• Olympia. Oder, wie ich beinahe....?

    10. maj, Grækenland ⋅ ☁️ 25 °C

    Olympia. Oder, wie ich beinahe versehentlich die Wanderleistung meines letzten Jahrzehnts absolvierte 🏛️😅

    Es gibt Orte, bei denen man schon beim Namen so tut, als wäre man innerlich völlig ruhig. Olympia zum Beispiel. Man nickt dann lässig, schaut bedeutungsvoll in die Ferne und sagt Dinge wie: „Ja, interessant, gucken wir uns mal an.“ In Wahrheit aber steht neben einem Britti, hüpft bereits vor dem Wohnmobil wie ein aufgezogener Flummi und sendet körperlich die eindeutige Botschaft: Heute wird Geschichte besichtigt. Und zwar komplett. 😄

    Aber ganz von vorne.

    Der Tag begann schon stark. Wir wollten nämlich nicht einfach geschniegelt über die große Brücke bei Patras fahren wie irgendwelche vernünftigen Menschen mit Zielorientierung. Nein. Wir wollten mit der Fähre übersetzen. Warum? Weil der Blick von unten auf diese gewaltige Brücke einfach großartig sein sollte. Und manchmal sind wir genau so. Wir nehmen nicht den direkten Weg, sondern den, bei dem man hinterher sagen kann: War zwar völlig unpraktisch, aber sah fantastisch aus. 🚐⛴️

    Dann ging es weiter zum Campingplatz Diana, einem dieser Plätze, bei denen man schon nach kurzem Ankommen merkt, dass der Tag noch etwas vorhat. Und wir hatten ja ohnehin nur noch einen Gedanken im Kopf: Olympia. Dieses Stadion. Diese Geschichte. Dieser Ort, an dem vor fast 3000 Jahren schon Menschen auf die Idee kamen, dass Wettkampf, Ruhm und nackte Beine eine hervorragende Kombination sind.

    Britti war entsprechend kaum zu bremsen. Kaum standen wir, war sie schon in dieser speziellen Vorfreude, die sie äußerlich durch Hopsen und innerlich vermutlich durch kompletten Kontrollverlust ausdrückt. Also los Richtung Olympia.

    Nur erst mal ins Museum, hieß es. Überall hieß es Museum. Und dann zack, waren wir auch schon drin.

    Ich sage es ehrlich, das hat uns beide kalt erwischt. Nicht im Sinne von „naja, ganz nett“, sondern eher so, dass man zwischen uralten Gefäßen, Figuren, Reliefs und jahrtausendealten Überresten plötzlich merkt, wie lächerlich jung man selbst eigentlich ist. Da standen und lagen Dinge aus 800 vor Christus und teilweise noch älter, und wir liefen da durch wie zwei Leute, die gedanklich noch nicht mal mit ihrer Handyvertragslaufzeit im Reinen sind. 😄

    Einige Tonkrüge und Statuen jagten uns wirklich einen Schauer über den Rücken. Nicht weil sie gruselig waren, sondern weil sie so alt waren, dass einem kurz die Luft wegblieb. Diese Gegenstände hatten Jahrtausende überlebt. Reiche, Kriege, Wetter, Menschen, dumme Ideen, noch dümmere Ideen. Und jetzt standen wir davor mit bequemen Schuhen und einem leichten Drang nach Kaffee.

    Der absolute Hammer war dann diese große Halle mit dem gewaltigen Giebel des Zeus-Tempels. Ich stand da, zeigte darauf und kam mir plötzlich sehr klein vor. Und das lag diesmal ausnahmsweise nicht nur an meiner Haltung. Diese Dimensionen. Diese Wucht. Diese Ruhe, die solche alten Steine ausstrahlen. Man steht davor und merkt, dass Geschichte gar nicht trocken ist. Sie ist körperlich. Sie steht vor dir und sagt: Du gehst auch wieder. Ich bleibe.

    Kaum aus dem Museum raus, hatte mein Körper dann aber wieder eine sehr moderne Priorität: Kaffee. ☕
    Kein Held der Antike hat je so zuverlässig nach einem Kaffee verlangt wie ich.

    Britti grinste mich an und sagte:
    „Guck mal hinter uns… die netten Leute aus Albanien!“

    Und tatsächlich. Da saßen sie. Die beiden sympathischen Deutschen, die wir schon in Albanien kennengelernt hatten, jene seltene Sorte Mensch, bei der man sofort merkt, dass man sich gerne festquatscht. Also kurz Hallo gesagt, ein bisschen gefreut, und ehe wir uns versahen, waren wir zu viert unterwegs. So schnell geht das auf Reisen. Erst stehst du allein vor den Resten einer Hochkultur, fünf Minuten später läufst du gemeinsam mit neuen Bekannten durch die Wiege der Olympischen Spiele.

