• Von Padrón nach Santiago de Compostela

    September 4 in Spain ⋅ ☀️ 32 °C

    Von Padrón nach Santiago de Compostela – Ankommen und doch noch nicht am Ende

    Unsere letzte Etappe vor Santiago begann nach einer erholsamen Nacht in unserer Wohnung in Padrón. Wir hatten uns dort ausgesprochen wohlgefühlt und gut geschlafen. Nach dem Aufstehen tranken wir zunächst einen Kaffee und bedankten uns per WhatsApp bei der Familie, die uns die Wohnung überlassen hatte.

    Zum Frühstück gingen wir in die Bar A Casa do Patín. In der benachbarten Bäckerei besorgte ich noch ein Brot, das wir später unterwegs essen wollten. Dann hieß es Abschied nehmen von Padrón. Auf der Brücke machten wir noch einmal ein Foto, im Hintergrund das erhöht über dem Ort liegende Convento do Carme. Wir kamen an der Kirche vorbei und folgten wieder den vertrauten gelben Pfeilen hinaus aus der Stadt.

    Schon bald erreichten wir Santa María a Maior de Iria Flavia. Dieser Ort ist wesentlich älter als das heutige Padrón: Iria Flavia war bereits in römischer Zeit von Bedeutung und blieb bis ins 11. Jahrhundert hinein Bischofssitz. Die Kirche gilt als eine der ältesten und geschichtlich wichtigsten kirchlichen Stätten Galiziens. Außerdem ist sie eng mit der Jakobusüberlieferung verbunden – genau jener Geschichte, die uns während der vergangenen Tage immer wieder begegnet war.  (Caminos de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/en/make-plans/…))

    Hinter Iria Flavia führte der Camino durch kleine Straßen und stille Dörfer. Am Weg begegneten uns Truthähne, Hühner und ein kleiner, ausgesprochen süßer Hund. Solche alltäglichen Beobachtungen gehörten längst genauso zu unserem Weg wie Kirchen, Wegkreuze und Pilgerstempel.

    Wenig später standen wir vor dem mächtigen Santuario da Escravitude. Die barocke Wallfahrtskirche stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde über einer Quelle errichtet, deren Wasser man einst heilende beziehungsweise wundertätige Kräfte zuschrieb. Die beiden schlanken Türme und die breite Freitreppe lassen das Heiligtum unmittelbar an der Straße fast noch größer erscheinen. Im Inneren befinden sich ein vergoldetes barockes Altarbild und Wandmalereien.  (Turismo Galician (https://www.turismo.gal/que-facer/santuarios-ma…))

    Der Tag wurde zunehmend heißer. An einem alten Waschhaus legten wir eine kurze Pause ein und cremten uns sorgfältig mit Sonnenmilch ein, denn die „goldene Scheibe“ über uns gewann immer mehr Kraft. Auf einer Mauer räkelte sich eine weiße Katze in der Wärme und beobachtete gelassen das Geschehen.

    Anschließend führte der Weg durch enge Gassen kleiner Dörfer. Besonders angenehm war, dass hier nicht alles auf Pilgernde ausgerichtet war. Keine Souvenirläden, keine aufdringlichen Schilder und nicht an jeder Ecke ein Stempelangebot – einfach Dörfer, in denen das normale Leben weiterging. Genau diese unaufgeregten Abschnitte wirkten wohltuend und authentisch.

    Über einen steinigen Pfad stiegen wir durch einen Wald hinauf. Oben wartete eine kleine Bar, später kamen wir an der bekannten Pilgerherberge von Teo vorbei. Der offizielle Camino führt hier über O Faramello und steigt anschließend weiter nach Rúa de Francos an.  (Caminos de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/en/make-plans/…))

    Merkwürdig war nur, dass uns heute viel weniger Pilgernde begegneten als noch am Vortag. Nach dem beinahe ununterbrochenen Strom von Menschen auf den letzten Kilometern vor Padrón wirkte die plötzliche Ruhe fast unheimlich. Für einen Moment fragten wir uns tatsächlich, wo all die anderen geblieben waren.

