• Vila Praia de Âncora nach Vila Nova de Cerveira

    August 28 in Portugal ⋅ 🌧 18 °C

    Vom Atlantik an den Rio Minho

    Nach der ziemlich nassen Etappe gestern hatten wir uns eine ruhige Nacht redlich verdient – und tatsächlich schliefen wir alle gut. Gegen 7:20 Uhr begann unser Tag langsam, und etwa um 8:10 Uhr trafen wir uns zum Frühstück. Kein Grund zur Eile, denn es regnete mal wieder 🙄 Zwar nicht so stark wie gestern aber los wollten wir trotzdem noch nicht. Und so frühstückten wir ganz in Ruhe im Café Minhobello.

    Gegen 10:10 Uhr ließ der Regen nach und wir verließen Vila Praia de Âncora. Zunächst blieben wir weiter unserer bisherigen Begleitung treu: dem Atlantik. Ab und zu setzte noch mal ein leichter Nieselregen ein. Die Küstenlandschaft erinnerte uns erneut an Schottland mit der rauen Brandung.

    Unser Weg führte uns Richtung Moledo, einem kleinen Küstenort mit einem langen Sandstrand. Vor der Küste tauchte bald das markante Forte da Ínsua auf. Die kleine Festungsanlage steht auf einer felsigen Insel unmittelbar vor der Küste. Ursprünglich befand sich dort bereits im 15. Jahrhundert ein Kloster; später wurde die Anlage zu einer Befestigung zum Schutz der Küste ausgebaut. Ein ziemlich eindrucksvoller Anblick – eine Festung mitten im Wasser sieht man schließlich auch auf einem Camino nicht jeden Tag. Hinter Moledo veränderte sich die Landschaft deutlich. Wir verließen langsam die offene Atlantikküste und gingen hinein in die Mata Nacional do Camarido, das bewaldete Gebiet zwischen Meer, dem Rio Minho und Caminha. Nach den vielen Kilometern entlang des offenen Meeres fühlte sich dieser Abschnitt beinahe wie ein kleiner Landschaftswechsel innerhalb weniger Minuten an.

    Und irgendwann geschah etwas, das auf unserer Reise zwangsläufig kommen musste: Der Atlantik verabschiedete sich langsam von uns. Statt des offenen Meeres begleitete uns nun zunehmend der Rio Minho, der hier die natürliche Grenze zwischen Portugal und Spanien bildet. Auf der anderen Seite lag bereits Galicien. Plötzlich war Spanien also zum Greifen nah – nur der Fluss lag noch dazwischen.

    Gerade an den flacheren Uferbereichen gab es einiges zu beobachten. Im Schlick waren wieder kleine Vögel unterwegs, die eifrig nach Futter suchten. Immer wieder hielten wir einen Moment inne und sahen ihnen dabei zu. Solche kleinen Naturbeobachtungen gehören mittlerweile genauso zu unserem Camino wie Kirchen, gelbe Pfeile und schmerzende Füße.

    Über Esteiro näherten wir uns schließlich Caminha. In Caminha stand zunächst etwas ganz Profanes auf dem Programm: Socken kaufen, denn Claudi brauchte neue. Auch Pilgerleben besteht schließlich nicht ausschließlich aus historischen Kirchen, wunderschönen Landschaften und tiefgründigen Gedanken – manchmal braucht man einfach neue Socken.

    Anschließend gönnten wir uns am Hauptplatz am Brunnen noch eine Pause und sahen uns ein wenig um. Besonders auffällig im historischen Zentrum ist der Torre do Relógio, der Uhrturm von Caminha. Er war ursprünglich der Hauptturm der mittelalterlichen Befestigung. Später erhielt er durch den Einbau einer öffentlichen Uhr seinen heutigen Namen. Und weil wir schließlich Pilger sind und nicht nur Touristen, durfte natürlich auch hier eines nicht fehlen: ein weiterer Stempel in unseren Pilgerpässen.

    Danach verließen wir Caminha wieder und überquerten die Brücke über den Rio Coura. Von nun an verlief unser Weg nicht mehr am Atlantik, sondern immer weiter flussaufwärts entlang des Minho.
    Das fühlte sich tatsächlich ein wenig wie der Beginn eines neuen Abschnitts unseres Caminos an. Das Meer, das uns seit Porto begleitet hatte, lag nun hinter uns. Links von uns Portugal, rechts auf der anderen Flussseite Spanien – und irgendwo vor uns Vila Nova de Cerveira, unser heutiges Ziel.

