• Vom Herzen des Nomadenlandes ans kirgisische Meer

    Aug 26–28 in Kyrgyzstan ⛅ 18 °C

    Bevor ich den rund 20 Kilometer langen Schotteranstieg hinauf zum Son Köl beginne, greife ich zu einem mittlerweile bewährten Handgriff und reduziere den Reifendruck um etwa zwei Bar, denn das bringt auf dem losen Untergrund sofort mehr Grip und Dämpfung. Zunächst führt der Weg sanft ansteigend durch eine spätsommerlich gelbe Steppenlandschaft, bevor er in ein saftig grünes Tal mündet. Es geht entlang eines klaren Gebirgsbach, der mir unterwegs mehrfach Erfrischung spendet.
    Hier treffe ich bereits nach wenigen Kilometern auf den ebenfalls allein reisenden Italiener Eduardo, der bestens Deutsch spricht und gemeinsam nehmen wir den permanent ansteigenden Weg in Angriff.
    Auf den ersten Kilometern verfliegt die Zeit im Gespräch, doch auf den letzten fünf Kilometern zieht die Steigung extrem an. Passagen mit 15 bis 20 Prozent verlangen alles ab und zwingdn uns immer wieder zum Schieben.
    Auf über 3.250 Metern erreichen wir schließlich den Shibili-Pass. Bei einer gemeinsamen Mittagspause öffnet sich vor uns das gewaltige Plateau des Son Köl, das auf gut 3.000 Metern Höhe liegt.

    Die Landschaft strahlt eine absolute Leere und Ruhe aus. Diese riesigen Sommerweiden werden im Kirgisischen als Jailoo bezeichnet und von Juni bis September ziehen die Hirtenfamilien traditionell mit ihren Herden auf das Hochland. In den Sommermonaten werden schätzungsweise bis zu 150.000 Nutztiere wie Pferde, Schafe, Ziegen, Rinder und Yaks auf die Hochweiden rund um den See getrieben.

    Die anschließende Abfahrt Richtung See gibt ein tiefes Gefühl von Freiheit. Abseits fester Straßen geht es über kaum sichtbare Spuren quer durch die Wiesen direkt auf das Wasser zu und überall tauchen am Horizont weiße Jurten auf. Am Ufer finden wir nahe einer Quelle einen perfekten Zeltplatz hinter einem der Jurten-Camps. Auch wenn die Zeltansammlungen für Touristen in den letzten Jahren zugenommen haben, fügen sie sich optisch gut in die Landschaft ein und die Atmosphäre bleibt absolut friedlich. Die Nacht hier oben wird mit leichtem Frost sogar noch einmal spürbar kühler als im Pamirgebirge.

    Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege wieder, denn Eduardo folgt einer anderen Route. Ich setzte meinen Weg entlang des Südufers nach Osten fort und das ständige Auf und Ab über holprigen Schotter kostet noch einmal viel Kraft.
    Ein echtes Highlight auf dem Weg hinab vom Hochplateau bildet die serpentinenreiche Abfahrt über den Terskey-Torpok-Pass. Die 33 engen Kurven schängeln sich steil nach unten, sind jedoch extrem zerfahren und voll losem Geröll, was ständiges und kraftraubendes Bremsen erfordert. Weiter unten entschädigt die Fahrt entlang des Flusses Son Köl, der eingerahmt von Nadelwäldern durch das Tal fließt.
    Nach einem weiteren kräftezehrenden Aufstieg und einer deutlich angenehmeren Abfahrt erreiche ich schließlich wieder den Asphalt der Schnellstraße.
    Müde von den Anstrengungen der Schotterpisten schlage ich mein Lager in einem idyllischen Seitental abseits der Hauptstraße auf, wo nur das Rauschen eines Baches zu hören ist. Der Folgetag bringt eine lange Abfahrt bis nach Kochkor, wo mir ein ausgiebiges Mittagessen neue Energie schenkt. Der restliche Weg bis an das Westufer des Yssyk Köl zieht sich bei leichtem Gegenwind flach dahin.

    Am späten Nachmittag erreiche ich über abgelegene Schotterwege durch ein Feuchtgebiet ein einsames Uferstück am größten See des Landes. Der Blick über das leicht salzige Wasser reicht nach Osten bis an den Horizont und erweckt das Gefühl, an einem kleinen Meer zu stehen, während am Nord- und Südufer schneebedeckte Gipfel aufragen. Trotz der späten Stunde tut ein Bad im angenehm warmen Flachwasser richtig gut.
    An diesem friedlichen Abend reift der Entschluss, meine Etappe in Kirgistan genau hier auf dem Höhepunkt zu beenden und tags darauf bequem per Bus nach Bischkek weiterzureisen.

    Gleichzeitig kommt hier der fünfte Monat der Radreise zum Abschluss. Sowohl in Sachen Fahrleistung, Anstrengung als auch Intensität bildet er den bisherigen Höhepunkt der Reise und er hat mir viel abverlangt und mich einiges gelehrt.
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