Im Schatten der Kathedrale
September 5 in Spain ⋅ ☁️ 31 °C
Nach unserer gestrigen Ankunft in Santiago de Compostela hatten wir uns für heute einen Ruhetag vorgenommen. Zumindest einen Ruhetag vom Wandern. Dass daraus trotzdem ein ziemlich ausgefüllter Tag werden würde, ahnten wir am Morgen noch nicht. Und bei angekündigten 34 Grad war schnell klar: Wenn wir uns heute bewegen würden, dann möglichst langsam – und am besten immer irgendwo im Schatten der Kathedrale.
Wobei von einem wirklich erholten Morgen ohnehin keine Rede sein konnte.
Wir hatten alle drei nicht besonders gut geschlafen. Die Nacht war sehr warm und vor unserem Fenster herrschte offenbar das Leben einer ganzen Großstadt. Gefühlt zogen ununterbrochen Menschen durch die Straßen: manche offensichtlich bereits etwas angetrunken, manche laut singend und andere wiederum mit Musik. Irgendwann dröhnte sogar „Pump Up the Jam“ durch die nächtliche Altstadt. Ein Lied, das sicherlich seine Berechtigung hat – allerdings vielleicht nicht unbedingt mitten in der Nacht vor dem Schlafzimmer dreier erschöpfter Pilgernder.
Entsprechend langsam begann unser Morgen. Wir frühstückten die Sachen, die wir am Vortag bei Froiz gekauft hatten, machten uns nach und nach fertig und gingen schließlich gegen 10:30 Uhr zur Kathedrale. Um zwölf Uhr wollten wir an der Pilgermesse teilnehmen und hatten mit einer langen Warteschlange gerechnet. Tatsächlich standen bereits viele Menschen vor dem Eingang, doch es ging überraschend zügig voran.
Schon jetzt machte sich die Hitze bemerkbar. Die Sonne lag über den hellen Steinen der Altstadt, und jeder schattige Platz war willkommen. Praktischerweise sollte sich fast unser gesamter Tag ohnehin rund um die Kathedrale abspielen.
In der Kathedrale suchten wir uns einen Platz. Während ich dort wartete, besuchten Claudi und Olaf zunächst die Krypta mit dem Grab des Apostels Jakobus. Anschließend gingen sie hinter den Hauptaltar hinauf und umarmten die dort sitzende Jakobusfigur von hinten – einer der traditionellen Pilgerriten in Santiago.
Die Krypta unter dem Hauptaltar gilt für Pilgernde als eigentliches Ziel des Jakobsweges. Die Umarmung der Apostelfigur darüber ist für viele eine persönliche Geste des Dankes: für den zurückgelegten Weg, für das Ankommen oder einfach für all das, was unterwegs geschehen ist.
Danach setzten sich die beiden wieder zu mir und die Pilgermesse begann. Besonders eindrucksvoll war der Gesang einer Nonne, deren klare Stimme den großen Kirchenraum füllte. In diesem Moment war die besondere Atmosphäre der Kathedrale deutlich zu spüren. Olaf hatte sogar ein paar kleine Tränchen in den Augen. Claudi nicht – wie sie ausdrücklich klarstellte –, aber auch sie fand den Moment sehr schön.
Mich berührten der Beginn und der Gesang ebenfalls. Im weiteren Verlauf verlor sich die Messe für mich allerdings zunehmend in langen liturgischen Abläufen und den Auftritten der vielen Geistlichen. Irgendwann wurde es mir, ganz ehrlich gesagt, etwas langweilig. Als zum Abschluss die Kommunion ausgeteilt wurde, entschieden wir uns dagegen und verließen nach dem Ende der Feier die Kathedrale.
Zunächst gingen wir zurück in unsere Unterkunft – ein dringend notwendiger Zwischenstopp, denn wir mussten alle einmal zur Toilette.
Ich blieb anschließend dort, während Claudi und Olaf noch einmal durch die Stadt zogen und sich einige Geschäfte ansahen.
Dabei gerieten sie unverhofft mitten in einen großen Umzug traditioneller galicischer Karnevalsgruppen. Die farbenprächtigen Kostüme, Masken und teilweise ziemlich eigenwilligen Figuren gehörten zu den verschiedenen regionalen Entroido-Traditionen Galiciens.
Was auf den ersten Blick wie ein etwas verspäteter Karneval wirkte, war eine bewusste Präsentation unterschiedlicher Bräuche aus ganz Galicien. Einige dieser Traditionen reichen weit zurück und unterscheiden sich von Region zu Region erheblich. Gerade die Masken, Glocken, Tiergestalten und aufwendig gearbeiteten Kostüme gehören zu einer Volkskultur, die in vielen Orten Galiciens bis heute sehr lebendig ist.