    Mit Anja und Henning wurde aus Besichtigen plötzlich etwas viel Schöneres. Kein stilles Abarbeiten von Sehenswürdigkeiten, sondern gemeinsames Staunen, Reden, Fragen, Lachen, Wiederentdecken. Wir zogen zusammen durch die Ausgrabungsstätte, schauten uns die Tempelreste an, die Hallen, die Wege, die Plätze, an denen früher gejubelt, geehrt und wahrscheinlich auch ganz ordentlich geprahlt wurde.

    Und dann standen wir an dem Ort, an dem heute das olympische Feuer entzündet wird.

    Britti stellte sich genau auf diesen Punkt.

    Sie drehte leicht den Kopf, blinzelte mir zu, und in diesem Blick lag so viel, dass ich für einen Moment gar nichts Witziges mehr dachte. Ich wusste sofort, das hier war für sie nicht einfach nur irgendein Ort auf unserer Route. Das war ein kleiner, stiller Traum. Einer von diesen Momenten, die sich im Vorfeld kaum beschreiben lassen und die dann, wenn sie endlich da sind, plötzlich ganz leicht wirken und gleichzeitig ganz groß.

    Natürlich hielt dieser tiefgründige Moment nicht ewig an. Denn dann kam das Stadion.

    Und dort wurde es ernst. Oder besser gesagt: sportlich. 😄

    Britti ließ sich die Chance natürlich nicht entgehen. Wenn man schon einmal in Olympia steht, dann läuft man auch die 100 Meter. Punkt. Vermutlich hätte sie sich notfalls auch selbst eine Startfanfare gesummt. Also stellte sie sich an die Startlinie, voller Ehrgeiz, voller Freude, voller Britti-Energie, und ich sah ihr an, dass sie in diesem Moment nicht nur irgendeinen kleinen Spaß machte. Nein. Sie war komplett drin. Das innere Kind, der Sportsgeist und die Abenteuerlust hatten kollektiv die Kontrolle übernommen.

    Und ja, sie hat es geschafft.
    Den 100-Meter-Lauf von Olympia.
    Mit Haltung, mit Tempo und mit dem Blick einer Frau, die ganz genau weiß, dass das Publikum, also ich, gefälligst beeindruckt zu sein hat. Und das war ich auch. Sehr sogar. ❤️

    Fast noch unglaublicher war aber etwas anderes.

    Ich habe an diesem Tag fast fünf Stunden Olympia zu Fuß durchgehalten.

    Museum, Ausgrabungsstätte, Wege, Stadion, noch mehr Wege, noch mehr gucken, noch mehr stehen, noch mehr laufen. Für andere Menschen ist das ein ganz normaler Nachmittag. Für mich war das eine Mischung aus Pilgerreise, Heldentat und orthopädischer Grenzerfahrung. Wenn ich ehrlich bin, war das wahrscheinlich die größte Wanderleistung meiner letzten zehn Jahre. Ich hätte am Ende problemlos eine Medaille verdient gehabt, gerne in Gold, notfalls auch in der Kategorie „hat erstaunlich wenig gejammert“. 😄

    Was diesen Tag aber wirklich besonders machte, war nicht nur Olympia selbst. Es war dieses schöne, unerwartete Gefühl, dass sich Menschen manchmal genau dann wieder in dein Leben schieben, wenn es gerade passt. Aus der Bekanntschaft aus Albanien wurden plötzlich Anja und Henning aus Wiesbaden. Aus einem netten Wiedersehen wurde ein gemeinsamer Tag. Und aus einem gemeinsamen Tag, das spürten wir alle irgendwie, könnte noch mehr werden.

    Denn da ist noch eine Geschichte, die erst anfängt.

    Eine Geschichte über Natur. Über einen Sonnenuntergang. Und über das, was Britti und Anja gemeinsam haben. Ich sage nur so viel: Das war noch längst nicht das Ende, sondern eher der Anfang von etwas sehr Schönem.

    Am Abend saßen wir dann da, müde, staubig, glücklich, innerlich noch halb im Stadion, halb im Zeus-Tempel und halb bei diesem absurden Gedanken, dass wir heute durch 3000 Jahre Geschichte gelaufen waren, uns neue Freunde angelacht hatten und Britti in Olympia tatsächlich die 100 Meter gerannt war.

    Nicht schlecht für einen einzigen Tag.

    Und während die Sonne langsam tiefer sank, dachte ich nur: Genau deshalb reist man. Nicht nur wegen der Orte. Sondern wegen dieser verrückten Mischung aus Staunen, Schmerzen in den Beinen, ehrlichem Lachen und Menschen, die plötzlich auftauchen und sich anfühlen, als wären sie schon länger Teil der Geschichte.

    Bleib dran. Die nächste Geschichte wartet schon. Und ich verspreche dir, sie hat Natur, Sonnenuntergang, neue Freundschaft und ziemlich sicher wieder Britti in Hochform.
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