• Heldrungen und eine Bratwurst

    June 29 in Germany ⋅ ☁️ 23 °C

    … und tatsächlich beginnt es am frühen Morgen zu regnen. Wenigstens eine kleine Abkühlung und Erfrischung nach diesem sehr heißen 40-°C-Wochenende. Nach dem Frühstück montieren wir die MTBs auf dem Träger und fahren Richtung Thüringen.

    Unser erstes Ziel ist Heldrungen, genauer gesagt der Bahnhof in Heldrungen. Der Bratwurststand besitzt Kultstatus. Diesen Stand gibt es schon sehr lange – bestimmt seit 30 Jahren. Begonnen mit einem kleinen Grill vor der Gaststätte „Thüringer Hof“, entwickelte er sich immer mehr zu einem Anziehungspunkt. Zu DDR-Zeiten und bei den Einheimischen hieß er „Zum dreckigen Löffel“. Schon damals gab es Bratwurst für etwa eine Mark, und dort stand ein großer Eimer mit Senf – mit einem Löffel darin. Der Rest erklärt sich wohl von selbst …

    Täglich bilden sich hier lange Schlangen, und auch wir mussten mindestens 20 Minuten geduldig warten. Aber diese Bratwürste sind einfach klasse. Wir packen unsere Anglerstühle aus, setzen uns neben das Auto und genießen die Wurst sowie ein Schaschlik, das wir uns teilen. Klar – und eine Vita Cola.

    Wir sind angekommen in dem kleinen Städtchen Heldrungen, in dem vor 164 Jahren mein Ururgroßvater geboren wurde. Wir waren 1998 schon einmal hier, hatten die Spuren meiner Familie aufgenommen und uns mit Ahnenforschern und Ortschronisten getroffen. Aber ich kann mich nur noch an wenige Dinge erinnern, etwa an die kleine Golgatha-Kirche, an der wir auf dem Weg zur Wasserburg vorbeilaufen. In den vergangenen fast 30 Jahren hat sich hier jedoch vieles verändert.

    Die Wasserburg Heldrungen ist eine beeindruckende, vollständig erhaltene Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere an dieser geschichtsträchtigen Anlage ist ihr einzigartiges französisches Befestigungssystem, das von zwei breiten, intakten Wassergräben und mächtigen Erdwällen umschlossen wird. Heute beherbergt das Schlossgelände eine beliebte Jugendherberge. Wir sehen und hören vor allem die Kinder, die die großzügigen Außenanlagen für Bootsfahrten im Burggraben nutzen.

    Wir fahren ein paar Kilometer weiter nach Artern und beziehen unser neues Ferienhaus in Schönfeld. Einfach wunderschön und komfortabel – hier werden wir uns die nächsten Tage gewiss sehr wohlfühlen.

    Nach dem Abendessen setzen wir uns noch einmal auf die Räder und fahren zur Hängeseilbrücke Hohe Schrecke. Der Weg dorthin gestaltet sich allerdings etwas abenteuerlich.

    Nur wenige hundert Meter von unserem Haus entfernt befindet sich der Unstrutradweg. Er begleitet die Unstrut auf ihrem etwa 190 Kilometer langen Weg von der Quelle im Eichsfeld durch das Thüringer Kernland, die Kyffhäuserregion und das südliche Sachsen-Anhalt bis zur Mündung in die Saale bei Naumburg. Hier in Schönfeld gab es einmal eine Brücke, die allerdings 2022 gesperrt wurde. Nach mehr als vier Jahren ohne direkte Querungsmöglichkeit über die Unstrut wird sie in der übernächsten Woche wieder eröffnet. Das ist unser Pech – wir nehmen den 4,8 Kilometer langen Umweg über Artern aber gerne in Kauf.

    Ab Reinsdorf wird der Weg dann tatsächlich zu einer S0-MTB-Strecke. Mir macht das großen Spaß, Katrin hat dagegen ihre Probleme. Der Weg zur Brücke ist schlecht ausgeschildert, sodass wir uns zunächst verfahren, unser Ziel dann aber doch schnell erreichen: eine mächtige Hängeseilbrücke mitten im Wald. Die Brücke wurde im Oktober 2019 eröffnet, ist etwa 124 Meter lang und überspannt das Bärental in rund 25 Metern Höhe. Was hat man sich hier eigentlich dabei gedacht?

    Die Initiatoren wollten keinen touristischen Hotspot mit großem Parkplatz, Imbiss und Souvenirshop schaffen, sondern ein möglichst naturverträgliches Wanderziel. Wer die Hängeseilbrücke als Ziel einer Wanderung betrachtet, empfindet den längeren Fußweg meist als Teil des Naturerlebnisses. Wer hingegen gezielt wegen der Brücke anreist, erwartet häufig eine besser erschlossene Attraktion und stellt sich die Frage, warum zunächst ein längerer Fußmarsch – vom offiziellen Wanderparkplatz „Hohe Schrecke Hängeseilbrücke“ sind es je nach Route etwa drei Kilometer bis zur Brücke – erforderlich ist und zusätzlich eine Parkgebühr erhoben wird.

    Ob dafür Baukosten von rund einer Million Euro sowie die dauerhaft anfallenden Unterhalts- und Wartungskosten gerechtfertigt sind, bleibt eine berechtigte Frage. Wenn man in der Mitte der Brücke steht, blickt man ins Bärental – auf Bäume und sonst nichts. Hätte man das Geld nicht besser in die Wanderwege investieren können?

    Auch ein mögliches Sicherheitskonzept würde mich interessieren. Sollen Rettungsdienst und Feuerwehr im Notfall ebenfalls drei Kilometer zu Fuß zurücklegen?

    Heute werden wir diese Fragen sicher nicht beantworten. Also fahren wir den gleichen Weg zurück nach Schönfeld. Die Sonne geht bald unter und streut ihr goldenes Licht über die Felder – es ist wunderschön.

    Es ist wunderschön hier.
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