Das Pamir-Finale und die Ankunft in Kirgistan
Aug 16–18 in Kyrgyzstan
⛅ 16 °C
Hinter dem Ak-Baital-Pass empfängt mich mit dem Karakul-See auf knapp 3.900 Metern Höhe das nächste Highlight. Der tiefblaue See liegt eingebettet in ein gigantisches Becken, fast lückenlos umrahmt von schneebedeckten Gipfeln.
Ich folge dem Ufer ein Stück, bevor ich das gleichnamige Dorf erreiche. Es dient als letzter Versorgungsposten auf tadschikischer Seite und in den kleinen Läden decke ich mich aus dem bescheidenen Sortiment mit Lebensmitteln ein. Außerdem nutze die seltene Gelegenheit, wieder Mobilfunkempfang zu haben. Auf den entlegenen Etappen gab es tagelang kein Netz, weshalb solche Orte sehr praktisch sind, um die nächsten Kilometer zu planen.
Nach der Pause im Dorf geht es weiter am See entlang und von dort direkt zum Uy-Buloq-Pass auf 4.232 Metern. Während sich der Anstieg auf festem Belag noch gut fahren lässt, schlägt das Wetter auf der Abfahrt um. Peitschender Gegenwind bläst mir auf der unbefestigten Piste entgegen und bremst mich bis ins Schneckentempo aus. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon einige Tageskilometer hinter mir habe, ist ans Zelten in dieser unwirtlichen Steinwüste gar nicht zu denken. Der Wind brüllt ununterbrochen, zerrt an der Kleidung und wird zu einer echten Belastungsprobe. Also gibt es nur eine Option, nämlich weiterzukämpfen.
Der anschließende Aufstieg zum Kyzyl-Art-Pass auf 4.280 Metern schraubt die Härte noch einmal nach oben. Die Straße ist mies, die Steigung steil und der Wind bläst mir von oben gnadenlos entgegen. Wunderschöne, rote sowie vielfarbig gestreifte Berge mit schneebedeckten Gipfeln säumen den Weg, doch ich bin viel zu erschöpft, um das Panorama wirklich zu genießen. Häufig schiebe ich mein Rad nur noch Schritt für Schritt aufwärts.
Kurz vor der Passhöhe erreiche ich erschöpft den tadschikischen Grenzposten. Die Abwicklung verläuft überraschend entspannt für einen so rauen Ort mitten im Nirgendwo.
Auf der anderen Seite der Passhöhe lässt der Wind endlich nach und es wird langsam wieder etwas grüner. Durch das Tal rollend, muss ich kurz vor dem Etappenende noch barfuß durch einen eiskalten Gebirgsbach waten, ehe ich im Niemandsland zwischen den Staaten im letzten Tageslicht mein Zelt aufschlage.
Das war der mit Abstand härteste Tag der gesamten Reise.
Am nächsten Morgen rollen die Reifen schließlich hinab zur kirgisischen Grenze. Der Übertritt verläuft auch hier reibungslos und Kirgistan, das 13. Land auf meiner Reise, empfängt mich mit einer Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Das riesige Alai-Tal öffnet sich mit saftig grünen Wiesen, freilaufenden Pferden und vereinzelten Jurten. Beim Blick zurück ragen die Eisriesen des Pamir auf, allen voran der imposante Pik Lenin mit seinen 7.134 Metern Höhe.
In Sary-Tash treffe ich dann auf andere Radreisende, mit denen ich in den kleinen Läden die spürbar bessere Auswahl an Lebensmitteln feiere.
Geschwächt von den Vortagen habe ich erst etwas Respekt vor dem nächsten Anstieg, zumal der schwere LKW-Verkehr schlagartig zurückkehrt. Doch der Taldyk-Pass auf 3.615 Metern läuft flüssiger als befürchtet, auch weil mir die tiefere Lage wieder spürbar mehr Sauerstoff schenkt. Hier im Alai-Gebirge überschreite ich zudem die unsichtbare Grenze der Riesengebirge. Der Pamir liegt nun endgültig hinter mir, während die Abfahrt mich direkt in die Ausläufer des Tian Shan führt.
Auf dem langen Weg hinab belohne ich mich in einem einfachen Straßenrestaurant am Wegesrand mit einer deftigen Mahlzeit, ehe ich später in einer Gebäuderuine mein Zelt aufstelle.
Am folgenden Tag zieht sich der letzte Aufstieg auf dem Pamir Highway zum Chyiyrchyk-Pass auf 2.402 Metern noch einmal gewaltig und die Hitze lässt mich nach langer Zeit mal wieder ordentlich schwitzen.
Die finalen Kilometer hinab nach Osch werden schließlich zu einer Fahrt der gemischten Gefühle. Beim Einrollen in die Großstadt stellt sich eine schlagartige Leere ein, denn monatelang war das Pamirgebirge ein wichtiger Meilenstein der Reise und plötzlich ist es einfach vorbei.
Doch die Wehmut weicht schnell der Vorfreude auf das, was in Kirgistan noch kommt.
Wenn ich in Osch auf die vergangenen Wochen zurückblicke, wird mir klar, dass die Fahrt über den Pamir Highway das Herausforderndste und Anstrengendste war, was ich in meinem Leben je gemacht habe. Gleichzeitig fühlt sich rückblickend jede Kehre in der Türkei und jeder mühsame Pass im Kaukasus wie ein monatelanges Training für diesen Abschnitt an. Mein Körper war fit, ich konnte mich in den extremsten Momenten auf meine Physis verlassen und weiß jetzt genau, was ich leisten kann.Read more



























