Briksdalsbreen Gletscher
22. juni, Norge ⋅ ☁️ 5 °C
Wir verabschieden uns vom majestätischen Geirangerfjord.
Vor uns liegt heute eine der spektakulärsten Hochland-Passagen des Trips. Wir nehmen Kurs auf die Fv63 nach Süden und steuern tiefer hinein in das eisige Herz Norwegens. Unser Ziel: der mächtige Briksdalsbreen Gletscher.
Die Straße schmiegt sich eng an das Ufer des riesigen Oldevatnet-Sees. Das Wasser ist spiegelglatt und leuchtet in so unglaublich schönen Farben, dass es fast künstlich wirkt.
Links und rechts schießen hunderte Meter hohe Wasserfälle von den Felswänden hinab.
Nach und nach verengt sich das Tal, bis die Straße schließlich am Parkplatz der Briksdal Fjellstove abrupt endet.
Kapuzen hoch, Kameras raus – ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Ein etwa 3 Kilometer langer Wanderweg soll uns hinauf zur Gletscherzunge führen.
Überall entlang des Pfades stehen kleine Jahreszahlschilder. Sie zeigen erschreckend und faszinierend zugleich, bis wohin die Eismassen in den letzten Jahrhunderten noch gereicht haben. Wo wir heute gemütlich im Wald wandern, lag vor wenigen Jahrzehnten noch eine hunderte Meter dicke Eisschicht.
Am Ziel angekommen, stehen wir ehrfürchtig am Ufer des eiskalten, grünen Gletschersees. Direkt vor uns stürzt die gewaltige, zerklüftete Zunge des Briksdalsbreen ins Tal.
Was für ein unfassbarer Kontrast zu den Wellen der Atlantikstraße und dem nebligen Trollstigen. Jetzt sind wir im ewigen Eis Norwegens angekommen!
Der gesamte Weg zum Gletscher fühlt sich wie eine Reise in die nordische Mythologie an:
Moosbewachsene Urgesteine und knorrige Bäume säumen den Weg. Steile, nackte Felswände ragen gefühlt bis in den Himmel.
Gelegentlich hallt ein tiefes, grollendes Krachen durch das Tal. Viele Einheimische erzählen, dieses tiefe Knacken des Gletschers sei das Grummeln der Trolle in den Bergen.
Alten Volkssagen nach versteinern diese Wesen, sobald sie vom Sonnenlicht getroffen werden – wer weiß, welcher der riesigen, bemoosten Felsbrocken am Wegrand in Wahrheit ein schlafender Riese ist?
Die norwegische Wildnis steckt voll von diesen Kreaturen, jenen riesigen, steinernen Gestalten, die im fahlen Licht mit den Bergen zu verschmelzen scheinen.
Wenn wir durch die Wälder wandern, erzählen sie uns die uralten Geschichten von den geheimnisvollen Geschöpfen, die das Land bis heute bewachen.
Genau in diesem Gefühl liegt die Magie Norwegens.Læs mere
Geirangerfjord
20. juni, Norge ⋅ 🌧 12 °C
Der Name des Fjords stammt aus dem Altnordischen (der Sprache der Wikinger) und setzt sich aus zwei Wörtern zusammen:
Geirr bedeutet „Speer“ oder „Pfeilspitze“.angr ist das altnordische Wort für „Fjord“ oder „Bucht“.
Zusammengefügt bedeutet Geiranger also „Der speerförmige Fjord“ – unserer Meinung nach eine perfekte Beschreibung für die Art und Weise, wie sich die schmale Wasserstraße tief und spitz in die steile Bergwelt hineinschneidet.
Die Kulisse, die sich uns hier bietet, ist wahrhaft ein Blick für die Ewigkeit: Unter uns liegt der Geirangerfjord. Das Wasser schimmert trotz des grauen Himmels in einem dunklen smaragdgrün. Die steilen Felswände, die den Fjord einrahmen, stürzen fast 1.400 Meter senkrecht in die Tiefe.
Seit 2005 gehört der 15 Kilometer lange Geirangerfjord zum UNESCO-Weltnaturerbe.
Die historischen Bergbauernhöfe Skageflå und Knivsflå- ebenfalls Teil des UNESCO-Welterbes - liegen hoch über dem Geirangerfjord.
Heute stehen Touristen mit dem Kaffeebecher in der Hand auf den High-Tech-Decks von Luxusschiffen, machen Selfies und bewundern die „romantische“ Kulisse. Doch schaut man durch die Linse der Geschichte nach oben auf diese winzigen Holzhäuser an den Klippen, wandelt sich die Romantik augenblicklich in einen tiefen Respekt vor dem unfassbar harten Leben dieser Menschen.
Die Bewohner waren Selbstversorger und passten sich der vertikalen Landschaft in absoluter Perfektion an.
Kleinkinder wurden beim Spielen im Freien oft an langen Seilen oder Lederriemen festgebunden, die am Haus verankert waren, um zu verhindern, dass sie die Hunderte Meter tiefen Klippen hinabstürzten.
Die Wiesen waren so steil, dass die Bauern das Heu mit Steigeisen an den Schuhen mähen mussten.
Alles, was nicht auf dem Hof wuchs – wie Salz, Zucker oder Werkzeuge – wurde in schweren Kiepen auf dem Rücken die steilen Pfade hinaufgeschleppt.
Das Leben war geprägt von extremem Fleiß, unvorstellbarer körperlicher Knochenarbeit, ständiger Angst vor dem Abgrund und einer Isolation, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Der letzte der Höfe wurde erst im Jahr 1961 endgültig verlassen
Dank diverser Initiativen bleiben diese Orte aber als stumme Denkmäler für die Ewigkeit erhalten.
Die Kulisse, die uns auf der Fährfaht über den Fjord umgibt, ist monumental, es
der Inbegriff des wilden Norwegens:
Der anhaltende Regen der letzten Tage hat für uns ein echtes Naturschauspiel inszeniert. Die berühmtesten Wasserfälle „Die sieben Schwestern“ (De syv søstre) und der gegenüberliegende „Freier“ (Friaren) führen extremes Hochwasser. Die weiße Gischt schießt in gewaltigen Kaskaden in die Tiefe und erzeugt ein dumpfes, mächtiges Grollen, das durch das ganze Tal hallt. Wolkenfetzen hängen wie mystischer Rauch in den bewaldeten Steilhängen – eine Kulisse wie aus einem Fantasy-Film.Læs mere
Trollstigen oder " Die Troll - Leiter'
19. juni, Norge ⋅ ☁️ 15 °C
Unser heutiges Ziel: der legendäre Trollstigen.
Die Trollleiter auf der Fv63 gehört zu den spektakulärsten Passstraßen der Welt und stellt auch für uns einen absoluten Höhepunkt unserer Reise dar.
Auf der Strecke bezwingt die Straße eine fast senkrechte, gewaltige Felswand. Sie schraubt sich in über 11 Haarnadelkurven mit einer Steilung von knapp 10 % unbarmherzig nach oben.
Und heute, im dichten, trüben Nebel, hat dieser Ort etwas besonders Magisches.
Schon vom Tal aus schauen wir ehrfürchtig nach oben. Die gewaltigen Berggiganten Kongen (der König), Dronningen (die Königin) und Bispen (der Bischof) sind in tiefe Nebelschleier eingehüllt.
Die Straße ist extrem schmal und fast ausschließlich
einspurig.
Die Kurven sind so eng, dass man den Gegenverkehr – meistens riesige Reisebusse oder Camper – erst im allerletzten Moment sieht. Jedes Mal heißt es dann: zentimetergenau in die Ausweichbucht rangieren- im schlimmsten Falle sogar rückwärts. Auf der einen Seite ragt die nackte Felswand empor, auf der anderen gähnt der Abgrund.
Ich kann nicht sagen, was bedrohlicher wirkt!
Auf halber Strecke überqueren wir eine schmale, alte Steinbrücke. Der mächtige Stigfossen-Wasserfall schießt direkt neben der Fahrbahn 240 Meter in die Tiefe. Durch den heftigen Regen der letzten Stunden führt er extrem viel Wasser. Als wir die Brücke passieren, klatscht eine gigantische Wand aus eiskalter Gischt direkt gegen unsere Seitenscheiben.
Nach der elften und letzten Kurve haben wir es dann geschafft. Wir erreichen das Trollstigen-Platå auf 858 Metern über dem Meeresspiegel.
Es gibt hier verschiedene Aussichtsplattformen. Die größte ragt wie eine gigantische Sprungschanze frei über einen 200 Meter tiefen Abgrund. Wir schauen nach unten: Tief unter uns schlängelt sich die Straße wie ein winziges, schmales Band durch den Nebel. Die Autos wirken Ameisen gleich, und das tosende Brüllen des Stigfossen hallt laut durch das ganze Tal.
