Von O Logoso nach Fisterra
September 8 in Spain ⋅ ☀️ 20 °C
Vom Vákner ans Ende der Welt – Regen, Legenden und ein perfekter Abschluss
Gegen 6:30 Uhr schrieben Olaf und ich Claudi, dass wir bereits wach seien. Eine Antwort kam nicht. Auch als wir später fragten, ob wir uns gegen sieben Uhr zum Frühstück treffen wollten, herrschte weiterhin völlige Funkstille. Erst eine Minute nach sieben meldete sie sich mit einem knappen: „Nee, hab gerade erst die Nachrichten gelesen.“ Offenbar war unsere Reisegefährtin noch nicht ganz im neuen Tag angekommen. Wenig später protestierte sie allerdings energisch gegen unsere Zeitangaben: Nicht um 7:30 Uhr, sondern bereits um 7:20 Uhr seien wir beim Frühstück gewesen. Das musste für die Chronik unbedingt richtiggestellt werden.
Zum letzten Wanderfrühstück gab es noch einmal einen Bocadillo mit Tortilla Española, dazu Orangensaft und Kaffee. Und dann erschien auch noch „Kuhauge“ – unser selbstverständlich liebevoll gemeinter Name für den jungen Mann mit diesen bemerkenswert schönen Augen, der uns schon am Vortag fasziniert hatte. Offenbar hatte er in Olveiroa übernachtet und kam nun gemeinsam mit drei jungen Frauen an. Danach verließen wir O Logoso.
Der Himmel war bedeckt, doch die Stimmung zwischen uns blieb gut. Die Landschaft war wunderschön: sanft hügelig, mit niedrigen Sträuchern, Birken, Kiefern und Fichten. Noch hofften wir, dass der angekündigte Regen vielleicht gnädig mit uns sein würde.
Dann betraten wir das Reich des Vákner. Zunächst kamen wir an einem Informationszentrum vorbei, das leider geschlossen war. Kurz darauf meinten wir, aus der Ferne bereits ein unheimliches Jaulen zu hören. Selbstverständlich hatten wir schreckliche Angst, zitterten am ganzen Körper und überlegten ernsthaft, wieder umzukehren. Doch wir beschlossen, uns unseren Ängsten zu stellen und tapfer weiterzugehen – zumindest erzählen wir die Geschichte so.
Ganz erfunden ist der Vákner allerdings nicht. Ende des 15. Jahrhunderts berichtete der armenische Pilger und Bischof Mártir de Arzendjan von seiner Reise nach Fisterra. In seinem Bericht erwähnt er eine große und gefährliche Kreatur namens Vákner, der er in dieser Gegend begegnet sei. Was genau er gesehen hatte, wissen wir bis heute nicht. Erst spätere Deutungen machten daraus den galicischen lobishome, den Werwolf oder Wolfsmenschen. Gerade diese Ungewissheit macht die Geschichte so reizvoll: Vielleicht war es ein Wolf, vielleicht etwas anderes – und vielleicht war in den einsamen Wäldern des Mittelalters die Grenze zwischen realer Gefahr und Mythos ohnehin ziemlich dünn. Der Concello de Dumbría hat die alte Erzählung wieder aufgegriffen und damit ein fast vergessenes Stück Pilgergeschichte zurück auf den Camino gebracht.
Bald erreichten wir die entscheidende Weggabelung: Ein gelber Pfeil zeigte nach rechts in Richtung Muxía, der andere nach links nach Fisterra. Da unser Ziel von Anfang an festgestanden hatte, gab es für uns nichts zu überlegen. Wir hielten uns links.
Mitten in der waldreichen Landschaft stand er schließlich vor uns: der mehr als vier Meter hohe Vákner, ein gewaltiges dunkles Wesen, einem Werwolf ähnlich, mit gefletschten Zähnen und erhobenen Krallen. Natürlich wurden ausgiebig Fotos gemacht. Nach dieser Begegnung zog der Vákner weiter durch unsere Fantasie, während wir dem Weg folgten.
Das Wetter verschlechterte sich allmählich. Aus vereinzeltem Nieseln wurde leichter Regen, aus leichtem Regen kräftiger Regen – und irgendwann regnete es einfach nur noch. Wir zogen unsere Ponchos über und stapften weiter. Der Weg selbst blieb trotz des Wetters angenehm und landschaftlich schön, doch trocken waren wir irgendwann nur noch dort, wo Rucksack, Kleidung und Poncho besonders gut zusammenarbeiteten.
