• Von Santiago de Compostela nach Alto da Pena

    September 6 in Spain ⋅ ☀️ 33 °C

    Wo das Ende zum Anfang wird – von Santiago de Compostela nach A Pena

    Heute hieß es Abschied nehmen von Santiago de Compostela – zumindest vorerst. Nach unserem Ruhetag begann ein neuer Abschnitt unserer Reise: Der Weg nach Fisterra, hinaus in Richtung Atlantik und zum sagenumwobenen Ende der Welt.

    Noch einmal blickten wir zurück auf die Kathedrale, die im Licht des Morgens über den Dächern der Stadt thronte. In den vergangenen Tagen war sie Ziel, Mittelpunkt und beinahe ständige Begleiterin gewesen. Nun ließen wir sie langsam hinter uns. Der Camino nach Fisterra und Muxía ist unter den großen Jakobswegen etwas Besonderes: Er beginnt am Praza do Obradoiro in Santiago, wo die anderen Wege enden, und führt von dort weiter nach Westen. (Camino de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/es/planifica/l…))

    Schon bald verschwanden die steinernen Fassaden Santiagos hinter uns. Die Geräusche der Stadt wurden leiser, die Häuser seltener und die Landschaft immer grüner. Wir gingen durch kleine Orte, vorbei an Gärten, Feldern und alten Häusern, von denen manche verlassen wirkten und langsam von der Natur zurückerobert wurden. Über weite Strecken war es wunderbar ruhig. Nur unsere Schritte, Vogelstimmen und das gelegentliche Rascheln der Blätter begleiteten uns.

    Unterwegs begegneten wir einer größeren Gruppe sehbehinderter Pilgerinnen und Pilger. Sie wurden von sehenden Begleitpersonen und teilweise auch von Hunden unterstützt. Zu erleben, mit welchem Vertrauen und welcher Selbstverständlichkeit sie gemeinsam diesen Weg gingen, beeindruckte uns sehr. Es war eine jener Begegnungen auf dem Camino, die nur kurz dauern und dennoch lange im Gedächtnis bleiben.

    Unterwegs wartete eine weitere ungewöhnliche Begegnung auf uns. Am Wegesrand saß ein vielleicht zehn- oder zwölfjähriges Mädchen auf einem Stuhl und spielte auf einem Instrument, das wir für ein Cello hielten. Neben ihr stand ein weiterer Stuhl mit einem Notenblatt – und darauf saßen tatsächlich drei Hühner. Das Mädchen spielte also gewissermaßen ein kleines Konzert für vorbeiziehende Pilger und drei äußerst gelassene gefiederte Zuhörer. Ein skurriles und gleichzeitig bezauberndes Bild.

    Und dann war da noch das vermeintliche Schaf. Claudi und Olaf entdeckten auf einer Weide etwas Helles und waren zunächst überzeugt, ein weißes Schaf vor sich zu haben. Bei genauerem Hinsehen stellte sich das Tier allerdings als Pferd heraus. Vielleicht lag es an der Entfernung, vielleicht an der Wärme oder vielleicht auch einfach daran, dass nach vielen Kilometern nicht nur die Beine, sondern gelegentlich auch die Augen müde werden.

    Nachtrag von Olaf: Das wird hier nicht ganz richtig wiedergegeben… Dort war ein weißes Pferd UND ein weißes Schaf auf einer Weide. Claudi und ich haben Guido mehrfach darauf hingewiesen aber er wollte uns nicht glauben 🙄

    Der Weg blieb allerdings nicht nur beschaulich. Vor Carballo und Trasmonte wartete ein längerer und stellenweise kräftiger Anstieg auf uns. Die Temperaturen waren erneut hoch, auch wenn die Hitze nicht ganz so drückend war wie am Vortag. Trotzdem kostete jeder Höhenmeter Kraft. Umso willkommener war unsere Pause in Trasmonte, wo wir uns ein kühles Bier gönnten und unsere Beine für einen Moment zur Ruhe kommen ließen.

    Ein Höhepunkt der heutigen Etappe war zweifellos Ponte Maceira. Schon beim Näherkommen hörten wir das Wasser. Der Fluss Tambre rauschte über kleine Kaskaden, daneben standen alte Steinhäuser und die Überreste früherer Mühlen. Über allem spannte sich die mächtige mittelalterliche Brücke.