Solche Kontraste. Gestern noch fuhren wir durch High-Tech-Tunnel tief unter dem Meeresboden, und nur einen Tag später stehen wir am Fuße einer monumentalen Felswand, die so düster und mächtig wirkt, dass wir augenblicklich verstehen, warum die Menschen hier seit Jahrhunderten an Trolle glauben.
Am Trollstigen Besucherzentrum werfen wir uns in unsere Regenjacken und festes Schuhwerk!
Dafür sind wir schließlich um 5 Uhr aufgestanden! Der Bispevatnet-Trail (ca. 4,5 km und 320 Höhenmeter) führt über ein spektakuläres Plateau mit riesigen, vom Eis glatt geschliffenen Felsplatten und Geröllfeldern hinauf in eine karge, hochalpine Mondlandschaft.
Durch das trübe, graue Licht wirkt die Hochebene unheimlich – als wären wir auf einem fernen Planeten gelandet. Passend zu dieser Stimmung haben sich die gewaltigen Berggiganten um uns herum tiefe Nebelschleier über die Spitzen gezogen.
Oben angekommen erwartet uns ein weiterer spektakulärer Anblick: Der tief in den Felswänden eingekesselte Bergsee Bispevatnet erscheint trotz des bleigrauen Himmels in einem fast milchigen Blau – gespeist vom feinen Steinmehl der umliegenden Gletscher.
Rings um uns erstrecken sich endlose riesige Altschneefelder, die selbst im Sommer nicht schmelzen. Ein wahrhaft magischer, ehrfürchtiger Ort!Læs mere
Wieder Richtung Süden
18. juni, Norge ⋅ 🌬 13 °C
Als wir das hölzerne Portal „Porten til Nord-Norge“ passieren, wird uns allen bewusst: Nordnorwegen haben wir nun offiziell verlassen. Ein seltsames Gefühl macht sich im Camper breit – einerseits sind wir wehmütig, weil die Lofoten und der Polarkreis nun endgültig hinter uns liegen, andererseits aber auch voller Vorfreude auf das, was uns im Süden noch erwarten wird.
Und es geht gleich los:
Ein spektakuläres Insel-Hopping per Auto führt uns heute über eine Kette von Brücken, die die vielen kleinen Inseln und Schären miteinander verbinden. Links und rechts peitscht das offene Meer, während wir im Camper das Gefühl haben, mitten über den Ozean zu fliegen.
Wir steuern auf den kleinen Fähranleger in Hennset zu. Unser Ziel, Arasvika, liegt auf der anderen Seite des Fjords. Ohne riesige Autoschlangen und ohne Hektik rollen wir entspannt auf das Autodeck, stellen den Motor ab und spüren sofort, wie der Puls nach unten fährt. Hier läuft alles entspannt und vollautomatisch. Vorab ist kein Ticketkauf nötig: Das Kennzeichen des Autos wird beim Auffahren einfach gescannt und die Gebühr über das norwegische AutoPASS- oder FerryPay-System abgebucht.
In Arasvika auf der Insel Ertvågsøya angekommen, empfängt uns sogleich eine ganz eigene, fast verschlafene Insel-Atmosphäre. Wir fahren auf schmalen, kurvigen Straßen vorbei an winzigen, bunten Holzhäusern am Wasser – es ist eine absolut unberührte Natur.
Danach nehmen wir Kurs auf Kristiansund. Diese Stadt ist faszinierend, denn sie liegt nicht einfach am Wasser, sie liegt im Wasser. Kristiansund verteilt sich auf die vier Inseln Nordlandet, Kirkelandet, Goma und Innlandet, die durch Brücken zu einem architektonischen Gesamtkunstwerk verbunden sind. Beim Blick auf diese modernen Bauwerke wird uns bewusst, wie hart das Leben hier früher gewesen sein muss. Bis 1992 war das Reisen ein absoluter Geduldsakt, denn Kristiansund war komplett vom Festland isoliert. Wer pendeln wollte, war ausschließlich auf Fährverbindungen angewiesen. Zu Stoßzeiten standen die Leute oft stundenlang in kilometerlangen Blechlawinen am Anleger und hofften, noch auf das nächste Schiff zu passen. Fegten im Winter schwere Stürme über den Atlantik, wurde der gesamte Fährverkehr sogar komplett eingestellt – und die Inseln waren von der Außenwelt abgeschnitten.
Die berühmte Atlantikstraße (Atlanterhavsvegen), auf der wir nun fahren, zählt zu den bekanntesten und meist fotografierten Straßen der Welt. Auf einer Länge von exakt 8,2 Kilometern vollbringt diese Straße eine architektonische Meisterleistung: Sie springt förmlich von Inselchen zu Inselchen, scheinbar mitten durch den offenen Ozean.
Heute verdunkeln dicke, graue Wolken den Himmel, und die Stimmung ist ungemütlich trüb. Aber ganz ehrlich? Genau so haben wir uns den rauhen Norden vorgestellt und auch ein bisschen erwartet! Wo sich sonst das blaue Meer spiegelt, peitscht uns heute die unbändige Kraft des Ozeans entgegen.
Als die Storseisundbrua, die längste der insgesamt acht Brücken, vor unserer Windschutzscheibe auftaucht, wirkt sie fast schon unheimlich. Jetzt im Regen scheint es noch mehr so, als würde ihre geschwungene Rampe im fahlen Grau des wolkenverhangenen Himmels mitten im Nichts enden. In Wahrheit macht die Brücke eine riesige Kurve in schwindelerregender Höhe, um den Schiffen darunter genug Platz für die Durchfahrt zu bieten.
Die Scheibenwischer sind im Dauerbetrieb. Viktor muss das Lenkrad richtig fest anpacken, denn der Wind drückt spürbar gegen die Auto. Die Wellen klatschen so heftig gegen die Fundamente, dass eine salzige Mischung aus Regen und Meeresgischt im hohen Bogen auf unsere Motorhauben fliegt.
Doch genau diese trübe, melancholische Kulisse macht die Fahrt erst zu einem unvergesslichen Abenteuer.
Am Abend finden wir schließlich in der Bergsteigerstadt Åndalsnes einen traumhaften Platz für die Nacht.
Hinter unseren Autos schlängelt sich ein spiegelglatter, absolut glasklarer Fluss.
Das Wasser ist so sauber, dass man jeden einzelnen Kieselstein am Grund zählen kann.
Für Simone und Viktor gibt es kein Halten mehr.
Kurz entschlossen schmeißen die beiden sich in ihre Badesachen, marschieren ans Ufer und stürzen sich mit einem tollkühnen Satz direkt in die glasklaren Fluten!
Was für ein genialer und mutiger Abschluss für diesen Tag!
Morgen schon wartet der berühmte Trollstigen auf uns.Læs mere
Zurück aufs Festland
15. juni, Norge ⋅ ☁️ 14 °C
Eine unvergessliche Zeit mit tollen Wanderungen, schroffen Gipfeln und arktischen Stränden liegt hinter uns.
Nun stehen wir beim Fähranleger in Moskenes in der Schlange für die Autofähre nach Bodø.
Die Motoren laufen, das Boarding kann beginnen.
Im Inneren des Schiffes, bei der finalen Parkposition angekommen, rufen 5 Mitglieder unserer Truppe wie aus einem Munde: „Viktor, hast du den Schlüssel?!“
Ja, er hat daran gedacht. So schnell passiert ihm so ein Malheur nicht noch einmal!
Während die Zacken der Lofoten-Wand im Kielwasser langsam immer kleiner werden, genießen wir die ruhige Fahrt über den Vestfjord zurück zum norwegischen Festland. Jeder von uns hängt noch seinen Gedanken nach, ist vielleicht noch ein stückweit auf den Lofoten und spürt, wie tief sich die Bilder in die eigene Seele eingebrannt haben.
In Bodø rollen die Reifen wieder auf festen Boden. Wir halten uns nicht lange in der Stadt auf, denn unser nächstes Ziel wartet nur knapp 30 Kilometer südöstlich entlang der Fv17: der legendäre Saltstraumen.
Die Straße dorthin schlängelt sich durch dichte Küstenwälder und vorbei an rauhen Felsformationen, während das Wasser des Skjerstadjords immer wieder bläulich durch die Bäume blitzt.
Wer kurz vorher noch die Lofoten im Kopf hatte, glaubt kaum, dass er sich immer noch im selben Land befindet. Es ist das absolute Kontrastprogramm zu den letzten Tagen: Das Saltdal, durch das wir nun fahren, ist weltberühmt für seine riesigen, dichten Kiefern- und Birkenwälder, die sich links und rechts der E6 bis hoch auf die Berghänge ziehen. Wir fühlen uns plötzlich wie im tiefsten Kanada.
Während auf den Lofoten noch der arktische Seewind um unsere Ohren pfiff, herrscht hier eine fast andächtige, geschützte Stille, denn das Tal liegt eingebettet zwischen mächtigen Gebirgszügen, die den Wind komplett abhalten.
Nicht zum ersten Mal realisieren wir, wie unglaublich vielseitig Norwegen ist.