Währenddessen blieb ich der Hitze fern. Bei 34 Grad musste man schließlich nicht beweisen, dass man auch an einem Ruhetag noch zwanzig Kilometer durch Santiago laufen kann.
Später trafen wir uns wieder – natürlich an der Kathedrale.
Diesmal stand der Pórtico da Gloria auf unserem Programm. Dieses steinerne Meisterwerk wurde vom Baumeister und Bildhauer Mestre Mateo geschaffen, der ab 1168 an der Vollendung der romanischen Kathedrale arbeitete. Ende des 12. Jahrhunderts entstand hier eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Bildhauerkunst Europas.
Der Pórtico ist weit mehr als ein kunstvoll gestalteter Eingang. Er zeigt eine mittelalterliche Vorstellung von Erlösung und himmlischer Welt. Im Zentrum thront Christus, umgeben von Evangelisten und weiteren Figuren. Darüber sitzen vierundzwanzig Älteste mit Musikinstrumenten, als würden sie gerade ein himmlisches Konzert vorbereiten.
Auf der Mittelsäule sitzt der Apostel Jakobus und empfängt gewissermaßen die ankommenden Pilgernden. Besonders faszinierend sind die Gesichter der Figuren. Manche wirken ernst, andere beinahe lebendig, einige scheinen miteinander zu sprechen oder sich anzusehen. Für die Kunst des 12. Jahrhunderts war diese Ausdruckskraft außergewöhnlich.
Wir ließen uns Zeit, die Figuren und die vielen Einzelheiten anzusehen.
Fotografieren ist dort strengstens verboten. Sagen wir es so: Vollkommen ohne persönliches Erinnerungsbild verließen wir den Pórtico trotzdem nicht 🤭😉
Danach gingen wir wieder zu Froiz und kauften uns Empanadas – eine mit Apfel und eine mit Gemüse. Die aßen wir anschließend in unserer Unterkunft bei einer Tasse Kaffee.
Nach dieser kleinen Stärkung besuchten wir das Kathedralmuseum, wandelten auf der Balkongalerie mit schönem Blick auf den großen Vorplatz der Kathedrale dem Praza do Obradoiro und hatten später noch etwas Zeit, bevor der nächste Programmpunkt begann.
Und wieder landeten wir dort, wo wir an diesem Tag offenbar immer wieder landeten: an der Kathedrale.
Wir setzten uns auf die Praza do Obradoiro, suchten uns soweit möglich einen Platz außerhalb der prallen Sonne und beobachteten die Menschen.
Immer wieder betraten erschöpfte Pilgernde den Platz, blieben stehen, sahen zur Kathedrale hinauf, umarmten sich oder ließen ihren Gefühlen einfach freien Lauf.
Erst gestern waren wir selbst hier angekommen. Nun saßen wir am Rand und betrachteten dieselben Augenblicke bei anderen. Es war schön und bewegend zugleich. Vielleicht wurde uns gerade dabei noch einmal bewusst, was unser eigenes Ankommen eigentlich bedeutet hatte. Gestern waren wir Teil dieser Welle gewesen, heute saßen wir daneben und sahen andere genau diesen besonderen Moment erleben.
Am frühen Abend folgte ein weiterer Höhepunkt: die Besteigung der Dächer der Kathedrale und des Torre da Carraca. Über mehr als 140 Stufen gelangten wir zunächst auf die gestuften steinernen Dächer der Kathedrale und anschließend weiter hinauf in den Turm. Von dort öffnete sich der Blick über die Dächer und Gassen von Santiago und weit hinaus über die Stadt.
Das Licht war zu dieser Zeit besonders schön. Die große Hitze des Tages begann langsam nachzulassen, und der Blick von oben war großartig. Wir standen nun tatsächlich auf dem Gebäude, in dessen Schatten wir uns den ganzen Tag immer wieder bewegt hatten.
Die Plätze rund um die Kathedrale wirkten plötzlich klein. Menschen bewegten sich wie winzige Figuren durch die Straßen, und ringsum lag die alte Stadt.
Dieser Blick von oben war einer jener Momente, die sich nur schwer fotografieren lassen, weil das eigentliche Erlebnis in dem Gefühl besteht, dort oben zu stehen.
Unter uns Santiago.
Über uns der Himmel.
Und irgendwo dazwischen wir drei.
Nach so viel Kultur musste anschließend selbstverständlich auch etwas gegessen werden.
Wir entschieden uns für eine besonders traditionsreiche Tapasbar namens Burger King 😂.