    Nicht weit vom Weg entfernt lag das Castro Lupario, auch Castro de Francos genannt. Wir sahen es zwar nicht direkt, doch seine Nähe war eine Erwähnung wert, denn der Ort spielt in der Jakobuslegende eine bedeutende Rolle. Der Überlieferung zufolge befand sich hier der Sitz der sagenhaften Königin Lupa. Nach der Ankunft des Leichnams des Apostels Jakobus in Galizien sollen seine Schüler die mächtige Herrscherin um Unterstützung und einen Begräbnisplatz gebeten haben. Zunächst stellte sie ihnen Hindernisse in den Weg, bevor sie sich schließlich bekehrte und die Bestattung des Apostels ermöglichte. Archäologisch handelt es sich um eine alte befestigte Siedlung, deren Nutzungsspuren von der Bronzezeit bis ins Mittelalter reichen.  (turismo.teo.gal (https://turismo.teo.gal/?utm_source=chatgpt.com))

    In Rúa de Francos erreichten wir die kleine Kapelle San Martiño und das davor stehende historische Wegkreuz. Der Ort war im Mittelalter von französischen Pilgern und Siedlern geprägt, worauf der Name „Francos“ noch heute hinweist. Das gotische Steinkreuz wird vermutlich in das 14. Jahrhundert datiert und zählt damit zu den ältesten erhaltenen bis Galiziens. Auf der Vorderseite ist der gekreuzigte Christus dargestellt. Seitlich befinden sich zwei kleine Pilgerfiguren, die mit bloßem Auge jedoch kaum zu erkennen waren.  (xacopedia.com (https://xacopedia.com/Rúa_de_Francos?utm_source…))

    Die Wärme machte uns inzwischen erheblich zu schaffen. Der Himmel war leicht bewölkt und diesig, doch dadurch wurde es keineswegs angenehmer. Die Luft stand vollkommen still. Kein Lüftchen sorgte für Abkühlung, und die Temperatur lag vermutlich bei 31 oder 32 Grad. Jeder Anstieg verlangte mehr Kraft als gewöhnlich, und selbst auf ebenen Abschnitten kamen wir nur noch langsam voran.

    In der A Tenda de Rosa legten wir deshalb eine dringend benötigte Pause ein. Jeder von uns trank ein Bier, dazu gab es ein Eis. Für einen Moment konnten wir sitzen, etwas abkühlen und neue Kraft für die letzten Kilometer sammeln.

    Bei O Milladoiro kamen wir an der kleinen Capela da Madalena, der Kapelle Santa María Magdalena, vorbei. Damit hatten wir praktisch schon den Vorort von Santiago erreicht. Der Name Milladoiro soll sich von „Humilladoiro“ ableiten – jenem Ort, an dem Pilgernde früher niederknieten, wenn sie erstmals die Türme der Kathedrale erblickten. Für Generationen von Menschen war dies der Augenblick, in dem das ferne Ziel plötzlich sichtbar und greifbar wurde.  (Caminos de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/gl/planifica/a…))

    Doch obwohl Santiago nun so nahe war, zog sich der Weg in die Stadt erstaunlich lange hin. An einem Wegscheidepunkt mussten wir uns noch für eine der ausgeschilderten Varianten entscheiden. Der von uns gewählte Weg führte durch einen größeren Park und anschließend immer tiefer in die Stadt hinein.

    Die Hitze, die stehende Luft und die vielen bereits zurückgelegten Kilometer hatten ihren Tribut gefordert. In einer kleinen Bar machten wir deshalb noch einmal Halt und tranken ein Bier. Santiago war zum Greifen nah – und doch schien die Kathedrale einfach nicht näher zu kommen.

    Dann gingen wir weiter.

    Straße für Straße, Gasse für Gasse. Die Häuser rückten dichter zusammen, immer mehr Menschen waren unterwegs, und schließlich öffnete sich vor uns der Praza do Obradoiro.

    Es war 16:30 Uhr, als wir den Kathedralenplatz erreichten.

    Plötzlich stand sie vor uns: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Nicht mehr als Bild auf einer Wegmarkierung, nicht mehr als fernes Ziel auf einer Karte und nicht mehr als Name, den wir seit Porto jeden Tag mit uns getragen hatten. Sie war wirklich da – groß, steinern und beeindruckend, über dem weiten Platz aufragend.

    Um uns herum herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Einige Menschen jubelten und umarmten sich. Andere standen schweigend vor der Kathedrale. Viele waren vollkommen erschöpft und lagen einfach auf dem Boden. Auf Gesichtern sah man Freude, Erleichterung, Stolz und manchmal auch Tränen.