Auf der E6 nach Süden teilt man sich übrigens die Straße nicht nur mit anderen Campern und Trucks. Schon bald machen wir Bekanntschaft mit den eigentlichen Herrschern Norwegens: den Schafen. Sie sind überall! Es ist wie ein Running-Gag. Alle paar Kilometer liegen sie seelenruhig direkt auf dem Asphalt des Seitenstreifens. Wir fragen uns :Warum?
Der Asphalt speichert die Sonnenwärme des Tages und bietet für die Tiere so etwas wie eine gemütliche, beheizte Wellness-Oase.
Während wir mit dem Auto vorbeirollen, würdigen sie uns keines Blickes. Sie kauen einfach weiter, blinzeln träge in die Sonne und weigern sich strikt, auch nur einen Zentimeter zur Seite zu weichen.
Die norwegischen Schafe befinden sich absolut tiefenentspannt im "Chill-Modus".
Als wir an unserem heutigen Ziel ankommen, kündigt sich das Schauspiel schon von Weitem an: ein tiefes, unheimliches Grollen und Rauschen.
Was ist hier los? Woher kommt dieses urzeitliche Gröhlen, und wieso scheint der Boden unter unseren Füßen zu vibrieren und unsere Magengrube zu kitzeln?
Der Saltstraumen ist nicht einfach nur ein normaler Fluss oder Kanal – er ist der stärkste Gezeitenstrom der Welt, ein echtes Naturschauspiel der Superlative.
Mit unvorstellbarer Gewalt treffen hier die unbändigen Kräfte des Mondes und des Ozeans aufeinander.
Stellt euch vor, ihr habt zwei riesige Meeresbecken (den offenen Fjord) und das gewaltige Binnenmeer dahinter. Jedes Mal, wenn die Gezeiten wechseln – also bei Ebbe und Flut –, müssen unfassbare Wassermassen von dem einen Becken in das andere gelangen. Das Problem? Der einzige Verbindungsweg ist eine winzige, schmale Nadelöhr-Schlucht: nur 150 Meter breit und drei Kilometer lang.
Fast 400 Millionen Kubikmeter Wasser (das entspricht etwa der Wassermenge von 160.000 olympischen Swimmingpools!) versuchen nun gleichzeitig, sich durch dieses schmale Felsentor zu pressen.
Weil der Platz fehlt, wird das Wasser extrem beschleunigt. Am Ende rast es mit bis zu 40 km/h durch den Sund. Wenn diese tosenden Strömungen dann auf die unebenen Felswände unter Wasser treffen, gerät das Meer komplett außer Kontrolle. Es entstehen die berüchtigten Mahlströme, riesige, kreisrunde Trichter im Wasser, die bis zu 10 Meter breit und mehrere Meter tief werden. Man bekommt beinahe den Eindruck, als hätte jemand am Meeresgrund den Stöpsel gezogen, und ein gigantischer Abfluss saugt alles, aber wirklich ALLES, in die Tiefe.
Schaut man senkrecht nach unten, verliert das Auge jegliche Orientierung. Da gibt es nicht mehr nur "Vorwärts" oder "Rückwärts".
Das Wasser dreht sich, wirft Blasen, sinkt ab und schießt an anderer Stelle wie kochend wieder nach oben. Dieser Ort lehrt uns mit seiner unglaublchen Kraft wahrhaftig das Fürchten.Læs mere
Die Dörfchen Å und Reine
14. juni, Norge ⋅ 🌬 11 °C
Nach dem Aufwachen am Strand im Lofoten Beach Camp fühlt sich die Weiterreise an wie das Finale eines epischen Films.
Auf einer Strecke von knapp 30 Kilometern verwandelt sich die arktische Natur im Minutentakt und präsentiert eine Palette an Panoramen, die man so schnell nicht wieder vergisst.
Immer schmaler wird das Land. Die Weite des Strandes weicht engen Fjorden, die Straße muss sich regelrecht an die Felsen klammern.
Schließlich endet die E10 in einem kleinen Dörfchen, das nur aus einem einzigen Buchstaben besteht. Weiter nach Süden geht es nicht mehr.
Å ist kein normales Dorf, sondern eine Art riesiges, lebendiges Freilichtmuseum (Norsk Fiskeværsmuseum). Die roten Holzhäuser stehen auf Stelzen direkt im Meer. Es duftet nach dem Holzfeuer der historischen Bäckerei von 1844 und nach frischen Zimtschnecken - eindeutig die leckersten, die wir bisher gegessen haben.
Kurz vor dem Ort Reine fahren wir über eine weitere spektakuläre Brücke, die die kleinen Inseln miteinander verbinden. Das Wasser unter uns ist so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann.
In Reine angekommen, fackeln Viktor und Dennis nicht lange. Sie entscheiden sich für den Aufstieg auf den Reinebringen: 448 Meter fast senkrecht auf einer der längsten und spektakulärsten Sherpa-Treppen der Welt.
Exakt 1.560 Steinstufen wurden von nepalesischen Sherpas zentimetergenau in den steilen Hang gebaut.
Jede einzelne von ihnen fordert nun die Oberschenkel von Viktor und Dennis heraus. Der Puls rast, die Waden brennen, und die kühle arktische Luft wird tief in die Lungen gesaugt.
Immer wieder halten die beiden inne, um kurz zu verschnaufen und sich umzudrehen. Mit jedem überwundenen Höhenmeter schrumpft das Dorf Reine unter ihnen zusammen, während der Horizont immer weiter wird.
Auf dem Kamm des Berges schlägt die Anstrengung im Bruchteil einer Sekunde in pure Sprachlosigkeit um.
Der Blick, der sich vor ihnen öffnet, ist kein normales Panorama – es ist DAS Postkartenmotiv des Nordens: Ganz unten liegt Reine, wie ein filigranes Spielzeugdorf aus roten und gelben Punkten auf den winzigen Inseln im azurblauen Wasser verstreut ist. Die geschwungenen Brücken wirken aus dieser Höhe wie dünne Fäden, die die Zivilisation zusammenhalten.
Der Blick schweift weit über die tiefblauen Fjorde und über das offene, endlose Meer.
Hier, auf dem Dach der Lofoten, den Schweiß im Gesicht und das Adrenalin im Blut, liegt ihnen gefühlt die ganze Welt zu Füßen.
Nach der Woche sind wir uns alle einig:
Die Lofoten – dieses Archipel im Norden Norwegens hat uns mit seinen dramatischen Berggipfeln, karibisch anmutendem Buchten und unberührten Stränden, malerischen Fischerdörfchen und dem wilden, tosenden Ozean regelrecht verzaubert. Die Tage, die wir hier verbracht haben, werden unvergesslich bleiben, und
ein Stück unseres Herzens lassen wir im arktischen Norden zurück.Læs mere
Vikinger Museum und schöne Strände
13. juni, Norge ⋅ ☁️ 12 °C
Nach einer ziemlich windigen Nacht auf unserem Stellplatz bei Henningsvær starten wir bei absolutem Kaiserwetter in den nächsten Tag. Eines unserer heutigen Ziele ist das weltberühmte Lofotr Viking Museum in Borg auf der Insel Vestvågøya.
Schon auf den ersten Kilometern zieht uns wieder der Ausblick aus dem Fenster komplett in seinen Bann.
Der Atlantik ist spiegelglatt, und überall liegen kleine, felsige Inseln im Wasser. Der Anblick ist fast unwirklich schön und lässt Bilder vor unserem geistigen Auge entstehen. Vielleicht haben Riesen die Felsen vor Urzeiten dorthin geworfen – womöglich sind es ihre Murmeln gewesen, die nach einem gigantischen Spiel im Meer liegen geblieben sind. Wer weiß?
Die Straße führt uns weiter, vorbei an wunderschönen Sandstränden und schroffen Granitwänden, bis sich die Landschaft plötzlich öffnet. Wir erreichen die grüne Hochebene von Vestvågøya, das historische Herzland der Lofoten-Wikinger.
Schon von Weitem sehen wir das Ziel auf einem Hügel thronen: Das Lofotr Viking Museum empfängt uns im strahlenden Sonnenschein.
Seine Existenz verdankt der Ort einem puren Zufall.
Im Jahr 1981 pflügte der norwegische Bauer Fritz Utne seinen Acker - wie schon viele Jahre zuvor. Plötzlich stieß er auf merkwürdige Scherben aus seltsamem, buntem Glas und edler Keramik. Die Archäologen, die daraufhin anrückten, trauten ihren Augen kaum: Stück für Stück gruben sie das größte Wikinger-Gebäude aus der Erde, das jemals in ganz Skandinavien entdeckt wurde.
Es stellte sich heraus, dass dieser 83 Meter lange Bau vor über 1.000 Jahren die absolute Machtzentrale der Region gewesen sein muss. Unter einem einzigen Dach lebte damals der mächtige Wikingerhäuptling zusammen mit seiner Familie, seinen Bediensteten und im nördlichen Teil sogar mit dem kostbaren Vieh.
