• Von Pontevedra nach Caldas de Reis

    September 2 in Spain ⋅ ☀️ 26 °C

    Grüne Wege und eine besondere Begegnung – von Pontevedra nach Caldas de Reis

    Wir hatten alle gut geschlafen – Claudi vermutlich sogar am besten. Vor allem die wunderbar dicke und gemütliche Decke hatte es ihr angetan. Bevor wir jedoch Pontevedra verlassen konnten, wartete noch eine kleine handwerkliche Aufgabe auf mich: Die Toilettenspülung brauchte etwas Überredungskunst, damit wieder genügend Wasser in den Spülkasten lief. Nach ein wenig Reparaturarbeit funktionierte sie tatsächlich wieder, und damit stand unserem Aufbruch nichts mehr im Wege.

    Angezogen und mit gepackten Rucksäcken gingen wir zunächst noch einmal zur „Muschelkirche“, wie wir das Santuario da Virxe Peregrina inzwischen nannten. Ihre ungewöhnliche Form erinnert tatsächlich an eine Jakobsmuschel. Das Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Heiligtum ist der Schutzpatronin der Provinz Pontevedra und des Portugiesischen Jakobsweges gewidmet – passender hätte unser erster Halt also kaum sein können.

    Wir holten uns dort den ersten Stempel des Tages, sahen uns noch einmal in der Kirche um und stellten uns anschließend vor dem Brunnen auf, bevor wir zum Café El Pasaje weitergingen. Dort frühstückten wir in Ruhe und sammelten Kraft für die vor uns liegende Etappe.

    Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen, und die Temperaturen sollten im Laufe des Tages bis auf etwa 30 Grad steigen. Wir liefen noch einmal durch Pontevedra und verließen die Stadt schließlich über die Ponte do Burgo. Diese Brücke ist viel mehr als nur eine Verbindung über den Río Lérez. Die heutige mittelalterliche Steinbrücke ersetzte einen älteren Übergang aus römischer Zeit und war über Jahrhunderte einer der wichtigsten Zugänge zur Stadt. Noch heute führt der Portugiesische Jakobsweg über ihre Bögen, an denen steinerne Jakobsmuscheln an die vielen Generationen von Pilgernden erinnern.

    Gefühlt waren an diesem Morgen allerdings alle diese Pilgergenerationen gleichzeitig unterwegs. Vor uns, hinter uns und neben uns liefen Menschen mit Rucksäcken und Wanderstöcken. Zeitweise glaubten wir, mitten in einer größeren asiatischen Reisegruppe gelandet zu sein. So voll hatten wir den Camino bisher kaum erlebt.

    Nach und nach ließen wir die Stadt hinter uns. Der Weg führte über kleinere Straßen und durch die ersten ländlichen Ortschaften. An der kleinen Capela de San Caetano legten wir einen kurzen Halt ein und holten uns einen weiteren Stempel. Gerade solche unscheinbaren Kapellen gehören für uns immer mehr zum Jakobsweg. Sie sind vielleicht keine großen Kathedralen und stehen in keinem Reiseführer ganz oben, doch häufig erzählen sie besonders viel über die Menschen, die hier leben. Seit Jahrhunderten bieten solche kleinen Gotteshäuser Reisenden einen Platz zum Innehalten, für ein Gebet oder einfach für einen Moment der Ruhe.

    Von San Caetano aus wurde die Landschaft immer grüner. Wir liefen zunächst auf kleinen Straßen, die teilweise parallel zur Eisenbahnlinie verliefen. Hin und wieder hörten wir einen Zug vorbeifahren, ohne ihn zwischen den Bäumen immer sehen zu können. Das Geräusch der Eisenbahn mischte sich mit Vogelstimmen, dem Rascheln der Blätter und den Schritten der vielen Menschen auf dem Weg.

    Wir durchquerten mehrere kleine Ortschaften, doch den größten Teil dieser Etappe bestimmten herrliche Wälder. Hinter San Caetano führt der offizielle Camino durch die dicht bewachsenen Waldgebiete von Reirís und Lombo da Maceira. Über eine kleine Steinbrücke überquert der Weg dabei den Bach Rego do Cárcere und erreicht schließlich das Gemeindegebiet von Barro.

    Diese Wälder waren eine Wucht. Rechts und links des Weges lagen große, von Moos überwachsene Steine. Das Grün schien überall zu sein: auf den Felsen, an den Baumstämmen, auf dem Boden und zwischen den Wurzeln. Sonnenstrahlen brachen durch die Baumwipfel und warfen wandernde Lichtflecken auf den Weg. Obwohl viele Menschen unterwegs waren, wirkte der Wald stellenweise still, lauschig und beinahe mystisch. Es erinnerte uns an die wunderschönen Waldwege der vergangenen Tage. Wieder hatten wir das Gefühl, nicht einfach nur durch eine Landschaft zu laufen, sondern für einige Zeit ein Teil von ihr zu werden. Der Camino zeigte sich an diesem Tag von einer besonders grünen Seite.

