• Pausentag in Viana do Castelo

    August 26 in Portugal ⋅ ⛅ 23 °C

    Heute stand tatsächlich einmal Ruhetag auf unserem Camino-Programm – und nach den vergangenen Etappen war der auch durchaus willkommen.

    Begonnen hatte die Erholung allerdings schon gestern Abend mit etwas Hausarbeit: Im Waschbecken wurde Handwäsche gemacht und anschließend alles zum Trocknen auf Bügel und ans offene Fenster gehängt. Eigentlich ein guter Plan. Eigentlich. Denn in der Nacht begann es zu regnen – und zwar nicht nur draußen. Durch das geöffnete Fenster schaffte es der Regen auch hinein und erwischte ausgerechnet eines meiner T-Shirts und Olafs Barfußschuhe. Also begann der Morgen bei uns nicht mit Pilgern, sondern mit einer kleinen Föhnaktion. Irgendwann waren T-Shirt und Schuhe dann wieder einigermaßen trocken und der Tag konnte offiziell beginnen.

    Geschlafen hatten wir alle drei gut, und um 9:00 Uhr waren wir mit Claudi zum Frühstück verabredet. Das Frühstück war ordentlich und reichlich: Brötchen, Marmelade, Käse, Obstteller, Kuchen, Orangensaft und natürlich Kaffee. So lässt sich ein Ruhetag durchaus anfangen.

    Wir ließen uns dafür viel Zeit, denn es regnete noch etwas. Anschließend trennten sich unsere Wege: Claudi und Olaf machten sich auf ihre Sightseeingtour durch Viana do Castelo, während ich vernünftigerweise im Zimmer blieb, um meinem Knie wirklich Ruhe zu gönnen. Also Beine hoch, Filme an – auch das gehört zu einem Camino, selbst wenn es nicht ganz so spektakulär aussieht.

    Claudi und Olaf hatten dafür ein kleines Kulturprogramm vor sich. Zunächst besuchten sie das Forte de Santiago da Barra direkt an der Mündung des Rio Lima. Die mächtige Festungsanlage erinnert daran, wie wichtig Viana do Castelo einst als Hafenstadt war. Bereits seit Jahrhunderten wurde hier der Zugang zum Fluss und zum Hafen geschützt; große Teile der heute sichtbaren Festung entstanden und wurden im 16. Jahrhundert erweitert. Mit ihren dicken Mauern, Bastionen und dem Blick auf Fluss und Atlantik kann man sich noch gut vorstellen, welche strategische Bedeutung dieser Ort einmal hatte.

    Weiter ging es zum Monumento ao 25 de Abril an der Praça da Liberdade. Das moderne, rostfarbene Denkmal erinnert an die Nelkenrevolution vom 25. April 1974, mit der die jahrzehntelange portugiesische Diktatur endete. Besonders eindrücklich ist die Darstellung einer gesprengten Kette – Freiheit kann man vermutlich kaum deutlicher symbolisieren.

    Und dann stand noch ein Ort mit einem Namen auf dem Programm, den man besser nicht dreimal hintereinander aufsagen muss: die „Colunas comemorativas da ponte de madeira sobre o rio Lima 1818“. Dahinter verbergen sich zwei Erinnerungssäulen an eine hölzerne Brücke über den Rio Lima, deren Bau 1818 begann. Bevor es diese Verbindung gab, musste der Fluss mit Booten überquert werden. Die Holzbrücke war später ein wichtiger Vorgänger der modernen Flussquerungen – heute erinnern unter anderem diese beiden Säulen an sie.

    Für ihre Runde ließen sich Claudi und Olaf gemütliche drei Stunden Zeit. Genau richtig für einen Ruhetag. Als sie schließlich zurückkamen, hatten sie außerdem etwas mitgebracht, das mich persönlich mindestens genauso interessierte wie alte Festungsanlagen: Pastéis de Nata mit Schokoladenfüllung. Und ich muss sagen: Die schmeckten mir sogar besser als die klassischen. Portugal darf das Rezept von mir aus gern so weiterentwickeln.

    Nachdem mein Knie einige Stunden Ruhe bekommen hatte, machten wir uns anschließend gemeinsam auf den Weg. Wir liefen durch die Stadt, durchquerten den Bahnhof von Viana do Castelo und erreichten die Talstation des Elevador de Santa Luzia.

    Dort warteten wir ungefähr 15 Minuten, bevor es mit der historischen Standseilbahn hinauf auf den Monte de Santa Luzia ging. Der Elevador verbindet seit 1923 die Stadt mit dem Berg und bewältigt auf rund 650 Metern Strecke etwa 160 Höhenmeter. Für den Weg nach oben brauchten wir nur wenige Minuten – erheblich angenehmer als die Alternative zu Fuß. (CM Viana do Castelo (https://www.cm-viana-castelo.pt/cmvianadocastel…))

    Oben angekommen standen wir vor dem weithin sichtbaren Santuário de Santa Luzia – der Basílica do Sagrado Coração de Jesus. Schon von unten prägt ihre große Kuppel das Bild von Viana do Castelo, aber direkt davor wirkt das Gebäude noch einmal ganz anders.

    Natürlich sahen wir uns die Basilika auch von innen an. Sie ist von innen wunderschön, hell und die Kuppel wunderbar bemalt. Es fand auch gerade eine Andacht statt und wir setzten uns hin hin und lauschten und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Danach wollten wir allerdings noch höher hinaus und beschlossen, den Turm der Hauptkuppel zu besteigen. Der Aufstieg war durchaus ein kleines Abenteuer. Je weiter wir nach oben kamen, desto enger wurden die Treppen – und das letzte Stück war wirklich extrem schmal. Nichts für Menschen, die auf enge Räume empfindlich reagieren. Aber die Mühe wurde belohnt.

