Durch das Shakhdara-Tal in luftige Höhen
Aug 9–11 in Tajikistan
⛅ 21 °C
Wer das Pamirgebirge in Tadschikistan von West nach Ost durchqueren will, steht vor einer Entscheidung zwischen vier völlig unterschiedlichen Routen. Ganz im Norden verläuft das wilde Bartang-Tal, in der Mitte liegt die M41 als klassischer Pamir Highway, etwas südlicher erstreckt sich das Shakhdara-Tal und ganz im Süden zieht sich der Wakhan-Korridor an der afghanischen Grenze entlang. Ich entscheide mich ganz bewusst für den Umweg durch das Shakhdara-Tal. Die Strecke ist zwar etwas länger und verlangt mir körperlich viel mehr ab als die Hauptroute, gilt aber als unberührter Geheimtipp. Auf der gesamten Dreitagesstrecke begegne ich tatsächlich keinem einzigen anderen Reisenden.
Nach dem Ruhetag in Khorugh verlasse ich die Hauptstraße und der Abschied zeigt sich sofort im Verkehr. Die Lkws sind schlagartig verschwunden und nur noch gelegentlich rollt ein Auto aus den idyllischen Dörfern an mir vorbei. Was mich sofort begeistert und richtig guttut, ist das viele Grün entlang des Ufers. So viele Bäume habe ich auf meiner bisherigen Reise durch Tadschikistan noch nicht gesehen. Sie spenden wohltuenden Schatten und verleihen dem Tal eine überraschend lebendige Atmosphäre. Den ersten Tag gehe ich entspannt an, um meinem Körper auf dem Weg in die Höhe Zeit zum Akklimatisieren zu geben und genieße am Abend die Ruhe an meinem Zeltplatz direkt am Ufer des Shakhdara.
Am zweiten Tag endet der Asphalt nach wenigen Kilometern und weicht einer rauen Schotterpiste. Das Tal verengt sich zusehends und wird an vielen Stellen extrem schmal und schluchtartig. Die Felswände ragen steil empor, was dem Weg eine spektakuläre, wilde Kulisse verleiht. Mit der permanenten Steigung und dem groben Untergrund verlangsamt sich mein Tempo drastisch. Es ist nicht bloß ein einfaches Rütteln unter den Reifen, sondern ein ständiges, hartes Schütteln des gesamten Fahrrades und Körpers. Normalerweise beansprucht das Radfahren primär die Beine, aber hier arbeitet der ganze Oberkörper ununterbrochen mit. Arme, Schultern und Nacken müssen die Schläge abfangen, sodass ich mich abends nicht nur mit müden Beinen, sondern am ganzen Körper mürbe fühle.
Das Etappenende am zweiten Tag entschädigt jedoch für alle Strapazen. Auf rund 3.400 Metern Höhe erreiche ich natürliche Thermalquellen. Eine davon ist winzig, gerade groß genug, dass ich mich exakt hineinsetzen kann und hat die perfekte Temperatur. Völlig alleine liege ich am Abend in dem warmen Wasser und spüre, wie die Anspannung des Tages langsam von mir abfällt. Als ich aufblicke, bietet sich mir ein neuer, beeindruckender Kontrast. Die enge Schlucht ist einer endlosen, baumlosen Hochebene gewichen, über der im Hintergrund zwei gewaltige Giganten aufragen, nämlich der Pik Marx mit 6.726 Metern und der Pik Engels mit 6.510 Metern. Obwohl ihre eisigen Gipfel teilweise in dichte Wolken gehüllt sind, wirkt genau das unheimlich mystisch. Sie begleiten mich auch am nächsten Tag im Rücken über viele Kilometer und wirken mit jedem gewonnenen Höhenmeter nur noch mächtiger.
Am dritten Tag verlasse ich das Haupttal und biege ab, um den finalen Anstieg zum Maysara-Pass in Angriff zu nehmen. Während der Shakhdara langsam Richtung Gletscherquelle verschwindet, wird die Piste immer rudimentärer. Von einer Straße kann keine Rede mehr sein, es ist nur noch ein schmaler zweispuriger Schotterweg, ein klassischer Double-Track, der sich verlassen durch die endlose Berglandschaft zieht. Hier oben herrscht eine gewaltige Stille. Als mir ein Geländewagen mit ein paar Tadschiken entgegenkommt, blicken sie mich besorgt an. Ich kann sie beruhigen, dass alles unter Kontrolle ist, aber ehrlich gesagt fährt in dieser absoluten Isolation immer ein leiser Respekt im Hinterkopf mit. Es ist keine Angst, aber das klare Bewusstsein, dass hier oben nichts schiefgehen darf, weil ich komplett auf mich alleine gestellt bin.
Mitten in dieser kargen Einsamkeit sorgen nur die roten Murmeltiere für Abwechslung. Durch ihre perfekte Tarnung sieht man sie kaum, aber man hört ihre schrillen Warnrufe. In der absoluten Stille hallen diese Pfiffe so laut durch die Luft, dass man sich im ersten Moment richtig erschreckt. Sobald man den Laut geortet hat, sieht man sie oft schon auf Hunderte Meter Entfernung über die Steppe zu ihren Bauten flitzen, wo meist ein Posten Wache steht.
Der Weg hinauf zum Maysara-Pass auf 4.220 Metern Höhe wird zu einem zähen Kampf. Die dünne Luft raubt die Kraft, und steile Passagen mit losem Geröll zwingen mich immer wieder zum Schieben. Selbst zu Fuß rutschen die Sohlen auf dem grobem Schotter weg, während das schwere Rad nach unten zieht. Oben angekommen, treffe ich an einer einfachen Steinhütte überraschend auf eine Hirtenfamilie und ihre Yaks, gefolgt von einer etwa 20 Meter breiten Furt. In Sandalen, wate durch das gut 30 Zentimeter tiefe, eiskalte Wasser und schlüpfe auf der anderen Uferseite heilfroh sofort in trockene, dicke Socken und feste Schuhe.
Die anschließende Abfahrt zurück zur M41 ist steil und wegen des losen Gerölls extrem heikel. Sie verlangt noch einmal höchste Konzentration und volle Armkraft an den Bremsen. Als ich schließlich völlig erschöpft wieder das Hochtal auf rund 3.400 Metern erreiche und mein Zelt am Flussufer aufschlage, spüre ich nur noch tiefe Erleichterung und Erschöpfung.
Dieser Abstecher hat mir die raue, ungeschminkte Realität des Pamir gezeigt. Die Versorgung hier oben kennt kein Sicherheitsnetz und so muss das Benzin für den Kocher eine Woche halten, Dorfläden sind seltene Glückssache und ihr Sortiment beschränkt sich meist auf simple Konserven, Süßigkeiten und im besten Fall etwas Brot oder ein Stück Wurst. Frisches Obst oder Gemüse gibt es schlichtweg nicht. Doch genau diese Reduktion auf das Wesentliche, gepaart mit der gewaltigen Natur, macht diesen Weg durch das Shakhdara-Tal zu einer der intensivsten und authentischsten Erfahrungen meiner Reise.Read more





































Traveler
Happy Camping 🏕️🙌🏻
Traveler
Beeindruckend 🤩
Traveler
🤩 Toller Anblick