Der große Schnitt
Sep 3–7 in China
⛅ 21 °C
In Almaty steige ich in einen weiteren Fernbus und die Fahrt durch die kasachische Steppe verläuft überraschend entspannt. Mein Fahrrad hat im Gepäckraum reichlich Platz und die Ausreise ist schnell erledigt.
An der chinesischen Grenzkontrolle erwartet mich dann ein komplett anderes Bild. Die Uhren springen auf einen Schlag um drei Stunden vor auf Peking Zeit und Kamerasysteme sind aufeinmal omnipräsent. Die Grenzbeamten geben Anweisungen mit militärischer Präzision, erweisen sich beim Umgang mit dem Rad aber als erstaunlich hilfsbereit. Als nach einigen Fragen und der Erfassung der Fingerabdrücke der Stempel endlich in meinem Pass landet, fällt bei mir die Anspannung spürbar ab. Damit habe ich es in das 15. Land der Reise geschafft.
Weiter geht es im selben Bus nach Yining, der ersten größeren Stadt hinter der Grenze. Da der anschließende Zug nach Ürümqi erst spät am Abend geht, bleiben mir ein paar Stunden Zeit, um mich planlos mit dem Fahrrad durch die Stadt treiben zu lassen.
Die mittlerweile gewohnten kyrillischen Buchstaben sind hier komplett verschwunden. Stattdessen dominiert ein Meer aus chinesischen Schriftzeichen, die wie kleine Bildchen wirken und keinerlei Orientierung bieten. Es riecht überall nach leckerem Essen, rote Lampions hängen über den Straßen und erste Pagodendächer tauchen auf.
In einer schönen, weitläufigen Fußgängerzone bringt mir eine dampfende Nudelpfanne auf einem flachen Hocker die erste kulinarische Erfahrung. Keine Minute später sitzen bereits Einheimische mit an meinem Tisch und begrüßen mich herzlich in ihrem Land und ihrer Stadt.
Die echte Zerreißprobe wartet allerdings am Bahnhof von Yining. Mein Fahrrad muss teilweise zerlegt und in Plastikfolie eingewickelt werden, um überhaupt in den Bahnhof hinein zu kommen. Die anschließende Sicherheitskontrolle stellt fast alles in den Schatten, was ich bisher auf Reisen erlebt habe. Meine Taschen werden komplett durchleuchtet und zum Großteil ausgepackt, jede Flüssigkeit wird genauestens kontrolliert und mein treues Opinel Klappmesser wird eingezogen.
Erst als das verpackte Rad im Zug sicher verstaut ist, komme ich zur Ruhe und die Nachtfahrt im Schlafwagen verläuft erstaunlich friedlich und erholsam.
Als am nächsten Morgen am Bahnhof von Ürümqi die Sonne hinter den glänzenden Hochhäusern aufgeht, durchströmt mich ein tiefes Gefühl von Glück und Dankbarkeit. In diesem Moment wird mir das Ausmaß dieses Neuanfangs erst richtig bewusst. Ich glaube, im Reiseleben hat man nur selten diese Möglichkeit, eine so seltene Intensität an Veränderung zu verspüren. Wenn man die Welt erkundet, gibt es kaum Momente, in denen der Schnitt so hart, so neu und so unbekannt ist.
Der Sprung hierher nach China ist für mich noch einmal gewaltiger als meine Ankunft in der Türkei oder in Zentralasien. Er erinnert mich an meine allererste Reise außerhalb Europas, als ich damals in Rio de Janeiro landete und auch in eine völlig neue Welt eingetaucht bin.
Doch heute nehme ich es ganz anders wahr. Damals hat mich das Fremde fast unkontrolliert überrollt, doch heute bin ich durch meine Reiseerfahrungen geschult und gewachsen und kann diese tiefgreifende Veränderung mit einer geschärften Perspektive, viel mehr Achtsamkeit und tiefer innerer Zufriedenheit genießen.
Das Eintauchen in Ürümqi beginnt kulinarisch in einem kleinen Viertel gleich am Bahnhof. In einer kleinen Frühstücksstube dampfen frische Baozi, gefüllte Teigtaschen und dazu gibt es warmen Milchtee zu unglaublich günstigen Preisen. Mit gestärktem Magen geht die erste Fahrt mit dem Fahrrad durch die Schluchten dieser Metropole. Der Verkehr ist dicht und fordernd, ganz anders als im kleineren Yining, aber der Zustand der Straßen und Gehwege ist auffallend gut. Dazu kommt eine Sauberkeit, die sprachlos macht. Schon in den frühen Morgenstunden ziehen große Reinigungs-Kolonnen mit ihren Besen durch die Straßen und fegen wirklich jedes Blatt weg.
