• Von der Donau ans Schwarze Meer

    May 1–7 in Bulgaria 🌧 11 °C

    Mit der Ankunft in Russe verändert sich die Reise ein weiteres Mal. Nach der Fahrt mit dem Zug über die Grenze nutze ich den frühen Morgen für einen Spaziergang durch die Stadt, bevor ich wieder in den Sattel steige. Es ist ein interessantes Stadtbild, in dem die prachtvollen Fassaden des Neobarock unmittelbar auf die funktionalen Strukturen des sozialistischen Brutalismus treffen.

    Die weiten Ebenen im Norden wirken danach zunächst unspektakulär, fast karg, doch kleine Details markieren den kulturellen Übergang. Immer häufiger tauchen die schlanken Minarette der ersten Moscheen am Horizont auf und geben der Landschaft einen neuen Charakter.

    Kurz hinter der Grenze überschreite ich zudem die Marke von 2.000 Kilometern. Es ist ein Moment, in dem ich kurz innehalte. Die Zahl ist mehr als nur eine Statistik, sie ist das spürbare Gewicht der vergangenen Wochen in den Beinen.

    Doch der Weg an die Küste wird von einem Moment der Ernüchterung überschattet. Ein Augenblick der Unachtsamkeit während der Mittagspause genügt und ich verliere beide Kreditkarten sowie einen Teil meines Bargelds. Als ich den Verlust abends bemerke, ist die Leichtigkeit der Reise für einen Augenblick weg. Es ist ein Dämpfer, der mich zwingt, mich neu zu sortieren und die eigene Unachtsamkeit zu akzeptieren, während ich versuche, den Fokus wieder auf den Weg vor mir zu richten.

    Trotz der inneren Unruhe empfängt mich die Schwarzmeerküste schließlich mit einem Licht, das alles weicher erscheinen lässt. Das Tempo der Reise verlangsamt sich hier spürbar. Es ist ein bewusster Wechsel, weg von den langen Tagesetappen, hin zu mehr Zeit für die Umgebung. Das Meeresrauschen am Abend und die Schlafplätze direkt am Wasser sind Momente, die den Kopf zur Ruhe kommen lassen.

    Diese Ruhe ist jedoch brüchig, denn die Küste zeigt oft ein Gesicht, das schwer zu ertragen ist. Ganze Abschnitte sind so radikal mit Hotelkomplexen und Infrastruktur zugebaut, dass jede Maßstäblichkeit verloren geht. Es ist eine maximale touristische Verwertung der Natur, die kaum noch Raum für das Lokale lässt. In diesen Momenten empfinde ich eine gewisse Traurigkeit über den Verlust von Identität und die Hässlichkeit dieser Betonriegel, die so gar nicht zur Schönheit des Meeres passen wollen.

    Die technische Herausforderung der Strecke holt mich schließlich wieder in die Realität zurück. Besonders der Abschnitt über das Kap Emine verlangt mir alles ab. Achtzehn Kilometer führen über Offroad-Pfade, die diesen Namen kaum verdienen. Mit dem schweren, voll bepackten Rad stoße ich an meine Grenzen. Begegnungen mit Wildschweinen und freilaufenden Herdenschutzhunden gehören ebenso dazu wie die Herausforderung, das schwere Rad sicher über kleine Wasserläufe und durch matschigen Boden zu manövrieren. Die zwei leichten, aber zum Glück folgenlosen Stürze in diesem Abschnitt sind eine direkte Lehre darüber, wie sich das Fahrverhalten in schwierigem Gelände verändert. In diesem Moment fühlt sich das Radfahren nicht mehr leicht an, sondern wie harte Arbeit, bei der jeder Meter erkämpft werden muss.

    In den letzten Tagen wendet sich der Weg schließlich vom Meer ab und führt hinein in die Wälder des Strandzha-Gebirges. Die Welt wird sofort wieder einsam und leise. Auf rauen Waldwegen sammeln sich erneut reichlich Höhenmeter an, während die Luft kühler und würziger wird. Mein letzter Zeltplatz in Bulgarien liegt unweit der Grenze, umgeben von einer tiefen Stille, die nach den turbulenten Tagen gut tut. Es ist ein ruhiger, fast meditativer Abschluss, bevor mit dem Grenzübertritt ein neues Kapitel beginnt.
    Read more