• Durch die Anatolische Steppe

    Jun 7–13 in Turkey ☀️ 26 °C

    ​Bevor ich die Kernzone Kappadokiens endgültig hinter mir lasse, nehme ich auf dem Weg nach Ürgüp noch einen letzten, tiefen Eindruck dieser einzigartigen Region mit. Ich durchquere ein Tal mit besonders bildhaften Felsformationen, bevor sich die Kulisse schlagartig verändert.
    Die surrealen Tuffsteine weichen einer fast unendlichen, kargen Landschaft: der anatolischen Steppe.

    ​Doch die Verbindung zur Erdgeschichte der Region bleibt mir noch eine ganze Weile erhalten. Der knapp 4.000 Meter hohe, erloschene Vulkan Erciyes Dağı taucht im Blickfeld auf und beeindruckt mich zutiefst.
    Er ist einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass die Landschaften in Kappadokien durch die Ascheausbrüche überhaupt entstehen konnten. Ich umrunde den majestätischen, schneebedeckten Riesen an seiner Südseite quasi im Halbkreis, sodass er mich über mehrere Tage hinweg am Horizont begleitet.

    Auch wenn die landwirtschaftlichen Flächen auf den ersten Blick monoton wirken, setzt nach ein paar Tagen im Sattel ein ganz eigener, faszinierender Modus ein. Die Reize sind stark reduziert, alles wird langsamer und das Radeln verwandelt sich in einen wunderbar ruhigen, fast kontemplativen Fluss.
    Ich rolle stundenlang durch diese riesige Weite und genieße einfach die absolute Stille, die abseits der Zivilisation über den baumlosen Hügeln liegt.

    ​Doch so einsam die Landschaft auch wirkt, man ist hier nie lange allein. Die legendäre türkische Gastfreundschaft überwältigt mich auch auf diesem Abschnitt wieder einmal. Gleich an den ersten beiden Abenden wiederholt sich ein Bild, das diese Reise so besonders macht. Nur wenige Meter von meinen idyllischen Zeltplätzen am Fluss entfernt machen lokale Familien Picknick und es dauert nicht lange, bis ich zu ihnen herübergewunken werde. Plötzlich sitzt man zusammen, teilt das Essen, trinkt heißen Tee und unterhält sich so gut es eben geht. Dank Übersetzer-App funktioniert das glücklicherweise ziemlich gut.
    Am zweiten Abend will die Familie mich sogar mit aller Macht überreden, mein Zelt einzupacken, mit in ihr Dorf zu kommen und bei ihnen zu Hause zu übernachten. Es ist jedes Mal eine echte Herausforderung, solche herzlichen Angebote dankend abzulehnen. Die Menschen sind unglaublich unnachgiebig in ihrem Wunsch, dir alles zu geben, was sie haben, aber die Idylle am Flussufer ist diesmal einfach zu verlockend.

    ​Ein weiteres großes Thema in diesem Teil des Landes sind die Hunde. Da ich mich mitten auf das Kernland der gewaltigen Kangal-Herdenschutzhunde zubewege, hatte ich im Vorfeld durchaus ein paar Bedenken und Respekt vor potenziell brenzligen Situationen.
    Diese Sorgen lösen sich jedoch komplett in Luft auf. In der Stadt Kangal selbst kann ich eine Zuchtstation besuchen und diese majestätischen Tiere aus nächster Nähe beobachten. Und auch die einzige Begegnung mit frei laufenden Exemplaren auf der Strecke, die ganz ohne Hirten unterwegs sind, verläuft auf beiden Seiten absolut entspannt.

    ​Kurz vor dem Ziel wird es dann noch einmal emotional und sportlich anspruchsvoll. Die sanften Wellen der Steppe bauen sich langsam zu massiven, rauen Bergen auf, was der unmissverständliche Beweis dafür ist, dass nun der wilde, bergige Osten der Türkei beginnt.
    Mitten in diesem traumhaften Bergpanorama ist es dann so weit, dass ich die Marke von 4.000 gefahrenen Kilometern knacke. Ein tolles Gefühl, diesen Meilenstein in einer so gewaltigen Kulisse zu erreichen.

    ​Das perfekte Finale dieser Etappe ist die Ankunft in Divriği. Die Stadt schmiegt sich dramatisch in die schroffen Bergzüge und atmet pure Geschichte. Schon beim Einfahren spürt man den tiefen Kontrast zu den christlichen Höhlenkirchen der letzten Etappe. Hier dominiert die monumentale, seldschukische Architektur aus dem 13. Jahrhundert. Die berühmte Große Moschee und das angeschlossene Krankenhaus, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, sind mit ihren berühmten, dreidimensionalen Steinreliefs an den Portalen ein absolut würdiger Ort, um die Beine hochzulegen und die letzten Tage Revue passieren zu lassen.
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