• Von Esposende nach Viana do Castelo

    August 25 in Portugal ⋅ 🌧 22 °C

    Diese Nacht hatten Olaf, Claudi und ich deutlich besser geschlafen als die vorherige. Bei Claudi begann der Morgen allerdings schon mit einem kleinen Camino-Drama: Sie hatte am Abend vergessen, ihre Schuhe hereinzuholen. Der nächtliche Regen hatte die Gelegenheit natürlich genutzt – und am Morgen waren sie entsprechend feucht.

    Gegen 7 Uhr klingelte Olafs Telefon: Claudi.

    Mein erster Gedanke war tatsächlich: Was ist denn jetzt mit unserer Wohnung? Doch das Problem lag deutlich näher. In ihrem Zimmer piepte irgendetwas, und als sie versucht hatte, ihre nassen Schuhe mit dem Föhn zu trocknen, stellte sie fest: Es gab keinen Strom. Sie bat uns, die Vermieterin zu informieren, was ich auch gleich tat. Trotzdem ging ich natürlich selbst noch einmal nachsehen. Das stellte sich als nur bedingt gute Idee heraus. Durch den Stromausfall hatte offenbar die Alarmanlage reagiert und piepte vor sich hin. Ich versuchte einen Reset. Großer Fehler! Statt Ruhe herrschte plötzlich noch sehr viel mehr Alarm. 😄 Immerhin gelang es mir, das Ganze wieder auf das ursprüngliche Piepen zurückzubringen. Kurz darauf meldete sich der Sohn der Vermieterin per WhatsApp und kündigte an, seine Mutter sei in fünf Minuten da. Und tatsächlich: Fünf Minuten später stand war sie da. Nach zwei Versuchen ihrerseits war der Strom wieder da. Allgemeines Aufatmen. Die Schuhe konnten endlich geföhnt, die Handys weitergeladen werden – und der Stromausfall hatte sogar etwas Gutes: Durch den Neustart war auch der Router wieder zum Leben erwacht und plötzlich hatten wir WLAN, auf das wir am Vorabend vergeblich gewartet hatten. Manchmal braucht es eben einen kompletten Stromausfall, damit die Technik wieder funktioniert.

    Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, legten wir die Schlüssel unserer Zimmer auf den kleinen Tresen und verabschiedeten uns vom GuestHouse. Unser erstes richtiges Ziel des Tages war das Oddes Café, wo wir frühstückten. Danach kauften wir noch Wasser und füllten unsere Trinkflaschen auf.
    Dann konnte die eigentliche Etappe beginnen.

    Heute führte uns der Caminho Português da Costa von Esposende nach Viana do Castelo – rund 27 Kilometer lagen vor uns.

    Zunächst liefen wir noch ein Stück am Ufer entlang. Dort begegnete uns neben der alten Festung ein großer „Esposende“-Schriftzug, bei dem man als Tourist vermutlich zwingend ein Foto machen müsste. Wir nicht. Keine Lust. Also weiter. 😄

    Schon bald verließen wir die Küste und liefen wieder durch Eukalyptuswäldchen in Richtung Marinhas. Dort machten wir an der Igreja de São Miguel Halt. In der Kirche saß ein älterer Mann, vielleicht Mitte 70, der sich ganz offensichtlich darüber freute, uns Pilger zu sehen. Mit großer Sorgfalt nahm er unsere Pilgerausweise entgegen und setzte seinen Kirchenstempel hinein. Doch damit nicht genug. Er holte zusätzlich ein kleines Gerät hervor und prägte das Papier direkt über dem Stempel. Eine richtige Papierprägung im Pilgerausweis! In all den Jahren auf verschiedenen Caminos hatte ich so etwas noch nie erlebt. Der Mann erzählte uns anschließend noch einiges auf portugiesisch. Sehr engagiert. Sehr freundlich. Und vermutlich auch sehr interessant. Wir verstanden nur leider praktisch kein Wort. 😄 Aber manchmal braucht eine Begegnung gar keine gemeinsame Sprache. Wir bedankten uns herzlich – und gingen mit einem ausgesprochen besonderen Stempel weiter.

    Von Marinhas führte der Weg anschließend durch eine ganze Reihe kleiner Ortschaften, die fast nahtlos ineinander übergingen. Manchmal war überhaupt nicht mehr zu erkennen, wo der eine Ort endete und der nächste begann.

    Irgendwann erreichten wir Belinho.
    Dort besuchten wir erneut eine Kirche – und da es öffentliche Toiletten gab, war die Entscheidung schnell gefallen: Erste richtige Rast.

