• Aufbruch nach Tadschikistan

    Jul 26–31 in Tajikistan ⛅ 18 °C

    Die letzten Kilometer auf usbekischem Boden ziehen sich flach und ziemlich monoton dahin. Für mich ist es genau das Gefühl, das mich noch einmal tief darin bestätigt, die weiten Distanzen im Land im Zug überbrückt zu haben.
    Die Grenzabwicklung verläuft zum Glück völlig unkompliziert und kaum rolle ich auf meinen zwei Rädern über die Grenze nach Tadschikistan, dem 12. Land auf der Reise, zeichnen sich am Horizont bereits die ersten mächtigen Bergketten ab. In mir steigt augenblicklich eine riesige Vorfreude auf.

    Schon kurz nach der Grenze treffe ich auf den Fluss Zarafshon. Er ist ebenso die Lebensader der usbekischen Oasenstädte Samarkand und Buchara und speist dort seit Jahrhunderten die fruchtbaren Felder.
    Ich folge ihm nun eine ganze Weile lang stromaufwärts und wo er zu Beginn noch als breiter, schlammbrauner Strom träge durch das Tal zieht, verändert er sich mit jedem Kilometer deutlich. Das Tal wird enger, die Schluchten steiler und das stetige Auf und Ab entlang seines Ufers verlangt mir bei der brütenden Hitze einiges ab.
    Dennoch entschädigen mich die Ausblicke für jede Anstrengung. Ich finde traumhafte Zeltplätze auf erhöhten Klippen, von denen aus ich abends begeistert hinunter ins Flusstal blicke. Und an ein paar Tagen habe ich sogar das Glück, mich in kühlen Gebirgsbächen vom Staub und Schweiß des Tages reinigen zu können.

    Fasziniert beobachte ich auch die Geologie dieser Gebirgswelt. Die Steilhänge um mich herum bestehen aus gigantischen Schuttkegeln, kargen Geröllhalden und kahl geschliffenem Fels. Durch die extremen Temperaturschwankungen bröckelt das Gestein hier stetig ab, wodurch diese karge, aber unglaublich spektakuläre Kulisse entsteht.

    In Ayni verlasse ich den Zarafshon und folge von nun an dem Fondaryo nach Süden, der sich als rauschender Gebirgsfluss immer tiefer durch die eng werdenden Schluchten gräbt.
    Ganz oben auf rund 2.700 Metern liegt das entscheidende Nadelöhr der Etappe, der berüchtigte Anzob-Tunnel, der unter Radreisenden nicht ohne Grund als Tunnel des Todes bekannt ist.
    ​Um mir die verbleibenden 1.000 Höhenmeter über die Serpentinen in der brütenden Mittagshitze ohne jeden Schatten zu ersparen, entscheide ich mich kurzerhand dafür, den gesamten Anstieg per Anhalter zu überwinden, statt mir erst oben eine Mitfahrgelegenheit für die Tunnelpassage zu suchen.
    Wegen der verkehrsarmen Mittagszeit muss ich zwar eine Weile am Straßenrand warten, doch schließlich hält ein freundlicher junger Lieferwagenfahrer an und nimmt mich mit.
    Als wir in die dunkle Röhre hineinfahren, bin ich extrem froh über meine Entscheidung. Der Tunnel ist unbeleuchtet, steht stellenweise voller Wasser, tiefste Schlaglöcher prägen die Fahrbahn und der dichte Abgasdunst des Zweirichtungsverkehrs steht in der Luft. Selbst als Beifahrer im Auto fühlt sich die Durchfahrt grenzwertig an.

    Am Ausgang steige ich erleichtert wieder aufs Rad und genieße die Abfahrt durch das Tal des Varzob. Ganz ohne ist die Strecke zwar nicht, weil mich immer wieder dunkle Galerien und dichter Verkehr fordern, aber die Landschaft ist schlicht gewaltig.
    Am Ufer des Flusses finde ich ein schönes Nachtlager und erlebe hier eine herzerwärmende Begegnung. Zwei ältere Tadschiken rufen mich direkt zu sich herüber und verköstigen mich mit ihren Speisen und Getränken.
    Nach den heißen Tagen davor genieße ich hier oben die wunderbar kühle Nacht in vollen Zügen.
    Ganz nebenbei fallen in diese Tage auch zwei persönliche Meilensteine. Ich bin nun seit vier Monaten unterwegs und habe die 6.000-Kilometer-Marke geknackt.

    Am nächsten Morgen rollt es sich von ganz alleine bergab. Die Berge werden flacher, das Tal öffnet sich, die Bebauung wird dichter und schließlich spült mich der laute, autozentrierte Stadtverkehr hinein nach Duschanbe. Die Hauptstadt präsentiert sich mir als typische sowjetische Reißbrettstadt mit breiten Prachtalleen und monumentalen Bauten rund um den Rudaki-Park. Ich nutze meine Zeit hier vor allem für die organisatorischen Dinge wie die behördliche Registrierung, das Besorgen des GBAO-Permit und das Eindecken mit ausreichend Bargeld. Denn mein Blick richtet sich jetzt schon voll und ganz auf das, was als Nächstes kommt: das Abenteuer im Pamirgebirge.
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