    Die heutige Brücke entstand im 13. beziehungsweise 14. Jahrhundert und wurde im 18. Jahrhundert teilweise erneuert. Ihre großen steinernen Bögen bildeten über Jahrhunderte einen wichtigen Übergang über den Tambre auf dem Weg von Santiago in Richtung galicische Küste. (Turismo Galícia (https://www.turismo.gal/recurso/-/detalle/7316/…))

    Ponte Maceira war einer dieser Orte, an denen man am liebsten länger geblieben wäre. Das Wasser, die alten Mauern, die Mühlenruinen und das viele Grün wirkten beinahe wie eine sorgfältig aufgebaute Filmkulisse. Gleichzeitig war alles vollkommen echt, ruhig und in die Landschaft eingebettet. Nach der lebhaften Atmosphäre in Santiago tat diese Stille besonders gut. Übrigens erhielt der Ort auch schon eine Auszeichnung als eins der schönsten Dörfer Spaniens.

    Auch kleine Aufregungen durften an diesem Tag nicht fehlen. Olaf stellte irgendwann fest, dass seine Halskette verschwunden war. Beim eincremen mit Sonnenschutz an der Brücke hatte er sie abgelegt und dort liegen lassen 🫣 Da wir aber noch nicht weit entfernt waren, ging er noch einmal zurück und fand sie wieder. Erleichterung auf allen Seiten.

    Claudi hoffte derweil, heute noch einmal den jungen Mann wiederzutreffen, den sie zuvor auf den Namen „Kuhauge“ getauft hatte, da er so schöne sanfte und braune Augen mit langen Wimpern hatte. Ob er ihr tatsächlich noch einmal begegnen würde, blieb allerdings offen.

    Wir errichten die Stadt Negreira. Diese empfing uns an diesem Sonntag ausgesprochen ruhig. Der Supermarkt, in dem wir normalerweise etwas für eine Pause gekauft hätten, war geschlossen. Auch das erste Restaurant hatte nicht geöffnet. Bei einer Bar kamen wir gerade in dem Moment an, als sie ihre Türen schloss. Schließlich fanden wir noch eine kleine Bar an einer Straßenecke, in der wir uns jeweils ein Bier holten.

    Die Pause trug offenbar zusätzlich zu unserer ohnehin guten Stimmung bei. Irgendwann sagte Olaf: „Engelchen, ich blase auf deinem Dudelsack.“ Darauf folgte die prompte Antwort des Engelchens: „Du kannst auf meiner Engelstrompete blasen.“ 😂

    Manchmal braucht es auf dem Camino keine tiefgründigen Gespräche. Manchmal reichen müde Beine, ein kühles Bier und ein ziemlich alberner Wortwechsel, um sich gemeinsam kaputtzulachen.

    Wir verließen Negreira und gingen unter einem mächtigen steinernen Bogen hindurch. Dabei handelte es sich um die Galerie des Pazo do Cotón. Der Gebäudekomplex geht auf eine mittelalterliche Festung zurück und wurde besonders im 17. Jahrhundert stark umgestaltet. Die steinerne Galerie führt über die Straße und verbindet den ehemaligen Adelssitz mit der Kapelle San Mauro. (Turismo Galícia (https://www.turismo.gal/recurso/-/detalle/19708…))

    Hinter Negreira begann noch einmal ein längerer Anstieg. Der Weg führte bergauf und bergab durch eine wunderschöne, stille Landschaft. Alte Steinmauern säumten die Wege, viele davon dick mit Moos bewachsen. Zwischen den Bäumen wuchsen große Farne, und über weite Abschnitte spendete der Wald angenehmen Schatten.

    Dieser Schatten war eine Wohltat. Obwohl es etwas weniger heiß war als gestern, machte sich die Länge der Etappe inzwischen deutlich bemerkbar. Unsere Schritte wurden langsamer und die Hoffnung, bald anzukommen, immer größer. Trotzdem blieb die Stimmung unter uns gut. Niemand musste motiviert oder gezogen werden. Wir gingen gemeinsam, scherzten miteinander und genossen trotz der Erschöpfung die Ruhe und Schönheit dieser Landschaft.