    Oben angekommen hatten wir eine fantastische Aussicht über Viana do Castelo, die Mündung des Rio Lima, die umliegenden grünen Hügel und hinaus bis zum Atlantik. Für genau solche Momente lohnt es sich, noch eine enge Treppe mehr hinaufzusteigen. Es war einfach wunderschön. Der höchste Aussichtspunkt des Heiligtums liegt etwa 250 Meter über dem Meeresspiegel; wer den gesamten Aufstieg im Gebäude zu Fuß macht, hat dabei immerhin 168 Stufen zu bewältigen. (confrariadesantaluzia.pt (https://confrariadesantaluzia.pt/servicos/?utm_…))

    Bevor wir uns wieder auf den Weg machten, durfte natürlich auch der Pilgerstempel nicht fehlen.

    Für den Rückweg verzichteten wir dann auf den Elevador und nahmen den Fußweg hinunter in die Stadt. Ein wirklich schöner Weg durch das Grün – bergab allerdings deutlich angenehmer, als ihn nach einer langen Camino-Etappe hinaufgehen zu müssen.

    Direkt oben bei Santa Luzia befindet sich nämlich auch eine öffentliche Pilgerherberge. (confrariadesantaluzia.pt (https://confrariadesantaluzia.pt/?utm_source=ch…)) Wir stellten uns vor, wie man nach 20 oder mehr Kilometern völlig erledigt in Viana ankommt, die Herberge praktisch schon vor Augen hat – und dann feststellt, dass sie dort oben auf dem Berg liegt. Die Vorstellung, am Ende eines langen Pilgertages auch noch die vielen Treppen hinaufzumüssen, erzeugte bei uns nicht unbedingt spontane Begeisterung.

    Wieder unten in der Stadt ging es noch zum Supermarkt „Froiz“, um etwas für den Abend einzukaufen. Danach machten wir es genauso wie gestern und setzten uns zum Abendessen an die Uferpromenade.

    Dort bekamen wir Gesellschaft: Einige Möwen beobachteten uns zunächst aus sicherer Entfernung. Wobei „beobachten“ vermutlich nur die höfliche Variante von „auf unser Essen lauern“ ist. Nach und nach wurden sie jedenfalls mutiger und schließlich ziemlich aufdringlich.

    Dann passierte es: Olaf wollte mit einem Stück Pizza hantieren – und warf es versehentlich in Richtung der Möwen. Die Möwen waren begeistert 😂 Wir ebenfalls 😂😂😂

    Zumindest mussten wir herzlich lachen, während die gefiederten Wegelagerer vermutlich der Meinung waren, dass ihr hartnäckiges Betteln gerade erfolgreich belohnt worden war.

    Zwischendurch zog noch ein kurzer Regenschauer über uns hinweg. Kaum war er vorbei, erschien ein wunderschöner Regenbogen über Viana do Castelo – ein ziemlich perfekter Abschluss für diesen ruhigen Tag.

    Während wir noch an der Promenade saßen, besprachen wir, wann und wie wir morgen wieder auf den Camino starten wollen. Denn so angenehm dieser Ruhetag auch war: Morgen heißt es wieder Rucksack auf und weiter.

    Danach ging es zurück in unsere Pension.

    Unterm Strich war es genau der Tag, den wir gebraucht hatten: wenig Kilometer, viel Ruhe, ein bisschen Kultur, eine spektakuläre Aussicht, Schoko-Pastéis, Möwenunterhaltung und genügend Zeit, damit sich die Beine erholen konnten.

    Und damit ist es fürs Erste auch vorbei mit dem süßen Nichtstun.

    Der nächste Ruhetag wartet erst wieder in Santiago de Compostela auf uns.

    Wobei „Ruhetag“ dort vermutlich relativ zu verstehen ist.

    Denn Sightseeing ist natürlich trotzdem eingeplant. 😄

    Nachtrag Claudia:
    Trotz Ruhetag sind 19135 Schritte zusammengekommen (13,9 km), Ruhe ist relativ 😅.
    Viana do Castelo ist ein kleines, entzückendes Städtchen, mit herrlich vielen kleinen Gässchen, viel Wasser und schönen Plätzchen zum Verweilen, der perfekte Ort, um einen Pausentag einzulegen. Da die Stadt nicht sehr groß ist, konnten Olaf und ich uns für den Rundgang wirklich viel Zeit lassen, besichtigten alle wichtigen Sehenswürdigkeiten und gönnten uns noch ein kleines Frühstückspicknick auf dem Praça da República, ehe wir Guido zum Besuch der Basilika abholten.

    Von der Basilika war ich überwältigt. Solch eine schöne Kirche, die mich beim Betreten sofort berührt, habe ich noch nicht gesehen, das wird lange nachwirken.
    Die Aussicht vom Turm ist toll; die Altstadt, Ponte Eiffel, das Meer und die Berge..... alles auf einem Blick. Schön.
    Weniger schön sind die portugiesischen Möwen, eher Rubrik hinterlistig und angriffslustig. So etwas habe ich noch nicht erlebt, möchte ich auch nicht mehr - wird ebenfalls lange nachwirken.
    Und trotzdem: es war wieder ein gelungener und sehr schöner Tag auf dem Jakobsweg, denn jeder Tag ist einzigartig und hat seine ganz besonderen Momente.
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