• Im Herzen des Großen Kaukasus

    Jun 23–27 in Georgia ⛅ 21 °C

    Von meinem Zeltplatz am Enguri geht es direkt hinein in die Berge und stetig bergauf. Ich arbeite mich immer weiter nach oben und gleich zu Beginn stoße ich auf den ersten der historischen Wehrtürme.
    Diese markanten Bauwerke stammen aus dem elften bis dreizehnten Jahrhundert und dienen den svanetischen Familien als Wohnhaus, Schutz vor Lawinen und Festung bei Fehden. Sie prägen die winzigen, einfachen Dörfer und gelten als das absolute Markenzeichen dieser ungezähmten Region.

    Nur wenige Meter weiter mache ich einen kleinen Abstecher, um einen Blick auf die Enguri-Staumauer zu werfen. Mit ihren gewaltigen 271 Metern Höhe ist sie ein beeindruckendes Monument der Ingenieurskunst und galt bei ihrer Fertigstellung als höchste Bogenstaumauer der Welt.
    Dahinter zieht sich ein riesiger Stausee durch die Landschaft. Aktuell leuchtet das Wasser allerdings nicht türkis, sondern zeigt sich matschgrau, weil die intensive Schneeschmelze im Hochgebirge und die Regenfälle Unmengen an Sedimenten von den Gletschern ins Tal spülen.

    Je höher ich mich aus dem Tal schraube, desto dominanter und mächtiger wird die Bergwelt. Anfangs blitzt nur vereinzelt ein weißer Gipfel auf, doch bald stehe ich in einem monumentalen Panorama aus schneebedeckten Felsriesen, saftigen Bergweiden und bunten Blütenwiesen. Zahllose Gipfel mit über 4.000 und teils sogar über 5.000 Metern Höhe ragen steil in den Himmel und die brennenden Muskeln vergesse ich bei diesen Ausblicken sofort.

    Kulinarisch belohne ich mich in den kleinen Bergrestaurants mit frisch zubereiteten svanetischen Spezialitäten wie dem mit Käse gefüllten Fladenbrot Khachapuri oder der Fleischvariante namens Kubdari.

    Eine schöne Besonderheit auf dieser Etappe sind die vielen internationalen Kontakte. Über die Tage verteilt treffe ich immer wieder auf andere Radreisende aus Deutschland, Österreich, Slowenien und Russland, die für eine Urlaubsrunde in Georgien unterwegs sind.
    Manchmal begegne ich ihnen einzeln, manchmal ergeben sich Gespräche zu zweit oder in kleinen Dreiergruppen, was eine willkommene Abwechslung auf dem Rad bedeutet.

    Als ich Ushguli erreiche, stehe ich mitten in einer der am höchsten gelegenen dauerhaft bewohnten Siedlungen Europas auf rund 2.100 Metern Höhe. Direkt vor mir baut sich die gewaltige Südwand des Shkhara auf, der mit seinen 5.193 Metern der höchste Berg Georgiens ist.
    Am Nachmittag schlägt allerdings das Wetter radikal um und die Bergriesen hüllen sich in dichte Wolken.
    Ein grauer Nieselregen setzt ein, doch ich habe großes Glück, denn dank iOverlander weiß ich von einer offenen Holzhütte am Wegrand, die eigentlich als Schutzraum für Skilehrer dient. Ich kann mich dort unterstellen und mich aufwärmen, sodass ich trocken bleibe, während der Tag verregnet zu Ende geht.

    Am nächsten Morgen wartet der Zageri-Pass auf mich. Der letzte Anstieg auf knapp über 2.600 Meter ist zwar nicht allzu lang, aber ziemlich steil. In der Höhe merke ich zum ersten Mal deutlich, dass die Luft dünner wird, und ich komme ordentlich ins Schnaufen.
    Das grandiose Panorama neben der Strecke und auch oben entschädigt aber für alles. Endlich angekommen, ziehe ich mich warm an, denn es folgt eine Abfahrt, die es in sich hat. Fast 2.000 Höhenmeter geht es am Stück bergab, was ein echter Ritt ist und volle Konzentration erfordert.
    Faszinierend ist dabei der Wandel der Natur, die mit jedem Kilometer nach unten dichter, grüner und vegetationsreicher wird, bis ich schließlich das Tal des Flusses Tskhenistskali erreiche.

    Diesem Fluss folge ich nun fast zwei Tage lang in Richtung Kutaisi. Das Tal ist unheimlich abwechslungsreich und verengt sich immer wieder zu spektakulären, nur wenige Meter breiten Schluchten, in denen die nackten Felswände direkt neben der Straße aufragen. Kurz darauf öffnet es sich wieder in eine weite, auenartige und besiedelte Landschaft.
    Durch das leichte Gefälle geht es zügig voran, auch wenn fiese Gegenanstiege das Höhenmeterkonto trotzdem füllen.

    Das Wetter bleibt jedoch unbeständig. Einen Nachmittag rettet mich ein kleiner Pavillon vor dem Regen, der direkt neben einer Mineralquelle steht. Hier sprudelt kohlensäurehaltiges Wasser direkt aus der Erde, das geschmacklich durch den hohen Eisengehalt extrem intensiv und gewöhnungsbedürftig ist, aber ein spannendes Naturphänomen darstellt.

    Der letzte Tag nach Kutaisi bricht trocken an und hält am späten Vormittag an einem größeren Anstieg den absoluten Knaller der Etappe bereit. Rund 100 Meter vor mir trottet plötzlich ein ausgewachsener Braunbär ganz entspannt über die Straße. Bis mein Gehirn realisiert, dass da kein riesiger Hund, sondern ein echter Kaukasus-Bär spazieren geht, ist er auch schon wieder im Dickicht verschwunden. Das Ganze geht zu schnell für ein Foto, bleibt aber ein absolut grandioser Abschluss für meine Zeit im Hochgebirge.
    Es zeigt sich aber auch eine gewisse Ironie, denn in Rumänien mit seiner riesigen Bärenpopulation bin ich wochenlang ziemlich angespannt und sehe keinen einzigen, während mir hier ein Exemplar vor die Nase läuft, wo ich überhaupt nicht damit rechne.

    Die letzten Kilometer nach Kutaisi fordern dann noch mal alles. Nach der Mittagspause bricht ein heftiger, langanhaltender Regen über mich herein. Ich werfe mich in sämtliche Regenklamotten, die ich besitze, aber der Guss ist so intensiv, dass meine Ausrüstung irgendwann kapituliert. Komplett durchnässt und ziemlich geschlaucht rolle ich schließlich in Kutaisi ein.
    Aber das ist völlig okay, denn das Wissen um eine warme Dusche, eine trockene Unterkunft und frische Kleidung lässt mich die letzten Kilometer problemlos durchziehen.

    Als ich am Abend im Trockenen sitze, wird mir erst richtig bewusst, dass diese Woche im Großen Kaukasus mich sportlich so hart gefordert hat wie keine andere Woche zuvor auf diesem Trip. Aber für diese Eindrücke und Erlebnisse war es das mehr als wert.
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