Durch das Phrygische Tal in die Stadt der Rosen
May 20–26 in Turkey
🌧 15 °C
Zum ersten Mal auf dieser Reise erlebe ich eine Phase, in der das Wetter unbarmherzig den Takt vorgibt. Tagelang bestimmt der Regen, von heftigen Güssen bis zu stundenlangem Niesel, meinen Rhythmus. Es nervt mich spürbar, nicht mehr selbstbestimmt fahren zu können, sondern mich von den Wolken abhängig zu machen.
Auf Dauer kriecht die Feuchtigkeit in jede Ritze der Ausrüstung und das ständige An- und Ausziehen der Regenkleidung wird zur mentalen Probe. Geht es bergauf, schwitze ich in der Regenkleidung und bin am Ende genauso nass wie ohne Schutz.
Zwar wärmt die Sonne zwischendurch alles wieder kurz auf, doch der nächste Guss lässt meist nicht lange auf sich warten. Es ist nicht allzu kalt, aber auf Dauer ungemütlich und emotional fordernd.
Demgegenüber steht jedoch eine der bisher beeindruckendsten und einzigartigsten Landschaften der gesamten Tour: das Phrygische Tal. Die Natur entschädigt mich vollkommen für den Wetterfrust. Überall ragen monumentale, bizarre Felsformationen und monolithische Burgen empor.
Es fasziniert mich, wie tief die Geschichte hier in den Stein gegraben ist. Die Phryger schufen hier bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. ihre ersten monumentalen Kultstätten.
Jahrhunderte später, in römischer und byzantinischer Zeit, wurden diese Monumente von frühen Christen weitergeprägt, die unzählige Wohnräume, Grabstätten und sogar ganze Kirchen direkt in den weichen Fels hieben.
Im Dorf Ayazini wandert man so regelrecht durch die verschiedenen Epochen der Jahrtausende.
Wegen des anhaltenden Regens flüchte ich mich in Inli spontan in ein kleines, dörfliches Gästehaus. Es erweist sich als absoluter Glücksgriff. Betrieben von einer unglaublich liebevollen jungen Familie mit zwei Kindern, werde ich sofort herzlich aufgenommen. Der Garten ist eine Oase und die Familie verwöhnt mich mit fantastischem, hausgemachtem Essen. Dabei servieren sie fast ausschließlich Produkte aus eigener Herstellung.
Die gemütliche Unterkunft ermöglicht mir zudem eine warme Dusche und ein paar Stunden des tiefen Durchatmens inmitten der nassen Tage.
Kurz vor dem Ziel knacke ich schließlich die 3.000 Kilometermarke, während am Horizont schneebedeckte Bergketten aufragen. Die letzten Kilometer rollen fast von allein, vorbei an den ersten großen Feldern mit intensiv duftenden Rosen, wofür die Region bekannt ist.
Dann erreiche ich Isparta, meine Basis für eine verdiente Pause. Die Stadt liegt eingerahmt von mächtigen Bergen, auf deren Gipfeln jetzt im späten Mai noch Schnee liegt.
Die Ankunft hält direkt die nächste Überraschung bereit. Über Warmshowers hatte ich eine Übernachtung bei Yunus vereinbart. Nach den harten Regentagen war ich mental eigentlich eher im Modus lieber meine Ruhe zu wollen und wollte schon absagen, doch er überzeugte mich trotzdem zu kommen. Als ich bei ihm eintreffe, stellt sich jedoch heraus, dass sein Bruder überraschend zu Besuch ist und der Platz nicht reicht.
Nach einem gemeinsamen, gemütlichen Abendbrot bei ihm zu Hause folgt die unerwartete Wendung. Yunus begleitet mich kurzerhand zu einem nahegelegenen Hotel und spendiert mir dort ohne Zögern ein Zimmer für die Nacht.
Diese selbstlose Gastfreundschaft erwischt mich völlig unvorbereitet und macht mich fast sprachlos.
Die zwei Ruhetage in Isparta nutze ich für entspannte Kultur. Ich besuche das Duftmuseum, das die Tradition der Rosenstadt lebendig macht und das ethnografische Museum. Letzteres beeindruckt mich mit einer riesigen Teppichsammlung und von der Spitze des Museumsturms öffnet sich ein genialer Ausblick über die gesamte Stadt und die umliegenden Berge.
Die intensivste Begegnung ergibt sich jedoch ganz ungeplant im Alltag. Ich mache mit meinem Rad gerade auf einem kleinen Platz an einer Moschee Pause, als mich ein älterer Herr anspricht. Mehmet ist selbst begeisterter Rennradfahrer und er fackelt nicht lange und nimmt mich mit in sein kleines Geschäft für handgemachten Schmuck, das in einem wunderschönen, historischen Trauben-Basar um die Ecke liegt. Bei etlichen Gläsern Tee tauschen wir Geschichten aus. Nach und nach gesellen sich noch zwei befreundete Radfahrer dazu. Aus dem kurzen Stopp wird eine intensive, stundenlange Runde. Sie laden mich spontan zum Mittagessen ein und zum Abschied schenkt mir Mehmet sogar noch eins seiner selbstgemachten Armbänder.
Es sind genau diese unvorhersehbaren Erlebnisse, die das Reisen hier in der Türkei so besonders machen.Read more





























TravelerDie Gegend hat uns auch besonders gut gefallen.
TravelerTolle Erlebnisse auf diesem Abschnitt deiner Reise 😀
Deine Reisen sind wundervoll, es macht Spaß daran teilzuhaben. Und immer wieder ist spürbar, dass die "ganz normalen Menschen" liebevoll zusammen leben könnten, wenn sie sich gegenseitig respektieren. Eine gute Reise mit vielen tollen Erlebnissen, weiterhin [Kerstin Welke]