Intensiver Abschied von der Türkei
Jun 13–17 in Turkey
⛅ 26 °C
Mit dem Aufbruch aus Divriği startet das letzte große Abenteuer auf türkischem Boden und es wird noch einmal ein echtes landschaftliches und emotionales Highlight.
Ich nehme bewusst einen ziemlichen Umweg in Kauf, um tief in die raue Bergwelt Ostanatoliens einzutauchen. Mein Ziel ist der bekannte Karanlık Kanyon, der vom Euphrat geschaffen wurde. Hier wartet der Kemaliye Taş Yolu auf mich, eine berüchtigte Gebirgsstraße, die von manchen sogar als gefährlichste Straße der Welt betitelt wird.
Diese Strecke ist mit das Spektakulärkste, was ich jemals befahren habe. Tief unten schlängelt sich der mächtige Euphrat durch die Schlucht, während rechts und links die Felswände hunderte Meter senkrecht in die Höhe ragen.
Als die Einheimischen um 1870 mit dem Bau beginnen, treiben sie die ersten Abschnitte noch in mühsamer reiner Handarbeit mit Meißeln und Schwarzpulver in den harten Stein. Erst im späteren Verlauf des Projekts kommt schließlich schweres, modernes Gerät zum Einsatz, bis die Straße im Jahr 2002 nach unglaublichen 132 Jahren Bauzeit fertiggestellt wird.
Fahrtechnisch ist der etwa neun Kilometer lange Weg heute eine echte Herausforderung. Der Untergrund besteht zum Teil aus losem Gestein und in den insgesamt 38 unbeleuchteten Tunneln stehen teilweise riesige Pfützen. Da die Tunnel stockdunkel sind, nützt meine Fahrradbeleuchtung nur für die nächsten Meter direkt vor mir etwas. Ich fahre minutenlang durch die absolute Finsternis und abgesehen von zwei Motorradfahrern bin ich komplett allein unterwegs. Für einen zusätzlichen Adrenalinkick sorgt das Wissen, dass andere Reisende in diesen Tunneln schon auf Bären getroffen sind. Das bleibt mir zum Glück erspart, aber der Nervenkitzel ist trotzdem allgegenwärtig.
Nach diesem Highlight schlägt das Wetter um. Seit langem mal wieder setzt am Nachmittag ein langanhaltender Regen ein. Da ich für die letzten Tage in der Türkei einen recht konkreten Zeitplan im Kopf habe, entscheide ich mich für eine strategische Abkürzung und lege einige Kilometer und Höhenmeter entspannt im Zug zurück.
Das beweist mir einmal mehr, wie sehr sich meine Prioritäten auf dieser Reise verschoben haben. Ich muss nicht mehr jeden Meter verbissen mit dem Rad erzwingen. Wenn es das Bauchgefühl verlangt, nutze ich flexibel andere Transportmittel, um meine Energie und Vorfreude für die Abschnitte aufzusparen, die mich wirklich faszinieren.
Diese intuitive Flexibilität rettet mich auch kurz darauf vor einem ungemütlichen, langen Tunnel, der steil bergauf führt. Ich entscheide mich spontan zum ersten Mal fürs Trampen. An der Kreuzung angekommen, wird das Ganze zu einem absoluten Selbstläufer. Bevor ich überhaupt den Daumen rausstrecken kann, laden mich ältere Herren im Dorf erst einmal zum Tee ein und ablehnen ist hier unmöglich. Als wir danach gemeinsam zurück zur Straße laufen, dauert es keine Minute, bis das erste Auto hält. Ein Pickup-Fahrer versteht sofort, wo ich hinwill, lädt mein Rad auf und lässt mich direkt nach dem Tunnel am Beginn einer gigantischen Abfahrt wieder raus.
Diese Abfahrt wird zu einer berauschenden, zweitägigen Reise durch verschiedene Klimazonen. Ich vernichte innerhalb kürzester Zeit rund 2.000 Höhenmeter von den Bergspitzen hinab bis auf Meeresniveau. Dabei verändert sich die Landschaft radikal. Die karge Steppe weicht steilen, saftig grünen Hängen und dichten Wäldern in allen erdenklichen Grüntönen. Ich beobachte fasziniert, wie aus einem winzigen Bach am Gipfel durch unzählige zuströmende Wasserfälle an den Seiten ein reißender, mächtiger Fluss wird, der mich bis ans Schwarze Meer begleitet.
Auch die Zeltplätze an diesen Tagen bescheren mir wieder die gewohnte, fast schon vorhersehbare Gastfreundschaft an lokalen Picknickplätzen. Ich werde wieder mit köstlichem Grillgut überhäuft und zudem mache ich Bekanntschaft mit einer Männergruppe aus Saudi-Arabien, die gerade Urlaub macht. Bei Kaffee, Tee und Datteln lerne ich eine ganz neue, sehr herzliche Mentalität kennen, die sich noch einmal von der türkischen unterscheidet.
An meinem letzten Tag in der Türkei werde ich noch einmal von einem logistischen Chaos überrascht. Ich habe im Voraus beschlossen, die Schwarzmeerküste nicht mit dem Rad zu fahren, da dort nur eine stark befahrene, tunnelreiche Schnellstraße wartet. Mein Plan, einen Bus bis zur Grenze zu nehmen, scheitert jedoch kläglich, denn der Bus ist zu klein für mein Fahrrad. Mein zweiter Tramp-Versuch an einer Tankstelle wird zu einer echten Geduldsprobe. Nach fünf Stunden und unzähligen Gesprächen nimmt mich schlichtweg niemand mit. Ich stehe kurz davor, doch loszuradeln, finde dann aber spätabends glücklicherweise noch einen großen Fernbus. Nach zähen Verhandlungen am Busbahnhof, Verspätung und einer zusätzlichen Stunde Zeitverschiebung spuckt mich der Bus schließlich um 4:00 Uhr morgens an meinem Ziel im georgischen Batumi aus. Ein anstrengendes, maximal chaotisches Finale.
Und genau dieses Finale passt perfekt zu meinem Resümee nach anderthalb Monaten in der Türkei. Dieses Land war kein bloßes Transitland, sondern ein riesiges, intensives Kapitel der Reise. Ich habe hier viel über Vertrauen gelernt. Egal ob man im Stadtpark oder am einsamen Flussufer zeltet, man begegnet den Menschen ohne Angst und wird mit einer Herzlichkeit belohnt, die selbst jede Sprachbarriere mühelos zum Schmelzen bringt. Die Türkei hat mich sportlich gefordert, mir landschaftlich alles geboten und mich vor allem gelehrt, auf mein Bauchgefühl zu hören. Ich verlasse dieses großartige Land nicht mehr nur als Radfahrer, sondern als erprobter Radreisender. Georgien kann kommen.Read more






























TravelerIch finde es faszinierend, was du machst. Es begeistert mich
TravelerIch lese jeden Deiner Berichte mit einem tiefen Gefühl der Erfurcht. Ich wünsche Dir weiterhin alles Liebe, viel Kraft und Gesundheit für die kommenden Kilometer.
TravelerWas für ein episches Abenteuer. 👍 Super geschrieben, man ist quasi live dabei. Weiterhin tolle positive Erlebnisse 🙋♀️🙋🏻🚐