Die Ausgrabungen bewiesen, dass dieser Häuptling unfassbar reich gewesen sein muss. Man fand vergoldeten Schmuck, französische Gläser und edle Weinkrüge aus dem Rheinland, was bewies, dass schon die Wikinger von den Lofoten aus Handelsbeziehungen bis tief nach Europa gepflegt hatten.
Ein schöner Naturpfad führt uns abschließend über das riesige Außengelände des Museums. Danach geht's weiter für uns.
Die E10 ist die Lebensader der Lofoten. Sie verbindet die Hauptinseln mit Hilfe von spektakulären Brücken und Tunneln.
Sie ist komplett asphaltiert, aber oft schmal und kurvig.
Regelmäßig gibt es Ausweichstellen und Haltebuchten für den Gegenverkehr.
Auch Brücken sind mitunter einspurig, der Verkehr wird durch Ampeln geregelt.
Tunnel, die streckenweise sogar unter dem Meer herführen, sind nicht modern verkleidet, sondern zeigen lediglich den nackten, dunklen Fels.
Oft ist die Beleuchtung ist so spärlich, dass die Durchfahrt eine fast mystische, höhlenartige Atmosphäre erhält.
Das absolute Highlight ist jedes Mal das Verlassen des Tunnels. Nach der Dunkelheit schießt uns das arktische Licht entgegen, und das nächste gigantische Postkartenmotiv – ein Fjord oder das tiefblaue Meer – explodiert förmlich vor unseren Augen. Dieses ständige Wechselspiel aus engen, dunklen Felsröhren und dem schwebenden Gefühl auf den windumtosten Brücken macht die Fahrt auf den Lofoten zu einem unvergesslichen Erlebnis.Læs mere
Henningsvær
12. juni, Norge ⋅ ☁️ 14 °C
Am nächsten Morgen ist der Regen wie weggeblasen.
Der Himmel strahlt erneut in einem tiefen, wolkenlosen Blau, und die Sonne bringt die Fjorde zum Glitzern. Schnell klettern die Temperaturen wieder nach oben – da sind nochmal die Sonnenbrillen gefragt!
Unser Ziel für heute ist ein Ort, der auf absolut jedem Lofoten-Prospekt ganz oben steht: das legendäre Fischerdorf Henningsvær.
Die Fahrt nach Süden wird bei diesem Wetter zu einem puren Genuss, denn die Europastraße 10 (E10) schlängelt sich direkt an der spektakulären Küste entlang.
Nach einigen Kilometern biegen wir auf die 816 ab, die ebenfalls als absolutes fahrerisches Highlight gilt. Die Straße verbindet die vielen kleinen Inseln miteinander, auf denen Henningsvær thront.
Nicht umsonst wird der berühmte Ort das „Venedig des Nordens“ genannt.
Seinen Ursprung hatte Henningsvær als traditionelles Fischerdorf, und dieser Charakter ist trotz des zunehmenden Tourismus noch deutlich spürbar.
Die typischen roten und ockerfarbenen Holzhäuser, die sich an die felsige Küste schmiegen, die Trockengestelle für Stockfisch und die Fischerboote im Hafen zeugen auch heute noch von der langen Tradition des Fischfangs.
Inzwischen hat sich Henningsvær mehr zu einem Zentrum für Kunst, Handwerk und Gastronomie entwickelt. Entlang der Hauptstraße und in den kleinen Gassen finden sich zahlreiche Galerien, Kunsthandwerksläden, Cafés und Restaurants.
Die Kombination aus traditioneller Fischereikultur, lebendiger Kunstszene, kulinarischen Angeboten und der spektakulären Lage macht das Dorf zu einem Ort, den man gesehen haben sollte.
Wir schlendern bis ganz an das Ende des Dorfes, wo die Zivilisation langsam aufhört und der blanke Granit beginnt. Und da liegt es vor uns: das Henningsvær Idrettslag, das Henningsvær- Fusball - Stadion.
Ein hypermoderner, sattgrüner Kunstrasenplatz, der mitten auf eine winzige, nackte Felsinsel gezimmert wurde.
Statt dicker Betonmauern oder Fangzäunen ist die Spielfläche fast lückenlos von riesigen, hölzernen Stockfischgestellen umgeben. Im Frühjahr trocknen hier tonnenweise Kabeljau im arktischen Wind, während unten die lokalen Kicker den Ball jagen. Ein absolut einzigartiger Anblick und wahrscheinlich noch einzigartiger Geruch.
Angeblich sollen
jedes Jahr unzählige Fotografen aus aller Welt nach Henningsvær pilgern, um Selfies von sich und dem Stadion zu schießen.
Selbst vom Boden aus verliert man sich schnell in dem fast schon kitschig schönen Panorama aus dem Grün des Sportplatzes, den majestätischen Bergen der Lofoten und dem offenem, tiefblauen Ozean.
Vielleicht ist es nicht der spektakulärste Fußballplatz, aber auf jeden Fall einer der am schönsten gelegenen Fußballplätze der Welt.Læs mere
Svolvær
11. juni, Norge ⋅ 🌬 11 °C
Norwegen hat uns in den letzten Tagen unglaublich und vor allem unerwartet mit Sonne, Helligkeit und warmen Temperaturen verwöhnt. Doch in dieser Nacht zeigt uns der Norden ein anderes, finsteres und unwirtliches Gesicht.
Das prasselnde Geräusch auf dem Autodach lässt keinen Zweifel zu – es regnet ununterbrochen.
Ein Blick auf das Thermometer bringt Gewissheit: In der Nacht gab es einen massiven Wettersturz. Die Temperatur ist um mindestens 12 Grad in den Keller gerauscht.
So also fühlt sich die echte, arktische Kälte an!
Noch am Vorabend saßen wir bei bestem Sommerwetter in T-Shirt und kurzer Hose entspannt draußen und haben gegrillt. Keine zwölf Stunden später ist die Sommeridylle wie weggewischt. Die Shorts wandern ganz tief nach unten in den Schrank. Stattdessen kramen wir die dicken Jacken, langen Unterhosen, winddichten Schichten und warmen Mützen hervor. Es hilft ja alles nichts: Die Natur gibt die Rahmenbedingungen vor, und wir passen uns an.
Trotz des grauen Dauerregens bereiten wir uns für den Aufbruch vor und starten den Motor. Unser Ziel für heute ist die inoffizielle Hauptstadt der Inselgruppe: Svolvær.
Die schroffen Nunatak-Gipfel, die uns gestern noch im Sonnenschein entgegenblickten, sind jetzt tief in dicke, mystische Wolkenbänder gehüllt. Die Kontraste sind verschwunden, die Felswände wirken düster und unfassbar gewaltig.
Doch genau in diesem Moment wird uns eines klar: Auch bei solchem Wetter büßen die Lofoten nichts von ihrer Schönheit und ihrer verzaubernden Magie ein.
Diese Landschaft braucht keinen Filter und keinen perfekten Sonnenschein, um die Menschen tief im Inneren zu berühren.
In Svolvær bestaunen wir
die wunderschönen, traditionellen roten Fischerhütten (Rorbuer) direkt am Wasser. Auch hier finden wir die riesigen, hölzernen Fischgestelle (Fish Racks), auf denen im Frühjahr der weltberühmte Stockfisch getrocknet wird.
Wir schlendern noch ein wenig durch die Geschäfte des Städtchens, dann teilt sich unser Team spontan auf. Während die einen das Kulturprogramm suchen, zieht es die anderen trotz des miesen Wetters unaufhaltsam nach oben. Dennis und Bernd fackeln nicht lange, schnüren ihre Wanderstiefel und kraxeln unerschrocken den steilen Pfad hinauf bis fast zu den weltberühmten Felsziegen der Svolværgeita
(„Svolvær-Ziege“ ) - einer markanten Felsformation mit zwei Hörnern, die steil über der Stadt thront.
Eine absolute Willensleistung bei diesem Wetter.
Es herrscht immer noch ein fieser, nasskalter Wind bei gefühlten Kühlschranktemperaturen – und was macht der Rest der Truppe? Wir flüchten freiwillig vor der Kälte in eine Halle, die konstant auf Minus 6 Grad heruntergekühlt wird. Ein Plan, der schon ein wenig an Ironie grenzt.
Das Magic Ice Svolvær ist eine Halle komplett aus Eis, in der Skulpturen die Geschichte der Lofoten-Fischer von mächtigen Seeadlern bis hin zu historischen Fischerbooten erzählen.
Doch schon am Eingang wird es gemütlicher als erwartet:
Jeder von uns wird in einen dicken, wärmenden Winter-Poncho gesteckt und bekommt warme Handschuhe verpasst.