Danach schlenderten wir noch einmal durch die Altstadt. Olaf kaufte sich zwei T-Shirts, während wir anderen zumindest ausführlich betrachteten, was man möglicherweise ebenfalls noch hätte kaufen können.
Schließlich gingen wir zurück in unsere Unterkunft und packten bereits einen Teil unserer Rucksäcke.
Santiago war der große Höhepunkt unseres Weges – aber noch nicht sein Ende.
Vor uns liegt weiterhin der Weg nach Fisterra.
Doch unser Tag im Schatten der Kathedrale war noch nicht ganz vorbei.
Als es dunkel geworden war und die Straßenlaternen brannten, gingen wir noch einmal hinaus.
Natürlich wieder zur Kathedrale.
Diesmal wollten wir den berühmten Pilgerschatten sehen.
An der Wand der Kathedrale auf der Praza da Quintana erscheint nachts durch das Zusammenspiel einer Laterne und einer Säule tatsächlich die Silhouette eines mittelalterlichen Pilgers mit Hut und Wanderstab.
Natürlich handelt es sich um einen optischen Effekt.
Aber Santiago wäre nicht Santiago, wenn sich darum nicht eine Legende ranken würde.
Der bekanntesten Erzählung zufolge verliebte sich einst ein Geistlicher der Kathedrale in eine Nonne aus dem gegenüberliegenden Kloster San Paio de Antealtares. Beide sollen sich heimlich getroffen haben. Eines Nachts wollte der Geistliche mit ihr fliehen und wartete, als Pilger verkleidet, an der Kathedralwand auf seine Geliebte. Doch sie erschien nicht. Seitdem, so erzählt man sich, kehrt sein Schatten Nacht für Nacht an diesen Ort zurück und wartet noch immer auf sie.
Irgendwie passte diese Geschichte perfekt zu unserem Tag.
Morgens hatten wir vor der Sonne Schutz im Schatten der Kathedrale gesucht.
Den ganzen Tag waren wir immer wieder zu ihr zurückgekehrt.
Und nun, am Ende des Tages, standen wir tatsächlich vor ihrem berühmtesten Schatten.
Bevor wir in unsere Unterkunft zurückkehrten, erlebten wir auf dem Kathedralenplatz noch eine musikalische Überraschung. Eine einheimische Band spielte bekannte spanische Melodien. Bei „Viva España“ wurde mitgeklatscht, und für einen Moment verwandelte sich der Platz in eine kleine sommerliche Freiluftbühne.
Es war fröhlich, unkompliziert und ein schöner Abschluss dieses ungewöhnlich vollgepackten Ruhetages.
Nun sitzen wir wieder in unserer Unterkunft.
Die Rucksäcke sind zumindest größtenteils gepackt und vor uns steht noch ein Glas Rotwein.
Vielleicht hilft es dabei, trotz der Wärme und des nächtlichen Lebens vor unserem Fenster diesmal etwas besser zu schlafen.
Denn morgen verlassen wir den Schatten der Kathedrale wieder.
Dann wird weitergewandert.
Richtung Fisterra.
Nachtrag Claudia:
Unser Ruhetag hat tatsächlich eine andere Bezeichnung verdient, aber so ist es halt, wenn man sich in einer so wichtigen Stadt wie Santiago de Compostela aufhält. In kurzer Zeit so viel wie möglich sehen gehört einfach dazu.
Mein absolutes Highlight war neben der Pilgermesse die Führung auf das Dach der Kathedrale. Mega! Die ruhige Atmosphäre, die Aussicht, und dass man sich wirklich wie auf einem Dach fühlt - überall nur Schrägen, ich empfehle festes Schuhwerk oder barfuß gehen 😉.
Spät abends noch durch die Gassen laufen, überall die ausgelassenen und fröhlichen Gesichter sehen, den Musikern lauschen, die an jeder Ecke spielen, all das macht richtig Spaß - besser kann ein Tag nicht enden 🥰.Read more














































Traveler
Die Tuna derecho
TravelerHallo Ihr Lieben, es waren wieder ein paar beeindruckende Bilder. Diese Kathedrale ist ja riesig, die Wanderung über die Dächer der Kathedrale kenne ich schon🤗 Das war ja toll das Ihr noch diesen Umzug gesehen habt🤗 und zum Schluss noch die Livemusik , toll . Habe gleich mitgesungen 😂 Da habt ihr einen schönen Tag erlebt 🤗 Für den heutigen Tag wünsche ich Euch viel Glück und vielleicht nicht zu große Hitze. Kussi 💋😘
Olaf Brandenburg😂😘