    Später erreichten wir San Amaro. In der A Pousada do Peregrino machten wir eine längere Pause und stärkten uns mit einem Bocadillo con Tortilla. Nach den warmen Kilometern schmeckte es besonders gut.

    Bevor wir weitergingen, besuchten wir auch die kleine Capela de San Amaro und holten uns dort einen weiteren Stempel. Der Ort verdankt sogar seinen Namen dieser Kapelle, die unmittelbar am Portugiesischen Jakobsweg liegt. Wieder war es eines dieser kleinen Gotteshäuser, an denen man leicht vorbeilaufen könnte – und die dennoch fest mit der Geschichte des Weges und der Umgebung verbunden sind.

    Dort begegneten wir zum ersten Mal einem jungen deutschen Paar. Zunächst wechselten wir nur einige Worte, bevor jeder wieder in seinem eigenen Tempo weiterging. Wenig später trafen wir die beiden erneut, und aus dem kurzen Kontakt entwickelte sich ein langes und ausgesprochen angenehmes Gespräch.

    Die beiden hießen Vera und Peter und kamen aus Esslingen. Vera ist 28 Jahre alt und seit Kurzem Grundschullehrerin, Peter studiert noch. Sie sind verlobt und wollen Ende Februar des kommenden Jahres heiraten.

    Für beide war es der erste Jakobsweg. Besonders Vera hatte vorher Zweifel gehabt, ob ihr dieses „Wandern beziehungsweise Pilgern“ überhaupt gefallen würde. Nun war sie selbst überrascht, wie gut ihr der Weg tat. Sie erzählte davon, dass sie hier ihre Gedanken neu sortieren, Abstand vom Alltag gewinnen und vieles mit anderen Augen betrachten könne. Auch Peter schien diese Zeit zu genießen. Der Camino tat ihnen offenbar nicht nur jeweils für sich gut, sondern auch als Paar. Überraschend fanden beide, dass ausgerechnet die Regentage zu ihren schönsten Tagen gehört hatten. Gerade an diesen Tagen hatten sie besonders viel gelacht und den meisten Spaß miteinander gehabt. Das konnten wir gut nachvollziehen – schließlich hatten auch wir erlebt, dass Regen auf dem Camino nicht zwangsläufig einen schlechten Tag bedeutet. Manchmal entstehen gerade dann die Geschichten, an die man sich später besonders gern erinnert.

    Von da an liefen wir eine ganze Weile gemeinsam weiter. Aus unserer Dreiergruppe war für die letzten Kilometer eine kleine Gemeinschaft aus fünf Menschen geworden. Wir erzählten von unseren bisherigen Wegen, von unseren Erfahrungen, von Deutschland, vom Pilgern und natürlich von dem, was noch vor uns lag.

    Mitten in einem der Waldabschnitte wartete eine echte Überraschung auf uns: Am Wegesrand stand ein Polizeiwagen, und die Beamten verteilten Stempel für die Pilgerausweise. Natürlich ließen auch wir uns diesen ungewöhnlichen Stempel nicht entgehen. Einen Polizeistempel im Pilgerpass bekommt man schließlich nicht alle Tage. Wir freuten uns darüber fast wie Kinder – wahrscheinlich gerade deshalb, weil diese Begegnung so unerwartet kam.

    Der Weg führte erneut an der Eisenbahnlinie entlang, durch kleine Ortschaften und später wieder durch ein Stück Wald. Es war erstaunlich, wie schnell die Kilometer vergingen, wenn man sich angeregt unterhielt. Irgendwann machten wir gemeinsam bei O Cuberto Halt. Wir setzten uns zusammen, tranken etwas und führten unsere Gespräche noch eine ganze Weile fort.

    Diese Begegnung gehörte für uns zu den besonders schönen Momenten des Tages. Auf dem Jakobsweg kennt man sich manchmal nur für einige Stunden und erzählt sich dennoch Dinge, für die man im Alltag vermutlich viel länger brauchen würde. Man läuft ein Stück gemeinsam, teilt Gedanken und Erfahrungen – und irgendwann trennen sich die Wege wieder.

    Nach unserer Pause machten wir uns zu fünft auf die letzten Kilometer. Schließlich erreichten wir Caldas de Reis. Kurz vor der alten Steinbrücke verabschiedeten wir uns voneinander. Vera und Peter mussten noch etwas weiterlaufen, da ihre Unterkunft außerhalb des Ortes lag. Dadurch wollten sie sich den nächsten Tag verkürzen, denn von Santiago aus sollte es für sie später wieder zurück nach Deutschland gehen. Viel Zeit blieb ihnen also nicht.

