• Flucht vor Umwetter

    October 9 in Georgia ☁️ 10 °C

    Eine kalte, frostige Nacht liegt hinter uns und es kostet reichlich Überwindung, aus dem Schlafsack zu kriechen. Eingepackt in Fleece-Pullover und mit dem Schlafsack als wärmendem Unhang frühstücken wir und erfreuen und mal wieder an vorbeiziehenden Viehherden. Als die Sonne zu unseren Gunsten etwas am Temperaturregler gedreht hat, machen wir uns startklar für die heutigen Etappe. Um das letzte bisschen Kälte aus den Gliedern zu bekommen, dürfen wir mit einer kurzen Bergauffahrt beginnen. Die Belohnung folgt sogleich, als sich hinter dem Hügel der Saghamo-See, auch bekannt als "Abendsee", ins Blickfeld schiebt. Die vulkanischen Hänge des Javakheti-Gebirges werfen ihre herbstlichen Schatten auf das klare Wasser. Bei herrlichem Sonnenschein rollen wir durch diese grandiose Landschaft, passieren winzige Bergdörfer und erfreuen uns an den riesigen Schafherden, die wie Wollmeere daherkommen. Inzwischen wissen wir, dass das Wetter in Georgien alles andere als beständig und verlässlich ist, was sich heute wieder bestätigt. Gerade war der Himmel noch blau und wir haben uns von den Sonnenstrahlen wärmen lassen, da kündigt sich ein ungemütlicher Wetterumbruch an. Binnen weniger Minuten ziehen schwarze Wolken auf und werfen die ersten Regentropfen ab. Wir treten kräftig in die Pedale, um das nächste Dorf zu erreichen und Unterschlupf zu suchen. Direkt am Ortseingang wartet mal wieder ein Bushaltestellenhäuschen auf uns, perfekt. Und wir hätten den Zeitpunkt mal wieder kaum besser abpassen können. Kaum haben wir ein Dach über dem Kopf, tobt sich das Wetter so richtig aus: Gewitter und Starkregen, der in kräftigen Hagel übergeht. Sturzbachartig fließen die Wassermassen die Straße hinunter, reichlich Schneematsch rutscht vom Dach unseres Unterstandes, der Wind ist eisig. Ein Blick auf die Wetter-App verrät, dass auch der Rest des Tages sehr wechselhaft und bisweilen ungemütlich werden soll. Außerdem steht im Internet geschrieben, dass in einer Entfernung von gerade mal 150 Metern im Ort Gandza das Hotel "Family Corner" liegt und dieses noch dazu in den Rezensionen sehr gelobt wird. Da der kommende Radelabschnitt extrem schön sein soll, morgen wieder besseres Wetter angekündigt ist und wir gerade reichlich durchgefroren sind, brechen wir unsere heutige Fahrt nach wahnsinnigen 12 Radelkilometern ab und steuern "Family Corner" an. Samvel und seine armenische Familie betreiben dieses gemütliche Kleinod direkt an der Hauptstraße, wir werden mit ausgesprochener Herzlichkeit empfangen. Unsere Räder dürfen in einem trockenen Raum parken und wir beziehen ein geräumiges Zimmer im ersten Obergeschoss. Das Haus hat den Flair einer gemütlichen Alpenvereinshütte, es herrscht eine entspannte und familiäre Atmosphäre, alle Reisenden verewigen sich mit Bildern, Sprüchen und Unterschriften auf den Wänden des Flures. Samvels Ehefrau Hasmik bereitet alle Speisen frisch aus biologischen, regionalen Zutaten der dschawachetischen Hochebene zu. Nachdem wir den Nachmittag in unseren Zimmer verbracht haben, zieht es uns am Abend nach unten in den Speisesaal, um die Köstlichkeiten zu testen. Wir bekommen auf Empfehlung von Hasmik Brot und hausgemachten Käse, Salat, eine Suppe, zweierlei traditionelle Dolma sowie hausgemachten Saft und Tee serviert. Es schmeckt uns ganz wunderbar, die Teller werden restlos leer. Inzwischen ist noch eine Gruppe von etwa acht Wanderern eingetroffen, deren Sprache wir nicht eindeutig zuordnen können. Sie nutzen ihre Sprache aber leider in einer Lautstärke, die im ganzen Haus zu hören ist und das zu unserem Leidwesen bis tief in die Nacht. Heiko drückt die Ohropax noch etwas fester als sonst in die Gehörgänge, Claudia liest bis ein Uhr und wird noch Zeugin des Gittarenspiels, welches um diese Zeit angestimmt wird. Vielleicht soll es ein Schlaflied sein...!?Read more