Jeder? Nein, nicht ganz. Viktor schaut sich die Winterausrüstung nur kurz an, hebt fast spottend die Hände und lehnt den ganzen Kram dankend ab. Und so wandert er – ganz genau so, wie wir ihn alle kennen und lieben – komplett barfuß und ohne Handschuhe durch die arktische Kältekammer! Während uns trotz Wintermontur die Zähne klappern, spaziert unser hauseigener Wikinger tiefenentspannt und mit seinem gefürchteten diabolischen Grinsen an den Eiswänden vorbei. Ja, so ist er nun mal. 😀
Die Stimmung hier drinnen ist magisch, wir befinden uns in einer völlig surrealen Winter-Wunderwelt.
Die bunten LED-Lichter spiegeln sich in den Eiswänden, es funkelt und glitzert an jeder Ecke.
Unglaublich! Lokale Künstler haben hier tonnenweise bkankes Eis in atemberaubende Skulpturen verwandelt.
Als wir Dennis und Bernd schließlich einsammeln, und die Crew wieder komplett ist, sind wir uns alle einig. Für jeden war es ein wieder mal schöner Tag, und
Viktor ist offiziell und unangefochten der „König der Arktis“.Læs mere

RejsendeDas sind ja wieder tolle Erlebnisse , weiterhin eine spannende mit etwas Sonnenschein versehene Zeit!
Ankuft auf den Lofoten
10. juni, Norge ⋅ ☀️ 21 °C
Nach all den Erlebnissen und Abenteuern auf den Vesterålen schlagen wir heute das nächste Kapitel dieser Reise auf. Unser Ziel auf der anderen Seite des Wassers sind die weltberühmten Lofoten.
Die Überfahrt von Melbu nach Fiskebøl sollte eigentlich ganz entspannt ablaufen.
Am Auto packen wir noch schnell unsere Sachen zusammen, die wir an Bord brauchen – vor allem freuen wir uns schon riesig auf die legendären, frischen norwegischen Zimtschnecken (Kanelboller), die wir kurz vorher ofenfrisch in einer kleinen Bäckerei besorgt haben.
Doch genau in diesem Moment zerplatzt die Urlaubsidylle mit einem Schlag. Viktor schaut mich mit betretenem Gesicht an und sagt den ultimativen Horror-Satz eines jeden Autofahrers: „Ich habe den Autoschlüssel in der Fahrerkabine eingeschlossen."
Nein, das darf jetzt einfach nicht wahr sein! Ein Blick auf die Uhr lässt noch mehr Adrenalin einschießen: In einer knappen halben Stunde werden wir in Fiskebøl anlegen. Wenn das Auto bis dahin nicht offen ist, blockieren wir die komplette Ausfahrt der Fähre und legen den gesamten Verkehr lahm. Ein Albtraum!
Ich greife sofort zum Handy und rufe Korda an, die kurzerhand Bernd und Dennis als Rettungskommando zu uns nach unten ins Autodeck schickt. Was folgt, sieht aus wie eine Szene aus einem schlechten Einbrecher-Film. Gemeinsam versuchen die drei Männer mit absolut allem, was greifbar ist, den Wagen zu knacken. Jedes verfügbare Utensil, das einigermaßen brauchbar erscheint, wird ausgepackt: Drahtschlingen, Feinmechanikerwerkzeug, gebastelte Schlaufen. Es wird gehebelt, gefummelt und geschwitzt – aber das Auto bleibt unbarmherzig dicht. Und die Zeit läuft uns gnadenlos davon.
Schließlich bitte ich ein Mitglied der Fähr-Crew um Hilfe. Der norwegische Seemann kommt herüber, schaut sich die Situation kurz und völlig tiefenentspannt an. Er dreht sich zu uns um und fragt trocken: „May I?“ (Darf ich?).Ehe wir überhaupt genau kapieren, was er eigentlich vorhat, ist es auch schon passiert. Er quetscht seine Finger mit purer Kraft oben in den hauchdünnen Spalt zwischen der Fensterscheibe und dem Türrahmen. Mit einem brachialen, unglaublichen Ruck und einem wirklich fiesen, markerschütternden Geräusch reißt er die Scheibe mit bloßen Händen nach unten! Er greift durch den Spalt nach dem Türknöpfchen – und klack, das Auto ist offen.
Wir sind in diesem Moment natürlich unendlich erleichtert und überglücklich, dass der Wagen wieder offen ist und wir die Fähre pünktlich verlassen können. Doch ein mulmiges Gefühl bleibt: Haben wir jetzt statt eines vergessenen Schlüssels ein komplett demoliertes Autofenster samt kaputter Fensterheber-Mechanik?
Wir werden sehen.
Während die Fähre leise vibrierend weiterzieht, schrumpfen die sanfteren Hügel der Vesterålen hinter uns im Kielwasser,
und am Horizont baut sich mit jedem Meter die monumentale Kulisse der Lofoten-Wand vor uns auf. Die Gipfel wirken von hier noch ein Stück mächtiger, schroffer und abweisender. Wir stehen an Deck, der Wind bläst uns um die Nase, und wir realisieren erst jetzt so richtig, wie weit nördlich auf dem Globus wir uns eigentlich gerade befinden.
Dann sind wir in Fiskebøl angekommen!
Während sich der normale Touristenstrom in Fiskebøl auf der Hauptstraße E10 nach Süden wälzt, entscheiden wir uns ganz bewusst für die Einsamkeit. Wir biegen ab auf den Laukvikveien (Fv888).
Diese rund 32 Kilometer lange Küstenstraße führt uns direkt an der wilden, ungezähmten Nordwestküste der Insel Austvågøya entlang.
Die Straße ist schmal, der Asphalt manchmal uneben, aber die Kulisse lässt uns den Fähr-Stress augenblicklich vergessen. Der Laukvikveien zieht sich wie ein einsames Band durch eine Landschaft, die im Sekundentakt zwischen arktischer Einsamkeit und dramatischer Bergwelt wechselt.
Schließlich taucht vor uns das urige Fischerdorf Laukvik auf. Schon von Weitem sieht man die riesigen, hölzernen Stockfischgestelle, die wie Kunstwerke in der Landschaft stehen.
Am Campingplatz angekommen, fackeln die Männer nicht lange: Werkzeug raus, die Türverkleidung wird komplett auseinandergenommen. Mit viel Geduld und handwerklichem Geschick richten sie die Mechanik wieder. Am Ende funktioniert das Fenster wieder wie vorher.
Später sitzen wir zusammen am Camper und genießen einen weiteren gemeinsamen Abend in Norwegen.Læs mere

Das war ja sehr aufregend.😩 Aber es ist ja zum Glück alles gut gegangen. [Richard]
Hurtigruten
9. juni, Norge ⋅ ☀️ 20 °C
Als wir am übernächsten Morgen die Tür des Wohnmobils öffnen und auf das spiegelglatte Wasser schauen, fällt uns der Abschied echt schwer schwer. Toftenes Sjøhuscamping ist ein wirklich magischer Ort, direkt an einem tiefblauen Fjord gelegen, eingerahmt von sanften Bergen und absoluter Ruhe.
Doch die Straße ruft, es wartet ein echtes Stück norwegische Kulturgeschichte auf uns:
Stokmarknes – die Geburtsstätte der legendären Postschiffe Hurtigruten.
Die Straße dorthin schlängelt sich vorbei an einsamen Holzhäusern, grünen Weiden und kleinen Buchten, und immer sind die mächtigen Vesterålen-Alpen im Hintergrund unsere ständigen Begleiter.
Den futuristischen Bau aus 3.600 Quadratmetern Glas und Stahl sehen wir schon von weitem.
Die norwegische Seefahrtsgeschichte wird hier auf eine weltweit einzigartige Weise konserviert, indem ein echtes, 80 Meter langes Postschiff aus dem Jahr 1956 – die MS Finnmarken - komplett an Land gezogen und mit einem gigantischen Glashaus umbaut wurde.
So soll der Oldtimer vor dem rauhen arktischen Wetter geschützt werden.
Sobald man durch die Luke einsteigt, scheint die Zeit still zu stehen.
Vom originalen Salon im Retro-Stil über die Kombüse bis hinauf zur Kapitänsbrücke und dem Maschinenraum darf man alles hautnah erkunden, was
das Museum auf sehr lebendige Art und Weise darbietet.
Heutzutage wird Hurtigruten oft als die schönste Seereise der Welt angesehen.
Doch im späten 19. Jahrhundert ging es hier nicht um Urlaub, sondern ums nackte Überleben. Wer im Winter im isolierten Norden Norwegens lebte, war monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Briefe, Medikamente und frischer Fisch brauchten Wochen, um von Süd nach Nord zu gelangen.
Die tückische Küste galt bei Dunkelheit und Sturm als absolut unbefahrbar, bis der
Visionär Kapitän Richard With aus Stokmarknes 1893 die Herausforderung annahm, die niemand zuvor hatte wagen wollen.
Gemeinsam mit dem Lotsen Anders Holte entwickelte er ein System aus Koppelnavigation (Fahren nach Stoppuhr und Kompass) und nutzte das Echo des Schiffshorns von den Felswänden, um Abstand zu eventuell lauernden Gefahren zu halten.
