• Von Redondela nach Pontevedra

    September 1 in Spain ⋅ ☀️ 25 °C

    Von Redondela nach Pontevedra – Gelassenheit im Pilgerstrom

    Unsere Nacht in Redondela war eher mäßig erholsam und haben alle nicht so gut geschlafen und niemand wusste so recht warum. Immerhin kamen wir am Morgen gut aus den Betten und verließen die Unterkunft recht zügig. Direkt nebenan entdeckten wir eine kleine Heladería, in der es nicht nur Eis, sondern auch Frühstück gab. Wir bestellten Bocadillos con Tortilla, frisch gepressten Orangensaft und Kaffee – einfach, lecker und eine gute Grundlage für die heutige Etappe.

    Anschließend kamen wir noch einmal an der Fonte de Santiago vorbei, stiegen einige Treppen hinauf und befanden uns kurz darauf wieder auf dem Jakobsweg. Und wir waren nicht allein: Bereits am frühen Morgen waren auffallend viele Pilger:innen unterwegs. Wir verließen Redondela, durchquerten kleinere Ortschaften und folgten dem Weg durch das übliche galicische Auf und Ab. Es ging bergauf, wieder bergab und kurz darauf erneut bergauf. Bald wurde uns warm, die Jacken wurden ausgezogen, verstaut und wir arbeiteten uns schwitzend weiter voran.

    Zwischendurch führte der Weg durch Waldstücke und eröffnete uns immer wieder schöne Ausblicke auf die Ría de Vigo und die Bucht von San Simón. Schließlich erreichten wir Arcade. Dort kaufte sich Claudi ein kleines Notizbüchlein. Diesen Kauf sollte ich unbedingt erwähnen, denn das Notizbüchlein sei sehr wichtig und müsse auf jeden Fall im Reisebericht stehen. Hiermit wäre diese Pflicht also gewissenhaft erfüllt.

    Über die alte Ponte Sampaio überquerten wir den Río Verdugo. Die heutige Brücke stammt im Wesentlichen aus dem Mittelalter und überspannt den Fluss mit zehn Bögen. Im Jahr 1809 fand hier eine bedeutende Schlacht statt, bei der galicische Einheiten und bewaffnete Einwohner Napoleons Truppen besiegten. Heute wird die Brücke nicht mehr umkämpft, sondern vor allem von Pilger:innen überquert – und von denen gab es an diesem Tag mehr als genug.

    Hinter der Brücke ging es quer durch den kleinen Ort Ponte Sampaio. Der Weg führte durch ausgesprochen enge Gassen, vorbei an hübschen alten Häusern und immer wieder bergauf und bergab. An zahlreichen Stellen wurden Pilgerstempel angeboten. Man hätte sein Pilgerheft vermutlich innerhalb weniger Hundert Meter vollständig füllen können. Neu und voll im Trend sind derzeit auch eine Art Siegelstempel … Es muss halt immer wieder etwas Neues geboten werden 😂

    Danach tauchten wir wieder in einen Eukalyptuswald ein und legten eine erste Rast ein. Anschließend ging es über einen angenehm zu laufenden, stellenweise steinigen Pfad bergauf. Irgendwann wurde es plötzlich ungewöhnlich ruhig zwischen uns. Etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde gingen wir schweigend nebeneinander her. Später fragte ich Claudi und Olaf, ob sie dachten, ich hätte schlechte Laune. Beide bestätigten das vorsichtig.

    Ich erklärte ihnen jedoch, dass ich lediglich Gelassenheit übte. Besonders erfreulich sei, dass sich meine Gelassenheit offenbar auf sie übertragen habe und auch sie dadurch ihre Umgebung still und gelassen wahrnehmen konnten. Diese Erklärung freute die beiden so sehr, dass sie anschließend umgehend wieder mit dem Schnattern begannen. Olaf hatte damit auch seinen persönlichen Leitsatz für den heutigen Tag gefunden: Gelassenheit üben.

    Unsere nächste Pause machten wir in der Bar Casa Fermín. Dort gab es Tortilla und Bier. Draußen war es inzwischen sehr warm, der Camino ausgesprochen voll und auch in der Bar herrschte ein beachtlicher Geräuschpegel. Nach der Stärkung gingen wir weiter zur kleinen Capela de Santa Marta. Die Kapelle stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert und liegt unmittelbar am portugiesischen Jakobsweg. Wir schauten hinein und holten uns dort einen weiteren Stempel für unsere Pilgerausweise.

    Am Wegesrand grasten Kühe und Pferde und sorgten für etwas ländliche Ruhe, bevor wir bei O Pobo eine Entscheidung treffen mussten. Anstatt der normalen Strecke entlang der Straße wählten wir den etwas längeren Camiño Complementario nach Pontevedra.

    Und diese Entscheidung war goldrichtig.

