Angekommen im Herzen Chinas
Sep 7–10 in China
🌧 16 °C
Der Morgen meines Aufbruchs aus Ürümqi stellt meine Nerven auf eine harte Probe. Um den Transfer stressfrei zu gestalten, verpacke ich das Fahrrad bereits am Hotel transportfertig, doch das geht nach hinten los. Ein normales Taxi fasst das Paket nicht und Großraumtaxis sind um 6 Uhr morgens unauffindbar. Also fährt der Zug um 7 Uhr ohne mich ab.
Ich kaufe mir ein neues Ticket für den nächsten Zug eine Stunde später, baue das Rad wieder zusammen und fahre die 11 Kilometer zum Bahnhof selbst. Ich bin eigentlich früh genug da, aber diesmal scheitert es an der Akribie der Sicherheitskontrolle. Es ist zwar knapp, aber das Gate schließt auf die Sekunde genau und auch Zug Nummer zwei ist weg.
Um kurz vor acht stehe ich ziemlich genervt in dieser gigantischen Bahnhofshalle, die in ihren Ausmaßen eher einem internationalen Flughafen gleicht. Es hilft alles nichts, das dritte Ticket muss her und diesmal bleibt nur noch der doppelt so teure Highspeed-Zug. Am Ende erweist sich dieses unfreiwillige Upgrade als Glücksfall. Der Zug schießt in nicht einmal zehn Stunden über die knapp 1.600 Kilometer lange Strecke nach Xining in der Provinz Qinghai. Aber selbst mit drei gelösten Tickets bleibt das Ganze im Vergleich zu europäischen Bahnpreisen erstaunlich erschwinglich.
Auch meine Sorge wegen des sperrigen Radpakets im modernen Schnellzug löst sich dank des äußerst hilfsbereiten Zugpersonals rasch in Luft auf.
In Xining angekommen, fühlt sich die Stadt nach dem gewaltigen Ürümqi fast intim an, obwohl hier immer noch rund 2,5 Millionen Menschen leben, während Ürümqi über 4 Millionen zählt. Das Wetter zeigt sich kühl und regnerisch und das bestätigt mich nocheinmal in meiner Entscheidung, die Flachlandpassage bis hierher im Eiltempo überbrückt zu haben. Auf über 2.200 Metern Höhe hat der Herbst längst Einzug gehalten.
Ich nutze die trockenen Momente zur Erkundung der Stadt und so steige ich im Nanshan Gongyuan (Südberg Park) zu den Tempelanlagen hinauf. Die historischen Bauten, deren Wurzeln bis in die Song-Dynastie zurückreichen, vereinen Elemente des chinesischen und tibetischen Buddhismus.
Hier oben bietet bei sich ein fantastischer Ausblick auf die Stadt, die sich sanft in die umliegenden Täler schmiegt.
Ein Nachmittag im Kino bei The Odyssey auf Englisch sorgt für etwas Abwechslung, ehe mich das Straßenleben wieder anzieht.
Besonders der Xia Nanguan Straßenmarkt fasziniert mich. Anders als reine Nachtmärkte herrscht hier von morgens bis spät in die Nacht reges Treiben. Wenn abends die Lichter angehen, drängen sich die Menschen an den unzähligen winzigen Garküchen. Der Duft von frischem Fladenbrot, Lammspießen und dampfenden Nudeln liegt in der Luft und bei der großen Auswahl fällt die Entscheidung schwer.
Mitten im selben Viertel steht die Dongguan Moschee. Sie stammt ursprünglich aus dem 14. Jahrhundert und fällt durch ihren Architekturmix auf. Statt klassisch orientalischer Kuppelbauten dominiert hier eine meisterhafte Verschmelzung aus chinesischer Pagodenarchitektur und islamischen Stilelementen. Die geschwungenen Ziegeldächer und filigranen Holzarbeiten der Gebetshallen wirken wie ein fernöstlicher Palast.
Diese ungewöhnliche Architektur spiegelt die Seele Xinings wider, denn die Stadt ist ein faszinierender kultureller Schmelztiegel. Hier leben Han-Chinesen, muslimische Hui, Tibeter und Mongolen direkt nebeneinander.
Bevor es endlich wieder auf zwei Rädern weitergeht, steht ein Großeinkauf an. In einem gigantischen Supermarkt verliere ich fast die Orientierung vor den endlosen Regalreihen voller unbekannter Lebensmittel. Dank der geduldigen Hilfe der Angestellten decke ich mich mit allem Nötigen ein. Auch ein neues Messer wandert in die Tasche, als Ersatz für das Exemplar, das mir die Sicherheitskontrolle am Bahnhof kompromisslos abgenommen hatte.
Nach 8.000 im Sattel zurückgelegten Kilometern Richtung Osten dreht sich mein Kompass in Xining nun nach Süden und von hier aus mache ich mich nauf den Weg hinauf zum tibetischen Plateau.Read more















