• Angenehme und weniger angenehme Begegnungen

    September 22 in Turkey ⋅ ☁️ 18 °C

    Claudia liest bereits seit einer Weile, als Heiko den Reißverschluss seines Schlafsacks öffnet, einen Blick aus dem Zelt wirft und das erste Wort des Tages spricht: "Sonne!". Tatsächlich ist der Hagelspuk des gestrigen Abends vorbei und die Sonne lacht vom blauen Himmel. Wir lassen es gemächlich angehen, frühstücken in Ruhe, lesen, nehmen eine Feinjustierung an unserem Packtaschenkonzept vor und genießen die Stille dieses Platzes, den wir uns lediglich mit unzähligen Grashüpfern teilen. Die heute Etappe beginnt direkt wieder herausfordernd, es geht weiter bergauf. Am höchsten Punkt, der auf etwa 2340m liegt, wollten wir uns eigentlich die üblichen Gipfelchips und einen Tee gönnen, das verschieben wir aber aus gutem Grund. Der Himmel sieht zunehmend finster aus und so ziehen wir es vor, noch ein Stück zu fahren, um mit etwas Glück eine Gelegenheit zum Unterstellen für den Ernstfall zu finden. Derartige Möglichkeiten sind nämlich sehr rar in dieser Gegend. Als es anfängt zu regnen und Heiko schon sein Kamera-Equipment wasserdicht verstaut, rollt Claudia in die Auffahrt einer Anlage, die mit schweren Toren und Stacheldraht und Kameraüberwachung ausgestattet ist. Fragen kann man ja mal...! Zwei Männer in einem Wachhäuschen entdecken uns sofort und kommen uns entgegen. Auf das Hochsicherheitsgelände könne man uns nicht lassen, "it's too dangerous", aber auf Nachfrage dürfen wir uns in einem kleinen Toilettenhäuschen unterstellen, welches sich außerhalb der Anlage befindet. Gerade rechtzeitig stehen wir in dem Mini-Container, da bricht ein Gewitter mit Platzregen los. Das wäre draußen wahrlich ungemütlich gewesen. Den Männern war schon anzusehen gewesen, dass sie uns nur ungern lediglich das Klo-Haus anbieten konnten. Es dauert nicht lange, da kommen sie mit zwei Bechern heißem Tee und bitten uns auf die Rückbank eines parkenden Autos. Wie nett, so lässt sich ein Unwetter aushalten. Bald ist es wieder trocken und der Himmel zeigt sich deutlich freundlicher. Wir danken den Männern für die Beherbergung und radeln weiter. Leider lässt die nächste dunkle Wolkenfront nicht lange auf sich warten. Heiko entdeckt eine kleine Unterführung, unter der wir bei Tee und Keksen den nächsten Regen aussitzen wollen. Trocken haben wir es auf jeden Fall in der kühlen Unterführung, aber auch draußen bleibt der große Regen aus, die Wolken wollten sich scheinbar an einem anderen Ort erleichtern. Wir freuen uns über die wärmenden Sonnenstrahlen, als wir aus der Unterführung hinaus und zurück auf unsere Fahrräder steigen. Es dauert nicht lange, da hält ein Auto vor uns und die drei Insassen, ein Mann und zwei Frauen, halten uns an. Sie begrüßen uns herzlich und als sie hören, dass wir aus Deutschland kommen, wird umgehend per Videoanruf die Cousine aus Stuttgart dazugeschaltet. Nachdem wir eine Weile geplaudert haben, einige Erinnerungsfotos gemacht waren und der Korb an Claudias Fahrrad mit reichlich Pflaumen gefüllt wurde, setzen wir unsere Fahrt fort. Den im Verlauf dann doch noch einsetzenden Regen empfinden wir gar nicht wirklich schlimm, die Regenjacken halten und warm und trocken. Es überwiegt vielmehr die Euphorie über die fantastische Gegend , die wir zu sehen bekommen. Mitten durch felsige Berge, entlang an einem wilden Fluss windet sich unser Weg durch die Landschaft, bisweilen eröffnen sich gar schluchtartige Perspektiven, große Greifvögel kreisen über unseren Köpfen. Zu letzteren gesellt sich bald auch Heikos Drohne, um diese schönen Eindrücke festzuhalten. Auf der Weiterfahrt erwartet uns eine langgezogene Abfahrt mit sehr seichtem Gefälle, so dass es sich extrem angenehm rollen lässt. Alles andere als angenehm ist hingegen die Begegnung mit drei großen Hunden. Claudia erreicht die Tiere zuerst und zieht deren Zorn auf sich. Nach Absteigen und Stehenbleiben lassen die Hunde etwas ab, behalten die feindliche Radlerin aber im Blick. Jeder Schritt vorwärts motiviert die Hunde wieder zum Angriff, blöd. Also warten, bis hoffentlich ein Mensch vom benachbarten Hof, zu dem die Hunde offensichtlich gehören, zu Hilfe kommt. Inzwischen hat auch Heiko die Stelle erreicht und versucht sich an der Taktik des langsamen Weiterschiebens, die bei früheren Hundebegegnungen immer gut geklappt hat. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel, hier und heute entpuppt die Idee sich als nicht erfolgreich. Die drei Hunde knurren, fletschen die Zähne, bellen und lassen nicht von Heiko ab. Das Szenario gipfelt darin, dass nicht nur in die Radtaschen, sondern auch in Heikos Wade, glücklicherweise nur oberflächlich, gebissen wird. Und dann endlich naht Rettung. Die Bäuerin hat Notiz von dem Spektakel genommen, eilt heran, verscheucht ihre Wachhunde und lässt uns passieren. Puh, ein Erlebnis, auf das wir gern verzichtet hätten! Durch welliges Terrain geht die Fahrt weiter, rechts und links auf den Feldern grasen riesige Kuhherden. Ohne weitere Vorkomnisse, nur unterbrochen von einer kleinen Kuchen- und Schokoladenpause radeln wir, bis die Zeit reif ist, einen Nachtlagerplatz zu suchen. An einem Feldrand unterhalb der Straße werden wir fündig und richten uns zunächst mit unserem Mobiliar häuslich ein. Es folgt lesen, schreiben, Nudel-Gemüse-Topf kochen und essen, Zelt aufbauen, in den Schlafsack kriechen und Reißverschluss schließen. Wie bereits gestern, erweist sich unser Timing auch heute als perfekt. Kaum sind wir im Zelt setzt draußen ein ein Gewitter mit starkem Regen ein. Aber egaaal, wir liegen im Trockenen und können entspannt lesen und schließlich die Nachtruhe einläuten.Read more