    Der Weg führte nun am Río Tomeza entlang, der in Richtung Pontevedra auch als Río dos Gafos bezeichnet wird. Landschaftlich war dieser Abschnitt eine Wucht. Zwischen Bäumen, Farnen, moosbewachsenen Ufern und dem leise plätschernden Wasser wirkte der Weg beinahe wie eine Kulisse aus einem Märchen. Wir wechselten über kleine Brücken immer wieder die Flussseite und konnten uns kaum sattsehen.

    Es hätte ausgesprochen still und verwunschen sein können – wären da nicht die vielen anderen Pilger:innen gewesen, die ebenfalls von dieser wunderschönen Alternativroute erfahren hatten. So mussten wir uns das Märchen mit einer ganzen Menge Menschen teilen, von denen einige ihre Anwesenheit leider auch akustisch sehr deutlich machten. Trotzdem war es einfach wunderbar, hier entlangzugehen.

    Besonders eindrucksvoll war eine Unterführung unter der Eisenbahnstrecke nach Pontevedra. Gemeinsam mit dem Flüsschen führte der Weg durch den dunkleren Durchlass, sodass es für einen Moment wirkte, als würden wir durch eine kleine Höhle gehen. Danach näherte sich die Märchenlandschaft langsam ihrem Ende und die ersten Gebäude Pontevedras tauchten auf.

    Wir kamen an der öffentlichen Pilgerherberge und am Bahnhof vorbei und folgten zunächst weiter den gelben Pfeilen. In der historischen Altstadt erreichten wir das Santuario de la Virgen Peregrina. Wegen seines Grundrisses in Form einer Jakobsmuschel wurde das Heiligtum von Olaf kurzerhand zur „Muschelkirche“ erklärt. Das Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Gotteshaus ist der Pilgerjungfrau gewidmet und gehört zu den Wahrzeichen Pontevedras. Einen Stempel gab es dort gegen eine Spende.

    Durch die belebten Straßen der Altstadt liefen wir weiter zu unserer heutigen Unterkunft, der Casa Maruxa. Dort bezogen wir für diese Nacht ein Dreibettzimmer. Nach dem Duschen und einer wohlverdienten Pause machten wir uns erneut auf den Weg und gingen in der Rincón Peregrino Bar Tapería zu Abend.

    Anschließend wollten wir uns die „Muschelkirche“ noch einmal von innen ansehen. Wegen eines Gebets war sie jedoch für Besichtigungen geschlossen. Also gingen wir weiter zur Real Basílica de Santa María a Maior. Die eindrucksvolle Kirche wurde im 16. Jahrhundert mit Unterstützung der mächtigen Seefahrer- und Fischergilde Pontevedras errichtet. Besonders bekannt ist ihre reich verzierte Fassade, die beinahe wie ein riesiger steinerner Altar wirkt. Doch auch hier fand gerade eine Andacht statt, sodass wir uns mit einem Blick von außen begnügten.

    Unser Abendspaziergang führte uns noch zur Ponte do Burgo, der historischen Brücke über den Río Lérez. Schon in römischer Zeit befand sich hier ein Flussübergang; die mittelalterliche Nachfolgerin wurde zu einem Wahrzeichen der Stadt und gehört ebenfalls zum portugiesischen Jakobsweg. Danach ging es noch kurz in den Supermarkt und schließlich zurück in unsere Unterkunft.

    Vom Balkon unseres Zimmers blickten Claudi und Olaf auf die Praza Alonso de Fonseca mit der Fonte de Santa María und beobachteten eine Weile das abendliche Treiben auf dem Platz.

    Damit endete wieder ein schöner und abwechslungsreicher Pilgertag. Wir hatten mittelalterliche Brücken, enge Gassen, Eukalyptuswälder, grasende Tiere, kleine Kapellen und einen geradezu märchenhaften Flussweg erlebt. Lediglich die große Zahl der teilweise recht lauten Pilger:innen trübte die Idylle ein wenig.

    Der Camino war heute traumhaft schön – nur eben nicht besonders still. Vielleicht müssen wir morgen einfach noch etwas mehr Gelassenheit üben.

    Nachtrag Claudia:
    Zum Punkt Notizbuch: ich führe abends ein kleines Tagebuch, ein Geschenk von Annika; und da ich bis abends fast alles, was ich im Laufe des Tages als wichtig empfand, wieder vergessen habe, schreibe ich mir nun lieber Stichworte auf die 😊.
    Heute war es von den Wegen her sehr grün und sehr hügelig, die etwas körperliche Anstrengung und die gleichbleibende Bewegung hatte für mich etwas Meditatives, man kommt dabei gut zur Ruhe.
    Pontevedra ist ein wirklich hübsches, quirliges Städtchen, es gibt viel zu sehen - und ganz besonders der Blick von unserem Balkon ist mega!!! Und wieder war es ein sehr schöner Tag, der mich und uns ein Stück weitergebracht hat 🥰
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