    Danach ging es weiter über kleine Straßen, Feldwege und durch Waldstücke. Der Camino wurde zunehmend ländlicher und führte schließlich hinunter zum Rio Neiva.

    Und damit zu einem Ort, mit dem ich inzwischen meine ganz eigene Camino-Geschichte verbinde: Die Ponte do Sebastião. 2016 war ich hier mit Edith entlanggekommen und konnte die alte Steinquerung noch ganz normal benutzen. 2020 war ich mit Olaf wieder hier. Damals war ein großer Teil der Brücke zerstört, und wir mussten uns über die verbliebenen Steine und Reste auf die andere Seite des Flusses vorarbeiten. Heute sah alles wieder vollkommen anders aus.

    Die Ponte do Sebastião liegt zwischen Antas und Castelo do Neiva und gehört seit Langem zum historischen Pilgerweg über den Rio Neiva. Gerade Hochwasser hat dieser alten Steinquerung immer wieder zugesetzt; noch Anfang 2026 musste die Passage wegen des hohen Wasserstands vorübergehend gesperrt werden. (Via Veteris (https://viaveteris.pt/noticias/2023/07/dia-sao-…))

    Heute aber konnten wir sie problemlos überqueren.

    Für mich war das ein besonderer Moment: derselbe Ort auf drei verschiedenen Caminos – und jedes Mal sah er anders aus.

    Hinter dem Fluss ging es einen kleinen Berg hinauf.

    Oben angekommen, erwartete uns gleich die nächste kleine Szene. Hinter einem Zaun standen drei junge Bullen, die miteinander spielten und sich gegenseitig neckten. Wir blieben eine Weile stehen und sahen ihnen einfach zu. Auch das sind diese Camino-Momente, die nicht im Reiseführer stehen und trotzdem hängen bleiben.

    Wenig später erreichten wir Santiago de Castelo do Neiva. Und hier standen wir plötzlich an einem wirklich bedeutenden Ort der europäischen Jakobusgeschichte.

    Die heutige Igreja de Santiago de Castelo do Neiva gilt als der älteste dem Apostel Jakobus geweihte Tempel außerhalb des heutigen spanischen Staatsgebietes. Bereits im Jahr 862 soll Bischof Nausto von Coimbra hier eine Kirche zu Ehren des Apostels geweiht haben – nur wenige Jahrzehnte nach der überlieferten Entdeckung des Jakobusgrabes in Santiago de Compostela. (fpcsantiago.pt (https://fpcsantiago.pt/patrimonio/joias-patrimo…))

    Damit befindet sich hier ein Zeugnis dafür, wie früh sich die Verehrung des heiligen Jakobus von Galicien nach Portugal ausbreitete. Für Menschen, die heute mit Rucksack und Pilgerausweis hier vorbeikommen, verbindet dieser Ort mehr als 1.100 Jahre Jakobusgeschichte mit dem modernen Camino.

    Und nach inzwischen etwa 13 Kilometern interessierten uns neben der Kirchengeschichte zugegebenermaßen noch zwei weitere Dinge: Brunnen und öffentliche Toiletten. Mehr Argumente für eine Pause braucht ein Pilger nicht. 😄 Wir setzten uns, ruhten unsere Beine aus und machten uns anschließend wieder auf den Weg.

    Es ging erneut durch kleinere Wälder. Und dann geschah etwas, das sich nur schwer planen lässt. Wir kamen an einer kleinen Pilgerraststätte vorbei. Getränke, etwas zu essen, ein Pilgerstempel – alles gegen eine freiwillige Spende.
    Eigentlich nichts Spektakuläres. Und trotzdem traf uns dieser Ort. Vielleicht war es die Einfachheit. Vielleicht die Tatsache, dass jemand hier etwas für vollkommen fremde Menschen geschaffen hatte, die Tag für Tag vorbeikommen. Vielleicht waren es auch einfach die Kilometer, die Atmosphäre und dieser ganz spezielle Zustand, in den man beim Pilgern irgendwann gerät. Jedenfalls wurde dieser kleine Platz für uns zu einem echten Glücksmoment. Wir waren alle ziemlich ergriffen. Wir blieben eine Weile, tranken etwas, genossen die Pause und gingen danach weiter.

