Über karge Hochebenen zum Ak-Baital-Pass
Aug 12–15 in Tajikistan
⛅ 16 °C
Nach den ruhigen Tagen auf einsamen Schotterpisten erreiche ich bei Jelondy schließlich wieder die relativ verkehrsreiche M41. Die ersten Meter auf dem glatten Asphalt fühlen sich nach dem ständigen Gerumpel wie der reinste Luxus an, doch die Erleichterung währt nur kurz. Schon am Aufstieg zum Koitezek-Pass (4.270 Meter) verwandelt sich die Piste erneut in eine unbefestigte, staubige Angelegenheit.
Fortan bewegt sich die Route fast durchgehend auf einem Hochplateau um die 4.000 Meter Höhe und so wird jeder kleine Gegenanstieg in dieser dünnen Luft zu einer spürbaren Belastung.
Die Landschaft um mich herum offenbart dabei eine phänomenale Leere und Weite. In einiger Entfernung zur Straße ragen Bergketten auf, deren teils schneebedeckte Gipfel weit über 5.000 oder gar 6.000 Meter in den Himmel steigen. Obwohl das Auge tagelang nur karges Gestein sieht, verändert sich die Szenerie permanent. Mal wirken die Hänge sanft und gerundet, mal schroff und gezackt wie der Rücken eines schlafenden Drachen.
In Alichur, einer einfachen Ansammlung von Lehmhütten, kann ich nach drei Tagen endlich wieder Vorräte auffüllen. Zudem genieße ich in einem kleinen Restaurant ein heiße Suppe aus Yakfleisch und Kartoffeln. Jedoch ist das Angebot in den kleinen Läden extrem überschaubar. Das Brot ist oft schon alt und hart, frische Lebensmittel fehlen fast völlig.
Wenn das Essen über Tage hinweg nur aus fad schmeckenden Konserven besteht, schraubt man seine Ansprüche gezwungenermaßen drastisch herunter und es verkommt zur reinen Pflichtübung.
Dass diese scheinbar tote Steinwüste auch Überraschungen bereithält, zeigt sich zum ersten Mal kurz hinter Alichur. Völlig unerwartet taucht neben der Piste ein kleiner Teich auf, dessen kristallklares Wasser in wunderschönen Blautönen schimmert und sogar einige Fische enthält. Ich nutze die Gelegenheit, um hier meine Wasservorräte aufzufüllen. Generell erfordert die Wasserversorgung hier oben vorausschauende Planung, lässt sich durch Flüsse und Gebirgsbäche und mit dem Filter aber gut organisieren.
Eine weitere grüne Oase entdecke ich am Ende der Abfahrt Richtung Murghob. Plötzlich öffnet sich ein idyllisches Tal mit kleinen Bäumen und Büschen am Flussufer, in dem ich mein Nachtlager aufschlage. Den Zeltplatz muss ich mir allerdings mit einer überraschend aggressiven Mückenplage teilen, womit ich in dieser Höhe nicht gerechnet hätte.
Murghob präsentiert sich im Vergleich zu Alichur als geschäftiges Zentrum mitten in der Einöde. Auf dem dortigen Markt dienen alte Schiffscontainer als Verkaufsstände, in denen überraschend viele Waren angeboten werden. Ich nutze die Chance, um endlich wieder frisches Obst und Gemüse zu kaufen und Abwechslung in den Speiseplan zu bringen. Ein Ruhetag hier ist verlockend, doch ich entscheide mich dagegen. Um den bevorstehenden Riesenanstieg besser einzuteilen, fahre ich am Nachmittag noch ein Stück weiter.
Die kühle Nacht verbringe ich geschützt hinter den dicken Mauern eines verfallenen Gebäudes, da die Temperaturen knapp über den Gefrierpunkt fallen und der kalte Wind über das Plateau pfeift.
Am nächsten Morgen steht die größte physische Hürde auf dem Pamir Highway bevor. Der Ak-Baital-Pass ist mit seinen 4.655 Metern der höchste Punkt der gesamten Strecke und schon seit Tagen begleitete mich der Gedanke an diesen Giganten.
Über Kilometer zieht sich die Anfahrt zunächst relativ flach dahin, bevor die finale Rampe beginnt. Dort lege ich eine kurze Pause ein und tausche ein paar Worte mit einigen Motorradfahrern, für die der Aufstieg keine große Herausforderung darstellt. Mich jedoch kostet der letzte Abschnitt meine ganze Kraft.
Es ist nicht primär die Steigung, sondern der akute Sauerstoffmangel, der den Körper an seine absoluten Grenzen bringt. Egal wie tief man die Luft einsaugt, es kommt gefühlt kaum Sauerstoff im Blut an. Die Lunge brennt und das Herz rast. Meine Taktik besteht darin, mich auf dem unbefestigten Untergrund immer wieder für ein paar hundert Meter bis zum Maximum zu pushen, bis das Gefühl drohender Ohnmacht einsetzt. Dann halte ich an, stütze mich auf den Lenker und hole tief Luft, bis sich der Puls wieder etwas beruhigt. Dieses wiederholte Ausreizen der Belastungsgrenze erfordert einiges an mentaler und physischer Härte.
Umso größer ist der Triumph, als ich die Passhöhe schrittweise bezwinge, ohne ein einziges Mal schieben zu müssen.
Auf der Kuppe entlädt sich die Anspannung in einer Welle aus Adrenalin und Endorphinen. Die Mühe wird sofort belohnt mit einer grandiosen Aussicht über die Nordseite des Passes und die umliegenden Eisriesen. Ich genieße meine Mittagspause an diesem erhabenen Ort in dem Wissen, den höchsten Punkt der Reise aus eigener Kraft bewältigt zu haben.
Doch die Erleichterung währt nur kurz. Kaum beginnt die Abfahrt, setzt ein peitschender Gegenwind ein. Zusammen mit holprigen Waschbrettpisten verlangt mir der Weg hinab zum Karakul-See noch einmal alles ab. Völlig erschöpft finde ich schließlich Schutz in einer kleinen Ruine am Straßenrand und stelle fest, dass ich an diesem besonderen Tag auch die 7.000 Kilometerarke geknackt habe.
In dieser Nacht kann ich einen beeindruckenden Sternenhimmel beobachten und bekomme sogar mehrere Sternschnuppen zu Gesicht.
Ich habe den Ak-Baital geschafft, doch das Härteste liegt, ohne dass ich es ahne, erst noch vor mir.Read more




