    Olaf hatte Tränchen in den Augen, und auch Claudi war sichtlich ergriffen. Doch eigentlich waren wir alle bewegt. In diesem Augenblick fiel vieles von uns ab: die Anstrengung der heißen Etappen, der Regen in Portugal, die langen Straßen, die steilen Anstiege, die schmerzenden Füße und all die kleinen Momente, in denen man einfach weitergegangen war.

    Wir waren angekommen.

    Erschöpft und glücklich, beeindruckt und ein wenig fassungslos standen wir auf diesem Platz. Gleichzeitig mischte sich unter die Freude eine leise Traurigkeit. Santiago war der Höhepunkt unserer Reise, das Ziel, auf das wir so lange zugelaufen waren. Mit dem Erreichen der Kathedrale ging ein großer Teil unseres gemeinsamen Weges zu Ende.

    Und doch war dies noch nicht das endgültige Ende. Nach einem Ruhetag wollten wir weitergehen – bis nach Fisterra, dorthin, wo die Erde für die Menschen des Mittelalters scheinbar im Atlantik endete. Vielleicht machte gerade dieses Wissen den Augenblick etwas leichter: Wir mussten uns noch nicht vollständig vom Camino verabschieden.

    Schließlich setzten auch wir uns auf die großen Steinplatten des Platzes und legten uns später sogar für eine Weile auf den Boden. Wir sahen zur Kathedrale hinauf, beobachteten die ankommenden Pilgernden und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Niemand musste etwas erklären. Es genügte, einfach da zu sein.

    Wir machten Fotos und gingen anschließend zu unserer Unterkunft. Dort packten wir unsere Sachen aus und machten uns gleich wieder auf den Weg, um unsere Compostela, die Pilgerurkunde, abzuholen. Erst danach wurde geduscht.

    Am Abend gingen wir in unsere alte Stammpizzeria und aßen Pizza. In den Gassen trafen wir überraschend Vera und Peter wieder – und später noch einmal bei der Pizzeria. Es war eine dieser typischen Begegnungen auf dem Camino: Man verabschiedet sich, glaubt, sich vielleicht nie wiederzusehen, und plötzlich stehen dieselben Menschen wieder vor einem.

    Eigentlich hatten wir Vera und Peter versprochen, uns am Abend noch auf ein Getränk zu treffen. Inzwischen waren wir jedoch so erschöpft, dass wir darauf verzichten mussten. Die beiden hatten dafür vollkommenes Verständnis. Am nächsten Tag wollten sie mit dem Bus zurück nach Porto fahren und am Sonntagmorgen nach Stuttgart fliegen.

    Nach einem kleinen Einkauf kehrten wir schließlich in unsere Unterkunft zurück. Unsere Kräfte waren aufgebraucht. Wir nahmen noch unser tägliches Fazitvideo auf und wollten danach nur noch ins Bett.

    Am nächsten Morgen wartete bereits ein volles Programm auf uns: Wir wollten die Kathedrale und ihre besonderen Orte ausführlich besichtigen. Doch an diesem Abend mussten wir nichts mehr sehen und nichts mehr erreichen.

    Wir waren in Santiago angekommen.

    Und während über den Gassen der Stadt langsam der Abend hereinbrach, wussten wir: Ein bedeutender Teil unserer Reise war vollendet. Der Weg hatte uns bis hierhergebracht, hatte uns erschöpft, überrascht, berührt und zusammenwachsen lassen.

    Aber er war noch nicht ganz vorbei.

    Hinter Santiago wartete bereits der Weg nach Westen – nach Fisterra und weiter in Richtung Meer.

    Nachtrag Claudia:
    Ich habe mein Fenster geöffnet und höre viele Menschen die Straße entlanglaufen, so viele von denen sind den gleichen Weg gelaufen wie wir, mit den gleichen Strapazen und der gleichen Vorfreude. Dieses Gefühl der Gemeinsamkeit ist besonders und geht zu Herzen, denn viele pilgern allein und nur für sich, und trotzdem besteht auf dem ganzen Weg ein Gefühl der Gemeinschaft.
    Für mich war dieser Weg bis hierher besonders, weil ich festgestellt habe, wie viel Schönes ich nur durch das Gehen erleben konnte, wie viel Ausdauer in einem steckt und wie wertvoll es für mich ist, das mit Olaf und Guido zusammen zu erleben.
    Wir haben Santiago erreicht, und ich bin froh, dass es noch etwas weitergeht.
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