• Von Alto da Pena nach O Logoso

    Yesterday in Spain ⋅ ☀️ 24 °C

    Kuhauge, Hórreos & Cocktail-Spanier

    Die Nacht in Alto da Pena war insgesamt ruhig gewesen. Claudi hatte – und das muss ausdrücklich betont werden – ausgezeichnet geschlafen. Olaf ebenfalls gut, während meine eigene Nacht eher durchwachsen gewesen war. Aber auch das gehört zum Camino: Nicht jede Nacht schenkt einem die Erholung, die man sich nach einer langen Etappe erhofft.

    Beim Frühstück wartete eine kleine Herausforderung auf uns. Serviert wurde ein gewaltiges Bocadillo, belegt mit einer nicht minder mächtigen Tortilla Española. Selbst unsere sonst recht zuverlässige „Gutesserin“ Claudi musste irgendwann kapitulieren. Zum Glück war Olaf bereit, sich selbstlos zu opfern und den verbliebenen Rest zu übernehmen – schließlich sollte nichts weggeworfen werden. Außerdem begegneten wir beim Frühstück auch wieder „Kuhauge“ von gestern.

    Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: „Kuhauge“ ist bei uns ausdrücklich ein positiver und liebevoll gemeinter Ausdruck. Gemeint war ein junger Mann mit außergewöhnlich schönen, großen, sanften und braunen Augen und langen Wimpern, der uns bereits am Vortag aufgefallen war und uns seitdem auf eine kaum erklärbare Weise faszinierte. Fast zeitgleich gingen wir nach dem Frühstück los und wir liefen die ersten 12 km mit einem gewissen Abstand immer hinter „Kuhauge“ her.

    Es lag noch feuchte, neblige Luft über der Landschaft. Die Temperaturen waren angenehm, und zunächst führte uns der Weg längere Zeit über asphaltierte Straßen. Später wechselten wir auf Feldwege und kamen durch kleine Ortschaften, deren Häuser sich beinahe unauffällig in die ländliche Umgebung einfügten. Viel Grün, einzelne Höfe, Tiere auf den Weiden – ein Galicien, das sich eher leise als spektakulär präsentierte.

    Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Tierwelt erneut für Diskussionen sorgte. Claudi und Olaf waren noch immer felsenfest davon überzeugt, dass es am Vortag sowohl ein Pferd als auch ein Schaf gegeben hatte. Ich hatte dieses angebliche Schaf jedoch nicht gesehen. Aussage stand gegen Aussage – wobei die beiden darauf bestanden, dass zwei Aussagen vor jedem Gericht schwerer wiegen würden als eine.

    Als wir außerhalb eines Ortes erneut Tiere auf einer Weide entdeckten, wollten sie mir zunächst weismachen, dort stünden fünf oder sechs Pferde. Dabei waren es diesmal eindeutig Schafe. Ihre Erklärung: Das seien eben „galicische Kurzbeinpferde“. Pferde mit Wolle, auf denen man vorsichtshalber nicht reiten könne. Seitdem scheint auf diesem Weg endgültig nicht mehr geklärt zu sein, woran man in Galicien ein Pferd erkennt 😂

    Eine erste Pause machten wir in der Panadería Maroñas, einer kleinen ländlichen Bäckerei mit Cafébetrieb. Dort gab es Getränke und eine kurze Erholung für die Beine. Die traditionsreiche Bäckerei stellt ihre Backwaren noch handwerklich her und backt unter anderem Brot und galicische Spezialitäten im Holzofen.

    Und zeitgleich machte „Kuhauge„ dort auch Pause 😂
    Über viele Kilometer hinweg blieb er unser Thema. Mal lief er näher vor uns, dann wieder weiter entfernt. Er setzte sein Käppi auf, band sein Halstuch um, trank etwas oder aß Heidelbeeren aus einem kleinen Becher. Wir beobachteten, ob er beim Gehen trinken konnte, ob er am Vorabend vielleicht mit uns gegessen hatte und ob es sich trotz Brille tatsächlich um denselben jungen Mann handelte. Für mich war die Sache spätestens anhand seiner Hose eindeutig geklärt.

