• Der Berg ruft

    June 7 in Norway ⋅ ☁️ 13 °C

    Zunächst sieht es so aus als stünde unsere heutige Wanderung unter keinem guten Stern. Das Wetter ist durchwachsen, der Himmel grau und wolkenverhangen. Doch in der Arktis wartet man einfach ab.
    Erst gegen 16:00 Uhr verziehen sich die Regenwolken, und wir machen uns auf den Weg zu einem der meist besuchten Gipfel der Vesterålen: dem Måtind.
    Vom Dorf Bleik aus starten wir zunächst gemütlich flach in westliche Richtung.
    Doch die chillige Phase ist kurz: Schon bald führt der mit roten Punkten markierte Pfad links ab, und es geht knackig steil nach oben.
    Der Atem geht schwer, und die Waden brennen, während wir uns Schritt für Schritt über den felsigen Grat nach oben arbeiten.
    Sobald die ersten steilen Kletterpassagen überwunden sind, erreichen wir ein welliges, weites Hochplateau.
    Die Landschaft wirkt fast surreal – rauher, grauer Granit, kleine Bergseen und weite Ausblicke machen diesen Trail zu etwas ganz Besonderem.
    Wir marschieren weiter über den Bergrücken des Nonstind, von wo aus man die zackige Gipfelpyramide des Måtind bereits fest im Blick hat.
    Die Tour ist gnadenlos steil und jeder einzelne Höhenmeter hart erkämpft. Das ist kein Spaziergang, sondern ein echter Kampf gegen den Berg.
    Das Finale, das nur noch Viktor und Dennis angehen, führt über einen letzten, felsigen Grat hinauf zum Gipfel des Måtind (408 m).
    Sie erzählen später, dass - oben angekommen - kurz ihr Herzschlag aussetzt:
    Die Klippen stürzen hier senkrecht Hunderte Meter tief direkt in den Atlantik.
    Es ist unbeschreiblich!

    Die Region um Andøya ist tatsächlich außergewöhnlich, und zwar aus folgenden Grund:
    die Vesterålen und die Lofoten wurden während der letzten Eiszeit nicht vollständig von den dicken Gletschermassen überdeckt. Als sogenannte Nunataks ragten die höchsten Spitzen wie versteinerte Haifischzähne aus dem Eis heraus weit hinauf n den arktischen Himmel.
    Während die Gletscher den Rest Norwegens rund geschliffen haben, blieben die Gipfel hier extrem zackig, schroff und kantig.
    Und genau das ist das unverkennbare Markenzeichen, das die Lofoten und Vesterålen heute so weltberühmt macht.

    Später sitzen wir einfach nur da und saugen dieses Panorama in uns auf. Keiner sagt ein Wort.
    Diesen einzigartigen Ausblick teilen zu können, gemeinsam die Anstrengung gemeistert zu haben – das ist das Glück, das wir alle in dem Augenblick fühlen.

    Das Phänomen der Mitternachtssonne rettet uns heute unseren Wandertag.
    Ohne deren ewige Helligkeit hätten wir so spät niemals aufbrechen dürfen.
    Als wir schließlich weit nach Mitternacht müde, aber glücklich zum Campingplatz zurückkehren, schlafen dort längst alle in ihren Zelten und Wohnmobilen. Um uns herum ist es jedoch immer noch taghell – was für ein Gefühl von Zeitlosigkeit! Was für ein Tag!
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