• Schafpolitik am Ende der Welt

    June 18 in Estonia ⋅ ☁️ 16 °C

    oder: Demokratie auf Estnisch

    Von Kuressaare aus zog es uns heute in den Westen der Insel Saaremaa, dorthin, wo die Straßen schmaler werden, die Landschaft noch ruhiger ist und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man eher Schafen als Menschen begegnet.

    In Karala stießen wir dann auf ein ganz besonderes „Parlament“: das sogenannte Lammparlament von Estland.

    Der Künstler, Parlamentarier und Landwirt Mart Maastik hat hier einen außergewöhnlichen Kunstpark geschaffen, der irgendwo zwischen politischer Satire, Landschaftskunst und sehr kreativer Bauernhofgestaltung liegt. Auf seinem Gelände versammeln sich mehrere hundert Steinskulpturen in Schafgestalt, die in einer Art „parlamentarischer Ordnung“ angeordnet sind.

    Das Ganze nennt sich nicht ohne Grund „Schafparlament“. Die Idee dahinter ist eine humorvolle, aber auch nachdenkliche Parallele zur menschlichen Politik: Viele Schafe, viele Meinungen, viel Bewegung – aber am Ende bleibt die Herde oft doch auf dem gleichen Weg. Genau diese Mischung aus Ironie und Beobachtung macht den Ort so besonders.

    Inspiriert wurde das Ganze unter anderem von Stonehenge in England. Daraus entstand das sogenannte „Lambhenge“, eine Art steinernes Schafkreis-Parlament unter freiem Himmel. Dort kann man tatsächlich zwischen den „Abgeordneten“ spazieren, sich in „Schafversammlungen“ einfinden und sogar eine „Schafparade“ beobachten – zumindest in der Fantasie des Künstlers. In der Realität läuft man eher grinsend durch ein Feld voller liebevoll gestalteter Steinschafe und fragt sich, wie man auf solche Ideen kommt.

    Die Entstehung begann vor über 15 Jahren. Aus einem ersten Steinschaf wurden schnell weitere Figuren: ein Elch, ein Küken, ein Schweineschaf und sogar eine Schildkröte. 2003 bekam das Projekt sogar offiziellen Besuch, als die damalige Präsidentin des estnischen Parlaments Ene Ergma auf dem Hof vorbeischaute. Die Idee, ein „Parlament aus 101 Schafen“ zu erschaffen, wurde mit Humor aufgenommen – und wuchs anschließend stetig weiter. Heute sind es mehrere hundert Figuren, und Ideenmangel scheint hier tatsächlich ein Fremdwort zu sein.

    Das eigentlich Schönste an diesem Besuch war jedoch nicht nur die Kunst selbst, sondern die Begegnung mit Mart Maastik persönlich. Als wir das Gelände erkundeten, trafen wir ihn zufällig an seinem reetgedeckten Haus bei der Arbeit im Garten. Daraus entwickelte sich ein sehr angenehmes Gespräch.

    Als wir ihn auf die Sauberkeit und Ordnung in Estland ansprachen, erklärte er mit einem Schmunzeln, dass diese Tugenden teilweise aus der historischen deutschen Prägung in Estland stammen würden – Pünktlichkeit, Ordnung und ein gewisser Sinn für Struktur. Eine Beobachtung, der wir nur zustimmen konnten, auch wenn wir uns dabei innerlich ein kleines bisschen schämten, wie sehr uns diese Tugenden manchmal selbst abhandengekommen sind.

    Es war eines dieser Gespräche, die man nicht plant, aber lange im Kopf behält.

    Nach diesem sehr besonderen und leicht skurrilen Kulturerlebnis fanden wir ganz in der Nähe einen wunderschönen Stellplatz direkt am Meer. Die Wellen, die Ruhe und der weite Blick über die Ostsee bildeten einen perfekten Kontrast zu den philosophierenden Steinschafen des Nachmittags.

    Ein Tag zwischen Kunst, Humor, Politik im Schafspelz und einem sehr ruhigen Platz am Wasser – und irgendwie passt das alles erstaunlich gut zusammen.
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