Am 2. Juli 1893 schließlich steuerte With sein Dampfschiff DS Vesteraalen bei arktischer Dunkelheit und Nebel in Rekordzeit von 67 Stunden sicher von Trondheim nach Hammerfest. Er hatte die unberechenbare Küste bezwungen, und
„Hurtigruten“ (zu Deutsch: „Die schnelle Route“) war geboren.
Über Nacht veränderte sich das Leben fundamental. Plötzlich bildete die Küste eine Einheit, Post brauchte nur noch Tage statt Wochen, und isolierte Fischerdörfer blühten wirtschaftlich regelrecht auf.
Tief beeindruckt, voller Ehrfurcht und gefangen von all den Geschichten, die uns das geschichtsträchtige Schiff stumm erzählt hat, verlassen wir die Hallen.
Direkt in der Nähe des Fährhafens entdecken wir einen gemütlichen Platz für die Nacht.
Morgen geht es endlich auf die Lofoten!Læs mere
Der Berg ruft
7. juni, Norge ⋅ ☁️ 13 °C
Zunächst sieht es so aus als stünde unsere heutige Wanderung unter keinem guten Stern. Das Wetter ist durchwachsen, der Himmel grau und wolkenverhangen. Doch in der Arktis wartet man einfach ab.
Erst gegen 16:00 Uhr verziehen sich die Regenwolken, und wir machen uns auf den Weg zu einem der meist besuchten Gipfel der Vesterålen: dem Måtind.
Vom Dorf Bleik aus starten wir zunächst gemütlich flach in westliche Richtung.
Doch die chillige Phase ist kurz: Schon bald führt der mit roten Punkten markierte Pfad links ab, und es geht knackig steil nach oben.
Der Atem geht schwer, und die Waden brennen, während wir uns Schritt für Schritt über den felsigen Grat nach oben arbeiten.
Sobald die ersten steilen Kletterpassagen überwunden sind, erreichen wir ein welliges, weites Hochplateau.
Die Landschaft wirkt fast surreal – rauher, grauer Granit, kleine Bergseen und weite Ausblicke machen diesen Trail zu etwas ganz Besonderem.
Wir marschieren weiter über den Bergrücken des Nonstind, von wo aus man die zackige Gipfelpyramide des Måtind bereits fest im Blick hat.
Die Tour ist gnadenlos steil und jeder einzelne Höhenmeter hart erkämpft. Das ist kein Spaziergang, sondern ein echter Kampf gegen den Berg.
Das Finale, das nur noch Viktor und Dennis angehen, führt über einen letzten, felsigen Grat hinauf zum Gipfel des Måtind (408 m).
Sie erzählen später, dass - oben angekommen - kurz ihr Herzschlag aussetzt:
Die Klippen stürzen hier senkrecht Hunderte Meter tief direkt in den Atlantik.
Es ist unbeschreiblich!
Die Region um Andøya ist tatsächlich außergewöhnlich, und zwar aus folgenden Grund:
die Vesterålen und die Lofoten wurden während der letzten Eiszeit nicht vollständig von den dicken Gletschermassen überdeckt. Als sogenannte Nunataks ragten die höchsten Spitzen wie versteinerte Haifischzähne aus dem Eis heraus weit hinauf n den arktischen Himmel.
Während die Gletscher den Rest Norwegens rund geschliffen haben, blieben die Gipfel hier extrem zackig, schroff und kantig.
Und genau das ist das unverkennbare Markenzeichen, das die Lofoten und Vesterålen heute so weltberühmt macht.
Später sitzen wir einfach nur da und saugen dieses Panorama in uns auf. Keiner sagt ein Wort.
Diesen einzigartigen Ausblick teilen zu können, gemeinsam die Anstrengung gemeistert zu haben – das ist das Glück, das wir alle in dem Augenblick fühlen.
Das Phänomen der Mitternachtssonne rettet uns heute unseren Wandertag.
Ohne deren ewige Helligkeit hätten wir so spät niemals aufbrechen dürfen.
Als wir schließlich weit nach Mitternacht müde, aber glücklich zum Campingplatz zurückkehren, schlafen dort längst alle in ihren Zelten und Wohnmobilen. Um uns herum ist es jedoch immer noch taghell – was für ein Gefühl von Zeitlosigkeit! Was für ein Tag!Læs mere
Die Vesterålen
6. juni, Norge ⋅ ☀️ 13 °C
Am Morgen rumpeln wir über die Rampe auf das Deck der Fähre. Schon ein paar Minuten später vibrieren die Planken unter uns, die Leinen sind gelöst, und Gryllefjord wird im Rückspiegel langsam kleiner.
Die rund 1 Stunde und 40 Minuten lange Überfahrt über das offene Polarmeer nach Andenes fühlt sich an wie eine Mini-Kreuzfahrt:
Wir stehen mit dicken Jacken und der Sonnenbrille im Gesicht an Deck. Andenes ist Norwegens Wal-Hauptstadt – deshalb scannen unsere Blicke ununterbrochen den Horizont nach der typischen Fontäne eines Pottwals ab.
Tatsächlich sehen wir ein paar kleine, lustig im Wasser springende Delphine, die uns ein Stück des Weges begleiten.
Im Hafen von Andenes angekommen senkt sich mit einem dumpfen Metallklatschen die Bugklappe.
Die Reifen rollen auf den Asphalt der Vesterålen, und wieder öffnet sich vor uns eine völlig neue Welt.
Die Landschaft hier oben stellt einen absoluten Kontrast dar zu allem, was wir bisher gesehen haben. Sie ist wild und weit, stellenweise wirklich spektakulär: Eine Verschmelzung aus einsamen, weißen Sandstränden, karibisch anmutendem Wasser und schroffen Bergketten.
An manchen Stellen treffen die dunklen Felsen direkt auf den feinen, puderweißen Sand.
Das Wasser in den flachen Buchten leuchtet beim Sonnenschein in einem so unglaublichen Türkis, dass man für einen kurzen Moment vergisst, sich weit nördlich des Polarkreises zu befinden.
Jede Kurve enthüllt ein neues Panorama, das man fotografieren möchte.
Im nahe gelegenen kleinen Fischerdorf Bleik finden wir unseren nächsten Platz für die Nacht.
Auch heute gibt es hier oben wieder kein Ende des Tages. Die Mitternachtssonne sinkt nur scheinbar dem Horizont entgegen, taucht den weißen Strand, das türkisfarbene Wasser und unsere Camper in ein warmes, fast surreales goldenes Licht. Wir holen die Campingstühle heraus, machen es uns gemütlich und lauschen einfach nur dem gleichmäßigen Rauschen des Ozeans.
Wir alle empfinden es gleichermaßen: Die Vesterålen haben uns ab der ersten Sekunde verzaubert.Læs mere
Gryllefjorden
5. juni, Norge ⋅ ⛅ 17 °C
In der Arktis weckt uns
der Morgen mit Sonnenstrahlen, die die Camper-Fenster aufheizen, und dem leisen Kreischen der Möwen in der Ferne.
Wieder ist der Himmel blau über Nordnorwegen – wir werden unruhig.
Nach einem schnellen Kaffee im Freien mit dieser so unbeschreiblich kühlen, klaren Luft des Nordens rollen die Reifen vom Schlafplatz. Unser Ziel heute:
das malerische Fischerdorf Gryllefjord, wo das Schiff nach Andenes auf uns wartet, dem Startpunkt eines der spektakulärsten Insel-Hoppings Europas.
Die Kulisse auf den ersten Kilometern der heutigen Etappe möchte ich euch so beschreiben:
Spiegelglatte Fjorde mit Wasser - so ruhig, dass sich die schneebedeckten Berggipfel in der Oberfläche spiegeln.
Mit einer kleineren Fähre setzen wir
über den gewaltige Tysfjord mit seinen steilen, dunklen Felswänden, die links und rechts ins Wasser zu stürzen scheinen.
Unter den Sonnenstrahlen schimmert das arktische Fjordwasser in einem tiefen glitzernden Blau.
Wieder haben wir das beste Wetter erwischt.
Viel zu schnell taucht die Rampe von Skarberget vor uns auf. Das Schiff legt an, die Bugklappe öffnet sich und die Reifen rollen erneut auf den Asphalt der E6.
Nächster Halt: Narvik, hier müsssen wir scharf links abbiegen und dann geradeaus zu den Lofoten!
Am Nachmittag erreichen wir Gryllefjord.
Gerade einmal rund 310 Menschen nennen dieses rauhe Fleckchen Erde am Ende des Fjords ihr dauerhaftes Zuhause. Während im Sommer die Wohnmobile die Straßen beherrschen, bricht im Winter die arktische Ruhe ein. Dann leben die Bewohner ganz in ihrem eigenen Rhythmus – geprägt vom wilden Meer und der Fischerei in einer der isoliertesten, aber wunderschönen Ecke Norwegens.
Am Fähranleger mischt sich der Geruch von salziger Seeluft mit der Prise Anspannung der vielen Reisenden. Da man die Überfahrt nicht im Voraus reservieren kann, gilt das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!
