• Vom Schafparlament zum Lost Place

    June 19 in Estonia ⋅ ⛅ 21 °C

    – ein Tag voller Geschichten“

    In der letzten Nacht fiel mir das Einschlafen überhaupt nicht schwer. Ich hatte noch so viele Schafe vom Schafparlament im Kopf, dass ich beim Zählen gar nicht weit gekommen bin. Irgendwo zwischen Schaf Nummer 37 und einem Schafgeneral mit wichtiger Parlamentssitzung war ich bereits friedlich eingeschlafen.

    Heute Morgen konnten wir direkt am Meer und in aller Ruhe frühstücken. Das sanfte Rauschen der Wellen, die frische Seeluft und ein guter Kaffee – mehr Luxus braucht man manchmal gar nicht. Was für ein Genuss!

    Unser erster Stopp des Tages war der Lymanda Limepark. Der kleine, aber sehr interessante Natur- und Industriepark widmet sich ganz dem Thema Kalkstein, einem der wichtigsten Baustoffe Saaremaas. Auf dem nur 1,8 Kilometer langen Rundweg werden die einzelnen Arbeitsschritte von der Gewinnung des Kalksteins über das Brennen und Löschen bis hin zur Verwendung anschaulich erklärt. Besonders beeindruckend sind die rekonstruierten Kalkbrennöfen, die zeigen, wie aufwendig die Kalkherstellung früher war. Trotz der kurzen Strecke gibt es jede Menge zu entdecken.

    Während unserer Wanderung sorgte die Natur außerdem bestens für unser leibliches Wohl. Überall am Wegesrand fanden wir köstliche Walderdbeeren. So wurde der Spaziergang gleichzeitig zu einer kleinen Schatzsuche mit sehr leckerem Ergebnis.

    Danach führte uns unsere Reise weiter durch die wunderschönen Wälder Saaremaas. Vorbei an blühenden Wiesen voller leuchtend rotem Klatschmohn erreichten wir schließlich einen echten Lost Place – das alte Herrenhaus von Kõljala.

    Die Kõljala mõis wurde ursprünglich im Mittelalter als Gutshof gegründet und entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem bedeutenden Herrenhaus der Region. Das heutige Gebäude stammt überwiegend aus dem 19. Jahrhundert und war einst Mittelpunkt eines großen landwirtschaftlichen Anwesens. Nach den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verlor das Gut seine ursprüngliche Bedeutung und verfiel nach und nach. Heute steht das Gebäude verlassen da und erzählt still von besseren Zeiten.

    Besonders faszinierend war, dass Teile des Hauses noch eingerichtet sind. Es wirkt stellenweise tatsächlich so, als hätten die Bewohner erst vor wenigen Tagen ihre Koffer gepackt und wären kurz um die Ecke gegangen. Gleichzeitig ist es traurig zu sehen, wie ein so schönes Gebäude langsam der Natur und dem Verfall überlassen wird. Man fragt sich unweigerlich, welche Geschichten sich wohl hinter den alten Mauern verbergen.

    Nach unserer Erkundung des Herrenhauses ging es weiter zum Angla Windmill Park.

    Der Windmühlenpark von Angla gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Saaremaas. Hier stehen mehrere historische Bockwindmühlen, die eindrucksvoll zeigen, wie die Menschen früher Getreide mahlten und ihren Lebensunterhalt sicherten. Ergänzt wird die Anlage durch ein Museum mit einer bemerkenswerten Sammlung alter landwirtschaftlicher Geräte, Werkzeuge und industrieller Maschinen. Besonders beeindruckend fanden wir den Zustand der Ausstellungsstücke. Viele Maschinen wurden liebevoll restauriert und sind sogar noch voll funktionsfähig. Man spürt förmlich den Stolz und die Leidenschaft, mit der hier die Technik vergangener Zeiten erhalten wird.

    Gegen 20:30 Uhr fanden wir schließlich einen wunderschönen Stellplatz direkt am Meer. Der Blick auf das Wasser, die absolute Ruhe und die frische Seeluft machten schnell klar: Hier bleiben wir ein paar Tage.

    Nach den vielen Eindrücken, Erlebnissen und Kilometern der letzten Zeit ist eine kleine Reisepause genau das Richtige. Jetzt heißt es erst einmal entschleunigen, die Seele baumeln lassen und all die schönen Momente der vergangenen Tage Revue passieren lassen.

    Und wer weiß – vielleicht tagt heute Nacht erneut das Schafparlament. Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass ich wieder rechtzeitig zur ersten Zählung einschlafe.
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