    Der Weg von Negreira nach Zas folgt teilweise dem Verlauf des alten Camiño Real nach Fisterra, also einer historischen Verbindung zur galicischen Westküste. (Camino de Santiago (https://www.caminodesantiago.gal/en/make-plans/…))

    In dem weit verstreuten Ort Zas kamen wir an mehreren alten und teilweise verfallenen Gebäuden vorbei. Manche Häuser wirkten, als seien sie schon vor langer Zeit verlassen worden. Die Ruinen passten auf eigenartige Weise in die stille Landschaft und erzählten von einem ländlichen Galicien, in dem viele kleine Dörfer über die Jahre Einwohner verloren haben.

    Unterwegs fiel Claudi plötzlich ein weiteres Lied ein, das sie offenbar früher häufig gesungen hatte. Ohne große Vorwarnung begann sie mit „Wir lagen vor Madagaskar“. Olaf kannte das Lied ebenfalls. Ich selbst beteiligte mich ausdrücklich nicht am Gesang, fand es aber äußerst amüsant, dass Claudi ausgerechnet mitten auf einem galicischen Waldweg dieses alte Seemannslied einfiel.

    Nach fast dreißig Kilometern erreichten wir schließlich die Albergue Alto da Pena. Wir waren müde, erschöpft und froh, unsere Rucksäcke endlich abstellen zu können. Die Dusche war eine wahre Wohltat und ließ uns zumindest für kurze Zeit wieder wie Menschen fühlen.

    Abend aßen wir gemeinsam mit anderen Pilgerinnen und Pilgern ein gutes Pilgermenü. Zunächst gab es Linsensuppe, danach Makkaroni mit Tomatensoße und überbackenem Käse und zum Abschluss Kuchen. Dazu wurden Wasser und Rotwein gereicht – grundsätzlich so viel, wie man wollte.

    In unmittelbarer Nähe befindet sich die Unterkunft in San Mamede da Pena, in der wir sonst übernachtet hatten und zu der auch ein kleiner Biergarten gehört. Wir schauten noch einmal nach, ob dort vielleicht geöffnet war, doch alles blieb geschlossen. Also gingen wir zurück in unsere Unterkunft.

    Wir hatten nach der Ankunft nur kurz geruht, geduscht und gegessen. Danach spürten wir die beinahe dreißig Kilometer in jedem Knochen. Also gingen wir hinauf auf unser Zimmer und ließen diesen langen Tag ruhig ausklingen.

    Es war eine anstrengende, aber wunderschöne Etappe. Wir hatten Santiago hinter uns gelassen, waren tief in die grüne galicische Landschaft eingetaucht, hatten besondere Menschen getroffen, mittelalterliche Brücken überquert, Hühnern bei einem Cellokonzert zugesehen und viel miteinander gelacht.

    Vor allem aber waren wir den ganzen Tag über in guter Stimmung. Die Ruhe des Weges, die schattigen Wälder, das viele Grün und unser gemeinsamer Humor machten selbst die langen Anstiege und die müden Beine erträglich.

    Morgen früh werden wir noch in der Albergue frühstücken. Danach geht unsere Reise weiter nach Westen – Schritt für Schritt näher an das Meer und an das Ende der Welt.

    Nachtrag Claudia:
    Auf der einen Seite hätte ich mir gerne noch Santiago und seine tolle Altstadt in Ruhe etwas angeschaut, auf der anderen Seite freue ich mich aber auch schon sehr auf Fisterra, von daher ist mir der Start heute morgen nicht schwergefallen.
    Und es stimmt, trotz der zum Teil anstrengenden Steigungen (10 % auf 2 km sage ich nur), waren wir immer guter Stimmung, mal mehr mal weniger gesprächig, aber stets gut gelaunt.
    Es war mal wieder ein richtig schöner Tag, den ich sehr genossen habe, daher nehme ich es Guido auch nicht übel, dass er an der einen Stelle keinen Blick zurückgeworfen und somit das Schaf nicht gesehen hat.
    Auf jeden Fall freue ich mich auf die nächste Etappe 🥰
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