In der Stadt Cee suchten wir schließlich Schutz in einer Bar. Dort gab es natürlich erst einmal Bier – und später noch eines. Von der Bar bekamen wir drei kleine Portionen selbst gemachter Tortilla Española spendiert. Sie schmeckte so gut, dass wir anschließend noch eine große Portion für uns drei bestellten. Claudi nutzte die Pause außerdem für einen Besuch im benachbarten Candy-Shop. Sie kehrte vollkommen begeistert zurück und beglückte uns mit Schokoriegeln und veganen Gummitieren. Ein regnerischer Tag wird schließlich nicht besser, wenn man ihn ohne Süßigkeiten durchsteht.
Wir wechselten teilweise die nassen Sachen und zogen etwas Trockenes an. Fast wie bestellt hörte der Regen danach auf. Gegen 14 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, anfangs noch vorsichtig mit geöffnetem Regenschirm, später sogar ohne ihn.
In Cee besuchten wir das Santuario Nosa Señora da Xunqueira am zentralen Platz. Die Ursprünge der Kirche reichen bis ins Mittelalter zurück. Bei napoleonischen Angriffen im April 1809 wurde das damalige Gotteshaus fast vollständig niedergebrannt; nur Teile des gotischen Chores und wenige Gegenstände überstanden das Feuer. Die heutige Kirche entstand durch den anschließenden Wiederaufbau.
Und selbst hier wartet wieder eine Legende: Während eines schweren Sturms soll ein fremdes Schiff Schutz in der Bucht von Cee gesucht haben. Als es später wieder auslaufen wollte, schien etwas das Schiff zurückzuhalten. An Bord befand sich eine Marienfigur. Schließlich soll diese zwischen Binsen gefunden worden sein – daher der Name Xunqueira, von xunco, der Binse. Geschichte und Legende liegen in Galicien eben oft nur wenige Schritte auseinander.
Anstatt sofort wieder streng den gelben Pfeilen zu folgen, machten wir noch einen kleinen Abstecher ans Wasser und genossen die Atmosphäre am Strand. Die Berge in der Ferne lagen unter schweren Wolken und erinnerten Claudi ein wenig an die Schweiz. Danach stiegen wir wieder zur Straße hinauf und trafen erneut auf den offiziellen Jakobsweg.
Auch Corcubión wirkte mit seinen alten Häusern und engen Gassen wie ein Ort aus einer anderen Zeit. Wir sahen uns eine schlichte, sehr schöne Kirche an, deren Inneres fast mittelalterlich wirkte – ganz anders als manche üppig ausgestattete katholische Kirche, die wir auf unserer Reise besucht hatten. Anschließend führte der Weg durch eine schmale Gasse steil bergauf und danach über einen Waldweg weiter in Richtung Estorde.
Vor Estorde entdeckten wir in einem Garten prachtvolle Blüten einer Passionsblume. In einer davon wühlte sich eine kleine, dicke Hummel durch die Blüte – ein friedliches Schauspiel, dem wir eine Weile zusahen. Wir kamen an Hühnern vorbei und sahen die ersten Maronen auf dem Weg liegen. Ältere Menschen sammelten sie bereits ein, vermutlich für die Küche zu Hause. Am Wegesrand wuchs Fenchel und verströmte seinen intensiven Duft, den Olaf so gern mag. Ein Feigenbaum hing voller Früchte, doch sie waren leider noch nicht reif. Dasselbe galt für die riesigen Früchte eines Kaktusstrauchs. Manchmal liegt das Schöne direkt am Weg – nur essen kann man es eben noch nicht.
Weiter ging es in Richtung Sardiñeiro, teilweise erneut an der Straße entlang. Später führte uns der Weg durch einen frischen Eukalyptuswald. An den Seiten lagen große, mit Moos bewachsene Steine. Der Regen hatte die Farben kräftiger gemacht und der Wald roch sauber und kühl. Inzwischen war es wieder trocken, und gerade diese Frische machte die letzten Kilometer besonders angenehm.
Dann war es so weit: Wir erreichten Fisterra und damit das Ziel unserer letzten Etappe – direkt am Meer. Die Suche nach unserer Unterkunft sorgte zunächst noch für etwas Verwirrung, weil wir am falschen Standort warteten. Der Vermieter schickte uns schließlich Fotos des Hauses, das wir vom letzten Aufenthalt wiedererkannten. Kurz darauf war er da, übergab uns die Türcodes und verabschiedete sich wieder. Wir duschten, zogen frische Kleidung an, wuschen die verschwitzten Sachen und hängten alles zum Trocknen auf. Nach all den Kilometern waren wir angekommen.