    So liefen wir zeitweise mehrere Kilometer hinter Kuhauge her – selbstverständlich nur rein zufällig und weil der Camino nun einmal in dieselbe Richtung führte. Trotzdem wurde jede kleine Veränderung registriert und kommentiert. Er blieb das wohl ausdauerndste Gesprächsthema dieses Tages 😂

    Nach der Pause trafen wir erneut auf einen Pilger aus Bregenz, den wir zuvor irrtümlich schon einmal nach Bayreuth versetzt hatten. Er begleitete uns ein Stück und erzählte so lebhaft von sich und seinen Erlebnissen, dass wir den bevorstehenden Anstieg beinahe nebenbei bewältigten. Claudis vorbereitetes Spiel zum Prominentenraten wurde zunächst gar nicht gebraucht – unser Weggefährte füllte die Zeit ganz allein mit seinen Geschichten.

    Der Weg führte über den Monte Aro hinauf. Von dort öffnete sich der Blick auf den Fervenza-Stausee, der groß und ruhig zwischen den grünen Hügeln lag. Anschließend ging es wieder hinunter nach Lago, wo die Casa Xalleiro unmittelbar am Camino eine willkommene Gelegenheit für eine Pause bot.

    In der Casa Xalleiro saßen wir bei einem Bier zusammen, als uns ein besonders schöner Camino-Moment geschenkt wurde. Ein Ire, den wir bereits am Vorabend beim gemeinsamen Essen kennengelernt hatten, fotografierte uns drei mit seiner Polaroidkamera. Kurz darauf hielt jeder von uns einen eigenen Schwarz-Weiß-Abzug in den Händen – ein kleines, persönliches Andenken an genau diesen Augenblick.

    Es sind solche Begegnungen, die man nicht planen kann. Jemand kreuzt für einen kurzen Moment den eigenen Weg, macht ein Foto, schenkt es einem und zieht irgendwann weiter. Zurück bleibt nicht nur das Bild, sondern auch die Erinnerung an einen Menschen, dessen Weg sich für kurze Zeit mit unserem verbunden hat.

    In dieser Pause machte Claudi außerdem eine weitreichende Ankündigung: Wenn sie irgendwann mal wieder einen Hund hätte, müsste dieser mindestens die Größe eines „Cocktail-Spaniers“ haben 😂 Sie sagte es mit solcher Überzeugung, dass wir einen Moment brauchten, um zu begreifen, dass sie eigentlich einen Cockerspaniel meinte. Danach gab es kein Halten mehr. Der „Cocktail-Spanier“ war geboren und wird Claudi vermutlich noch sehr lange begleiten. Vielleicht handelt es sich dabei um eine besonders gesellige Hunderasse, die kleine Getränke serviert und sich hervorragend auf Strandpromenaden macht.

    Nachdem die Sonne wieder herausgekommen war, cremten wir uns ein und gingen weiter. Über Feldwege, kleine Straßen und durch die sanft hügelige Landschaft näherte sich der Weg allmählich Olveiroa. Nun kam auch das Prominentenraten zum Einsatz und vertrieb uns einen Teil der Strecke. Gemeinsam rätseln, lachen und gelegentlich völlig absurde Lösungsvorschläge machen – auch dadurch vergingen die Kilometer erstaunlich schnell.

    Kurz vor Olveiroa überquert der Camino den Río Xallas bei Ponte Olveira. Genau hier versuchten galicische Bauern im Jahr 1809, den Vormarsch französischer Truppen während der Napoleonischen Kriege aufzuhalten – allerdings ohne Erfolg. Heute erinnert an diesem friedlichen Flussübergang kaum noch etwas an die damaligen Kämpfe.

