ein großes Geschäft zu machen, einfach damit Menschen auf ihrem Weg einen Moment ankommen können.

    Danach veränderte sich die Landschaft. Wir verließen die unmittelbare Küste, liefen über Landstraßen und schließlich durch kleinere Eukalyptus- und Kiefernwäldchen. Nach dem Regen war der Geruch besonders intensiv – diese Mischung aus feuchter Erde, Kiefer und Eukalyptus war unglaublich angenehm.

    Schließlich erreichten wir Apúlia.

    Unterwegs schauten wir uns einige Kirchen an und sammelten natürlich auch wieder Stempel für unsere Pilgerausweise. An der Igreja Matriz de Apúlia machten wir schließlich eine längere Pause. Die Beine konnten das inzwischen ganz gut gebrauchen.

    Von Apúlia führte der Weg wieder durch schöne Waldstücke weiter nach Fão. Dort erreichten wir schließlich den Rio Cávado. Vorher mussten wir allerdings noch eine sehr weltliche Pilgeraufgabe erledigen: Geld am Automaten holen. Unsere nächste Unterkunft wollte nämlich bar bezahlt werden.

    Dann lag die Ponte D. Luís Filipe vor uns. Über die lange Metallbrücke überquerten wir den Rio Cávado. Spätestens jetzt merkten wir die Kilometer deutlich in den Beinen. Das Wetter hatte sich inzwischen zwar beruhigt, aber unsere Füße waren mittlerweile ziemlich nass, und die Erschöpfung setzte langsam ein.

    Wir erinnerten uns gegenseitig noch einmal an unseren Satz des Tages:

    „Wir können das Wetter nicht ändern – wir müssen es nehmen, wie es kommt.“

    Und irgendwie funktionierte das.

    Am anderen Ende der Brücke erreichten wir schließlich Esposende.

    Unser erstes Ziel war jetzt ganz eindeutig das Esposende GuestHouse. Einchecken, Rucksack abstellen – und große Freude: Claudi bekam ein eigenes Zimmer mit Bad und wir ebenfalls. Dann endlich duschen.

    Und vor allem: trockene Socken!

    Manchmal sind es wirklich die einfachen Dinge im Leben.

    Später gingen wir noch einmal hinunter ans Ufer und anschließend etwas essen. Besonders schön war, dass Olaf und ich genau in dem Restaurant landeten, in dem wir schon vor sechs Jahren einmal gegessen hatten. Plötzlich war da wieder diese Verbindung zwischen damals und heute – derselbe Ort, derselbe Jakobsweg und trotzdem eine ganz andere Reise.

    Danach ging es zurück ins GuestHouse.

    Hinter uns lagen rund 25 abwechslungsreiche Kilometer: Regen, Wind, nasse Holzstege, Pilger:innen in allen denkbaren Varianten von Regenbekleidung, kleine Kirchen, Pilgerstempel, Eukalyptuswälder, Weintrauben, bewegende Botschaften am Wegesrand und am Ende ziemlich nasse Füße.

    Aber vor allem hatten wir trotz allem viel gelacht und unsere gute Laune behalten.

    Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion dieses Tages: Der Camino muss nicht immer Sonne bieten, um ein guter Tag zu sein.

    Heute war er nass, windig, manchmal anstrengend – aber ganz sicher nicht langweilig.

    Und genau deshalb werden wir uns wahrscheinlich lange an diesen Tag erinnern.

    Nachtrag Claudia:
    Dies war nun meine dritte Etappe auf dem Jakobsweg, und irgendwie die bisher Besonderste.
    Die ersten beiden Tage waren einfach nur schön und ereignisreich, wir haben viel gesehen und erlebt.
    Der heutige Tag war anders, vom ersten Augenblick an. Die jungen und entspannten Mädchen in meinem Zimmer, das einfache aber sehr schmackhafte Frühstück und das Warten, dass endlich der Starkregen aufhört. Geduldig bleiben und es einfach hinnehmen.
    Später gab es zwei Momente, die ich als sehr emotional empfunden habe und mir das erste Mal so richtig bewusst werden ließen, auf welch einem Weg ich mich befinde.
    Der erste Moment war eine Pilgerin, die weinend die Kirche verließ, vor der wir eine kurze Rast eingelegt hatten. Wir werden den Grund nie erfahren, aber vielleicht wird ihr der Weg eine kleine Stütze sein.
    Der zweite Moment war die kleine Stempelstelle mit den vielen kurzen, bewegenden Gedanken der Pilgernden, die dort ihre Gefühle verewigt haben. Dort wären mir fast die Tränen gekommen und ich habe gemerkt, wie ich langsam auf diesem Weg ankomme und die vielen kleinen Begebenheiten, die man im Laufe des Tages erfährt, schätzen lerne.
    Überall haben wir kleine Botschaften gefunden, sei es als Aufkleber, kleine beschriebene Steine oder einfach einen an einem Armband befestigten Zettel.
    Wir sehen so viele unterschiedliche Menschen mit ihren Geschichten, so viele freundliche Leute, die uns einen guten Weg wünschen.....
    Es tut gut.
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