Am Abend gingen wir in die Bar „The World Family“ – eine gemütliche, etwas alternative Hippie-Bar, die genau der richtige Ort für den Abschluss unserer gemeinsamen Etappen war. Das Essen war nicht einfach nur gut, sondern wirklich hervorragend: frisch, unglaublich lecker und mit viel Liebe zubereitet. Es war eines dieser Essen, bei denen man schon währenddessen weiß, dass man sich später noch gern daran erinnern wird.
Dann begannen Musiker ganz spontan zu improvisieren. Einer spielte Gitarre, ein anderer verband Gesang mit rhythmischem Sprechgesang. Der dritte schien beinahe ein ganzes Orchester allein zu ersetzen. Er wechselte zwischen Keyboard, Flöte, einem kleinen Xylofon, einem Tamburin am Fuß und einer Handpan – dieser schalenförmigen Klangtrommel, deren weiche Töne den Raum erfüllten. Die Musik war ungeplant, lebendig und mitreißend. Menschen hörten zu, unterhielten sich, lachten und genossen den Moment. Für einige Stunden fühlte es sich an, als gehörten alle in dieser Bar zu einer einzigen großen, etwas verrückten Familie.
Es war ein wunderschöner, unvergesslicher Abend – und damit der perfekte Abschluss unserer Reise. Wir hatten auf diesem gemeinsamen Weg eigentlich nur schöne Zeiten erlebt. Die Unterkünfte waren gut bis sehr gut gewesen, wir konnten uns immer versorgen, niemand hatte sich ernsthaft verletzt, und abgesehen von meinen zeitweiligen Schmerzen im Knie hatte alles erstaunlich reibungslos funktioniert.
Deshalb an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Olaf, der so vieles im Vorfeld organisiert und geplant hatte. Ein Dankeschön an Claudi, dass sie sich auf ihren ersten Camino eingelassen und diesen Weg mit uns geteilt hat. Und ein Dankeschön an uns alle drei, weil wir gemeinsam dafür gesorgt haben, dass diese Reise so harmonisch, fröhlich und besonders wurde 🥰
Natürlich waren wir wehmütig. Denn nun gab es keine nächste Etappe mehr, auf die wir uns am Abend vorbereiten mussten. Keine Schuhe, die für den nächsten Morgen bereitgestellt wurden. Keinen neuen Ort, den wir gemeinsam zu Fuß erreichen würden.
Doch dieser letzte Tag hatte uns noch einmal alles geschenkt, was unsere Reise ausgemacht hatte: Natur und Regen, kleine Missverständnisse, gemeinsames Lachen, überraschende Begegnungen, ein geheimnisvolles Wesen am Wegesrand, gutes Essen, Musik und das Gefühl, gemeinsam etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.
Der Weg war zu Ende.
Die Erinnerungen daran werden bleiben.
Nachtrag Claudia:
Nun sind wir tatsächlich angekommen, viel zu schnell, aber es ist auch gut so. Die Wochen waren soo schön, voller Erfahrungen, gemeinsamen Erlebnissen, viel gesehen und Spaß gehabt, vielen sehr unterschiedlichen Menschen begegnet, sich selbst anders wahrgenommen ..... Es ist viel passiert, es waren intensive Tage, und nun ist wahrscheinlich genau der richtige Zeitpunkt, einen Abschluss zu finden.
Ich danke Olaf und Guido für die unvergesslichen Momente 💖 und freue mich auf die verbleibenden Tage in Fisterra 🥰Read more














































TravelerUnd ich danke euch für die vielen tollen Berichte 😘🙋♂️
TravelerHallo ihr wackeren Wanderer🤗 möchte mich noch für alle tollen Berichte und Filme bedanken. Es hat mir immer viel Freude gemacht. Die Teil lustigen und geschichtlichen Berichte zu lesen wie auch jetzt den letzten. Bin froh das ihr trotz dem schmerzenden Knie gesund und Munter angekommen seid. Gratulation an Claudia die wacker und fröhlich mitgehalten hat🤗 Ich denke an Euch hab Euch lieb und Kussi 💋💋♥️ PS. Natürlich auch Danke für die tollen Bilder 🤗
Claudia BDanke, liebe Moni 🤗, Olaf und Guido haben wirklich toll dafür gesorgt, dass es eine unvergessliche Pilgertour wird 🥰