• Weit über das Ziel hinaus...

    October 7 in Georgia ⛅ 12 °C

    Grau in grau zeigt sich der Himmel, als wir um sieben Uhr die Reißverschlüsse des Zeltes öffnen. Was soll's, es ist immerhin trocken, nachdem es fast die ganze Nacht geregnet hat. Erstmal wird in Ruhe gefrühstückt, dann der trockene Zeltinhalt und das klatschnasse Zelt eingepackt und an den Rädern verstaut. Trotz Kälte radeln wir barfuß in Sandalen, zu groß erscheint uns das Risiko, dass Socken und feste Schuhe nass werden. Wir müssen nicht lange radeln, bis wir einen wegweisenden Punkt der heutigen Etappe erreichen. Hoch oben auf einem steilen Felsvorsprung, genau am Zusammenfluss von Mtkwari (Kura) und Parawani, thront die mächtige Festung Chertwisi. Und genau hier müssen wir eine Entscheidung treffen: Biegen wir rechts ab, um nach 17 Kilometern eine der Hauptsehenswürdigkeiten Georgiens, die berühmten Höhlenstadt Wardsia, zu besichtigen? Das würde bedeuten, dass wir denselben Weg zurück an den Punkt, an dem wir jetzt stehen, auch wieder zurückradeln müssten. Oder verzichten wir auf Wardsia und folgen der Hauptstraße? Das würde uns wiederum durch die eingesparten Kilometer einen Pausentag in der kommenden Zeit ermöglichen, nachdem wir angesichts der Regenausbremsung in Batumi etwas in Verzug geraten sind. Wir wägen alle Pros und Kontras ab und kommen zu dem Schluss, dass wir vielleicht später bereuen würden, an dieser Stelle die "Faultier-Variante" gewählt zu haben. Spontan wollen wir entscheiden, ob wir vor Ort unser Zelt aufschlagen oder gegebenenfalls nach dem Wardsia-Besuch direkt wieder ein Stück zurückfahren. Also lassen wir die Hauptstraße, die weiter Richtung armenische Grenze führt, links liegen. Wir biegen rechts ab und folgen nun dem dem Lauf des Flusses Mtkwari (Kura). Ab hier wird das Tal spürbar enger, wilder und einsamer und die Straße ebenfalls kleiner und deutlich weniger befahren. Die Felswände ragen senkrecht in die Höhe, die Straße schlängelt sich direkt am reißenden Fluss entlang. Es ist ein unglaubliches Gefühl, sich auf dem Fahrrad zwischen diesen riesigen Steinmonumenten so klein zu fühlen. Langsam, aber stetig geht es bei moderater Steigung bergauf. Zwischendurch sind auf der anderen Flussseite hoch oben in den Felsen bereits erste in Stein gehauene Höhlen zu sehen, ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Die eine oder andere knackige Steigung im zweistelligen Prozentbereich sollen wir uns am Ende dann doch noch hochkämpfen, werden aber umgehend mit einer großartigen Aussicht in die spektakuläre Schlucht belohnt. Und dann, hinter einer letzten Kurve, öffnet sich das Tal ein Stück und vor uns ragt der Berg Eruscheti auf. Wie ein gigantischer Bienenstock ist die Felswand von unzähligen Höhlen, Terrassen und Gängen durchlöchert. Das ist Wardsia. Wir rollen auf ein Plateau, welches sich exakt gegenüber des Felsens befindet. Hier platzieren wir unsere Picknickstühle und genehmigen uns eine ausgiebige Pause mit Blick auf das Postkartenmotiv. Ab und zu halten Autos oder Kleinbusse, spucken Menschen aus, damit sie ein Folo machen können, und brausen weiter. Wir beobachten das Treiben in den Felshöhlen, die Besucher, die ameisenartig über die Steintreppen und durch die Gänge wuseln. Für uns ist schnell klar, dass wir uns dort nicht einreihen werden. Uns reicht der tolle Blick von "unserem" Plateau und statt Eintritt zu zahlen und den anstrengenden Fußmarsch