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  • Day176

    Pueblo Cerro Castillo, Nordpatagonien

    February 3, 2019 in Chile ⋅ ☀️ 12 °C

    Buenas!

    Wir wechseln den Kontinent! Am 04. März fliegen wir von Santiago nach Asien. Und somit sind auch unsere Tage in Südamerika leider gezählt. Das heißt, daß wir uns langsam Richtung Norden machen müssen. Wir wollen noch einmal nach Chile zurück und über die 'Carretera Austral' die abgelegenen Ortschaften, Weiler und Nationalparks Nordpatagoniens erkunden.

    Wir nehmen den Grenzübergang im kleinen Örtchen 'Los Antiguos' am 'Lago General Carrera' und fahren in das Städtchen 'Chile Chico', wo wir das chilenische Nationalgericht 'Completo' zu Mittag essen. Completo - das sind Würstchen im Brötchen, also wie Hotdogs, aber mit unterschiedlichen Zutaten. Der "normale" Completo "Italiano", wird mit Guacamole und Tomaten zubereitet, der Completo "Aleman" mit Sauerkraut ;-)
    Mit der Fähre geht es dann am Nachmittag auf die andere Seeseite und wir erreichen den Hafen von 'Puerto Ibáñes' nach 2 1/2 Stunden. Ein wirklich verschlafenes Örtchen. Gespickt mit vielen alten bunten Holzhäuschen, kleinen, jedoch meist ungepflegten Vorgärten, die Straßen breit und gelegentlich wechselt ein Hund die Straßenseite. Außer 2 - 3 einfachsten Tante Emma Läden ist hier nicht viel los. Wir finden einen netten Platz, wir nennen es mal Campingplatz, zwischen einerseits Schafen und Ziegen und andererseits einem Schweißerbetrieb, an dem wir unser Zelt umringt von Hühnern aufstellen können.

    Um 9:00 Uhr am Folgetag soll ein Bus für 800 chilenische Peso (1,07€) nach Pueblo Cerro Castillo fahren. Das hatte uns ein Ladenbesitzer und unser "Schweißer" erzählt. Nur hatte keiner auf dem Schirm, daß samstags und sonntags keine Busse fahren, was er uns natürlich erst samstags morgens erzählt! Das fängt ja gut an! Super Idee die abgelegenen Ortschaften zu erkunden...! Pueblo Cerro Castillo ist über 40 km entfernt, unmöglich zu gehen, denke ich mir! Nach einer halben Stunde des erneut vergeblichen Versuches zu Trampen fragt mich Ariane, ob denn ein Fußweg über die Berge nach 'Castillo' in unserer Landkarte eingetragen wäre. Ich denke nur, das ist ein Scherz...! Schließlich haben wir volles Gepäck mit knapp 20 kg auf dem Rücken!

    Keine Stunde später haben wir für 2 Tage in einem der Lädchen Essen eingekauft, geprüft, ob Bäche mit trinkbar en Wasser an der Wegstrecke liegen und sind hinter dem Ortsschild bereits links abgebogen...

    "Quien se apura en la Patagonia pierde el tiempo" – Wer sich in Patagonien beeilt, verschwendet seine Zeit, erklären die Einheimischen - Also gar nicht erst hektisch werden...

    So wandern wir in aller Ruhe erst auf einer Schotterstraße ohne große Höhenunterschiede und immer entlang des Rio Ibañez, vorbei an einem wirklich sehr prächtigen Wasserfall und durch ein trockenes von kargen Bergen eingefasstes Tal. Nach gut 2 vollen Stunden geht es plötzlich steil bergauf und in diesem Moment hält neben uns der roter Pickup zweier amerikanischer Kletterer, die eine kurze Zeit vorher bereits uns entgegen kamen. Perfekt, wir werfen unsere Rucksäcke hinten auf die Ladepritsche und springen auch mit gleich hinterher. Oben angekommen und 1 1/2 km später springen wir ab, die beiden biegen links ab und wir folgen weiter unserem Weg. Dieses Glück haben wir am frühen Nachmittag nochmal, als uns Alejandro, der hier in den Bergen lebt, ebenfalls uns zu Beginn einer Steigung für 2 km mitnimmt. Verrückt! Und alles ohne trampen :-)

    Wir sind so froh uns für den Weg nach 'Castillo' zu Fuß entschieden zu haben. Der Weg ist einmalig und schlängelt sich nun durch ein enges, beinahe klammähnliches Tal und neben uns ist nur der Fluss, viel Grün und gelegentlich Streifen Kühe, oder Pferde durch den Wald.

    Als wir uns am späten Nachmittag an einem entlegenen und wunderbaren See nach einem Platz zum Zelten umsehen, hören wir einem Mann, der eine Kuh mit einer 'Steinfletsch' an einen Zaun entlang treibt. Wir kommen mit ihm ins Gespräch und kurz darauf gesellen sich noch ein paar weitere Leute dazu. Allesamt Amerikaner aus Alaska und Montana, die hier über den Sommer nach Patagonien gekommen sind, um hier auf einer Fliegenfischer-Lodge zu arbeiten. Es wird richtig gesellig. Wir quatschen, trinken Bier und vergessen darüber fast unsere Zeltplatzsuche. Nach gut 2 Stunden ziehen sich die "Fliegenfischer" in ihre nahegelegene Hütte zurück und wir bleiben einfach dort, schlagen unser Zelt, immer im Blickfeld eines 'Zorro Chilla' - einem Graufuchs - unweit des Ufers auf, waschen uns im See und kochen was feines...