    Olveiroa selbst bewahrt mit seinen schmalen Wegen, den traditionellen Steinhäusern und seiner kleinen Kirche bis heute viel vom Charakter eines alten galicischen Dorfes. Besonders auffällig sind die zahlreichen Hórreos, von denen sich hier ungewöhnlich viele erhalten haben. Manche Quellen sprechen von etwa fünfzig Exemplaren rund um das Dorf.

    Diese länglichen, erhöht stehenden Gebäude waren keine Kapellen und auch keine Grabstätten, obwohl sie aus der Ferne manchmal so wirken. Hórreos dienten als Getreidespeicher, vor allem für Mais. Durch die Schlitze in den Wänden konnte ständig Luft zirkulieren, sodass die Vorräte in der feuchten galicischen Witterung trockneten und nicht verfaulten. Gleichzeitig schützte die erhöhte Bauweise vor Bodenfeuchtigkeit.

    Unter den Speichern befinden sich Pfeiler mit weit überstehenden Steinplatten. Diese sogenannten Mäuse- oder Rattenabwehrplatten verhinderten, dass Nagetiere an die wertvollen Vorräte gelangten. Damit sind die Hórreos ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie zweckmäßig und zugleich schön traditionelle Landwirtschaftsarchitektur sein kann.

    Viele der Hórreos in Olveiroa wurden inzwischen restauriert. Sie sind nicht nur Erinnerungen an eine frühere Lebensweise, sondern ein sichtbares Symbol der galicischen Kultur. Wir konnten gut verstehen, warum wir bei einer späteren Wanderung vielleicht gern einmal länger in Olveiroa bleiben und in der Casa Loncho übernachten würden.

    Nach einer weiteren kurzen Rast und einem Getränk verließen wir das Dorf. Nun wurde der Weg landschaftlich noch einmal reizvoller. Wir gingen an Wasserflächen vorbei, sahen kleinere Wasserläufe und Wasserfälle von oben und folgten dem Camino über die Höhenzüge. Unter uns lagen grüne Täler, während der Weg immer weiter in Richtung Küste führte.

    Schließlich erreichten wir O Logoso, einen winzigen Ort auf dem Weg zur späteren Abzweigung nach Fisterra oder Muxía. Von Olveiroa bis hierher sind es nur wenige Kilometer, doch nach der langen Tagesstrecke spürten wir jeden einzelnen davon.

    In unserer Unterkunft wurden wir von einer ausgesprochen resoluten Gastgeberin empfangen. Sie wirkte so durchsetzungsstark, dass man ihren Anweisungen am besten folgte, ohne unnötige Rückfragen zu stellen. Nach dem Einchecken duschten wir, ruhten uns kurz aus und gingen anschließend noch etwas essen.

    Am Ende standen rund dreißig Kilometer auf unseren Beinen. Trotzdem hatte sich die Etappe erstaunlich kurz angefühlt. Die Gespräche mit anderen Pilgernden, das Prominentenraten, die vielen kleinen Beobachtungen am Wegesrand und natürlich Kuhauge hatten die Stunden förmlich vorbeiziehen lassen.

    Es war wieder ein sehr schöner Camino-Tag – mit wechselnden Landschaften, besonderen Begegnungen und viel gemeinschaftlichem Lachen. Ein Tag mit einem Schaf, das vielleicht doch ein Pferd gewesen sein soll, mit einem jungen Mann und seinen faszinierend schönen Augen, mit einem Polaroidfoto als unerwartetem Geschenk und mit einer völlig neuen Hunderasse namens Cocktail-Spanier.

    Morgen führt unser Weg weiter nach Fisterra. Die Wettervorhersage verspricht zwar keine ganz trockene Etappe, doch nach allem, was wir bereits gemeinsam erlebt haben, wird vermutlich auch der Regen wieder Teil einer Geschichte werden, über die wir später lachen können.
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