    Wenig später kamen wir am ehemaligen Mosteiro de São Romão de Neiva vorbei. Auch hier versteckt sich am Camino sehr viel Geschichte: Das ehemalige Benediktinerkloster reicht mindestens bis ins 11. Jahrhundert zurück. Eine Klostergründung unter der Benediktinerregel ist bereits vor 1087 belegt; vermutlich bestand an dieser Stelle sogar schon zuvor eine kleinere klösterliche Gemeinschaft. Die Kirche und Teile der ehemaligen Klosteranlage erinnern noch heute an diese lange Geschichte. (Wikipédia (https://pt.wikipedia.org/wiki/Mosteiro_de_São_R…))

    Und wieder gingen wir weiter – Rucksack auf dem Rücken, Santiago irgendwo viele Kilometer vor uns. Genau das fasziniert mich am Camino immer wieder: Man wandert durch Landschaften, die seit Jahrhunderten von Menschen durchquert werden, und häufig merkt man erst später, was für geschichtsträchtige Orte unmittelbar am Weg liegen.

    Nach weiteren Ortschaften und Kilometern brauchten wir irgendwann etwas vollkommen Unhistorisches: Eis! Also machten wir noch einmal eine kurze Pause in einem Café und gönnten uns eines und dann noch jeder ein Bier 🍺 😋

    Danach folgte der letzte größere Abschnitt des Tages. Und irgendwann lag sie vor uns: Die Ponte Eiffel über den Rio Lima.
    Diese gewaltige Eisenkonstruktion gehört zu den Wahrzeichen von Viana do Castelo. Sie wurde vom Hause Eiffel geplant und 1878 fertiggestellt. Bemerkenswert sind ihre zwei Ebenen: Oben fahren Autos und gehen Fußgänger:innen, darunter verläuft bis heute die Eisenbahnlinie. (www2.cp.pt (https://www2.cp.pt/info/web/cp/w/ponte-rodoferr…))

    Und genau über diese Brücke liefen nun auch wir. Unter uns der breite Rio Lima. Vor uns Viana do Castelo.

    Und inzwischen ziemlich genau 27 Kilometer in den Beinen. Auf der anderen Seite war klar: Geschafft.

    Wir gingen an der Kathedrale und über den großen Platz der historischen Innenstadt vorbei und schließlich zu unserer heutigen Unterkunft, der O Laranjeira Pensão. In diesem Hotel übernachte ich nun bereits zum dritten Mal. 2016 mit Edith, 2020 mit Olaf und nun wieder 😂

    Einchecken. Rucksäcke runter. Duschen. Herrlich.

    Doch unser Tag war noch nicht ganz vorbei.

    Wir gingen noch etwas einkaufen und stellten uns daraus unser Abendessen zusammen: Hummus, Oliven, Tomaten, Gürkchen, Guacamole, Brot und Wein und Bier.

    Damit gingen wir hinunter zur Uferpromenade des Rio Lima. Dort saßen wir schließlich zusammen und aßen unser improvisiertes Abendbrot, während langsam die Sonne unterging. Kein Restaurant. Kein großes Menü. Keine besondere Inszenierung. Nur wir drei, Brot, Hummus, Oliven, ein Glas Wein, der Fluss – und der Himmel über Viana do Castelo. Nach 27 Kilometern fühlte sich das ziemlich perfekt an.

    Morgens hatten wir noch mit einem Stromausfall, einer Alarmanlage und nassen Schuhen gekämpft.

    Dazwischen lagen ein außergewöhnlicher Pilgerstempel, alte Kirchen, eine wiederhergestellte Brücke, drei verspielte Jungbullen, mehr als tausend Jahre Jakobusgeschichte, ein unerwarteter Glücksmoment an einer kleinen Pilgerraststätte und schließlich die große eiserne Brücke über den Lima.

    Und am Ende saßen wir einfach nur am Wasser.

    Wieder so ein wunderbarer Camino-Tag, bei dem die schönsten Momente genau die waren, die niemand hätte planen können.

    Nachtrag Claudia:
    Ich habe so meine Ängste auf Wanderschaft:
    Zecken, Bettwanzen und natürlich vor Blasen an den Füßen. Als ich nun morgens vor meinen nassen Schuhen stand, ohne Fön.... ich glaube, mehr brauche ich nicht sagen.

    Der heutige war war wieder so ganz anders als gestern, von der Atmosphäre, der Umgebung, es wurde hügeliger und viel abwechslungsreicher, somit kamen mir die 28 km gar nicht so lang vor. Heute habe ich auch bewusst mitbekommen, dass wir immer wieder die selben Leute treffen - über einige freut man sich, über andere...
    Ein ganz toller Moment war tatsächlich der kleine Stand im Nirgendwo, einfach so, um uns etwas Gutes zu tun, etwas verweilen und genießen. Etwas für Herz, Seele und Beine, einfach schön.
    Das gemütliche Picknick war der perfekte Abschluss, besser geht es nicht.
    Der Weg zeigt dir: es kommt wie es kommt, du hast die Wahl das Beste daraus für dich zu machen. Und das machen wir.
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