    Über kleinere Wege erreichten wir schließlich Seixas. Dort kamen wir an der Capela de São Bento vorbei, einer kleinen aber sehr schönen Kapelle, vor der ein auffälliges steinernes Wegekreuz steht.

    Danach ging es weiter auf der Ecovia entlang des Rio Minho. Dieser Abschnitt war landschaftlich besonders schön: viel Grün, immer wieder freie Blicke über den breiten Fluss und dahinter die galicischen Berge.

    In einem Supermarkt kauften wir uns etwas kühles zu trinken, denn inzwischen war es überwiegend sonnig und durch den vielen Regen war die Luft sehr feucht und drückend. Auf einer Bank direkt am Fluss machten wir eine Pause und wir genossen das Plätschern des Wassers und den leichten Wind.

    Der Weg führte nun immer wieder über kleine Holzstege und Holzbrücken, mitten durch die grüne Flusslandschaft. Auch hier lohnte sich der Blick nicht nur in die Ferne: Auf den warmen Bohlen tummelten sich kleine Eidechsen, die bei unserer Annäherung schnell wieder zwischen den Brettern und Pflanzen verschwanden.

    Kilometer um Kilometer näherten wir uns Vila Nova de Cerveira, unserem heutigen Ziel.

    Schließlich erreichten wir den Parque do Castelinho am Rand von Vila Nova de Cerveira. Der Park liegt unmittelbar am Minho, und spätestens hier war klar: Wir sind da.

    Gegen 16:30 Uhr erreichten wir schließlich Vila Nova de Cerveira und die Jugendherberge.

    Nach den vielen Kilometern kam zunächst das inzwischen bestens eingeübte Pilgerritual: Unterkunft beziehen, Rucksack abstellen und duschen. Danach sah die Welt schon wieder deutlich freundlicher aus.

    Ganz auf dem Zimmer bleiben wollten wir natürlich trotzdem nicht. Also machten wir uns später noch einmal auf den Weg und schlenderten ein wenig durch Vila Nova de Cerveira. Nach einem langen Wandertag lässt sich eine Stadt schließlich besonders gut erkunden, wenn man weiß, dass man nicht mehr mit Rucksack weiterlaufen muss.

    In der Stadt ist übrigens ein Tier allgegenwärtig: Der Hirsch 🦌
    Hier die Legende dazu:
    Der Hirsch in Vila Nova de Cerveira ist das offizielle Wahrzeichen der Stadt und leitet sich direkt vom Namen sowie einer alten Sage ab.
    Bedeutung des Namens: Der Name „Cerveira“ stammt vom portugiesischen Wort „cervos“ ab, was Hirsche bedeutet. Früher lebten hier große Rudel von Hirschen an den Ufern des Flusses Minho.
    Die Legende vom Hirschkönig: Einer Sage nach krönten die Götter einst einen mächtigen Hirsch zum König und gaben ihm dieses Gebiet am Minho als Herrschaftsgebiet. Der letzte Hirsch: Im Laufe der Zeit verringerte sich die Hirschpopulation durch Kämpfe und die Natur, bis schließlich nur noch der alte Hirschkönig allein übrig blieb. Das Duell: Als Angreifer oder spanische Edelleute das Gebiet beanspruchten, soll der Hirschkönig sie herausgefordert und den Kampf gewonnen haben. Seine Standhaftigkeit machte ihn unsterblich im lokalen Mythos.

    Und irgendwann kam die wichtigste Entscheidung des Abends: Pizza. Wir aßen in der Pizzeria Piazza. Sehr lecker 😋

    Damit endete ein Tag, der landschaftlich fast wie zwei Etappen in einer gewesen war: morgens noch am Atlantik, später durch den Wald und schließlich kilometerlang am Rio Minho entlang.

    Das Meer, das uns auf unserem Caminho Português so lange begleitet hatte, liegt nun hinter uns. Dafür ist Spanien inzwischen unser ständiger Begleiter auf der anderen Seite des Flusses.

    Ein schöner, abwechslungsreicher Tag – mit Festung im Meer, Waldwegen, futtersuchenden Vögeln im Schlick, Eidechsen auf den Holzstegen, die Legende vom Hirschkönig und am Ende einer wohlverdienten Pizza.

    So endete wieder ein abwechslungsreicher Pilgertag 😊
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