auf uns zu nehmen, schickt Heiko die Drohne in die Luft um uns ein paar Eindrücke aus unmittelbarer Nähe einzufangen. Außerdem treffen wir die Entscheidung, nicht in dieser Gegend zu zelten, sondern angesichts der noch recht frühen Tageszeit zumindest noch ein Stück des Weges zurückzuradeln. Die Strecke kennen wir zwar schon, doch in Gegenrichtung wirkt die Schlucht fast noch imposanter. Es geht tendenziell leicht bergab, so dass wir meist ohne großen Kraftaufwand am Fluss entlangrollen können. Die Überlegung, irgendwo hier im Mtkwari-Tal übernachten, verwerfen wir. Es ist noch früh am Nachmittag, das Wetter spielt mit, also radeln wir noch etwas weiter. Wir genießen noch einmal den Blick auf die gewaltigen Felswände, bevor wir wieder die Kreuzung an der Festung Chertwisi erreichen. Hier überqueren wir die bereits bekannte Brücke und stehen wieder am markanten Knotenpunkt des Tals. Hier endet der gemütliche Teil. Wir verabschieden uns vom Mtkwari-Tal, biegen rechts ab zurück auf die Hauptstraße (E691/S11) und schalten direkt mal ein paar Gänge runter, denn es wird auf den nächsten Kilometern ununterbrochen bergauf gehen. Während wir nun am Fluss Parawani entlangradeln, setzt leider mal wieder Regen ein. Eine Möglichkeit zum Unterstellen bietet sich nicht, der nächste geeignete Platz soll uns als Nachtlager dienen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Kilometer um Kilometer halten wir Ausschau nach einer kleinen ebenen Fläche für unser Zelt, aber: Keine Chance! Links ragen die Felsen steil nach oben, rechts fließt der Fluss. Wir könnten also das Zelt mit mindestens 60 Prozent Neigung oder im Wasser aufstellen, beides keine gute Idee. Immerhin hört es im Verlauf auf zu regnen und wir sehen sogar heute erstmals blauen Himmel. Empfindlich kühl ist es trotzdem und unsere Beine werden zunehmend müder. Irgendwann wird uns bewusst, dass unser Zelt heute wohl eingepackt bleiben muss. Wir recherchieren Übernachtungsoptionen im nächsten Ort und geben diesen als neues Ziel aus. Lust und Kraft sind zwar nicht mehr viel vorhanden, aber die letzten Kilometer schaffen wir nun auch noch. Der einzige Vorteil ist, dass nun locker wieder ein Pausentag möglich ist, da wir weit über das Ziel hinausgefahren sind. Mal sehen, wo und wie wir den verbringen werden. Ein letzter, kurzer Serpentinenanstieg ist noch zu bewältigen und dann ist es bereits früher Abend, als wir auf einer Höhe von 1700m Achalkalaki erreichen. Etwa 1100m Höhenmeter mussten wir uns dafür heute hinauf arbeiten. Die Stadt empfängt uns mit einem ganz eigenen, rauen Charme. Sie ist stark geprägt von der armenischen Kultur der Region. Wir lesen, dass 90 Prozent der 8000 Einwohner Armenier sind. Das zuerst angesteuerte Hotel sieht so runtergerockt und verwegen aus, dass wir hier nicht bleiben möchten. Auch der zweite Versuch scheitert, alle Zimmer sind ausgebucht. Aber aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei, im 4****-Hotel "Vegas" mit angeschlossenem Casino heißt man uns willkommen. Wir beziehen ein geräumiges, herrliches Zimmer und genießen erstmal eine heiße Dusche. Was für eine Wohltat in unserem durchgefrorenen, abgekämpften Zustand! Anschließend schaffen wir es zum zum 150m entfernten Fastfood-Imbiss "Mr. Burger", wo wir uns jeweils einen großen Shawarma sowie reichlich Pommes einverleiben. Mehr als satt geht's auf direktem Wege unter die Decke, Schluss für heute!Read more