Radeln in Adscharien
October 1 in Georgia
🌧 14 °C
Die Zeit des Müßiggangs ist vorbei, um sieben Uhr klingelt der Wecker uns aus den Federn. Der erste Blick aus dem Fenster offebart: Es ist trocken, juhuuu! Wir räumen unseren im Zimmer verteilten Krimskram in die Packtaschen, um im Anschluss nochmal das gute Frühstücksbuffet im Speisesaal zu entern. Mit Pancakes, "armen Rittern", Würstchen, Toast und einigen anderen Leckereien im Magen tragen wir unsere Packtaschen die Treppen hinunter und lassen uns von Hotelinhaber die Garage öffnen, in welcher unsere Fahrräder residieren durften.
Nun ist es an der Zeit, die moderne Küstenmetropole zu verlassen, es soll wieder hinein in die tiefe Bergwelt gehen. Noch in Batumi, auch „Las Vegas des Kaukasus“ genannt, legen wir die ersten Kilometer noch entspannt auf dem flachen, palmengesäumten Küsten-Boulevard zurück. Doch schon bald lassen wir die riesigen glitzernden Wolkenkratzer hinter uns und biegen ab ins Landesinnere. Erst führt die Straße entlang des Çoruh-Flusses, der uns schon in der Türkei begleitet hat, später fließt der Fluss Adjaristsqali uns entgegen.
Etwa 15 Kilometer müssen wir radeln, bis wir endlich den äußeren Stadtrand erreichen und damit auch den ärgsten Verkehr hinter uns lassen. Wir folgen zwar weiterhin der Hauptstraße, die ist aber weitaus weniger befahren als von uns befürchtet. Es ist zu unserer großen Freude weiterhin trocken und inzwischen scheint sogar die Sonne, das haben wir gar nicht zu hoffen gewagt. Bei der Region, in welcher wir aktuell unterwegs sind, handelt es sich um die Autonome Republik Adscharien im Südwesten Georgiens, über die wir folgendes lesen: "Sie liegt eingeklemmt zwischen den warmen Wellen des Schwarzen Meeres, der Grenze zur Türkei und den steilen Wänden des Kleinen Kaukasus. Es ist die feuchteste und grünste Region des Landes und gleicht einem subtropischen Dschungel, der direkt in alpine Berglandschaften übergeht – gespickt mit alten osmanischen Steinbrücken, Holzdörfern und einer unglaublich herzlichen Kultur." Wir entfernen uns weiter von der Stadt, rechts und links ragen die felsigen und grün bewaldeten Berge empor. Des öfteren passieren wir Cafés und Restaurants am Straßenrand sowie Zipline- und diverse Raftingangebote. Außerdem sind viele Wasserfälle ausgeschildert, den einen oder anderen können wir direkt von der Straße aus sehen. Wir haben uns im Vorfeld vorgenommen, nicht zuviel zu trödeln, da ab dem Nachmittag Regen vorhergesagt ist. Also machen wir unsere einzige Pause nach etwa 36km, zu diesem Zeitpunkt ist die Sonne auch bereits wieder hinter einer immer dichter werdenden Wolkendecke verschwunden. Durch welliges Terrain strampeln wir weiter, kaum merklich gewinnen wir dabei an Höhe. Nach guten 60 Kilometern wollten wir eigentlich in einer Anlage namens "Riverland" unterkommen, mehr als das Schild finden wir aber leider vor Ort nicht. Heiko hatte am Vormittag bereits eine Nachricht an die im Internet angegebene Handynummer geschickt, eine Antwort haben wir nicht erhalten. Wir werden auf ein kleines, altes Häuschen aufmerksam, an welchem zwei Schilder baumeln, auf einem steht "FAMILY HOTEL" auf dem anderen "FOR RENT". Neben dem Haus buddelt ein sehr betagter Herr in der Erde. Eine Zeit lang sorgt die Sprachbarriere dafür, dass jeder Verständigungsversuch in verzweifeltem Schlulterzucken endet. Irgendwie kann Heiko aber ausgerechnet auf türkisch unser Anliegen mitteilen. Der alte Herr signalisiert uns, dass wir wohl für wenig Geld in dem Haus übernachten können. Mühselig schleppt er sich die wenigen Stufen zur Eingangstür hoch, um dann festzustellen, dass diese verschlossen ist. Das Ganze ist schon eine sehr skurrile Situation. Der Mann verschwindet mit Heiko im die Ecke, kurz darauf kommen sie mit einem jüngeren Mann nebst Schlüssel zurück. Hinter der Haustür verbirgt sich eine winzige Wohnung, die wahrscheinlich vor 50 Jahren schon genauso aussah. Der alte Herr präsentiert uns stolz den Fernseher, den er neben einem alten Ofen zum Flimmern bringt. Außerdem zeigt er uns, wie der Wasserhahn funktioniert und hat noch andere Anliegen, die wir jedoch nicht verstehen. Ist er einfach nur etwas kauzig oder möglicherweise nicht vollständig orientiert, wir wissen es nicht. Freundlich ist er aber auf jeden Fall. Bald stößt eine jüngere Frau zu uns und bringt einen Stapel Bettwäsche. Als sie das Haus wieder verlässt, bugsiert sie auch direkt den alten und reichlich multimorbiden Herrn mit hinaus. Da sitzen wir nun in unserer sehr spartanischen Unterkunft und freuen uns, dass wir den Tag im Trockenen radeln durften und für die Nacht ein Dach über dem Kopf haben. Wir kehren in einem kleinen Lokal auf der anderen Straßenseite ein und bestellen zwei Khachapuri. Dabei werden wir irritiert angeschaut und sicherheitshalber fragt man uns noch zweimal, ob wir das wirklich wollen. Was machen wir bloß falsch? Wir befragen die KI und bekommen mitgeteilt, dass die komischen Blicke, die wir geerntet haben, wahrscheinlich an zwei typischen Missverständnissen der georgischen Esskultur liegen: der Portionsgröße und der Kultur des Teilens. Als Gründe für die Verwunderung bei unserer Bestellung werden genannt:
1. In Georgien bestellt man im Restaurant normalerweise nicht „jeder sein eigenes Hauptgericht“. Die georgische Küche basiert auf dem Prinzip des Teilens. Zwei ganze Khachapuri für zwei Personen zu bestellen signalisiert dem Kellner: „Wir planen, zwei riesige, mächtige Käsebrote komplett allein zu essen und nichts anderes zu probieren."
2. Ein einziges Khachapuri ist extrem reichhaltig. Ein normales Adjaruli gilt für Georgier oft schon als extrem sättigende Einzelmahlzeit, nach der man sich erst einmal hinlegen muss.
3. Für Einheimische ist Khachapuri oft der „Brot-Ersatz“ auf dem Tisch. Man isst es zusammen mit z.B. Auberginenröllchen mit Walnusspaste oder Eintöpfen. Wer nur zwei Khachapuri ohne Beilagen oder andere georgische Spezialitäten bestellt, irritiert das Servicepersonal, weil die kulinarische Balance auf dem Tisch fehlt.
Okay, wir müssen noch viel lernen und geloben Besserung. Heute trinken wir aber nur noch Tee, befassen uns mit der Routenplanung der nächsten Tage, spielen sechs Spalten Kniffel uns gehen schlafen. Das können wir wenigstens!Read more

















TravelerHabt ihr die zwei Portionen aufbekommen?
ClaudiaNein, das war unmöglich 😂