Bilderbuchabfahrt
October 5 in Georgia
☀️ 14 °C
Ein klarer Morgen mit strahlend blauem Himmel sowie ein deftiges Frühstück mit Würstchen und Spiegelei bilden den Start des heutigen Tages. Wie gut, dass wir nach dieser opulenten Mahlzeit nicht bergauf fahren müssen. In herrlichem Licht und bei morgendlich frischen Temperaturen, in der Nacht hat es gefroren, stürzen wir uns in die Abfahrt. Und es ist ein fantastischer Etappenstart: Bei moderatem Gefälle cruisen wir durch die Bergkulisse, urige Holzhäuser stehen versprengt auf den Wiesen und an den Hängen, ein kleiner Bergfluss windet sich plätschernd durch die Landschaft, die Herbstfarben der Laubbäume strahlen in der Sonne, am Horizont thronen über allem die verschneiten Bergkuppen. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren, erstmals fahren wir in langen Hosen und tragen feste Schuhe und Heiko auch eine Mütze. Die Abfahrt ist ein absoluter Rausch für die Sinne. Die Straße schlängelt sich in weiten Kurven in das Tal hinab. Links und rechts von uns erheben sich dichte, tiefgrüne Nadelwälder. Der Geruch von feuchter Erde und frischen Kiefern liegt zwischendurch intensiv in der Luft. Mehrfach entsendet Heiko die Drohne in die Luft, um Erinnerungen an diese traumhafte Fahrt festzuhalten. Je weiter wir das Tal hinabrollen, desto mehr verändert sich die Landschaft. Aus den rauen Bergwäldern werden sanftere Hügel, das Tal wird breiter und die alpine Wildnis weicht langsam einer idyllischen Kulturlandschaft. Außerdem wird es mit dem rasanten Höhenverlust auch merklich wärmer. Wir werfen Kleidungsschicht für Kleidungsschicht ab und freuen uns nach dem Regen der letzten Tage und der Eiseskälte am Morgen nun über bestes Radelwetter. Wir folgen dem Rauschen des Flusses und treffen am Straßenrand immer wieder auf friedlich spazieren gehende oder grasende Kühe, die sich von uns überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch die vielen Hunde, denen wir begegnen, sind zu unserer Erleichterung ausnahmslos harmlos. Die Straße ist durchgehend gut asphaltiert und es herrscht kaum Verkehr, so dass wir den Blick voll und ganz auf die epische Kulisse richten können. Und episch ist nicht untertrieben, denn dank klarer Sicht können wir in der Ferne sogar den Hauptkamm des Großen Kaukasus mit den über 5000m hohen vergletscherten Zentralgipfeln Georgiens erkennen. Ja, dieses Georgien kann was, das müssen wir schon sagen! Wir radeln noch einige Kilometer durch die Ebene, was tatsächlich auch mal wieder recht angenehm ist, und erreichen dann am frühen Nachmittag die kleine Stadt Achalziche. Der Ort ist vor allem für seine aus dem 9. Jahrhundert stammende Festung Rabati bekannt, die um 2012 umfangreich restauriert wurde. Wir beschließen, hier ein Quartier zu suchen und dieser Sehenswürdigkeit einen Besuch abzustatten. Ein nettes kleines Hotel mit Blick auf die Festung ist schnell gefunden und wir unterziehen uns lediglich einer Dusche, bevor wir uns auf den Weg machen. Die mächtige, restaurierte Burganlage thront majestätisch über der Stadt und wir müssen von unserem Hotel aus lediglich die Straßenseite wechseln, um das Tor in ein vergangenenes Zeitalter zu durchschreiten. Das Besondere an Rabati ist der Mix der Kulturen: Direkt nebeneinander stehen eine orthodoxe Kirche, eine Moschee mit goldener Kuppel und ein Schloss. Wir spazieren durch die Wehrgänge, Türme und sorgfältig angelegten Gärten. Vom oberstem Turm, an welchem eine große georgische Flagge weht, haben wir einen wunderbaren Blick über die Stadt und die umliegenden Berge, durch die wir uns noch wenige Stunden zuvor den Weg an diesen Ort gebahnt haben. Ja, heute morgen haben wir den Tag noch bei eisigen Temperaturen in der wilden, unberührten Natur der Hochebene begonnen und jetzt, ein paar Stunden später, 1000m tiefer und einige Grad wärmer, schlendern wir entlang der mächtigen Festungsmauern des touristischen Highlights von Achalziche. Verrückt!
Uns fällt auf, dass in den Straßen und selbst in der Festungsanlage sehr viele Hunde unterwegs sind, die aber allesamt sehr entspannt, freundlich und menschenbezogen und gleichzeitig eher unaufdringlich sind. Manchmal begleitet uns ein Hund eine Weile, als würde er zu uns gehören, dann geht er wieder eigene Wege. Die meisten der Tiere haben einen gelben Chip im Ohr. Wir recherchieren, was es damit auf sich hat und werden fündig: Gelbe Marken an den Ohren von Straßenhunden in Georgien bedeuten, dass der Hund registriert, geimpft und kastriert oder sterilisiert wurde. Diese Kennzeichnung ist Teil eines staatlichen bzw. städtischen Tierschutzprogramms zur Kontrolle der Straßenhundepopulation. Nach der medizinischen Versorgung werden die Tiere wieder in ihrem gewohnten Revier freigelassen. Als einzige Gäste in einem kleinen Restaurant, die Nachsaison ist deutlich spürbar, lassen wir uns schließlich noch ein georgisches Abendessen schmecken, bevor wir unser Hotel ansteuern und den Feierabend einläuten.Read more




























