• Von Kutaisi durch den Kleinen Kaukasus

    Jun 27 – Jul 2 in Georgia ⛅ 19 °C

    Nach den sehr anstrengenden Etappen im Großen Kaukasus brauche ich erst mal eine echte Atempause. Kutaisi erweist sich dafür als der perfekte Ort, um die leeren Speicher wieder aufzufüllen und zu regenerieren. Gleichzeitig kann ich so den Abschluss des dritten Monats der Reise angemessen wirken lassen.
    Die Stadt überrascht mich komplett positiv. Im Vergleich zum sehr touristischen Batumi erlebe ich hier ein authentisches Georgien. Die regionale Küche ist intensiv, Touristen sind Mangelware und das Leben pulsiert herrlich unaufgeregt.
    Ich lasse die Seele am Fluss Rioni mit seinen markanten Brücken baumeln und verbringe entspannte Stunden beim Eisessen und Leutebeobachten im neu angelegten zentralen Park.
    Auf dem schönen Markt koste ich mich durch alles Mögliche, kaufe frische Lebensmittel und genieße die Atmosphäre.
    Auch die Historie der Stadt ist faszinierend, denn Kutaisi ist uralt und eng mit der antiken Region Kolchis verknüpft. Hierher verschlug es laut der griechischen Mythologie schon Jason und seine Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Ein Erbe, das die Stadt stolz auf ihrem prachtvollen Kolchis-Brunnen im Zentrum zeigt.

    Nach zwei Tagen Pause sitze ich wieder im Sattel und die Ausläufer des Kleinen Kaukasus stehen schon beim Losfahren als massive Silhouette am Horizont.
    Die Strecke führt mich zunächst flach und entspannt durch ein schönes Weinanbaugebiet, doch kaum zieht die Steigung an, erwartet mich ein ziemlicher Schreckmoment.
    Aus dem Nichts eskaliert eine Situation mit zwei mittelgroßen Hofhunden. Einer der beiden schießt ohne Vorwarnung auf mich zu, während ich langsam bergauf radele. Ich schaffe es zwar gerade noch anzuhalten, aber der Hund erwischt mich trotzdem am linken Fuß, bevor der Besitzer ihn wütend zurückpfeift. Zum Glück komme mit dem Schrecken und einer minimalen Hautabschürfung davon.

    Ich starte mit eher geringen Erwartungen in diesen Teil Georgiens, denn nach den überwältigenden Bildern des Großen Kaukasus habe ich die Befürchtung, dass der Kleine Kaukasus nur eine zähe Quälerei wird, die mich nicht mehr wirklich berührt.
    Doch die Strecke belehrt mich schnell eines Besseren. Hinter dem Kurort Sairme ist Schluss mit neuem Asphalt und die Straße verwandelt sich in recht groben Schotter.
    Nach dem langen Anstieg bin ich mental eigentlich schon durch mit dem Tag und halte nach einem Schlafplatz Ausschau, als plötzlich drei Ranger auf Kontrollfahrt neben mir stoppen. Sie bieten mir an, mich samt Ausrüstung in ihrem Landcruiser mitzunehmen und ersparen mir damit rund 600 Höhenmeter. Sie lassen mich auf einer wunderschönen, blühenden Bergwiese wieder raus und ich darf sogar die Nacht in ihrer nagelneuen, isolierten Schutzhütte verbringen.

    Am nächsten Morgen fehlen lediglich ein paar Höhenmeter bis zum Zekari-Pass, wo mich das Highlight dieses Abschnitts erwartet. Die Schotterstraße verläuft hier oben relativ flach entlang des Bergrückens und bietet herrliche Ausblicke in alle Richtungen.
    Die Landschaft strahlt hier eine raue, unberührte Einsamkeit aus, denn es gibt keine Touristen, sondern nur vereinzelte Höfe von Viehzüchtern, die weit verstreut auf sattgrünen Weideflächen liegen.
    Auf der anstrengenden Schotterabfahrt hinunter nach Abastumani fordert der ausgewaschene, grobe Untergrund im dichten Wald noch mal meine volle Konzentration.

    Kurz hinter dem Wald folgt ein echter Klimaschock. War Georgien für mich bisher feucht, grün und fast schon subtropisch, stehe ich hier plötzlich in einer trockenen, steppenartigen Hitze, in der nur vereinzelte Bäume etwas Schatten spenden.
    Am Ufer der Kura schlage ich mein Lager auf und feiere einen weiteren Meilenstein der gesamten Reise, denn heute fällt die 5.000-Kilometer-Marke. Nach einer schnellen Abkühlung im Fluss erlebe ich das erste Mal seit der Türkei wieder eine intensive Gastfreundschaft. Nicht weit von mir entfernt grillt eine Großfamilie und schickt ihren jüngsten Sohn zu mir herüber, um mich mit leckerem, hausgemachtem Essen zu versorgen.

    Die Fahrt hinauf zum Madatapa-See am Folgetag wird zum härtesten Kampf der bisherigen Tour. Der Vormittag in den engen, felsigen Flusstälern zieht sich zäh und es geht unbarmherzig und ohne jede Erholungspause permanent bergauf, während die Sonne den Asphalt aufheizt und Schatten kaum zu finden ist.
    Als ich am Nachmittag das Tal verlasse und sich die Landschaft öffnet, schlägt das Tief voll zu. Vor mir liegt nur noch die endlose, nackte Steppe. Diese totale Leere im krassen Kontrast zu den bildgewaltigen Bergen der Vortage schickt mich in ein brutales Motivationsloch, in dem jeder Kilometer ein echtes Stück mentale Anstrengung bedeutet.

    Auf etwa 2.100 Metern Höhe erreiche ich schließlich den Madatapa-See unweit der armenischen Grenze.
    Mein Zeltplatz an einem überdachten Picknickplatz bietet einen weiten Blick auf den See und entfernte Bergketten. Diese weite, einsame Stille ist fast schon unwirklich, aber ein wohltuender Abschluss für diesen harten Tag.
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