Vans, Wohnmobile und Motorradfahrer reihen sich ordentlich in die Wartespuren ein.
Dann öffnet sich die Bugklappe, und das große Rangieren beginnt. Es ist fast surreal, wie viel Blech auf diesem doch eher kleinen Schiff verschwindet: Gewaltige Wohnmobile, vollgepackte LKWs und eine ganze Flotte von Motorradfahrern werden von der Crew im Zentimetertakt auf das Deck gelotst. Die Schlange bewegt sich, die Vorfreude steigt –
...Und dann der Moment, den jeder Roadtripper in Norwegen fürchtet: Die Crew kreuzt die Arme. Die Rampe geht hoch. Ein kurzes, entschuldigendes Achselzucken des Einweisers. Nichts geht mehr – die Fähre ist voll.
Aber unsere Autos stehen nun ganz vorne in der Pole-Position für das nächste Schiff morgen früh.
Während wir es uns im Camper gemütlich machen, bricht die magische arktische Nacht an – die eigentlich gar keine ist. Hier oben, weit nördlich des Polarkreises, geht die Sonne im Sommer nicht unter.Læs mere
Vom wilden Polarkreis zum stillen Fjord
4. juni, Norge ⋅ ☀️ 20 °C
Nach dem Frühstück verlassen wir die karge Ebene des Saltfjellets, das arktische Hochgebirge in Nordnorwegen auf knapp 700 Metern über dem Meeresspiegel.
Es ist eine baumlose, weite Tundra – eine fast surreale Kulisse aus schroffen Felsen und eiszeitlichen Geröllfeldern.
Das Schmelzwasser der Schneemassen sammelt sich in kleinen, schwarzen Tümpeln direkt neben dem Asphalt.
Rechts und links davon breiten sich riesige, vom Eis flachgehobelte Felsflächen aus. Es gibt keine Zäune, keine Leitplanken, nur die hölzernen Schneezeichen, die im Winter die Straße markieren.
Vom Polarkreiszentrum zieht sich die Straße wie ein schnurgerades Lineal durch die Weite.
Nach etwa 15 Kilometern lassen wir allmählich die kahle Hochebene hinter uns.
Und ganz behutsam tauchen sie wieder auf – die ersten Überlebenden der Pflanzenwelt. Zuerst sind es nur winzige, verkrüppelte Zwergbirken, die kaum höher sind als das Moos. Doch von Kilometer zu Kilometer wachsen sie. Aus den Sträuchern werden kleine Bäume, bis uns schließlich wieder ein lichter Wald umgibt.
Später folgen wir dem Fluss Saltdalselva, der sich durch ein tiefes, von steilen Bergwänden eingerahmtes Tal schneidet.
Was oben auf dem Plateau als träger Schmelzwasserbach begann, wird hier zu einem reißenden Gebirgsfluss.
Und nur eine Kurve weiter plätschert ein winziges Bächlein, so unendlich beschaulich, kristallklar und still, als würde die Zeit für einen Moment komplett stillstehen
Dann öffnet sich das Tal erneut. Die Luft riecht plötzlich wieder salziger und nach Algen.
Am Nachmittag erreichen wir unseren Standort für die Nacht.
Vor der Stoßstange unserer Camper liegt eine grünblaue Wasserfläche, so spiegelglatt und friedlich, dass man sie für einen idyllischen Bergsee halten könnte. Doch der Schein trügt: Es ist das eisige Wasser des Nordatlantiks, das sich tief in die Rinnen des Sørfoldfjords hineinschneidet.
Zur Rechten ragen die
senkrechten Felswände des Rago-Nationalparks in den Himmel.
Es ist eine Kulisse, die einen ganz klein und ehrfürchtig werden lässt.Læs mere
Auf zum Polarkreis
3.–4. jun., Norge ⋅ ☁️ 10 °C
Von Verdal starten wir heute zu einer der faszinierendsten Passagen der E6, die uns quer durch die wilde Provinz Nordland führen soll.
Die Kaffeetassen sind verstaut, die Sonnenbrillen sitzen, und das Thermometer zeigt für norwegische Verhältnisse traumhaft warme Temperaturen - dazu ein fast wolkenlos blauer Himmel.
Unser Tagesziel ist eine unsichtbare, aber magische Linie auf der Landkarte: der Polarkreis.
Während dieser Tagesetappe wechselt das Panorama von anfänglich lieblichen Agrarflächen zu einer wilden, beinahe unendlichen Fluss- und Seenlandschaft.
Kilometerweit folgen wir dem mächtigen Fluss Namsen, der bei Fischern weltweit als einer der besten Lachsflüsse gilt.
Danach beginnt die Einsamkeit:
Die Abstände zwischen den roten Holzhäusern und kleinen Ortschaften werden spürbar größer. Die Zivilisation weicht immer weiter zurück.
Und dann hält die Welt für einen Herzschlag lang den Atem an. Nur wenige Meter neben dem Asphalt bewegt sich ein Schatten im dichten Gebüsch – und plötzlich steht sie da: Eine Elchkuh. Riesig, beinahe majestätisch und völlig unbeeindruckt von den vorbei fahrenden Autos.
Ihre langen Beine stehen tief im feuchten Moos, die großen Ohren lauschen in unsere Richtung.
Ein unglaublicher Gänsehaut-Moment!
Der Griff zur Kamera ist eigentlich ein Reflex, doch alles geht einfach zu schnell. Kein Foto, kein Video. Nur dieser eine, glasklare Augenblick, in dem sich unsere Blicke treffen, bevor sie wieder im dichten Unterholz verschwindet. Und wisst ihr was? Das ist völlig okay. Manche Momente gehören einfach ganz allein der Erinnerung.
Ein paar Kilometer weiter überspannt ein riesiger, rustikaler Holzbogen die Straße: das offizielle „Tor nach Nordnorwegen“.
Wenn man dieses Portal passiert, spürt man, dass das arktische Abenteuer nun endgültig begonnen hat.
Die Straße schlängelt sich anschließend wie ein graues Band durch eine Landschaft, die sich in den letzten Kilometern erneut radikal verändert hat. Die Bäume sind längst gewichen.
Jetzt gibt es nur noch die karge Einsamkeit der arktischen Tundra.
Es ist eine Welt aus nacktem Stein, leuchtenden Moosen und Schneefeldern, die selbst dem Sommer trotzen.
Als wir die Autotür öffnen, schlägt uns ein anderer Wind entgegen, und wir ziehen die warmen Jacken bis zum Kinn hoch.
Der Wind schmeckt nach Schnee. Die Luft scheint sauberer und kälter. Ist das der Atem der Arktis?
Wie ein gelandetes Raumschiff oder ein traditionelles samisches Zelt fügt sich das Polarkreiszentrum mit seiner runden Holzarchitektur in die karge Mooslandschaft ein.
Vor uns markiert eine steinerne Weltkugel den magischen Breitengrad 66° 33′ Nord.
Und da, mitten im Nirgendwo, passieren wir die Grenze zum Reich der Mitternachtssonne.
Ab hier geht die Sonne im Sommer nicht mehr unter.
Wir stehen wirklich und wahrhaftig an der Schwelle zur Arktis.Læs mere
Weiter Richtung Norden
2.–3. jun., Norge ⋅ ☁️ 18 °C
Heute Nacht hatte ich einen Traum:
Genau hier, wo wir heute mit unseren Campern stehen, hielt die Welt am 12. Februar 1994 den Atem an:
Der Skispringer Stein Gruben raste mit der brennenden olympischen Fackel in der Hand die Schanze hinunter, hob ab, segelte majestätisch durch die Nacht und landete sicher im Stadion, um das Feuer zu entzünden.
Welch schöne Erinnerung und ein Bild für die Ewigkeit.
Die E6 von Lillehammer nach Verdal (hinter Trondheim), unserem Tagesziel, führt uns circa 450 Kilometer auf einer der spektakulärsten Transitstrecken Norwegens.
Wer denkt, eine reine Transit-Etappe in Norwegen sei langweilig, der wird auf der Europastraße 6 (E6) eines Besseren belehrt.
Die Magie der Farben ist unbeschreiblich:
Inmitten all dieses Grüns leuchten in regelmäßigen Abständen die typisch norwegischen Holzhäuser in tiefem Falunrot, warmem Senfgelb und strahlendem Weiß und bilden den perfekten Kontrast zum blauen Himmel und den dunklen Wäldern.
Nach dem Ort Dombås schaltet die Natur schlagartig in einen völlig neuen Modus. Die Bäume weichen zurück, die E6 steigt steil an, und plötzlich öffnet sich vor uns die gigantische Dovrefjell-Hochebene (auf über 1.000 Metern über dem
Meeresspiegel) - auch
skandinavische Tundra genannt.
Wo eben noch dichter Wald war, herrscht jetzt eine rauhe, baumlose Weite. Flechten, Moose und nackter Fels prägen das Bild.