    An der Ponte Bermaña trennten sich unsere Wege. Die dreibogige Steinbrücke wird traditionell auf einen römischen Ursprung zurückgeführt und mit der alten Via XIX in Verbindung gebracht. Diese Straße verband in der Antike wichtige Städte des römischen Gallaecia. Heute führt der Jakobsweg über die Brücke – und damit Menschen aus aller Welt, die an derselben Stelle den kleinen Río Bermaña überqueren.

    Während Vera und Peter weiterzogen, lag unsere Unterkunft direkt in der Nähe. Wir betraten die Wohnung und waren sofort begeistert. Sie war wirklich zauberhaft: zwei Schlafzimmer mit einer sehr schöne Küche und ein gemütlicher Aufenthaltsraum und einem kleinen Balkon. Nach den vielen Kilometern fühlte es sich fast ein wenig wie Luxus an.

    Wir ruhten uns aus, duschten und gingen später noch einmal in den Ort. Unser Ziel war die Iglesia de Santo Tomé Becket, wo wir uns einen weiteren Pilgerstempel holten. Die Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und ist Thomas Becket, dem früheren Erzbischof von Canterbury, gewidmet. Becket soll Caldas de Reis im 12. Jahrhundert auf seiner Reise nach Santiago durchquert haben. Teile der Kirche wurden aus Steinen der früheren Torre de Doña Urraca errichtet.

    Anschließend sahen wir uns die Fonte das Burgas an. Die Thermalquellen haben die Geschichte des Ortes maßgeblich geprägt. Schon seit der Römerzeit werden die warmen Quellen genutzt, und auch der Name „Caldas“ verweist auf diese Thermalwassertradition. Bis heute gehören die Quellen zu den bekanntesten Besonderheiten der Stadt.

    Nicht weit von der Quelle entfernt entdeckten wir außerdem eine schön gearbeitete Pilgerfigur aus Holz. Natürlich mussten wir sie uns genauer ansehen und fotografieren. Solche Figuren begegnen uns auf dem Weg immer wieder, und jede scheint auf ihre eigene Weise von den Menschen zu erzählen, die hier bereits vorübergezogen sind.

    Danach gingen wir noch zum Supermarkt Froiz, kauften Lebensmittel ein und kehrten in unsere Unterkunft zurück. Wir kochten gemeinsam, aßen Eis und nahmen für eine Freundin ein kleines Video zum Geburtstag auf. Später gingen wir den Tag noch einmal in Gedanken durch.

    Es war erneut ein sehr schöner Tag, den wir zu dritt erleben durften. Wir hatten unzählige Pilgerinnen und Pilger gesehen, manche zum ersten Mal und andere offenbar schon mehrfach. Einige Gesichter kamen uns bekannt vor, bei manchen wussten wir sogar genau, an welcher Stelle des Weges wir ihnen zuvor begegnet waren. Bei der großen Zahl an Menschen war das manchmal fast ein wenig komisch.

    Der Camino war an diesem Tag wirklich außergewöhnlich voll. Teilweise liefen 30 oder 40 Menschen vor beziehungsweise hinter uns. Dennoch gab es immer wieder stille Augenblicke: in einer kleinen Kapelle, auf einer alten Brücke oder zwischen moosbewachsenen Steinen im Wald.

    Und dann war da unsere Begegnung mit Vera und Peter. Sie zeigte uns wieder einmal, dass der Jakobsweg nicht nur aus Kilometern, Stempeln und Zielorten besteht. Er besteht vor allem aus Menschen und aus den Geschichten, die sie für eine Weile miteinander teilen.

    Wir drei waren glücklich und zufrieden in Caldas de Reis angekommen. Die Stimmung unter uns war gut, wir fühlten uns wohl und freuten uns auf den nächsten Tag. Morgen würde uns der Weg nach Padrón führen, und übermorgen sollten wir bereits Santiago de Compostela erreichen.

    Das große Ziel rückte immer näher.

    Nachtrag Claudia:

    Heute war ein Tag der Begegnungen - mit anderen Leuten, die wir auf den Weg kennengelernt haben, Vera und Peter, was sehr schön und interessant war, und mal wieder mit sich selbst.
    An den ersten Tagen gehört die Aufmerksamkeit eher dem Körper, wie er die Anstrengung verkraftet, wie es den Füßen und dem Rücken geht, wie gut kann ich schlafen; nach etwa einer Woche findet man seinen eigenen Laufrhythmus und fängt an, über sich nachzudenken und zu spüren, wie es einem mental geht, was unverarbeitet ist, was einen bewegt und beschäftigt. Es fällt einem leichter, über sich selbst nachzudenken und zu öffnen - und ich glaube, dass auch das eine Besonderheit dieses Weges ist.
    Auf jeden Fall überrascht dich der Jakobsweg jeden Tag auf's Neue 💖.
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