    Es ist bereits lange dunkel und plötzlich hören wir unsere Namen rufen. Die Stimme hört sich an wie die des Mannes mit der 'Steinfletsch'. "Are you dressed?... I have something to eat for you! Tacos und a bottle of wine... Enjoy and nice to meet you!". Ist das nicht toll! Wir sind schon so oft auf unserer Reise von Fremden zum Essen, oder Trinken eingeladen worden. Wie oft machen wir das für Fremde zu Hause? Nie, oder?

    Am nächten morgen ziehen wir früh los, denn in Pueblo Cerro Castillo soll heute ein Rodeo stattfinden und das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Es sind zum Glück nur noch 15 km, aber die Sonne brennt uns bei fast 30°C ganz schön auf den Kopf. Der Weg besteht nun nur noch aus einem schmalen Pfad und scheinbar war hier auch schon länger niemand mehr, zumindest kein Mensch, denn auf dem Weg sind neben unseren Schuhabdrücken nur Abdrücke verschiedenster Tiere auszumachen. Wir sind hier für uns alleine und können neben wilden Pferden, Füchsen und Hasen auch Unmengen von Schwarzspechten bei der Arbeit zusehen.

    Als wir am Ortseingang von Pueblo Cerro Castillo ankommen wird gerade eine Herde von vielleicht 20 Pferden zwischen Mopeds, Autos und LKWs über die Hauptstraße zum Rodeo Festival getrieben. Echt mutig, womit auch unsere Neugierde immer größer wird.

    Wir suchen uns schnell einen Platz für unser Zelt, und los geht es zum 'Encuentro Costumbrista Rescatando Traditiones', wie die Einheimischen sagen. Ein Mal im Jahr findet das in der Region wichtigste Rodeo statt und wir sind dabei :-) Und bevor wir uns am Berghang ein gutes Plätzchen zum Zuschauen suchen, schlendern wir erst mal an den vielen Essensständen vorbei, sehen dem Treiben zu, probieren gegrilltes Lamm und kaufen uns eine dicke Portion Pommes, frittiertes Brot und eine große Büxe Bier :-)

    So wirklich wissen wir nicht was uns gleich erwartet. Wir vermuten nur, daß man hier wohl nicht so zimperlich mit Pferd und Rind umgeht. Wir sind mal gespannt... Der Platz ist etwa halb so groß wie ein Fußballfeld und im rechten Viertel stehen 2 schwere Pfosten, groß wie ein Marterpfahl an denen je ein Pferd angebunden ist. Mindestens 3 Männer sind am Werk. Zuerst werden die Pferde ganz eng an den Pfahl gezogen, den ganz wilden Pferden werden die Augen verbunden, bevor sie dann mit verschiedenen Riemen und Stricken für das Rodeo vorbereitet werden. Eine Prozedur von 10 Minuten, bis zu guter letzt ein weiterer Reiter das angebundene Pferd mit seinem Pferd in Richtung Platzmitte drückt. Dann ein Zeichen des Rodeoreiters! Das Seil wird gelöst und. .. Wow...! Los geht es! Ohweia! Jetzt gehts ab... Das Pferd buckelt und fegt über den Platz wie von einer Tarantel gestochen und der Caballero versucht irgendwie sich zu halten. Ein Höllenritt... Der Hammer...! Das Schauspiel dauert am heutigen Tag maximal 12 Sekunden, bis der Reiter spektakulär zu Boden fällt. Dabei sieht es manchmal aus als wäre es das letzte Mal gewesen. Die Nummer sieht für den Laien echt kreuzgefährlich aus. Die sind verrückt, die Chilenen!

    Abseits des ganzen Geschehens spielen mehrere dutzend Männer ein Glücksspiel namens 'Taba'. Es ähnelt dem des Hufeisenwerfens, nur wirft man hier ein Eisenteil, welches mit einer bestimmten Seite auf einer Schlammfläche aufkommen muss. Und, hier spielt man nicht nur um paar wenige Groschen. Hier liegen manchmal ganz schöne Mengen Geld auf dem Trockenen Gras inmitten der Menschenmenge!

    Zu Hause wäre eine solche Veranstaltung im Nu von den Behörden beendet bzw. gar nicht erst zugelassen. Zu gefährlich, Tierschutz, Geldspiel, und und und! Aber es ist ein ganz großartiges Fest und auch mit Maß! Muss man bei uns erst mal eine Veranstalter-Haftpflichtversicherung vorweisen, bevor man auf dem Kirchplatz in Büchenbeuren Bier verkaufen darf! Oder der Fastnachtswagen ist 2 cm zu breit! Ach, was gibt es da Beispiele. Und leider oft zu Lasten der Kulturvielfalt.

    Wir sitzen noch eine Zeit lang unter den vielen Zuschauern am Hang und bestaunen das Treiben. Ein rundum großartiges Spektakel, viel Tradition und eine Menge Spaß haben wir hier in 'Pueble Cerro Castillo'.

    Muchos Saludos

    Ariane & Marco
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