Bilderbuchpanorama
October 10 in Georgia
☀️ 15 °C
Der Morgen beginnt so laut wie der gestrige Abend aufgehört hat. Ohne jegliche Rücksicht beginnen die Wanderer am frühen Morgen, ihre Abreise vorzubereiten. Polternd und sich über die Zimmergrenzen hinaus unterhaltend zieht sich das Procedere über etwa zwei Stunden. Wir üben uns in Gelassenheit. Zum Frühstück sitzen wir allein im Speisesaal, es wird reichlich aufgetischt. Von Brot bis Omelett, von hausgemachten Dingen wie Käse, Butter und Quark bis zu selbst hergestellten Kompotten, dazu eine Kanne Tee, es bleiben keine Wünsche offen. Wir hinterlassen noch einen Gruß auf der Flurwand, dann geht es ans Beladen der Räder. Zumindest bis jetzt hält die Wettervorhersage das, was sie versprochen hat: Blauer Himmel, Sonne, juhuuu! Der kleine Market im Ort hat leider geschlossen, hier wollten wir eigentlich unsere Wasser- und die überaus wichtigen Schokoladenvorräte auffüllen. Da bleibt uns wohl nur die Hoffnung auf eine weitere Möglichkeit in der kommenden, weiterhin eher sehr einsamen Gegend. Glücklicherweise müssen wir nicht lange bangen, schon bald sind wir mit viel Wasser und noch viel mehr Schokolade ausgestattet. Motiviert starten wir in den Radeltag, die äußeren Bedingungen sind perfekt. Nur wenige Kilometer hinter Gandzani öffnet sich das Plateau in seiner vollen Pracht: Der Paravani-See, der größte See des Landes auf 2073 Metern, liegt vor uns inmitten der weiten, kargen Landschaft. Die umliegenden Gipfel tragen bereits ihre ersten weißen Schneemützen. Einen kleinen Abstecher mschen wir, um das Poka St. Nino Frauenkloster zu besichtigen. Direkt am Südufer des Sees erreichen wir diesen geschichtsträchtigen Ort. Hier gründete die Heilige Nino im 4. Jahrhundert ein kleines Kloster, als sie das Christentum nach Georgien brachte. Die kleine Steinkirche aus dem 11. Jahrhundert strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Heute leben hier Nonnen, die für ihre besondere, handgemachten Produkte berühmt sind. Die besonders angepriesene, von den Nonnen selbstgemachte Schokolade hätten wir nur zu gerne gekauft. Leider waren wir zu doof, den entsprechenden Laden zu finden. Immerhin haben wir aber einen schönen Eindruck von diesem Ort gewinnen und eine entspannte Pause mit unserer Schokolade aus den Packtaschen machen können. Mit den obligatorischen Fotos haben wir lieber gewartet, bis die zwei Busse mit den Horden von Jugendlichen abgefahren sind.
Wir lassen auf unserer Weiterfahrt den wunderschönen Paravani-See vor fantastischer Bergkulisse hinter uns, das Bilderbuchpanorama bleibt uns dennoch erhalten. Die Straße schneidet wie ein graues Band durch das weite, einsame Hochplateau. Es geht wellig dahin, kurze und knackige Rampen wechseln sich mit sanften Abfahrten ab. Die Landschaft wirkt fast surreal, wie eine Mischung aus Mongolei, schottischen Highlands und irgendwie auch Island. Bäume wachsen hier nicht, es domoniert das unendliche Spiel von Wolken und Licht auf den braun-gelben Hängen, die von unzähligen Schafen und Rindern abgegrast werden. Bald erreichen wir den heutigen Gipfel auf einer Höhe von 2160 Metern, so hoch wird es für uns in diesem Urlaub nicht mehr gehen. Kurz nach vier ist es inzwischen und wir wollen demnächst die Augen nach einem Übernachtungsplatz offen halten. Leider verschmähen wir die erste Möglichkeit und auf der folgenden Abfahrt gestaltet sich die Suche eher schwierig. Wir haben bereits 500 Höhenmeter verloren, da
breitet sich schließlich das riesige, tiefblaue Tsalka-Reservoir vor uns aus. Der künstlich angelegte Stausee liegt auf gut 1.500 Metern und ist jetzt im Oktober von einem dichten Kranz aus herbstlich verfärbten Kiefernwäldern umgeben. Es heißt, dass man mit etwas Glück die Dächer der alten Dörfer sehen kann, die in den 1940er-Jahren geflutet wurden, wenn der Wasserstand im Herbst niedrig ist. Wir sehen tatsächlich etwas aus dem Wasser ragen, aber ob es sich um einer der alten Hausdächer handelt..., keine Ahnung. Auf einem Plateau etwas oberhalb der Straße scheint ein guter Platz zum Zelten zu sein. Wir schieben/fahren die Rasenrampe rauf, stellen die Räder ab, trinken einen heißen Tee vom Gaskocher, essen Chips und schauen zu, wie die Sonne hinter den Vulkanbergen versinkt. Ein freundlicher Hirte kommt vorbei und bestätigt, dass es überhaupt kein Problem ist, hier die Nacht zu verbringen. Ohne Sonne wird es sehr schnell bitterkalt. Also: Zelt aufstellen, Zähne putzen, warm anziehen, Schlafsack bis obenhin zuziehen, schlafen.Read more



