Dank des tollen Wetters haben wir eine kilometerweite Fernsicht auf die mächtigen, zum Teil noch schneebedeckten Gipfel des Dovrefjell Nationalparks.
Hinter der Hochebene geht es durch das schmale, von steilen Felswänden flankierte Drivdalen wieder bergab, und mit jedem Höhenmeter kehrt das Leben zurück.
Wälder und sanfte Hügel lösen die schroffen Gipfel wieder ab.
Gleich zu Beginn unserer Tagesetappe, wir haben erst wenige Kilometer auf der E6 hinter uns gebracht, zwingt uns die norwegische Geschichte schon zum ersten ungeplanten Zwischenstopp. Etwa eine Dreiviertelstunde nördlich von Lillehammer taucht sie plötzlich am Hang auf: Die Stabkirche von Ringebu.
Sie wurde um das Jahr 1220 erbaut und gehört zu den ganz wenigen, weltweit verbliebenen 28 Stabkirchen Norwegens.
Ihr leuchtend roter, spitzer Turmturm, der im 17. Jahrhundert hinzugefügt wurde und einen grandiosen Kontrast zum dunklen, geteerten Holz des Hauptschiffs bildet, springt sofort ins Auge.
Stabkirchen gehören zu den faszinierendsten Kulturdenkmälern Europas. Sie markieren die Übergangszeit vom germanischen Heidentum zum Christentum (ca. 11. bis 14. Jahrhundert) und verbinden die neue christliche Symbolik untrennbar mit den Traditionen der Wikingerzeit.
Der Name leitet sich von den „Stäben“ ab – das sind massive, senkrecht stehende Holzmasten, die das gesamte Tragwerk des Daches stützen.
Kein Metall, kein Leim: Statt Eisennägeln oder Klebstoff nutzten die Architekten die hochentwickelten Zapfen- und Holzverbindungen aus dem Schiffbau der Wikinger, elastisch genug, um den schweren Winterstürmen im Gebirge standzuhalten.
Wirkliche Meisterwerke!Læs mere
Velkommen til Norge
1. juni, Norge ⋅ 🌧 15 °C
Und schon rollen unsere Räder auf norwegischem Boden.
Der Kompass zeigt stracks nach Norden – das Ziel sind die legendären Lofoten!
Da uns fast 2.000 Kilometer von den majestätischen Granitgipfeln im Polarkreis trennen, haben wir uns für die schnellere Route durch das Landesinnere entschieden. Wer denkt, dass diese Variante langweilig ist, hat die Landschaft noch nicht erlebt.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Zivilisation im Rückspiegel immer kleiner und die Natur
mit jedem Kilometer wilder und skandinavischer wird.
Auch wenn Dänemark und Norwegen Nachbarn sind, unterscheidet sich die Szenerie fundamental.
Während man dort meist über weite, flache Horizonte blickt, ist die Landschaft hier eher dreidimensional:
links und rechts ragen steile Felswände auf, und die Straße bewegt sich in einem ständigen Auf und Ab.
Riesige Kiefern- , Birken- und Fichtenwälder thronen auf den rund geschliffenen Granitfelsen.
Dieser ganz eigene, rauhe Charme Norwegens zieht uns vom ersten Augenblick in seinen Bann und lässt uns trotz des trüben Wetters
den Alltag vergessen.
Am Nachmittag erreichen wir Lillehammer, die weltberühmte Olympiastadt.
Schon von Weitem sieht man das Wahrzeichen der Stadt: die imposanten Lysgårdsbakkene- Skisprungschanzen der Winterspiele von 1994, die wie zwei steinerne Finger in den Himmel ragen.
Direkt am Fuße dieses geschichtsträchtigen Ortes finden wir den perfekten Stellplatz für die Nacht und genießen die spektakuläre Aussicht auf den inzwischen wieder in der Sonne funkelnden Mjøsa-See.Læs mere
Leinen los
31. maj, Skagerrak ⋅ ☁️ 12 °C
Es ist so weit: Wir stehen an Deck, der Wind bläst uns um die Nase, und Hirtshals wird im Rückspiegel immer kleiner.
Die Überfahrt verläuft ruhig und entspannt, allerdings bläst uns ein ziemlich kalter Wind um die Ohren.
Unser Camper steht sicher im Bauch der Fähre und wir machen es uns an Bord gemütlich. 🚢
Hier herrscht eine ganz besondere Urlaubsstimmung: Überall sieht man Reisende, die Landkarten studieren oder einfach nur aufs schier endlose Meer starren
und Möwen beobachten, die das Schiff begleiten.
In wenigen Stunden wird am Horizont die norwegische Küste auftauchen. Kristiansand, wir kommen! 🇳🇴Læs mere
Quer durch Dänemark
30.–31. maj, Danmark ⋅ 🌬 13 °C
Hinter uns liegt ein ziemlich entspannter Fahrtag quer durch Dänemark.
Nach dem Grenzübertritt rollt man durch ziemlich eintönige Landschaft gemütlich auf der E45 Richtung Norden bis
Hirtshals, der Nordspitze Dänemarks.
Das Städtchen empfängt uns mit einer frischen Brise und skandinavischer Gelassenheit - wir riechen förmlich das Salz in der Luft. Nach den Kilometern der letzten zwei Tage im Auto tut es gut, die Füße kurz am Strand der Nordsee zu vertreten.
Die Stimmung im Hafen ist einmalig – überall sieht man andere Camper, die wie wir die letzte Nacht auf dem europäischen Festland verbringen.
Morgen bringt uns die Fähre über den Skagerrak nach Kristiansand in Norwegen.
Der Skagerrak ist ein rund 240 Kilometer langer und bis zu 140 Kilometer breiter Meeresarm, der die Nordsee mit der Ostsee verbindet.
Seinen Namen verdankt das Gewässer der dänischen Stadt Skagen, kombiniert mit dem niederländischen Wort rak für „gerade Wasserstraße“.
Aufgrund seiner offenen Westseite ist der Skagerrak für sein stürmisches Wetter und deutlich raueren Seegang bekannt als das östlich anschließende, geschütztere Kattegat.
Den Abend lassen wir gemütlich im Hafen von Hirtshals ausklingen. Und wo könnte man das besser als im legendären Hirtshals Fiskehus?
Direkt am Hafenbecken, mit Blick auf die Fischerboote und die salzige Nordseeluft in der Nase, speisen wir hier zu Abend - direkt vom Kutter auf den Teller.
Neugierig und gespannt warten wir, was der morgige Tag uns zu bieten hat ! 🍻🚢⛰️🇳🇴.Læs mere
Auf nach Norden
29.–30. maj, Tyskland ⋅ ☁️ 28 °C
Nach mehreren Anläufen, zu unserer Reise nach Norwegen aufzubrechen, sind wir nun endlich unterwegs. Ich bin mir nicht sicher, ob die Vergesslichkeit und Unachtsamkeit am fortschreitenden Alter liegen – oder an der Tatsache, dass wir eine 5-wöchige Reise im Vergleich zu unseren sonstigen Langzeittouren einfach zu sehr auf die leichte Schulter nehmen. 😔
Unser heutiges Ziel ist ein Stellplatz im 520 Kilometer entfernten Groß Vollstedt. Bis ins Ruhrgebiet reiht
sich eine Baustelle an die andere, aber danach läuft es richtig gut!
Der Platz hinter Hamburg erweist sich als perfekter Zwischenstopp. Wir genießen den ersten Urlaubsabend, an dem uns
Bernd und Korda mit einem köstlichen Grillabendessen überraschen.
Um 22.30 Uhr kommen Dennis und Simone. Nun sind wir komplett.
Die Wohnmobile stehen gerade, und die skandinavische Luft ist fast schon zu spüren.
Norwegen, du bist ein großes Stück näher gerückt!
🇳🇴Læs mere

RejsendeIch wünsche euch eine tolle Reise!😍 Vielleicht treffen wir uns ja in Norwegen.


































































































































































































































































































































































































