Auch die Anpassung an das digitale Ökosystem der Stadt verläuft komplett reibungslos. Die Mühe der Vorbereitung zahlt sich auf Anhieb aus, denn Bargeld spielt hier praktisch keine Rolle mehr. Egal ob für die Fahrkarte im öffentlichen Nahverkehr, beim Straßenhändler für einen schnellen Snack oder im Restaurant. Überall genügt ein kurzer Scan des QR Codes mit dem Smartphone. Im Restaurant scannt man den Code am Tisch, wählt das Essen aus der digitalen Speisekarte, bezahlt direkt per verknüpfter App und wenige Minuten später steht das Essen dampfend auf dem Tisch. Das fühlt sich extrem flüssig an und macht den Alltag überraschend unkompliziert. Selbst beim Check in im Hotel gibt es keine Hürden, auch wenn die behördliche Registrierung von ausländischen Gästen in abgelegeneren Regionen oft als kompliziert gilt.
Ein Besuch im Xinjiang Museum bringt mir die nötige kulturelle Einordnung für all diese Eindrücke. Der riesige, moderne Bau kostet keinen Eintritt und bietet erfreulicherweise auch einige Beschreibungen auf Englisch. Die Ausstellungen führen tief in die Geschichte der alten Seidenstraße und beleuchten die Vielfalt der autonomen Region. Besonders die ethnologischen Räume zeigen eindrucksvoll die Kultur der Uiguren, jener turksprachigen und muslimisch geprägten Volksgruppe, die historisch eng mit Zentralasien verbunden ist. Genau das erklärt auch, warum sich viele Gerichte auf den Straßen so vertraut anfühlen.
Ein starker Kontrast dazu offenbart sich beim Besuch des Internationalen Großen Basars. Architektonisch mit imposanten Kuppeln, einer Moschee und einem knapp achtzig Meter hohen Minarett Turm gestaltet, erinnert die Anlage äußerlich an das Erbe der Seidenstraße. Tatsächlich fühlt sich der Komplex jedoch an wie ein durchgestyltes Freilichtmuseum für Touristen aus dem chinesischen Kernland. Alles ist extrem durchkommerzialisiert, eingebettet in moderne Malls und voller Verkaufsstände. Es ist belebt und bunt, aber die echte uigurische Alltagsseele sucht man zwischen den Souvenirs vergebens.
Die wirklich faszinierenden Orte der Stadt offenbaren sich mir in den sehr schön angelegten Parks. Der Hongshan Gongyuan (Roter Berg Park) thront prominent über der Stadt und überrascht mich mit seiner ruhigen Atmosphäre mitten im Trubel des Zentrums. Während oben die historische Ziegelpagode von 1788 steht, beeindruckt im nördlichen Teil ein traditioneller Tempelkomplex. Es ist meine erste direkte Begegnung mit dem Buddhismus und Taoismus auf dieser Reise. Die bunten Holzdächer, die leuchtend roten Laternen und die kunstvollen Statuen wirken hier absolut authentisch und fügen sich harmonisch in die grüne Parklandschaft ein. Direkt gegenüber wartet mit einer der neusten Malls der Stadt der Gegenpol. Hier trifft futuristische Architektur auf technologische Spielereien, die bis zu vollautomatisierten, beheizten Toiletten im Design Badezimmer reichen.
Noch eindrücklicher ist der Ausflug ins etwas außerhalb gelegene Shuimogou Jingqu (Mühlgraben Schlucht Landschaftsgebiet). Entlang eines plätschernden Baches führen Spazierwege vorbei an historischen Mühlrädern und traditionellen Teehäusern. Auf einem Berg mitten im Park erhebt sich der mächtige Qingquan Si (Tempel der Klaren Quelle). Als größter han chinesischer Tempelkomplex in ganz Xinjiang strahlt er mit seinen tiefroten Toren und geschwungenen Dächern eine tiefe spirituelle Ruhe aus. Hier habe ich das Glück, auf eine Englisch sprechende Mitarbeiterin zu treffen, die mir einen kurzen Einblick in die Religiösen Figuren geben kann.
Den tollen Abschluss bildet schließlich der Sonntagabend im Renmin Gongyuan (Volkspark). Hier pulsiert das echte chinesische Gemeinschaftsleben unter riesigen alten Bäumen. In einem reich verzierten Holzpavillon spielen zwei Gruppen gleichzeitig auf traditionellen Instrumenten und werden von verschiedenen Sängern begleitet. Die exotischen Klänge hallen durch die Alleen, während Passanten völlig ungezwungen dazu tanzen. Nur wenige Meter weiter hat sich eine riesige Aerobic Gruppe auf einem befestigten Platz versammelt und gleich daneben trifft man sich zum Paartanz. Für Kinder gibt es dazwischen kleine Fahrgeschäfte wie auf einem Miniatur Jahrmarkt. Es ist ein faszinierendes, überaus friedliches Miteinander im öffentlichen Raum.
Was ursprünglich eher als eine Transit Etappe geplant war, hat sich zu deutlich mehr entwickelt. Ürümqi hat mich überrascht, gefordert und tief beeindruckt.Read more

























